Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 41 (7.10.1932)
- Date
- 1932-10-07
- Page
- Seite 414 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Härte. Eine Frage, die nichts als die bittere Frucht der Hetze gegen das Judentum und aller gegen alle ist, ebensowenig gerechtfertigt, wie solche Hetze gerechtfertigt werden kann. ES kann nicht beschönigt werden: wir Juden sind in dieser Wahl vor eine Frage gestellt, die gar nicht beantwortet werden kann, weil sie sinnlos ist. Es geht bei dieser Wahl nicht um jüdische Belange, sondern um die Belangs des deutschen Volkes, und darum und nur darum auch um die unseren, da unser Leben mit dem Leben des deutschen Volkes unzerreißbar in elementarer Weise verbunden ist. Daß wir, bei aller Schwere dieses Leben mir Zu bewahren und mit aufzubauen, davor gestellt find, auch noch unsere Belangs wahren zu muffen: das kommt allein aus das Schuldkonto derer, die das Judentum in hetzerischer Weise für Tatbestände verantwortlich machen, die im objektiven Ablauf der Dinge sich ergeben haben und sür die niemand verantwortlich ist. Wir behaupten nicht, aus dieser Situation, m die sich der Wähler — und der jüdische mit doppelter Belastung — gestellt sieht, einen Ausweg zeigen zu können. Wir sind sogar der Auffassung. daß es niemanden gibt, der einen Ausweg weiß. Was wir Zeigen können, ist allein der Weg einer politischen Orientierung, der für unser Urteil von jedem, der zur Wahl berechtigt ist, beschritten werden muß, und den zu sehen keineswegs irgendein jüdisches Vorrecht ist. Er muß endlich gegangen werden, um das Volk zu einer Klärung und Entscheidüng zu führen, nicht nur was diese Wahl betrifft. sondern muh was die gesamte politische Haltung angeht. Es ist grundsätzlich der Weg, den auch wir im Centralverein in allem zu gehen haben, in der Abwehr ebensosehr wie diesmal in der Politischen Führung unserer Menschen. Es ist der Weg der Aufklärung. Die Zuspitzung der Lage hat gewiß tatsächliche Ursachen. Aber in diesen Ursachen scheint uns als wesenhafte (wenn nicht wesentliche) Kraft die grundsätzliche Abwendung von Vernunft und verstandesmäßiger Klärung zu liegen, eine Tendenz, die heute nicht nur die Nationalsozialisten vertreten und fordern, die aber nur sie allein bis zu einer chaotischen Wirrnis aller Begriffe durchgcsührt haben. Es ist heutzutage schon außerordentlich billig, bei der Kritik des Liberalismus diesen einfach für überwunden zu erklären. Wenn aber damit zugleich gesagt sein soll, daß auch die Zeit aller politischen Vernunft überwunden ist, so mag solche Aussage sich aus der Verzweiflung des Augenblicks erklären, aber niemals können wir zugeben, daß sie die ganze Wahrheit ist; sie ist nicht einmal eine halbe Wahrheit Uüd nichts weiter als der abwegige Versuch, aus der Not des Zeitalters eine Tugend zu machen. Es besteht sür uns, sofern wir den geistigen Standpunkt unseres gesamten Kampfes nicht aufgcben wollen, nicht die Möglichkeit, uns solchen Gedanlengängen hinzugeben. Wir fordern und muffen fordern, daß man gerade in einer solchen politischen Situation dem politischen Wissen den Vorrang gibt vor dem politischen Gefühl und vor der politischen Leidenschaft. Es gibt für den einzelnen wie für die Gesamtheit nur einen Weg aus der Verwirrung: den der Besinnung, den der nüchternen U eberleg ung. den des zureichenden und bündigen Wissens um die Zufamruenhange der politischen Wirklichkeit. Mit Gefühlen, namentlich mit