Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-10-21 · 43 (21.10.1932) · p. Seite 431

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
43 (21.10.1932)
Date
1932-10-21
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277982--07599-2288521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vi/ ’V V V V ^■-iv^y *«#/*<y Vv^^ii Von profeffor Pastor D. Wmöfuhr Religion und Politik ^sind zwei geistige Mächte, welche beide dir Tendenz haben, den ganzen Menschen für sich in Anspruch zu nehmen. Prüft man sie auf ihren tiefsten ^und, so kann freilich nur der Religion das Recht dazu zuerlannt werden. Da aber der religiöse Glaube bei der heutigen Lage > der Tinge nicht unangefochten ist, ja, in. seinem Wert und in seiner Berechtigung den ruckst wenigen überhaupt abgelehnt wird, so darf man es dem einzelnen nicht verübeln, wenn er seine politische Weltanschauung zum Leitstern seines Denkens und Handelns macht. Tie;e völlige Freiheit, von der Gebrauch zu machen jedermann das unbestrittene Reicht hat, muß nun freilich mit innerer Notwendigkeit bei einer Klaffe von Menschen einer Beschränkung unter» liegen, nämlich bei den Geistlichen. Durch ihren Entschluß, in den geistlichen. Lebensberus einzutreten, haben sie öffentlich vor aller Welt bekannt, daß, wie sie andere zu religiösem Leben führen wollen, so vor allem ihnen selcht die Religion schlechterdings die Führerin bei allen Lebensäußerungen sein soll. Airs dem Glauben an den Ernst" dieses Entschlußes beruht auch ihr Ansehen und ihre Würde. unter den Leuten. Ihre Gebundenheit ist also nicht eine^ irgendwie von außen auserlegte, sondern eine Folge ihrer eigenen freien Willensentscheidung. Lie schließt natürlich eine Stellungnahme zu den jeweiligen Fragen der Politik nicht aus; im Gegenteil wird gerade der Trieb, die ganze Lebenssülle mit göttlichem Geiste zu durchdringen, die Pastoren zu einer Mitarbeit in politischen Dingen anreizen. Daß dabei Konflikte eintreten können, aus denen weder die Religion noch die Politik unversehrt hervorgehen, zeigt leider eine Anzahl von Ausladungen aus dem Kreise der Geistlichen beider christlichen Konfessionen, die zu ernsten Bedenken Anlaß geben. Ein solcher Fall im katholischen Lager (Pfarrer Senn) hat die Leser dieser Zeitung vor einigen Monaten beschäftigt. Heute handelt es sich um e v a n g e I i f dye Persönlichkeiten, in denen das Wesen des Christentums sich nicht reimen will mit dem landläufigen Nationalsozialismus. Man merke wohl: mit"dem landläufigen! Das ist der, welcher mindestens zum Zwecke der Agitation der Judenfeindschaft nicht glaubt entraten zu können, während doch reiner, echter Nationalsozialismus seine Ziele sehr wohl verfolgen kann, ohne der Juden auch nur Erwähnung zu tun. So sprach kürzlich in einer Sitzung des preußischen Landtages em Pastor P. als Abgeordneter in der Debatte über Kultur» fragen. Man liest.seine tiefernsten und weithin beherzigenswerten Ausführungen mit innerer Zustimmung. Dann aber versleigt er sich plotzlich bei der Ablehnung eines von einem Kommunisten gemein parodierten Weihnachtsliedes zu wilden, von blindem Haß erfüllten Ausfällen gegen die Juden, gegen das fremdblütige andere Volk der Zersetzung in unserer Mitte, als wenn diese in ihrer Totalltät haftbar gemacht werden dürsten für die üble, durch einen vielleicht jüdischen Kmwnunisten geschehene Beruublimpsung deutschen Empfindens. (Ter Versager des Gedichtes, das P. zum Anlaß seiner Kritik nimmt, ist Nichtjude. Tie Red.) Niemand darf und wird etwas dagegen haben, daß der Redner auch als Geistlicher Nationalsosittist ist. Aber dagegen lehnt sich das religio'e Gefühl bei Christen chnd Juden auf, daß ein Mann im SshßnG