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Central-Verein-Zeitung · 1932-10-07 · 41 (7.10.1932) · p. Seite 415

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
41 (7.10.1932)
Date
1932-10-07
Page
Seite 415 (sequence 3)
Language
German
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Betrachtung zum Versöhnungstage Von Rabbiner Dr. L. Baerwald (Mönchen) Als man die Entdeckung gemacht hatte, nicht die Sonne kreise um die Erde, sondern die Erde sei der Sonne kleinerer Begleiter, als man einzusehen gelernt hatte, die Erde sei nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern nur ein Stäubchen im ungeheuren Universum, da hätte diese Erkenntnis wohl auch ihre Rückwirkung auf das Verhältnis des Menschen zum großen Ganzen haben können: Er hätte bescheidener werden und endgültigvon dem Wahn geheilt sein können, um die Erde und um ihr vorzüglichstes Geschöpf, den Menschen, drehe sich das ganze Weltall; es sei recht eigentlich für ihn geschaffen. Er hätte erkennen können, wie armselig doch er mit seiner Mutter Erde sei. Wer die Geschichte der Menschheit kennt, weiß, daß die geistige^ Haltung der Menschen durchaus nicht ihrer Kenntnis von der Stellung der Erde im Universum entspricht. Zeiten, die noch in der Erde den Mittelpunkt des Weltalls sahen, haben trotzdem den Menschen und seine Erde in ihrer Nichtigkeit und Vergänglichkeit erkannt, wie zum Beispiel der Prophet Jesaia (Kap. 40,15) ganze Völker als „Tropfen am Eimer* bezeichnet. Auch das Mittelalter, noch ganz in den alten kosmischen Vorstellungen besangen, war nichtsdestoweniger von einem ausgesprochenen Gefühl der Abhängigkeit und Verbundenheit beseelt. Das ^geozentrische Weltbild hat den Menschen keineswegs geozentrisch gemacht. Im Himmel, der über chm sich wölbte, thronte für ihn Gott, der Welt und des Menschen Schöpfer. Er war der wahre Mittelpunkt der Welt. Haben die Erkenntmpe der neuen Zeit, wonach die Erde und mit ihr der Mensch im Weltall immer kleiner und nebensächlicher wurden, diese Demut gefördert oder auch nur erhalten? Im Gegenteil: Je mehr das Weltall wuchs, je kleiner Erde und Mensch wurden, um so größer ist das Selbstbewußtsein, der geistige Hochmut, die Selbstüberschätzung des Menschen geworden. Nicht etwa nur in Einzelpersonen, die wie antike Könige und Cäsaren sich selbst zur Gottheit erhoben, sondern im Denken der Menschen überhaupt, die in chrem geistigen Hochmut keine Mächte über sich, keine Bindungen und keine Gebote anerkennen wollen. Je relativer alles erscheint, um so mehr tritt an die Stelle des Absoluten — der Mensch. Der Mensch ist sich selbst Gesetz und Richtschnur geworden, das geozentrische Weltbild ist geschwunden, der Mensch ist dafür egozentrisch geworden. Wenn das nach dem Vorausgeschickten paradox genug erscheinen muß und nur erklärt werden kann durch das Schwanken des noch nicht zu festen Anschauungen gelangten Menschengeistes, dann mag es noch paradoxer klingen, wenn wir vom Bersöhnungstag sagen: Er lädt uns ein, einmal mit vollem Bewußtsein egozentrisch zu sein. Freilich mag das Wort hier in einem etwas anderen Sinne verstanden sein, als es ihn sonst hat. Wir sollen den Blick auf uns selbst lenken und uns mit uns befassen, eingehender als wir es sonst tun können, wenn die Geräusche und Geschäfte des Alltags uns umgeben und uns zu allem andern eher kommen lasten als zu uns selbst. Wenn wir den Versöhnungstag richtig begehen, dann Huben wir uns für die kurze Frist eines Tages von allem ab- ^-schlossen, was außer uns liegt; auch der andere Mensch, und stünde er uns noch so nahe, wird nur wie durch einen Schleier sichtbar. Wenn er, wie es des Versöhnungstages Vorschrift verlangt, uns vergeben und wir ihm vergeben haben, dann mag, ja dann soll auch er sich ebenso in sich zurückziehen, wie wir es tun. Einmal sollen wir die Scheu vor der Einsamkeit verlieren, mit der der Mensch von heute, kollektivistisch gesinnt, nichts anfangen zu können memt. In Wahrheit ist der religiöse Mensch auch niemals einsam, weil er auch in der größten Verlassenheit Gott um sich weiß, während der unreligiö>e Mensch, auch umgeben von Gefährten, dre Verzweiflung der Einsamkeit nicht aözuschütteln ver¬ / mag. Und wie der religiöse Mensch den Zugang zum Mitmenschen über Gott findet, findet er auch auf dem'Wege zu Gott — sich st lost. Wenn er mit Gott Zwiesprache hält, entdeckt er sein besseres Ich. Eine solche Stunde der Einsamkeit und Einkehr braucht darum der Men'ch, um sich kennenzulernen. Er hat genug mit dieser Erkenntnis zu tun, um aus den im Lame des Jahres ausgesahrenen Geleisen zu kommen und mit eigener Kraft und eigener Verantwortung