Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-11-18 · 47 (18.11.1932) · p. Seite 474

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
47 (18.11.1932)
Date
1932-11-18
Page
Seite 474 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277986--07646-2288572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

474 £Roeckl-3£andschuhe PI 22 eigene Filialen in allen grösseren Stadien des Reiches nung und akademische Lehrfreiheit einer Parteipolitischen . Verhetzung unterzuordnen nicht willens sind, auf stärkste Ablehnung gestoßen. Erfreulicherweise hat sich innerhalb der Breslauer Profefsorenschaft nach den Unruheil des 10. November eine geschlossene A b w e h r s r n n t gegen das Verhalten der nationalsozialistischen Studentenschaft gebildet. Auch aus den Reihen der-nichtjüdischen Studenten hörte man immer wieder und wieder scharst Mißbilligung gegenüber dieser Bekundung vermeintlichen deutschen nationalen Wesens. Lehrerschaft und Studentenschaft hofften, daß es der Autorität der Universitä.tsbehorden gelingen würde, eine Wiederholung der Tumulte zu verhindern. Ter 17. November hat gezeigt, daß die Zügellosigkeit der Studenten, unterstützt von nicht-, akademischen nationalsozialistischen Parteiangehörigen, mit den bisher angewandten Ordmmgsmaßnahmen nicht einzudämmen ist. Tie Breslauer Vorgänge sind nicht dazu' geeignet, das Ansehen Teutschlands in der Welt.zu fördern. Tie Verantwortung dafür, wie für die. Schädigung des friedlichen Teils der Breslauer Studentenschaft, der seinem Studium in' Ruhe nachgehen möchte, tragen die Kreise, die aus der Schulungsstätte des Geistes einen Tuunnelplatz für Roheit und Gewalttätigheit gemacht haben. Dr. Ernst Fraenkel (Breslau). DU ’M Am 8. November verlor Herbert Hoover den Wahlkanrpf. Mit 17 gegen 12 Millionen Stimmen beschloß das amerikanische Volk, Franklin D. Roosevelt ins Weiße Haus zu berufen. Was wußte das amerikanische Volk und mit ihm die ganze Welt am zweiten Tage nach dieser stillen Revolution, nach dieser friedlichen Staatsumwalzung? Taß Herbert Hoover sich nicht eine Stunde länger im Weißen Hause aufhalten wird, als von der Verfassung vorgeschrieben ist, und daß selbstverständlich in den Vereinigten Staaten keine Person und keine Partei daran denkt, nachdem sie in der Minder^ heit geblieben ist, die Macht im Staate zu beanspruchen. Als Ergebnis des demokratischen Sieges sind gleichzeitig am 8. November zu Gouverneuren gewühlt worden: Herbert Lehmann, ein Jude, für den Staat New Jork, Henry Horner, ein Jude> für den Staat Illinois. Was wußte das amerikanische Volk und mit ihm die ganze Welt am Morgen nach diesem Ereignis? Daß es in den Vereinigten Staaten keine verhetzten Menschen gibt, die Schaufenster jüdischer Läden einschlagen, jüdische Passanten angreisen, alarmierende antisemitische .Hetze in die Welt setzen, weil ihnen die politische Entscheidung eines Teiles des Volkes nicht gefällt. Tiefes Ereignis ist voll der überwiegenden Mehrheit des Volkes mit Zustimmung und Begeisterung, von den übrigen mit Ruhe, Anstand und Achtung aufgeuouunen worden. Vergleicht mau diese Verhältnisse in Amerika mit denen in Deutschland, so kann man sich eines gewissen Neides nicht erwehren über die Art und Weise, wie das amerikanische Volk seine wichtigsten staatlichen Angelegenheiten regelt. Tas ist nicht nur de'.n Prinzip der im Volksbewußtsein tief verankerten amerikanischen Temokratie zu verdanken; die Amerikaner haben schon einmal die Frucht des Bürgerkrieges gekostet — und sie hüten sich, wieder 31t diesem Mittel zu greifen. Im Staate New Bork selbst leben etwa zwei Millionen jüdischer Seelen. die beinahe ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausrmlchen. Ina Staate Illinois werden etwa 330000 Juden gezählt, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung etwa 9 v. H. ist. Dieser hohe Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in beiden Staaten hat natürlich dazu beigetrauen, daß jüdische Kandidaten für die Wahlert der höchsten Aemler nominiert wurden. Es wäre aber grundfalsch zu meinen, die Demokraten hätten nur wegen der numerischen jüdischen Stärke sich entschlossen, Lehmann und Horner wühlen zu lasten. Und es wäre auch irrig anzunehmen, die Wahl von Juden zu Gouverneuren in U. S. A. sei über-' Haupt ein Novum, eine außergewöhnliche Erscheinung. Weder Lehmann noch Horner sind die ersten Juden, die in Aemter berufen worden sind, denen in Teuischland die Stellung der Ministerpräsidenten in den einzelnen Ländern entspricht. Ter Name des Gouverneurs des Staates Georgia'— E m a nuel — sowie der des Gouverneurs des Staates Washington — 'Solomon — ist bekannt.. In Idaho war der Jude M 0 s e s, in Utah der Jude V a m - berger Präsident. Und in der letzten Zeit, noch vor den Novemberwahlen, gab es zwei jüdische Gouverneure: Meyer in Oregon und S e l i g m a n in New-Meriko. Diese vier Staaten hatten bei einer Bevölkerung von über zwei Millionen kaum 20 000 Juden — der numerische Faktor ist also dort bestimmt nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Nicht der quantitcwe Einfluß spielt dort die Hauptrolle — auf die Qualität der Persmn kommt es an, auch wenn der wertvolle Mensch ein .