weiß© Zähn© erhalten Sie bei täglichem SeZrauh von ChHoro* «tont, der Zahnpaste von Ei&chsier QüiiIUüt. sparsam in Verbrauch. Tube 50 Pf. und £0 Pf. Verlangen Sie nur Cblorvdoat und wüster Sie jeden Ersatz dafür zurück geistlichen Amt, noch dazu an so weithin sichtbarer Stelle, Haß aussät mit Werturteilen auf Grund von Blutverschicdenheit, während ihm seine Religion die sittliche Abroertung menschlicher Geschöpfe nur wegen ihrer natürlichen Eigenart durchaus verbietet. Bon allem anderen abgesehen, kann man sich übrigens kaum vorstellen, " daß ein Mann von den geistigen Eigenschaften dieses Geistlichen wirklich, nicht wissen sollte, wie sehr die Juden selbst, einzelne Individuen ausgenommen, unter der gerügten Gesinnungsrohheit leiden. Sie fühlen sich, leidgewohnt von alten Zeiten her, weniger schmerzlich berührt durch die ihnen zugefügte Schmähung selbst, als durch den Gedanken, sie aus dem Munde eines Menschen hören zu müssen, von dem man annehmen sollte, daß er für alles Menschliche wenn nicht Liebe, so doch wenigstens Verständnis hat. Aehnliche reinliche Dinge liest man in zwei christlichen Sonntagsblättern mit erheblicher Verbreitung, in dem" in Frankfurt a. M. erscheinenden „Sonn t a gs g r u ß" und im ,/t q s - feiet Sonntagsblatttt Im enteren Blatte schreibt der als Schriftleiter veranüvortliche Pfarrer einen Leitartikel unter dem Mtol „Der Kampf gegen Jerusalem.^ Dieser stellt, angelehnt an ein neutestamentliches <rchriftwort aus Jesu Munde stmd mit Anrufung der göttlichen Hilfe am Schluß, eine ganz bösartige Hetze bei Gelegenheit des letzten Reichstagswahlkampfes dar, mit all den bekannten agitatorischen Schikanen vom widerlichen Trödeljuden an bis hin zum alles -beherrschenden Judentum. Er ist sehr viel härter zu beurteilen als das gelegentliche Auchgleiten des Landtagsabgeordneten aus einer sonst einwandfreien Bahn, weil in ihm der Haß von vornherein und vom Anfang bis zum Ende die Feder führte, und weil die bei einem akademisch gebildeten Menschen erstaunliche Unwipenheit in historisch-en Dingen darin mit verzerrtem Angesicht die grausigsten Sachen austiscbt. Vor solchen Erzeugnisien der religiösen Schriftstellerei fragt man sich unwillkürlich nach der Art der von ihr bewirkten Erbaimng -in den Herzen der Leser. In diesem Falle kommt als besonders erschwermTdes Moment noch hinzu, daß die Wochenschrift mit Hilfe der Inneren Mission verbreitet wird, in deren Hände die Geschäftsstelle des Blattes liegt. Das Kasseler Sonn* tagsb! atG beschäftigt sich mit den in Beuthen gegen fünf Nationalsozialisten gefällten Todesurteilen. Tie stimmen, welche das Blut der bedauernswerten Männer fordern, werden mit Hinweis auf Wucherungen des „Berliner Tageblattes^ einfach aus die Juden zu rückgeführt, obgleich der Verfapcr des Artllels selbst zugcstcht, daß die „Frankfurter Zeitung" in dieser Frage eine andere Stellung eingenommen habe. Auch muß der trotz vieler Berichtigungen" abermals zum Juden gemachte Eisenbahnattcntäter Schlesinger wieder heran, mn zu zeigen, daß feine Begnadigung damals kein Wunder sei. Das und noch mancherlei anderes sind bedauerliche Entartungen, die nicht nur die staatliche Volksgemeinschaft im Innersten bedrohen,, sondern durch die auch die -Kirche gttchädigt wird infolge der Verletzung -ihrer beiden Grundpfeiler Liebe und Wahrheit. Es gibt, zumal wenn cs sich um Parlamentarier handelt, keine Möglichkeit, ihnen von irgendeiner übergeordneten Stelle aus amtlich entgegenzutrtten. Und gäl>e es eine solche, so wäre es um der Sache willen unwürdig, deren Hiltt anzurufen. Da ist nur eine Instanz, an welche sich die Abhilfe heischende Bitte wenden kann, und das sind die politischen Pastoren