irregeleiteten, kann man keine Häuser bauen:. Ein Wandel kann nur eintreten, wenn an Stelle aufgeputschter Mafien, die an die Wahlurne mehr gestoßen als geführt werden, wieder - geläuterte Persönlichkeiten treten, die in vollem Bewußtsein von dem, was ist, und von dem, was sein soll, ihre Stimme in die Wagschale und in die Urne werfen. Denn die Waage trägt Aufstieg oder Untergang; der Zeiger schwankt, und es ist von elementarer Gefahr, wenn blind oder verblendet an sie herangetreten wird. * In diesem Zusammenhang eine Gesamt- Unterrichtung über das Ausmaß und die Tiefe der politischen Krisis des Zeitalters und Deutschlands zu fordern, würde weit den Rahmen des Möglichen überschreiten, obschon es durchaus im Nahmen des Notwendigen bliebe und nichts anderes ist, als die Forderung nach einer staatsbürgerlichen Erziehung. Vom Wähler kann in dieser kurzen Frist vor der Wahl nur eine politische Orientierung über die grundsätzlichen Fragen gefordert werden, die Bestand, Wesen und Wirksamkeit der Parteien mit sich bringen. Der Weg hierzu ist nicht nur der der unmittelbaren Erfahrung. Was vom Wesen der Parteien in den Wahlkämpfen sichtbar wird, ist meist nur das Zerrbild. Er ist auch noch nicht damit beschritten, daß man täglich den Leitartikel seines Leibblattes liest. Aber es ist ein erster Schritt getan, wenn man eine Schrift zur Hand nimmt, die den ganzen Zusammenhang aufrißhast zeigt, die historischen Derwurzelungen der Parteien ebenso bloßlegt wie ihren soziologischen Ausbau und ihre gedanklichen Voraussetzungen. Es ist nahezu verwunderlich, daß eine solche Schrift vorhanden ist, noch verwunderlicher ist ihre erstaunliche Objektivität: darum verwunderlich, weit es fast so scheinen mag, als ob heute niemand über den Dingen steht, und jeder, der sie erlebt, in ihren Strudel hineingeriffen wird. Die Schrift, von der die Rede ist, hat den Dozenten an der Hochschule für Politik Sigmund Neu mann zum Versaffer und trägt den Titel: „Die deutschen Parteien"'. Sie führt in außerordentlicher Weise in die grundlegenden Tatbestände ein, die das deutsche Parteiwesen von heute bestinunen. Es würde gegen die Tendenz dessen, was hier gesagt und gefordert wird, verstoßen, wollten wir eine Inhaltsübersicht der Schrift geben. Entscheidend ist für uns nicht, daß Neu mann mit weitem Blick und umfassender Tatsachenkenntnis den historischen Bildungsprozeß der Parteien seit ihrem Entstehen bis zum heutigen Tage verfolgt, die Durchdringung der Realität und der Ideen.in ihrer gegenläufigen Wirksamkeit auszeigt, die soziologischen Voraussetzungen und die Wirkung der ihnen innewohnenden konservativen oder revolutionären Kräfte ansdeckt. Entscheidend ist nicht einmal, daß, unserer Kenntnis nach, erstmalig mit wiffenschasrlicher Strenge die den Massen innewohnenden Triebkräfte, Gefühle und Leidenschaften als Voraussetzungenpolitischer Aktivität dargestellt sind, so daß sich auf diese Weise auch dort ncd) ein sinnvoller Zusammenhang ergibt, wo man das nackte Walten der Dummheit vermutet hat. Entscheidend ist endlich nicht die selbstlose Wijsenschastlichkeit, mit der der Versaffer aus jede Wertung der Tatbestände verzichtet hat und so eine fundamentale Geschloffenheit der Darstellung erreicht. Entscheidend scheint uns allein das Bild, das sich sür Neumann zwanglänsig aus seiner kaum zu widerlegenden Darstellung ergibt und das sich in den Kapiteln der Einführung und des Ergebniffes mit einer durchsichtigen Klarheit