Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 42 (14.10.1932)
- Date
- 1932-10-14
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4LZ Sen Sr. Sans NeiSw.arrn Wir find keine Freunde des Person rrckultZ und wir schreiben diese Zeilen-nicht um der Person unseres treuen Freundes, des früheren Berliner Polizeivizeprasidenten Tr. Weiß willen, so sehr auch seine Leistung, seine politische und menschliche Haltung in einem erbitterten Kampf gegen intrigante Feinde und Demagogen die Anerkennung aller aufrechten Menschen verdienen. Deshalb gilt die Befriedigung über den Ausgang des Moabiter Beleidigungsprozesses, den Dr. Weiß gegen zwei „Angrisf"-Redakteure anstrengen mußte, nicht in erster Linie dem prozessualen Erfolg. Daß so grobe Ehrverletzungen vor einem deutschen Gericht ihre Sühne finden, halten wir für selbstverständlich. Aber dieser Prozeß und seine Vorgeschichte erhellen ein System, und dieses System einmal klar zu enthüllen, ist wichtig. ^So wie die Sozialdemokratie vor^ dem Kriege nicht nur ein System, das ihr feindlich war, bekämpfte, sondern auch seine achtbaren exponierten Vertreter, so mußten auch wir, ob wir das wollten oder nicht, unsere Taktik darauf abstellen, nicht nur den Aleranderplatz als Sache, sondern auch den Polizeipräsidenten als Person in unsere^politischen Angriffe mit einzubeziehen. Lo ist es zu erklären, daß unser Kampf gegen die Methoden, die das Polizeipräsidium gegen uns anwandte. . sich mehr und mehr ans die Person des Vizepolizeipräfidenten Tr. Weiß zuspitzten. In ihm hatten wir eine Zielscheibe^unserer Kritik gefunden, wie wir sie uns bester gar nicht denken konnten." Ten Kronzeugen, den wir hier Zitieren, bezeichnen einige seiner politischen Freunde als den .Mephisto" der Partei. Es ist Tr. Joseph Goebbels. Er gibt in seinem,Fampf um Berlin" mit der Schilderung besten, was er für politischen Kampf und politische Sauberkeit hält, zugleich ein treffendes Bild seiner eigenen charakterlichen Qualitäten. Im Jahre 1927 begann er den steinigen Boden Berlins für die NSDAP, aurzu lockern, die damals, politisch völlig unbeachtet, ein Winkeldasein führte. Die Konkurrenz der Cenüste ist nirgendwo in Deutschland stärker als in Berlin. Es galt also, für die Berliner eine zugkräftige Sensation zu schaffen. Wie lenkt man die Aufmerksamkeit auf sich? Nach dem berühmten Beispiel, das der den Mond anbellende Mops gegeben hat. sucht man sich eine geachtete, im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeit und klafft sie an. „Dr. Weiß bringt in seinem Amt vieles mit, was nicht dazu gehört, und wenig, was nach normalen Begriffen dazu gehören müßte. Er ist weder aktiver Polizeimann noch ausgesprochener Politiker. Er ist A n g e h ö r i - ger der jüdischen Nasse, und das mußte ihn in unseren Augen von vornherein verdächtig machen." Nun ist es zwar unrichtig, daß Dr. Weiß nicht aktiver Polizeimann wäre. Ter frühere Bmtsgexichtsrat wurde bereits von dem .Königlich preußischen" Innenminister Tr. Drewß ins Polizeipräsidium berufen. Und daß er nicht ausgesprochener Politiker war, hatte doch den Herrschaften, die über die Parteibuchbeamten nicht genug zetern können, willkommen sein müssen. Die Wühlarbeit war nicht leicht. Es fehlte an Zugkräftigem und stichhaltigem Material. Aber eben dort, wo dem „Angriff" Stoff für einen Angriff fehlte, stellte sich Zur rechnen Zeit ein Kunst griff ein. Dr. Weiß war Jude und damit eine .Zielscheibe, wie wir sie uns bester nicht denken können". Also schlägt man in in schon im Jahre 1927 riesenhafte Plakate an mit der sensationellen Mitteilung: .Der Polizeipräsident von Berlin ist ein . . ." Nun was? Schieber, Mädchenhändler, Parteibuchbeamter, Hochverräter? Nichts von alledem! „Ein Jude!" Sehr interessant und wichtig! Das Publikum staut sich vor den Litfaßsäulen und starrt die Plakate an, in denen das Wort „Jude" im letzten Augenblick durch Punkte ersetzt ist. Tie Sensation ist ausgeblieben. Ader man gibt sich nicht geschlagen. „Material" stellt sich zwar immer noch nicht ein. Deshalb gibt man einem geschickten Zeichner den Auftrag, den jüdischen Polizeipräsidenten jede Woche einmal im „Angriff" Zu präsentieren. ,,Dr. Weiß! Das war nun bald ein zündendes Schlagwort. Jeder Nationalsozialist kannte ihn. Jeder Anhänger hatte sich seine Physiognomie aus Tausenden von Witzblättern, Photographien und Karikaturen auf das lebhafteste und deutlichste eingeprägt. Ec wurde für alles verantwortlich gemacht, was der Aleranderplatz uns an Unrecht tat. Und die nationalsozialistische Agitation versteifte sich mehr und mehr darauf, ihn Zu einer komischen Figur zu machen, ohne ihn als politischen Gegner ernstzunehmen, ihn - in der Hauptsache karikaturistisch wiederzugeben, und Zwar in Situationen, die mr ihn wenig schmeichelhaft waren, die aber dem natürlichen