selbst. Ihr religiöses Vcrantwortungsdewußtsein Ist allein imstande, der schlimmen Weiterentwicklung auf dieser Bahn einen Riegel vorzuschieüen. Noch ist'es Zeit zu solcher Bitte und zu ihrer Erhöhung. Sind die'Fluten er st einmal über die Deiche gebrochen,'wird der Schaden nicht mehr gut zu machen sein. * A. H. Tie Darlegungen, die wir aus der Feder Professors Windsuhr veröffentlichen, wollen alles andere als religiös-interne Fragen der evangelischen Kirche in den Bereich der Kritik im Rahmen einer jüdischen Zeitung einbeziehen. Aber man beschäftigt sich in politisierten Kreisen des deutschen Protestantismus gerade in letzter Zeit lebhaft mit uns. und zwar nicht, wie sachlich Zuerkennbar, vom Gesichtspunkte der Mission und Taufe, vielleicht auch eer Wertung des sogenannten Alten Testamentes her, sondern unter Verwendung von Vorstellungen und Begriffen kämpferischer Parteipolitik, der des Nationalsozialismus. Die bevorstehenden Kirchenwahlen haben zahlreiche Aeußerungen hervorgerufen, die nicht kirchlich-intern gemeint sind und deshalb auch nicht intern bleiben dürfen. Der Nationalsozialismus greift in die Kirchenwahlen ersttnalig mit einer eigenen Liste „Deutsche Christen" ein, auch in diesem Zusammenhang mit der Behauptung, keine neue Partei, sondern eine Bewegung zu sein, die die andern Parteien überwinden werden als Ziel wird die Vereinigung aller ^ndeskirchen zu einer Reichskirche gefordert. Reichswahlleiter der NSDAP-Liste „Deutsche Christen" ist der Berliner Pfarrer Hofs e'n - selber, der ein dünnes blaues^Heft mit „Richtlinien" herausgab. In ihm spielt das Wort „Nasse" eine wichtige Rolle, ebenso die Ablehnung der Judenmission und der Mischehe. Interessant ist, daß Pfarrer H o s s e n f e I ö e r, und wie er in einer Agitationsrede Pfarrer Peter (Berlin), das heilige Schrifttum des Judentums nicht von vornherein und vollständig ablehnt, sondern „wundervolle Stellen, z. B. in den Propheten, die so wunderbar sind, daß wir sie nicht missen wollen" in ihm findet und „Propheten und Gottes Antwort" als „ewiges Gut aller Völker, auch unseres Volkes" bezeichnet. Hier ist die im Nationalsozialismus so häufig anzutreffende Konsequenz mit Vorbehalt und Ausnahmen wieder da! Warum hat man in nationalfoziali'ti'ch-völkischen Kreisen so sehr viel Verständnis für „organisch Gewordenes" und so wenigCinsicht in die orgmüsche Entwicklung des Judentums? Die Musterkarte sogenannter deutscher Arteigenschaften dürfte nicht durchweg solche aufweisen, die den höchsten Ansprüchen genügen. In diesem Falle aber sind auch menschlich-völkische Schwächen lebensvoll — bei den andern sind'sie Entartungs. erschcimmgen. Das erinnert sehr an jene bequeme Theologie,Zvie sie im Heftchen der Richtlinien Pfarrer Hopenfelders em' Pfarrer Werften anwendet. Ein „unchri'tlicher Judenhaß" wird selbstverständlich abgelehntsi Aber die Juden stünden „seit der Verwerfung des Heilandes unter dem Zorngericht Gottes" und seien „ein Fluch der Völker". K ersten zitiert ausnahmsweise nicht die berühmte Stelle von der Austreibung der Wechsler aus dem Tempel, denen gegenüber das Wort vom „Bruder Nächsten" und der Nächstenliebe keine Amvendüng gefunden habe. Es sollen hier keine theologischen Streitfragen erörtert werden. Zwischen Hans Blühet und Hans Joachim Schoeps ist an dieser Stelle über das Problem der sogenannten Verfluchung des Judentums hinlänglich abgehandelt worden. Uns ist aber erinnerlich, daß im Neuen Testament viel von Pharisäertum die Rede ist und von jenem dünkelhaften „Wie gut, daß ich nicht bin wie jene". Auf keinen Fall aber hat es etwas mit Theologie ßu tun, wenn man den wundervollen Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.