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Central-Verein-Zeitung · 1932-10-28 · 44 (28.10.1932) · p. Seite 440

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
44 (28.10.1932)
Date
1932-10-28
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
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440 ausgMprocheuen Begründungen von Parerrs bhciz f;:-Tlcti£ü-. Es eehZrl zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, dag der eEchcwcnde Denker des deulfchen Kcnftttmams- MUS, der die Tegriffe geprägt ha-, auf denen die tczizzcciicz paziel* arbeik in Deutschland cmfgebcml wurde, der Jude Friedrich Julius Stahl war, dsr I^EÜ in Würzburg geboren und von seinem Vater in alter Orthodorie erzogen wurde. Ruck 17 Jahren trat der ^tuOent der Nechwronsenfdjaften in Erlangen 31ml Christentum lucherischer Konfession über, an dessen Dogmen er folgerichtig und gläubig sein Leben lang fe'thielt. Leine Entwicklung stand zuerst unter denn Einfluß Hegels, den er bald ablehute, um ^chelling und der Erlanger Theologie zu felgen. Hinzukemmen die starke Wirkung Luthers und der Eiustuß der historischen Rcchtsschule. 1GRZ wurde Ltahl Mitglied des Bäuerischen Landtages,^ 1S40 von Friedrich Wilhelm IV. als Professor des Staarsrechts nach Berlin berufen. Bis zu dieser Zeit hat Gerhard^M a s n r in dem ersten Band seiner schönem ^rahl-Liographie (Vertag E. Mittler u. Lohn, Berlin) völlig das Leben und Wirken Ltahts dargestellt. Wenn Stahl auch früh schon die jüdische Religion ansgab, ist es doch nicht ohne Filtere'"e zu sehen, unter welchen Eindrücken seine Jugend'stand. Ter christliche ^taatsrechrslehrer stammt aus einer jüdischen Gemeinde Bayerns, die unter der Herrschaft eines Montgelas vorbehaltlos auf dem Boden bayerischen Patriorentums stand und unbedingt staatstreu war. Ter Großvater Stahls, Abraham Uhlfelder, war der Führer dieser Gemeinde. Moses Mendelssohn harte den Versuch gemacht, die Schranken zu zerreißen und Anschluß an die europäische Kultur zu finden. Ter Staat war ihm noch fremd. Uhlfelder aber dachte an den Staat, ein trefflicher Beweis, wie echt das Empfinden deutscher Juden, wie unabhängig i h r e H a l L u n g z u m Staat von der Haltung des Staats zu den Juden z u a l len Zeiten w 2 r. Tiefes Vorbild des Großvaters, die Verbindung strenger Religiosität mit echtem P a t r i 0 L i s m u 3, qab dem Weg des jungen Stahl eine der Aufklärung entgegengesetzte Richtung. Tann wird ihm sein Lehrer Thiersch Vorbild und Führer einer christlichen und nationalen Bewegung. Welche innere Wirkung hat nun die jüdische Abstammung auf Stahl ausgeübt? Masur zeigt uns, wie sich in Stahl autoritäre und libertäre Elemente verschränkten. Er meint, „daß die konservativen I n st i n 11 e in ihm das Erbteil seines Blutes waren und einer viel tausend Jahre er» probte u Kraft des B e w a h r e n s ent» flammten . . . Aber mit feinem Ueöertrirt zum evangelischen Christentum Luthers war ein Element der Freiheit in fein Leben getreten. Um seine aufrichtige Verbundenheit mit dem protestantischen Christentum zu bewähren, mußte cr auch hier wieder auf die Seite der Bewahrung treten, ohne auch auf die Freiheit, die ihn erst zu dem gemacht lchnte. was er war, verzichten zu können". Wir können dem politischen Einfluß, den Stahl in Berlin als engster Berater Friedrich Wilhelms IV., als Rechtcllehrer und von 1649 bis zu 'einem Tode im Jahre 1861 als Abgeordneter auch des Erfurter Parlaments ausgeübt hat. nicht im einzelnen nachspüren. Aber zwei seiner maßgebenden Gedanken seien hier wiedergegeben: der Leser möge sie zu r 0 l i 1 i' ch cm Ideen, aber auch zu p 0 l i t:? :i? e n ch la g w 2 r t e r n 0 c: ne n e st c n Z e i: in den i h m richtig e r f ch e i r e nb c n Vergleich setze u. Stahls Au'w"tmg vom Staats stellt eine Ucberwinduna detüeokratiüchen Staatsgedankenauf der einen und des xrwatrechtlichen aus der anderen Seite dar. Ter Staat ist auf persönliche Autorität und Gesetz zugleich ausgebaut; aber Stahl will auch das protestantische Prinzip der Teilnahme der Beherrschten am Staate verwi'Wichem er will im einzelnen Bürgersilm und Ltamsgeist wecken und in mora- 1 ich e Energi en umwandetn. Nicht in Politische: die „öü'entliche Gesinnung" soll nicht gestaltende Macht. nicht die umnittelbar anregende und schützende Kraft im Staate sein, sondern „das Element, das einigt, erprobt und befestigt, das den Liaat^trägt uud^ empfängt". Nicht das Volk ist die creele der Staatsgewalt, son.dern die Staatsgewalt ist die Seele des Beltes. Ein Parlament kann daher auch immer nur als Bei rar oder Unterstützung der Regierung, niemals aber als gleichberechtigt neben oder gar über der Regierung stehen. Nicht dem Belke kommt Sonoeräuität zu — „Autorität, nicer Majorität. Auch Stahl mußte stch die Frage vortegen, nms geschehen wüte, wenn die Autorität im Staate ihre Mach: mißbrauchte. Stahl