Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 46 (11.11.1932)
- Date
- 1932-11-11
- Page
- Seite 469 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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46$ Zum 70. Geburtstag des Dichters am -15. RovsmSer 1932 Wie laßt sich der Erfolg Eerhart Hauptmanns erklären? „Hauptmann begab sich frühzeitig in die Abhängigkeit der jüdischen Kritik und Presse, die ihn sirr^ ihre revolutionären Ideen ausschlachtete." Lo etwa stetst es in einer völkischen Literaturgeschichte zu lesen. Tiefes Urteil liefert einen zwingenden Beweis für die sittliche und geistige Verwirrung, die der Judenhaß anrichtet. Ist man wirklich so naiv oder von jedem Kunstverständnis vertanen, denkt man so gering von der Schöpsermacht des Genius, daß man allen Ernstes annimmt, der Weltruhm eines Dichters, dem jetzt zu seinem siebzigsten Geburtstag die gesamte Kulturmenschheit huldigt, könne dcw Erzeugnis einer jüdischen Mache sein? Traut man dem Einfluß der verhaßten Berliner „Asphaltpresse" wirklich so viel Kraft Zu? Für den Zeitgenossen, der sein Auge und Ohr den judenfeindlichen Einstreuungen verschloß, unterliegt es keinem Zweifel, daß Gerhart Hauptmann seine Weltgeltung lediglich der eigenen T i ch t e r g r ö ß e verdankt. Wohl aber ist zuzugeben, daß in dem Freundeskreise, der sich für Hauptnmnn einsetzte, ihm den Weg ebnete und für ihn kämpfte, sich eine nicht unbeträchtliche Anzahl jüdischer Persönlichkeiten befand. Loll es daher als ein Verbrechen gelten, einem deutschen Tichter in Treue und Aufopferung gedient zu haben, dann freilich haben jene jüdischen Männer den Groll der kulturellen Reaktionäre vollauf verdient. Unter dem Gesichtswinkel der Weltliteratur wird die überragende Stellung Gerhart Hauptmanns bekanntlich dadurch gekennzeichn.sst^daß er den deutschen Leitentrieb des europäischen Naturalismus am bedeutsamsten ausgeprägt hat. Das soziale Drama der deutschen Moderne ist sein Werk. Berlin, der verfemte „Wasserkopf", wurde die Wiege des neuen Stils. Hier trat der junge Gerhart Hauptmann auf einen für seine Borschaft empfänglichen Boden. Er ward der Mesiias eines gärenden GepchleckstZ, das nach einem künstlerischen Evangelium lechzte. Und Zu den führenden Köpfen der jungen Liieraturbewegung, die Hauptmann auf den Schild hob, gehörten verschiedene jüdische Schriftsteller. Es waren Wortführer der modernen Literatur- und Theaterkritik. Tabei mutet es wie eine tragische Ironie des Schicksals an. daß der eigentliche Anreger des neuen Ausbruchs heute nahezu vergesien ist. Wer weiß zurzeit noch etwas von Leo Berg, der mit seinem geistsprüheuden Temperament die junge Bewegung organisierte? Berg, der von 1802 bis 1908 lebte, ist der Urheber der programmatischen Parole des Naturalismus. Die Erfassung des tatsächlichen Lebens stellte er als das große künstlerische Ziel auf. Ter von ihn: 1886 gegründete literarische Verein „Durch"' war der Berliner Mittelpunkt der naturalistischen Kuustlehre. Durch Bergs Vermittlung lernte Hauptmamm. die Forderungen jener ganz neuartigen AAthetik kennen. Berg wies den ratsuchenden Anfänger aus Zola hin. Dieser Hinweis bewirkte Hauptmannsendgültige Abkehr von dem romantischen und klassischen Epigonentum. Die dichterische Vision seiner ersten naturalistischen Gesellschaftsdramen nahm Gestalt an. Das war Bergs Verdienst. Neben Leo Berg stand, nicht minder einflußreich, Eugen Wolfs. Obwohl dem Zutünftigen ergeben, war er dennoch kein so