Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 44 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sw^v. ,-;-ivi,..-.; is^^w/Jv^v^i / LM MrM^EÄLr2Ä A. H. Ein bcMutungZloser Zufall hat verhindert, daß der Radioliebhaöer in den Guten Tagen ein merkwürdiges Hörerlebnis bckanrr Auf Welle Paris hätte er eine grurLsätzlichr Stellungnahme eines Herrn Lecache gegen die Kulturschandc des Antisemit L i s m u s vernehmen können, auf W e l l e B e r - lin eine minutenlange Schmähung des Judentums und Verherrlichung des Judenhasses. Die Technik ist gerade sann frei von Romantik, aber die Vorstellung von der Möglichkeit der sich im Aether bekämpfenden WellMlängen: hie Kulturgesinming — hie Seärrnung der Unkultur, berührt doch gang mchachnch und eigenartig. Er war nicht so. Herr Lecache sprach am 20. Oktober d. I. auf Welle Paris und ein deutscher Witzblatt-Journalist — die nationalsozialistische SimPliziPmus-Kopie „B renne sstel" erfreut sich feiner Mitarbeit — sprach zwei Tage später auf Welle Berlin. Ter z e i t l i ch e U n - terschiedwar zweiTage, der Kulturunter schied einige Jahrhunderte. Hetzereien cm Wochenende" nannte jener Herr, dessen Käme nicht erwähnt werden soll, seine Betrachtungen zu literarischen Zeitcreigniffen, die er, auch hier unfähig zu Originalität, in der äußeren Formung Alfred Kerr abgelauscht hatte. Ter Inhalt seiner Sätze ist durch die ungewöhnlich eingehend-e Berichterstattung der Zeitungen aller Richtungen hinlänglich bekannt geworden. Tie Entrü'mng über den Mißbrauch des Rundfunks ist fast allgemein. Sie wird noch dadurch erhöht,' daß der Sprecher nicht zu dem Wortlaut ftines eingereichten Mamaskriptes stand, sondern in Durchbrechrmg seiner Verpflichtung zur Beobachtung des Wortlautes durch Wiederholungen und Verschärfungen gewi^er Tertstellen und nicht zuletzt durch den Tonfall deutlich mmchre, daß ihm keineswegs an einer ernsthaften literarischen Kritik unliebsamer Zeitereigniffe, sondern lediglich cm der Ausnutzung der Möglichkeit lag, seine judenfeindlich en Gehässigkeiten über ein wehrloses Publikum ergehen zu lassen. Unsere Stellungnahme bedeutet^ kein Eintreten für die sogenannte Linksprepe. von der ausgehend es zu den antisemitischen Erörterungen kam, und niemand wird uns nachß--I0N wollen, daß wir nur das von dem Sprecher zitierte Gedicht der ..Weltbühne" „Teut'cher Tamenklub" Verständnis oder Zustimmung hatten. Tiefe schonungslose und bösartige Kritik der Fraurn lehnen auch wir durchaus ab. Wogegen wir uns aber wehrmu ist auch der durch die größte Wellenlänge nicht überbrückbare Abstand zwischen dem, was repräsentatives deutsches Judentum, was jüdischer Charakter, jüdische Gtnik. jüdische Moral ist und dem, was der Sprecher als indisch krwisterte und Jüdischem gl: ich state. Es ist eine unehrl i ch e Kam P s e s m e i s e, sich einen Gegner zu konstruieren, diese Konstruktion dann mit dem Namen eines wirklichen Gegners belegen und diesen nach der Methode des „c l s o b" Zu beschimpfen. Wir hatten schon einmal, als geistroller und stilistisch einwandfreier, aber von gleicher Grundgeftnn'ung her, Wsthelm Stapel von den Ausschreitungen gewiper sehr oft auch nick jüdischer Literaten eine direkte Linie zu blutigen Ausschreitungen gegen die Juden zog. cuf das Verantwortnngslose, Falsche und Unzereure solcher Entschuldigungen auf