Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 45 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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454 obwohl er Halbjude ist. Emi! Ludwig hat sein Judentum ebenfalls nicht verschwiegen: er trägt nicht einen Künstlernamen, sondern sein Daker, der bekannte Augenarzt Eohn, hat ihm als Kind diesen Namen geben Innen. Er erwirkte eZ von einem hohen Staats beamten als Zank für eine schwierige Lperarion. Man stelle süh einmal den Lachverhalt vor. Solange Emil Ludwig sich nicht die Abneigung der Rechten zugezogen hatte, fragte kein Memch nach seiner Herkunft; als dann sestgestellt wurde, er heiße ja ägentüch Cohn, hat er den Hergang aufgeklärt. Zn seiner Autobiographie hat er dann nochmals hierüber ausführlich gesprochen. Bei welcher Gelegenheit, so frage ich, hatte Emil Ludwig früher an den Tag geben sollen, daß sein Vater Cohn geheißen hat? Profesior Nadler sieht die Beteiligung der Juden an der Literatur, wie er selbst sagt, zunächst als eine wirtschaftliche Frage. Wirtschaftliche Fragen können nur an Hand von Sffern erörtert werden; jedoch, es ist bedauerlich. daß Professor Nadler den wirtschaftlichen Gesichtspunkt hervoihebt. Ich kann^ihm hier nicht folgen. Denn mir ist das Schrifttum niemals eine wirtschaftliche Angelegenheit gewesen. Ich halte es für unstatthaft, das obere Bereich der Literatur unter Um wirtschaftlichen Gesichtswinkel anza'eaen. Aeußere und somit geldliche Erfolge können überhaupt nur bis Zu einem gewissen Grade gemacht werden, sie und oft van gänzlich unbeeinflußbaren 'zeitlichen Luftswömungen abhängig. Riesige Erfolge haüen die Juden Schnitzler. Wassermann, Arnold Zweig, Stefan Zweig, Emil Ludwig, Werfel, Bronnen, und die Nichtjuden Thomas Mann — wohlgemerk: schon zu der Kit, als er sich noch nicht ins Demokratische gewandelt hatte, das ist im höchsten Maße zu beachten —, Hauptmann, Heinrich Mann, Bon sels, Molo, Goetz, Hans Grimm, Brecht. Es ist schwer zu sagen, was große mW ganz große Erfolge sind. Tie Tücher von Ricarda Huch. Werner Jansen. Ponten — ich nenne, wer mir eben einsällr —, find weit verbreitet, ebenso die von Strobl, Hohlbaum, Ginzkey, früher die von Ba r t s ch. Daß der Erfolg von Ina Seide l s .Wunschkind" sich noch nicht wie der von Sigrid Undset entwickelt hat, hängt ausschließlich mit den Zeitrerhältmssen zusammen. Mer letztlich handelt es sich hier um Unzählbares, Unwägbares. Wenn Scholz^ schwergewichtigr „Per- Miua" 15 000 mal verkauft wird, w ist das mehr, als wenn 50000 eines CourLHs - Zahlers ck; e n Rornans aögefert werden. Professor Sldblex sagt, daß das" deutsche Toll die Schriften der Juden ablehne; aber kurz vorher, daß'sie die Literatur und den literarischen.Betrieb beherrschen. Lehnt das deutsche Volk das jüdische Schrifttum ab, woher dann die riesigen Auslagen von Emil Ludwig, Werfel, Stefan Zweig? Warum die außerordentliche Wirkung der hohe Ansprüche stellenden Schriften E u n t o l f §? G r: rr h § ls hat zwar, nach meiner Kenntnis, von seinem Judentum wenig Gebrauch gemacht, aber es war doch allgemein bekannt, ' daß er Gundelfinger hieß: Vieles weiirerbreitete Literaturgeschichte z. B. nennt beide Namen. Wer nch wahrhaft für Abstammung interessiert, kann sich darüber aus Bartels^ Handbuch oder Literaturgeschichte, aus dem Semi-Kürschner, vielfach aus K oschs ,Literaturleiikon", natürlich auch aus jüdischen Lexika unterrichten. Profesior Nadler befürchtet, daß man erfolgreiche- Juden für nichtjüdische Deutsche halten könnte^ aber kein Ausländer bezweifelt, daß Stefan Zweig oder Wassermann Juden und, sofern er sich dafür überhaupt interessiert. Tie große jüdische Presse wirbt für die jüdischen Bücher im Auslandl Aber ich habe höchst ablehnende Kritiken Ludwigscher Bücoer gerade in der „Frankmr-er Zeitung" gelesen. Entscheidend aber ist letztlich allein die Frage nach dem jüdischen G e i st. Wenn er vom deutschen von Grund aus geschieden, gar ihm fcfidfclicfi ist, dann müßte man ihn erkennen, ohne die Abstammung des Betreffenden zu wißen. Prwessor Nadler aber sagt, daß er erst klar erkennbar sein werde, wenn das Judentum aller jüdischen Schriftsteller bekannt sei. Krinein heißt unterscheiden. Wenn Schicksals aemeinschaft, Boden, Klima, Erziehung