Bedürfnis des Berliner Publikums an Witz, Laune und Spott weitestgehend entgegenkamen." Diese Situationen waren Erfindungen des Zeichners Mjölnir ohne jeden Anklang an geeigneten Stoff, der einen politischen Eingriff hätte rechtfertigen können. So paradierte Tr. Weiß bei Gelegenheit einmal als Nero oder als Weihnachtsengel oder als Fastnachtsharlckin. Das „Material", das gute, handfeste Material, blieb aus. Die Giftmischer waren nicht verlegen. Nach uraltem Rezept macht man den verhaßten Gegner mit allen Mitteln lächerlich. Ein Spitzname wird die Wirkung tun, die leider mangels sachlicher Vorwürfe nicht zu erzielen ist. Und so entsteht im Kopse des Herrn Goebbels der geniale und ungeheuer witzige Gedanke, den Polizeivizeprasidenten Dr. Bernhard Weiß „Isidor" zu nennen. Damit ist der Gegner mit dem unverdächtigen Vor- und Zunamen als Jude abgestempelt. „Wir sind späterhin oft zu hohen Gefängnis. und Geldstrafen verurteilt worden, weil wir diesem Mann einen Vornamen beilegten, den er, obfchon ihm von Natur aus WZ Ä ,Jb i. Der 2*0*pifccnbe der preußischen Zmtrnmssraktion, Professor Lauscher, nirurr.t zu den Vorgängen im Haupt- und Unter cich'..-au-schuß des Preußischen Landtags (vgl. „E. V.-Zcitung" ' Nr. 41 vom 7. Oktober) folgendermaßen Stellung: „Ein stenographischer Bericht über Ausschuß Verhandlungen wird nicht ausgegeben. Was von Ausschußmitglstdciu zur Durchsicht und eventuellen Korrektur vorgelegt wird, ist vielmehr eine ganz kurze, in ein paar Sätzen zusamrnengezogene inhaltliche Wiedergabe ihrer Ausführungen. <co war es auch dieses Mal. Eine Abschrift dicses amtlichen Sachberichtes kann ich Ihnen leider nicht übermitteln, da ich ihn sofort an das Landtagchoüro zurückgeschickt habe. Dis er im Umdruck vorliegt, werden noch Zwei bis drei Wochen verstreichen. Im wesentlichen habe ich zu dem Antrag der Nationalsozialisten. betr. Entfernung der artfremden und der ausländischen Kräfte aus dom Rundfunk und ausschließliche Einstellung deutfchstämmiger, inländischer Kräfte folgendes ausgesührt: Die ganze Geschichte des Zentrums beweist zur Genüge, daß es jede antisemitische Einstellung grundsätzlich ablehnr. Das hindert uns natürlich nicht, auch unsererseits darauf zu bestehen, daß ebensowenig wie eine Zurücksetzung des jüdischen Elements eine Bevorzugung desselben stattsinden darf. Wir haben den Eindruck, daß eine solche Bevorzugung im Nahmen der staatlichen Kunstpflege hier und da, namentlich auch bei den Staatstheatern, tatsächlich vorliegt. Wir glauben nicht, daß das künstlerische, zumal das musikalische Talent, so stark überwiegend bei den Juden vorliegt, daß eine solche Bevorzugung sich rechtfertigen ließe. (Tann folgen einige Sätze über die Heranziehung ausländischer Künstler! Von irgendeiner Zustinunung zu der natwnalsozialistischen Nafsentheorie oder von Sehästrgleit oder von Feind'eligkeit gegen das Judentum war in meinen Ausführungen keine Spur zu entdecken. Wenn der Vertreter der Nationalsozialisten, deren Antrag wir ablehnten, eine solche Zustimmung aus meinen Ausführungen herausgehört haben wollte, so zeigten schon seine gleichzeitig gegen das Zentrum geschleuderten Schmähungen, wie wenig überzeugt er war. in ihm einen Bundesgenossen für seinen Antisemitismus gefunden zu haben. Wenn das „8 Uhr-Abendblatt" und andere Blätter das alberne Gerede dieses Mannes aufs Wort glauben, so muß man sich trösten mit dem Spruch: „Es ist nichts so dumm, cs findet doch sein Publikum." Zu diesem Publikum aber werden unsere jüdischen Mitbürger, die das Zentrum beider kennen, keinesfalls gehören." Wir stellen auf Grund dieser Ausführungen fest, daß das Zentrum nach wie vor den Antisemitismus ablehnt. Mit Profesior Lauscher sind wir der Meinung, daß auch rm Rahmen der staatlichen Kunstpflege keinerlei Bevorzugungen irgendwelcher Gruppen stattfinden dürfen. Uns ist allerdings nicht bekannt, daß jüdische Künstler, nur weil sie Juden sind, bevorzugt wurden. Den Ausschlag bei einer Anstellung haben lediglich Tüchtigkeit und Begabung zu geben. keinerlei beleidigender Charakter anhaftet, als Verbalinjurie ansah . . . Immerhin aber ist er unter diesem Namen bekannt. Er ging darunter in die zeitgenössische Geschichte ein und unsere massiven Angriffe gegen ihn bewirkten am Ende, daß er bald zu den populärsten Personen des antisemitischen Kampfes der nationalsozialistischen Bewegung wurde." Ein Werk, daß Herrn Dr. Goebbels auch schriftstellerische Erfolge bringen sollte, wurde ,D-as Buch Isidor" genannt. Man blättere die - 165 Seiten dieses Machwerkes durch; vergeblich wird man in ihm Tatsachen suchen, die den Titelspender verächtlich machen können. Im Gegenteil: aus Seite 72 heißt es: m 00 J]rH p-7 VsU © i,( 1 fr!6?ü~vr?n‘ Li uii vüjkzjy ü küau U y Ü ' ^ie«2ung u» 2* / ..^0*^ bei den staatlichen Lotterieeinnehmem