Vorrat hingewichen. Wenn der Sprecher anmaßend und frech zu Beginn seiner Ausführungen denjenigen. Hörern, die Ketzereien nicht vertragen könnten, nahelegt, auszuschalten, so muß ihm von der Hörerschaft und von einer wirklich pflichtbewußte Rundfunkleitung gesagt werden, hier heißt es nicht: Hörer. scharre aus. sonder:; S ch w ä tz e r, h ö r' a u f! Eine erfreuliche Deobachturcg konnte in Zusammenhang mit diesem Vorgang gemacht werden: Durch fast alle Kreist, auch der Behörden, ging eine ungeheure Welle der Entrüstung. Wir hatten früher, als es sich um ganz andere Timge als um die Geschmack- und Stillongkeiten eines bedeutungslosen Sprechers im Rundfunk, als es sich um Ehre, Blut und Gut handelte, einen gleichen Sturm nicht verspürt. Wir sind optimistisch genug, daraus zu entnehmen, daß die Lehren der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart an den Stillen, mst dem Judenhaß Sympathisierenden nicht spurlos vorüdergogangen sind und daß sich, der sittliche Widerstand aller Kreist gegen die Kulturschande des Juden. Hasses verstärkt hat. vssä/ I^'v v -4r ss> Nachdem der Centralverein sich unmittelbar nach dem Rundfunlvortrag mit den Redaktionen der großen Berliner Zeitungen in Verbindung gesetzt und sestgestellr hatte, daß dem ' empörenden Vorgang die nonvendig- Publizistische Aufmerksamkeit gewidmet werden würde, erfolgte am 24. vormittags eine Intervention bei der Berliner Funkstunde. Tr. Friedrich B r o d n i tz, Mitglied des Hauptvorstandes des Centraloereins, und Syndikus Dr. Reichmann sprachen bei dem Intendanten Tr. Duske vor und übermittelten ihm den schärfsten Protest , des Centwalvereins gegen, die Beschimpfungen. Tie Wirkung des Vortrages sei grob antisemitisch gewesen und es könne keine Rede davon sein, daß der Vortrag eine andere als eine scharf judenfeindliche Tendenz gehabt habe. Auch die zurückhaltendsten Freunde des Centralnereins hätten diesen Vortrag als eine Provokation schlimmster Art betrachtet. Es hätte auch befremdet, daß ein derartiger Angriff im Gegensatz zur gesamten Praxis des Rundfunks anonym erfolgt sei. Der Vorfall mühe hinstchrlich der Veranßvortlichkeit unbedingt geklärt und Vorsorge getroffen werden, daß eine Wiederholung derartiger Angriffe und Be'chimrstmam unter keinen Umständen mehr erfolgen könne. Intendant Dr. D u s k e erklärte, daß er den Vortrag selbst nicht geprüft habe, sondern eine andere zuständige Stelle des Berliner Rundfunks. Es liege der RrrNdfrrnNeitung völlig fern, irgendeinen LoltsteiL anzugrerferr oder gar zu beschimpfen. Wenn dieser Eindruck entstanden. sei, so bedauere er, Dr. Duste, diese Tatsache außerordentlich. Er werde dafür Sorge tragen, dag ein derartiger, von der Rundfuntleitung keinesfalls gewollter Es fett sich nicht mehr wiederhole. Die Vertreter des Centralvereins betonten nochmals nachdrücklich^ ihren Standpunkt, daß sowohl der Inhalt des Manuskripts wie die zynische Art, in der der Vortrag gehalten wurde, außerordentlich verletzt Hüsten. Me fragten, ob Vorsorge dahin getroffen worden fei, daß der gleiche Sprecher nicht noch einmal den Rundfunk in die Gefahr bringe, als Propagandainstrument antisemitischer Tendenzen zu dienen. Dr. Duske stellte sich auf den Standpunkt, daß im Augenblick, in dem der Fall^noch nicht restlos geklärt sei, eine endgültige Stellungnahme zu der Tätigkeit des Sprechers, der übrigens nur Mitarbeiter, nicht Redakteur des nationalsozialistischen Witzblattes „Brennegel" sei, noch nicht eingenommen werden könnte.