dünkte, wie offenbar alle autoritär gesinnten Menschen, „Ungerechtigkeit erträglicher als Unordnung". Stahl will das Volk nach Ständen organisch ansstufen; dem Adel schreibt er einen besonderen Einfluß auf die Staatsgewalt zu. Aber er übersieht, daß er mit dem von ihm geforderten scharfen Gegensatz von Negierung und Volk den Gemeimchasisgedanken durchlöchert, der Grundlage jeder organischenStaatsauffassung ist. Stahl spricht viel vom „christlichen Staat". Er ist für ihn ein „sittliches Gemeinwesen", das auf „sittlicher Gesinnung" berühr und „sittliche Ideen" verwirklicht. Matzstab aller staatlichen Einrichtungen und der Skaatsststhrung ist das Christentum. Rur denen erteilt auch der Staat die Fähigkeit seiner Lenkung. :v-el'ei'c sich zum Christentum bekennen, sowohl deshalb,^ „weil nur darin eine Bürgschaft liegt, daß die Aemter im christliehen Geist verwaltet werden, als auch, weil nur dadurch der Staat nein christliches Bekenntnis beurkundet". Stahl wollte keine Theokrane, er wollte auch „Glaubensfreiheit und Toleranz" ^nicht aus dem christlichen Staate ausge'ch'vnen haben. Jeder sollte den vollen Schutz der Pr irrt rechte genießen, nieman.d sollte zu einem RAig'onebckennLnis gezwungen werden. Anderen Religionsgemeinschaften, vor allem den Juden, wollte Stahl sogar den gemeinsamen Gottesdienst zugestehen. „D a s w ct r 'eine T 0 - Isran z", bemerkt hierzu Masur, „e:n T u lden und Tolerieren t nt Dinkel der Staatsbühne, deren Raum i m übrigen völlig überfüllt mar von den geheiligten Altären, in denen die Staatsreligion zelebriert wurde. Toleranz, nicht Parität oder Gleichberechtigung ... Es war auch hier wieder das genau auskalkulicrte Verhältnis zwischen persönlicher Freiheit und der Geltung der autoritären Brächte . . . Tie nngroßmütige Lösung in diesem Dilemma zwischen Glaubensfreiheit und Autoritätsbedürfnis lag auf einem schmalen Grat, von dem die wahre Freiheit des Gewissens weit und kaum erreichbar war, die Unfreiheit aber gefährlich nahe." — Wir wollen nicht behaupten, daß von Pupen die gleiche Stellung zum Parlamentarismus hat wie Stahl, daß er unter „christlichem Staat" genau das gleiche versteht, seine Folgerungen nicht andere sind: wo aber die Parallelen scheinbar so deutlich laufen wie hier, wo die Ueberernstimmung so bis aufs Wort gehr, da wäre es wohl notwendig gewesen, die Trennungsstriche wenigstens anzudeuten, wenn sie schon nicht sichtbar gezogen werden sollten. Die Mguft-Mrntatr Unterredung im Preußischen Innenministerium Am Dienstag, 2-5. Oktober, fand im Preußischen I n n en m i n i ster i u m eine Unterredung zwischen dem zuständigen Dachöerater des Ministeriums und dem entsprechenden Sachbearbeiter des Eentralvereins statt, in der die Ergebnisse der verschiedenen Eingaben des E. V. aus Anlaß der Bombenatten late in O st p r e u ß e n , O b e r s ch l e s i e n , S ch t e s i e n und S ch t e s w i g - H 01 st e i n durchgesprochen wurden. Im Zusammenhang damit wurden andere Fragen, die aufhetzende Zeitungsartikel icstlimmster Art angehen, dtlvchgesprochen. In. der Unterredung wurde von wiwn des Derrrerers des Ministeriums deutlich gemacht, daß die umfassenden und planmäßigen Polizeilichen Aktionen, in deren Bertauf auch Srezialdezernate in einzelnen Landesteiten errichtet worden sind, den anzuerkennendcn Bemühungen der Behörden und Gerichte in ihren Ergebnisien entsprochen haben. All? Em LLLMer EhrlmüMLAlLll-rn Gleichgültig, ob jemand die Politischen Anschauungen des im hohen Alter verstorbenen Grasen Posadowsky gutheißi — die deutschen Juden sollen gerade bei diesem Toten die Erkenntnis aussprechen, daß politisch rechts und antisemitisch keinesfalls immer miteinander verkoppelt sind Sie sollen gerade bei diesem Toten bezeugen und sie bezeugen rs gern, daß jemand, der politisch anderer Ueberzeugung ist, deshalb noch lange nicht jeden, der ihm vielleicht politisch fernsteht, als Mensche:: niederen Ranges ansieht oder. gar bescmwv't. Wären unter den führenden Polluikern aller deutschen Parteien viele nach der Art Pvstwcwstash das politische Leben wäre nicht so baßersllllt und nicht so vergiftet, wie wir es täglich und stündlich schaudernd erleben. Tie Verehrung, die Gras Br'adowsky von Freund und Gegner gezollt wurde, galt dem deutschen Edelmann, dem Kou'errarivm Fontanescher Prägung, der in jedem B 0 stk s - genossen ein S t ü ck d e s B a: e r l a n d e s sah und der bei voller Wahrung seiner Weltanschauung alles verurteilte, wes, re io der Judenhaß, Nutzlast Feindschaft urd best Zersetzung ins delltsehe Volk himiutrrg. Lo lebte er als eines der in Teutschlaud so seltenen Symbole reiner, schlichter Vaterlandsliebe. In diesem Sinne neigen sich auch die deutschen Juden vor diesem Toten. A. W. *\ \ rs*si ' /r* f!)r} ,1 V <_•' & ■ fl *9 r n pa . -> jP) i r pa r: - . . . *.n # ' 1 f! t>y S

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