-Jude ist! - - - Es ist selbstverständlich auch in U. S. A. nicht alles in bester Ordnung; nicht in allen Beziehungen ist Amerika sür die Juden ein Paradies. Aber der 8. November 1932 beweist, daß das Gist des Antisemitismus in Amerika nicht die furchtbare Wirkung hatte, daß Europa leider noch iunner viel von der Gerechtigkeit dieses großen Landes lernen kann. Herbert L e h in a n n . ist Jude. Und eilt guter Jude. Er ist einer der Gründer des American Joint Distribution Committee. Ein Mann mit offenem Herzen und offenen Ohren, auch sür jüdische Leiden in aller Welt. Sein Interesse gilt bem WiederauiVau tut Osten ebenso wie der Aufbauarbeit in Palästina. Lehmamt ist sogar der Vizevor- ' fitzend? der Palestine Economic Corporation. Er tritt als Jude aus - und es ist keine Uebertreibung zu behaupten, daß er nach Rooscoelt die populärste und beliebteste Persönlichkeit bei den Demokraten ist. Ter bekannte amerikanische Politiker Smith äußerte sich einmal: „Taß es mir gelungen ist, Lehmann für die Politik 31t gewinnen, ist der größte Vorteil sür den Staat New Bork. Tenn in feiner Person hat der Staat einen. Menschen gesunden, der unter den politischen - Persönlichkeiten kaum seinesgleichen hat." Ohne jeden Schaden sür seine politische Karriere hat sich auch der vier'nndst'mszigjährige Henry Horner, der jetzt zum Gouverneur von Illinois gewählt worden ist, als Jude exponiert. Er ist Mitglied des Sinai-Tempels und burefj seine Beteiligung an allen jüdischen philanthropischen Angelegenheiten sehr bekannt. Biele Jahre hindurch übte er das Richteramt ans. Weder suhlte er sich während seiner Richtertätigkeit je als Jude „besangen", noch sind andere auf den Einfall gekommen, ihn wegen seines Judeseins als „befangen"' abzulehnen. Sein Judentum' war auch kein Hindernis sür Millionen seiner Mitbürger, ihn znm Gouverneur von Illinois zu wählen. Ist das etwa nur eine Wirkung der demokratischen Parteimaschine? Zwingt der bürokratische Parteiapparat dem Volke seine „Bonzen" aus? Gewnß, die Demokraten im Staate New Jork sind natürlich ihrem demokratischen Kandidaten Lehmann treu geblieben. Uebriaens: die katholischen Demokraten — dem Juden Lehmann. Aber jüdische Kandidaturen gibt es in U. S. A. nicht nur bei der demokratischen Partei. Tie Sozialisten haben jetzt ebenfalls einen Juden, W a l d m a 11 n, ausgestellt; die Republikaner sind seinerzeit mit jüdischen Gouverneurkandidaturen . ausgetreten, und zwar mit den Kandidaturen von Oskar Strauß und Albert Ottinger. Was ist . von Franklin Roosevelt, von den Demokraten, von Herbert L e h m n tt n zu erwarten? Es ist klar, daß keineswegs eine radikale Aenderung in der inneren und äußeren Politik des Landes von heute auf morgen zum Ausdruck kommen kann. Weder werden die Bereinigten Staaten auf der ^Weltwirtschaftskonfererrz im April sür die Abschaffung der Zollschranken, für eine freiere Weltwirtschaft eintreten, noch wird in der" nächsten Zeit schon die Prohibition gänzlich beseitigt werden. Und man wird auch noch nicht morgen vernehmen können, daß die Demokraten an den internationalen politischen Problemen Anteil nehmen und ihre „splenärä Isolation“, ihre Monroe-Doktrin ausgeben. Das alles sicher nicht. Und doch weht nach diesem demokratischen Sieg eine frischere Luft, entstehen Hoffnungen auf einen anderen Zugang zu den Wcltjragen. zu Europa, zu Teuischland, die hoffentlich nicht ganz trügerisch sein, werden. Hitler zeichnet inseinem Buch „Mein Kampf" das Bild von zwei Juden: der jüdische Unternehmer oben in seinem Büro, und der jüdische Agitator, der Revolutionär, der Streikorganisator unten im Fabrilhof. Einen andern Typus kennt er nicht. Ter jüdische Unternehmer, der Bankier, der Finauzmanu ist im natioualsozialistischen Schrifttum eine ausgeprägte Figur: der Feind der Arbeiterklasse. Nun, es soll hier kein Wort zur Rechtfertigung von Ausbeutern gesagt werden — von welcher Seite sie auch kommen mögen. Es ist aber von Interesse zu verfolgen, wie Herbert Lehmamt gewählt worden ist, um zu scheu, wie gefährlich es ist, mit fertigen Schablonen zu operieren. Bekanntlich ist Herbert Lehmann in einer armen jüdisch-deutschen Familie in New Bork geboren. Er husich mit der Zeit heraufgearbeitet, ist Bankier und eine der bekanntesten Figuren der amerikanischen Wirtschaft und Unternehmerrvclt geworden. Wie gestalteten sich aber die Beziehungen zu bicfcni jüdischen Barr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.