entschiedener Neuerer wie Leo Berg. Er wellte vielmehr die junge Richtung mit der großen tteberlieserung der deutschen Klassik in Einklang bringen. Diesem Ziele diente seine modern empfundene Lebensbeschreibung Goethes und fernerhin der Umstand,' daß er sein Wirkungsfeld auf akademischen Boden verlegte. Sein Einfluß auf Hauptmann war wohl mehr indirekt, aber nichtsdesLotrotz ein nachhaltiger. Nun traten zwei kritische Geister hinzu. die der Bewegung eine großartige Spannweite verliehen. M a r t m i I i a u h ardens schillerndes Talent fühlre sich mächtig angezegen. Seine vielumstrittene Persönlichkeit, modern vorn Scheitel bis zur Sohle, gab der naturalistischen Richtung vor allem die notwendigen politischen Impulse. Tie neue Bewegung sollte sich nicht wie bisher auf literarische Gegenstände beschränken, sondern auch in die volle politische Aktualität frisch hineingreisen. Harden wurde aber nicht bloß der publizistische Chronist des neuen Reiches, sondern ebensosehr ein scharfsinniger und feinnerviger Beurteiler der jungen Kunst. Seiite Rezensionen der Hauptmaursche n Dramen haben Geschmack und Urteil des bürgerlichen Theaterpublikums weitgehend bestimmt. Zu dem Politiker gesellte sich der Philosoph. Fritz Dt a u t h n e r war Zeitlebens ein ausrichtiger Bewunderer der Hauptmannschen Dichtung. Er witterte in dem bla'stn und wortkargen Tichter eine Zukünftige Größe der Weltliteratur. Und gerade der tiefe religiöst Zug in Hauptmanns Wesen sprach ihn an. Darum hat er, der Geschichtsschreiber des Atheismus, Hauptmanns Roman über den Narren in^Christo als eine der tiestteu und innigsten Schöpfungen der deutschen Literatur empfunden. Es besagt viel, daß der nüchterne und autoritätsungläubige Fritz Mauthner sicy vor Hauptlnanns Dichtergröße beugte. Auf Grund jener Einflüge und Anregungen entstand „Vor Sonnenaufgang", Hauptmanns bahnbrechendes Erstlingswerk. Und es war ein jüdischer Bühnenleiter, der es den unglaublichen Anfeindungen zum Trotz in Szene Fetzte. Tenn wahrlich gehörte nicht nur Feinheit des Instinkts, sondern auch Mut dazu, wenn Orro B r a h m (1856 bis 1912) an jenem denkwürdigen 20. Oktober 1889 im Berliner Lesnngtheater Hauptmanns Erstling aus der Taust hob. Bevor Brahm zu einem der größten deutschen Regineure wurde, hatte er sich durch ernsthafte kritische Studien geschult. Von Schillers Pathetik sich kühl abwendend, hatte er über den Realismus eines Kleist und Keller den Weg zu Hauptmann gesunden. Brahms unvergängliches Verdienst besteht darin, den schlechchiu klassischen Bühnensnl des Hauprmannichen Dramas geschaffen zu haben. Voller Dankbarkeit hat der berufenste Zeuge, nämlich der Tichter selbst, jene geschichtlick.e Leistung anerkannt. Wenn Hauptmanns Stücke von dem Seelenakkord der modernen Schaubühne durchklungen wurden, so war dies der aufopfernden Hingabe und Energie Brahms zu verdanken. ^Hauptrnanns Sieg auf dem den:- scheu Theater wäre mme diesen unermüdlichen Wegbereiter nichr möglich gewesen. In Mar Reinhardt fand Osto Brahm einen ebenbürtigen Nachfolger. Hatte die Pflege Hauptmanns einen breiten Raum in Brahms'Lebenswerk eingenommen, so widmerr ihr Reinhardt ebenfalls einen gewichtigen Teil seiner Arbeitskraft. Man kann Mar Reinhardt kein schöneres Lob spenden, als wenn man wahrheitsgemäß feststellt, daß er das bühnenkünstlerische Erbe Brahms mustergültig verwaltet hat. Tic Heranziehung erstckassiaer Schauspieler, ihre Schulung im Zusammcusoiest Pflege der Wortkunst sonne sinngemäße Ausstattung, Herausarbeitung der GesamstMe wie der Einzelheiten — niemals ist an das Bühuenwerk eines Dichters größere Sorgfalt gewendet worden. Reinhardts Inszenierung von Hauptmanns „Vor Sonnenuntergang", die im vergangenen Winter das Berliner Publikum in Bann hielt, ist Mw Gipfel einer Theaterlunst, die mit Brahms Aufführung von „Vor Sonnenaufgang" epochemachend einsetzte. Ten beiden großen Regisseuren stand in Felix Holla en der der vollbürnge Dramm 1 wiWww^j W - * W S ' rachin^er Ver.