und so weiter, Sprache nichts bedeuten, so ist jüdisch, was dem gesamten jüdischen Schrifttum gemeinsam eignet: was also ist das Gemeinsame zwischen den Büchern Mose, dem Hohen Lied, dem Hiob, den' P'al-ncn. bem Prediger, lauter unterschiedene Werke, wenn sie auch dem einen Alten Testament zugehören, den Büchern der Makkabäer und den anderen Apokryphen, dem Talmud — der wieder tn_ sich selbst unendlich mannig'cliig ist —, S> Pin o za, Heine, Auerbach, I. I. David, Michael Beer, Kompert, Moritz Hermann, Fulda, Rudolf Borchardt, Georg H e r - marrn und den schon mehrmals genannten heutigen Schriftstellern? Profesior Nadler, der eine berühmte deutsche Literaturgeschichte nach Stämmen geschrieben hat, erklärt, diesen jüdischen Geist nicht , eindeutig zu erkennen, obgleich ihm eine solche Fülle unbezweiselbar jüdischen Schrifttums vorliegt. Prowssor Nadler sagt, daß die Juden in „die Ideologie eines völlig verwaschenen ,Teurschtumunerkannt unterzutauchen" streben, weil man „vor dem Hintergründe des landschaftlich Eigentümlichen erbarmungslos erkannt" wird. Er unterstellt also eine trügende Absicht. Aber es ist eine überaus komische Vorstellung, daß die jüdischen Schriftsteller sich überlegen: „Ha, dichten wir allgemein, sonst sieht jeder gleich, wer wir sind!", zweitens ist es schlechthin falsch, daß Wien oder Prag nicht eine völlig eigene . seelische . Farbe besitzen, nicht minder eigen wie die gewisser Landschaften. Drittens haben z. B. Berliner Juden berlinische und preußische Farben bewahrt: T ö b l i n s „Aleranderplatz", Her m a n n s „Jettchen Gebert", „Kubrnke", fern Potsdamer Roman „Heinrich Schon jr." usw., von mir die Dorck-Tramen, „1813h „Aufruhr des Goldes". Gerade von den wiederholt genannten Wiener Schriftstellern, Sch n i tz l e r, Stefan Zweig, weiß jeder, daß sie Juden sind, ebenso von den Pragern, wie Werfel oder Vrod.' Die Zugehörigkeit zu einer Stadt oder Landschaft ist etwas Naturhaftes, Ungewolltes: L e s s i n g oder Wagner betonen ihr Sachsentum nirgends, Schiller sein Schwabentum nicht, Hebbe i sein Dithmarschentum verhältnismäßig selten;' mag man ihnen stammeseigentümliche Züge Nachweisen, sie strebten gewiß nach einem allgemeinen Deutschtum. Es ist, weiter, unmöglich, zu behaupten, daß wir „untertauchen", indes wir unser Judentum niemals zu verhehlen trachten. Professor Nadler stellt es als einen Mangel hin, wenn ein Dichter ins allgemein Deutsche strebt. Hier muß ich nun notgedrungen von mir selbst sprechen; denn ob Professor Nadler nun an mich gedacht hat oder nicht, durchaus unwillkürlich habe ich mich bemüht, in der Gesamtheit meiner Dichtungen und Schriften viele Bereiche der deutschen Volkheit zu erfassen. In dein Artikel über Richard K r a l i k in der „Schöneren Zukunft" vom 2. Lktober 1932 sagt aber Professor Nadler: „Aus Bildung, auf Wiedergültigkeit eines großen Erbes war Kraliks ganze Tätigkeit, die denlerische wie dichterische, gerichtet, und es ist merkwürdig, wie entschlossen spätere und jüngere Männer — man denke an Rudolf Vorchardt —, wenn auch aus ganz anderer Richtung, auf das gleiche Ziel einschwenkten, daß der Dichter im höchsten Sinne ein Redaktor der gesamten vorausliegenden Schöpfungen sei. Diese Forderung trifft in den ^ern der Sache." Professor Nadler übertreibt hier das üoerpersönliche Element, wie man früher das persönliche überwertet hat; wie dem auch sei: das Ziel, das er hier aufstellt, ist gewiß ein allgemein deutsches. Rudolf Borchardt ist Jude, er ist, kraft der von Professor Nadler gekennzeichneten Artung, im landschaftlichen Sinne überhaupt nicht bestimmbar; wenn irgendeiner, taucht er in einem angeblich „verwaschenen Deutschtum" unter. Professor Nadler sagt am Schluß: Wieviel von den Schriften jüdischer Deutscher „deutsche Literatur ist, hängt durchaus nicht von der Sprache, solidern von der Gesinnung ab, und vom Eingehen in das Volk, dem man angehören willA.siEs gibt jüdische und es gibt nichtjüdische Schriftsteller, deren Einstellung gegenüber dem deutschen Volke zahlreiche Juden "mißbilligen; aber man kann durchaus in einem hohen Sinne national gesinnt sein und dennoch vieles für verderblich halten, was in betont nationalem Sinne getan wird. Nicht jeder, der nicht blindlings m h fei