findet. Es ist einmal der Begriff der Partei, der einleitend formuliert wird, und es ist zum zweiten jene grundsätzliche Scheidung zwischen „Nepräsentationsparteien'" und „Integrations- Parteien", die aus dem Gesamtergebnis der Schrift abgeleitet wird. In der hier gwotenen Kürze kann die Tragweite dieser Unterscheidung nicht im einzelnen dargestellt werden. Soviel sei angcdeutet: Repräsentationspartei ist eine immer nur zufällige, rein zweckhast bestimmte Zusammensaffung einer Wählermenge. In der Jntegratronspartei dagegen hat die Bindung Bestand weltanschaulicher Art. Neum ann unterscheidet demokratische Integrati ons Partei, die, ohne daß'es ausgesprochen wird, den Idealtypus einer Partei darstellt. In ihr werden die soziologischen und weltanschaulichen Bindungsgesetze wirksam, ohne Sinn und Gehalt der Demokratie zu zerstören. In der absolutistischen Jutegrationspartei erfolgt der Umschlag in die Diktatur. „Tie Repräsentationspartei ist der charakteristische Ausdruck des liberalen Parteibegriffs . . Die Parieianhänger treten fast nur bei der Wahl der Volksvertreter in Akrion, die Partei beschränkt sich nahezu allein auf diesen Wahlakt." „Ter Anspruch, mit dem hier die (Jntegrations-) Partei an den Menschen herantritt, ist unvergleichlich größer. Sie fordert im Grunds die Einbeziehung der ganzen Person in die politische Organisation, nicht nur durch eine konstante MitgliÄffchaft, .. . forrd-ern vor allem durch ihr Eingreifen in alle Lebensbezirke." „Das ^erfte Beispiel solcher Partelöildung - bot die Sozialdemokratie . . in gewipern Sinne gehört auch das Zentrum dazu." Erst die „Weiterentwicklung, die sie in den letzten Jahren von einer demokratischen *«t absolutistischen Jutegrationspartei international erfahren hat", verändert ihren Charakter. Diese Veränderung hat ihren tiefsten Grund m dem „Schwinden des Glaubens an die Kürzung und Ueberzeugungsmöglichkeit... Es wird nicht mehr um di e Wahrheit gerungen, weil immer breitere schichten an einer allgemein verbindlichen Vernunft zweifeln . . . Damit sind die geistigen Grundlagen des Liberalismus und Parlamentarismus erschüttert." Neumann sieht „die Krise des politischen Raumes in Deutschland" in ihrer ganzen Weite. „Was als Parteienkrins erscheint, ist vielmehr die Krise der Demokratie, der ökonomisch-sozialen Welt, des europäischen Menschen überhaupt. Dieser Hintergrund erst gibt dem Kampf um die Parteien Spannung und Härte. Umfang und Gewicht." Tie Schrift N e u m a n n s ist vollendete sachliche Darstellung: es ist aus ihr nicht die Absicht zu erkennen, unmittelbar wirkend ins politische Gefüge einzugreisen. Und doch stellt sie im Grunde nichts anderes dar, als das große Entweder-Oder, vor dem heute Deutschland politisch steht und vor das sich der Wähler in diesem wie in jedem Wahlkampfe dieses Jahres gestellt sieht. In dem Zitierten Nebensätze, der den Verlust des Glaubens an die allgemeinverbindliche Vernunft zur Grundlage der Parte:- gegensätze macht, enthüllt sich diese Alternative, die für jeden deutschen Menschen gestellt ist. Für ben Juden aber ist sie doppelt gestellt. Niemals, sofern er nicht die geistigen Grundlagen des Judentums und damit seiner eigenen Existenz verleugnen will, wird der jüdische Mensch» diesen Glauben aufgeben dürfen. Es ist der Glaube von Jahrtausenden jüdischer Geschichte, es ist das Glaubensbekenntnis des deutschen Juden, das seine politische Haltung in der Gegenwart eindeutig bestimmt.