-Endstelle, Berlin SV'11 SchCriehcrgcr Strasse lGa. Telefon: LOizow: maturg zur Seite. Eine warmherzige und menschlich schöne Freundschaft verband Hauptmann mit Hollaender. Der Dickster har es öffentlich ausgesprochen, wie sehr er Hollaenders selbstlose Hingabe und Treue ge'chätz: hat. Hollaenders Verehrung für den Tichter war derart stark, daß er die Stellung zu Hauptmann als einen sittlichen Wertmaßstab fest legte. Wer will heute schon das Maß des Anteils er menen, das Felix Hollaender in der Büb ncngesck ichte des Hauptmannfchen Dramas zukommtst Rächt nur als Dramaturg, sondern auch als Kritiker hat er Hauptmann gedient, wofür der kürzlich verössentlichte Land „Lebendiges Theater" Zeugnis ablegt. Tie buchmäßige Auswirkung des Hauvtmannscheu Geistes ist ^amuel Fischer zu verdanken. Während große den siebe Sichrer zeitlebens vergeblich eine Gesamtausgabe ihrer Werke erstrebten, hat der S.-Fischer-Berlag schon frühzeitig eine Hauptmanu-Gefanuausgabe herausgebracht. Namentlich die sechsbändige Volksausgabe ist in weiteste Kreist gedrungen. Stets stellte die Firma ihren großzügigen Apparat in den Dienst des Dickters: so schuf sie neuerdings unentbehrliche Schulausgaben seiner Hauptwerke. Als Lekrc: des Berlagsunternehmens wirkte der feinsinnige Dichter und Essayist M o r i tz H e i m a n n. Er gehörte zu hauptmanns engerem Freundeskrene. denn Hauptmann liebte in Heimaua eine stille, dem Getriebe des literarischen Marktes abgewandte Natur. Suchte Moritz Hermann bewußt das Abseitige, so hat sich Alfred K e r r mir Vorliebe im hellen ^cheinwersorliäst der Ochstnt- Dank an dieSpender Wahlen erfordern zusätzliche Arbeit, Zusätzliche Geldmittel. Das wissen unsere Mitglieder, weil sie die Wirksamkeit unserer Organisation und die Bedeutung des C. V. im deutschen politischen Leben seit Jahren genau verfolgen und kennen. Deshalb kennen wir stets mit einer — wenn auch den Zeiwerhältnissen jeweils angepaßten — Opserbereitschaft tri unseren Reihen rechnen. Trotz wirtschafsticher. politischer und seelischer Nöte hat unsere Sammlung anläßlich der letzten Reichstagswahl einen, wenn auch im Vergleich zu besseren Zeiten bescheidenen Erfolg gehabt. Es gingen viele kleine Spenden, oft nur wenige Reichsmark dn. Aber gerade diese kleinen Summen bestätigten uns von neuem das Interesse und die Anhänglichkeit zahlreicher Mitglieder und Freinu.de in allen Teilen des Reiches. Wenn, wie uns mehrfach berichtet wurde, der Vertrauensmann in ganz kleinen, oft verarmten Gemeinden von Haus \\\ Haus, vou Mitglied zu Mitglied zog. um Dpuuden für die schwere, verantwortungsvolle Arbeit des C. B. in der Wahlzeit zu sammeln und dabei nie mit leerer Hand nach Hause zurückkam, so empfinden wir das mit ihm stolz, froh und dankbar. Allen, denen es selbstverständliche Pflicht war, dem E. B. tatkräftig zu helfen, sei an dieser Stelle ein schlichtes, aber herzliches Wort des Tankes gesagt, vor allem aber allen, die damit ein wirtschaftliches Ovstc brachten.