-' Die Unterredung gab im übrigen auch Gelegenheit, eine Reihe anderer Rundfunkvorkommnisie, mit denen sich der Centralrerein in den letzten Monaten hatte besagen müjjen, zu klären. NeiHsirrrrerrruiNister von Gayl hat in- - zwischen eine eingehende Prüfung der Vorgänge vom Sonnabend "abend vorgenommen. Cr hat sich ferner darüber berichten lauen, wieweit der Redner von seinem Manuskript abgewichen ist. Als'Ergebnis dieser Prüfung hat der Reichsinnenminister den zuständigen Reichs rund.'unkkommissar Dr. Scholz ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß in Zukunft solche Dinge sich nicht wiederholen, und auf die ProgrammckeMmgen sämtlicher Sender im Reiche einzmwirkcn, daß tn Zukunft bei der Auswahl der Personen. die bei Vorträgen im Rundfunk tätig sind, die notwendige Vorsicht Anwendung findet. Auch Reichskanzler von Paperr nritzbilligt, ohne aus Kompetenzgründen selbst einzugrcifen, den Mißbrauch des Rundfunks parteiischen Hetzzwecken. Z" Deshalb muh es ganz HsuMch gc'agk werden, daß dieses Schlagwort hcrcke nichts weiter iff und keinem anderrrr Zwecke dient als der ideologischen Verbrämung des Segenfahss zwischen Regierung und Volk, zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Macht und Recht, wie er neu aufgerichlet werden soll. Erkennen wir das be checken, lassen wir uns nicht durch Enttäuschungen und Mißerfolge am Beginn eines neuen Staatsaufbaus darüber hinwegtäuschen, daß Stängel in der Regierungsführung noch keine Mängel des Systems sein muffen, daß die Weimarer Verfassung durchaus die Mbglichkeit „autoritärer. Siawisführung" bietet, einer ^taatssührung allerdings, deren Autorität wirklich auf dem Willen und der freien Anerkennung des Volkes und nicht nur auf der Macht und der Richtung gegen das Volk beruht. Die ztvecke Frage, die wir kurz betrachten wollen, gilt dem Cegemäch zwischen Parlament und konservativem Wanken, der aus den Ausführungen von Papens herdorgeht. In der „Frankfurter Zeitung" ist vor kurzem überzeugend darauf hingewiesen worden, daß nicht nur kein Gegensatz zwischen Parlamentarismus mrd konservativem Denken besteht, sondern daß dem konservativen Denken gerade innerhalb des Parlamentarismus eine wichtige Ausgabe zufällt. Immer wieder ist :m Deutschen Reichstag die Einschalürng konservativen Denkens gefordert worden, auf denen guter Vertretung^ beispielsweise im englischen Parlament, nicht zuletzt dessen fruchtbare Arbeit beruht. Wer die Ausführungen von Papens austnerksam liest, tver sich in seine Vorstellung von Staarsautorität hineinzufühlen versucht, wird lercht an eine Parole erinnert, die Friedrich Julius Stahl, damals allerdings für den von rhm ersehnten — verhüllten — Abwlutismus geprägt hat: „Antorität — nicht Majorität." Und nun eröffnet sich leicht das Verständnis sowohl für das, was Papen mit Autorität meint, als auch für seine Abneigung gegenüber dem Allsdruck des MehrheitswiUens des Volkes im Parlament. Hinter der Gestalt von Papens erscheint der Schatten Friedrich Julius Stahls: auf seinen Gedankengängen hat^ schon einmal ein großer Teil der deutschen Staatslehre ihr System aufgebaut. Aus seinen Lehren lassen sich auch alle Anschauungen, Forderungen und un-