seinen Weg zu gehen. Das ist im wahrsten und zulässigen Sinne des Wortes ein „sacro egoisirzo"; ihn dürfen, ihn sollen wir pflegen, wenigstens Las eine Mal im Jahre. Denn dieser egoismo wird nicht auf sich -selbst beschränkt bleiben, sondern sich selbst überwinden. Diese Einsamkeit, recht erlebt, wird schöpferisch werden. Wir werden gerade aus ihr den rechten Antrieb für unser Verhalten zu den Menschen gewinnen. Wenn wir in der rechten Gesinnung Gott gegenübergetreten sind, werden wir die rechte Demut gewonnen haben, um auch Len Menschen gegenüber nicht stolz zu sein. Der Erfolg dieser Einsamkeit wird sein, daß wir im anderen Menschen den Bruder suchen, um ihm liebend beizustehen. Dann, so könnten wir das bekannte Prophetenwort ftveüojo maasseh hazedokoh scholaum) variieren, wird' die Frucht des neuerrungenen Herzensfriedens die sittliche Tat sein, mit der wir ins Leben hinaustreten. Eine solche Auffassung vom Versohnungstage scheint uns auch in unserer Arbeit im Centralverein, in den hier vertretenen Beziehungen zu Welt und Menschen fördern zu können. Was sonst in diesen Blättern steht, nimmt den Weg nach außen. Tie bittere Notwendigkeit zwingt uns ja die Waffen zum Abwchrkampf in die Hand; Verteidigung, Klarstellung un) Belehrung werden hier Woche für Woche ausgesandt. Einmal im Jahre soll darum der Weg umgekehrt gemacht werden, soll das Wort von außen in uns eindringen und uns zur Einkehr mahnen. Wir wissen, daß wir keine vollkommenen Menschen sind, und indem wir es aussprechen, indem wir uns im tiefsten davon erschüttert fühlLN,-beschreiten wir den^Weg, den der Bersöhnungstag uns führen will, den Weg der Be^erung. Wir sagen es freimütig: War wollen uns bessern; aber wir sagen es und wir wollen es tun um unseretwillen, nicht um unserer Feinde willen. Denen könnten wir es doch nie rechtmachen. Sie hasten uns, nicht wegen unserer Fehler und trotz uruerer Tugenden, sie hasten, weil sie Haffen und der Haß ein Lbjett haben muß — sie Haffen grundlos. „Ter Haß darf rncht nur keinen sal'chen Grund haben, wndern er hat überhaupt keinen Grund. Jeder Grund zum Haß ist nicktig und eitel. Der Haß ist immer ein grundloser Haß", sagt Herrman Cohen in seiner Erklärung von Ssinas Chinom. Auch um das zu erkennen, brauchen wir immer wieder Tage der Einkehr. Durch diese Einkehr und diese Erkenntnis werden wir auch davor bewahrt bleiben, selbst dem Haß zu verfallen. „Elücklich, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt." Dieses Elücksgefüht können wir Menschen ansehen. die einen Versöhnungstag in richtiger Weise begangen haben. Gelingt das auch uns, so werden wir über alle Bitterkeit, die nur zu leicht begreiflich wäre, hinauswachsen und eine innere Haltung gewinnen, die unser würdig ist. Wie schwer auch die stürme sind, die uns umbrausen und uns wankend machen konnten, der Bersöhnungstag gibt uns eine durch nichts zu erschütternde Festigkeit und durchdringt uns mit der Zuversicht, die den Propheten Jeremia beseelt hat, wenn er ausspricht (Kap. 35, *20.21): „We werden wider dich kämpfen und dir nichts anhaben können, denn ich bin bei dir, um dir zu helfen. Ich werde dich aus der Hand der Bösen erretten und aus der Faust der Gewalttätigen befreien." Anläßlich des 85. Geburtstages des Reichspräsidenten wurde während der Andacht am zweiten Rosch-Haschrnr-Tage in allen Synagogen von den Rabbinern und im Gebet des Ehrentages des Reichspräsidenten gedacht. Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Dr. Kleemann, hat im Namen des Gemeindevorstandes, Kammergerichtsrat Wolfs, hat für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und die RLichsarbeitsgemeinsä)asL an den Reichspräsidenten ein Schreiben gerichtet, in denen sie Hindenburg als Symbol der Einigkeit und der Verfassungstreue feierten. e?. 4*5.-!? Im Hauptausschuß des Preußischen Landtags fand ein Antrag Annahme, wonach das Staatsrnrnistcrium beauftragt wird, ein: genaue Ausstellung a) aller beschäftigten Ausländer, d) aller derjenigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit erst nach 1918 erworben haben, c) aller beschäftigten Inden vorzulegen. Für diesen Antrag soll auch das Zentrum eingetreteu sein. Aehnlrche Vorgänge im Unterrichtsausschuß haben in den letzten Tagen die Tageszeitungen beschatt: rt. Da bei den Verhandlungen des UnterrichrsausschuffeZ wie des Hauptausschusses dir Qttttnttichkeit ausgeschlossen ist, ist es nötig, sich vorab ein wahrheitsgetreues Bild von den Vorgängen zu verschaffen, was einige Zeit in Anspruch nimmt. Erst dann können wir aus die Angelegenheit eingehen.

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