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Central-Verein-Zeitung · 1932-09-30 · 40 (30.9.1932) · p. Seite 403

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
40 (30.9.1932)
Date
1932-09-30
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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NeUjahrsbwfraOlfung / Von Rabbiner Dr. Benno Jacob Als zur Zeit der Nuhrbesetzung und der Inflation der ungeheuerliche Schmuggel durch das ,Loch im Westen" die ganze deutsche Wirtschaft zu ruinieren drohte, suchte mir einmal ein junger Mann, Student der Nationalökonomie, klar zu machen, daß dem Ueöel auf eine ganz einfache Weise abzuhelsen sei: es liege nur an der unzureichenden Bewachung, es müsse ein so dichtes Netz von Grenzwachen cmsgespannt werden, daß jedes Turchschlüpsen unmöglich sei. Larauf stellte ich meinem jungen Freunde nur eine einzige kleine Frage: Und wenn die Wächter selber schmuggeln? Als er hierauf entgegnete, das zu verhüten, sei eben Lache der Vorgesetzten, fragte ich wieder: Und wenn auch die Vorgesetzten selber schmuggeln? Als er dann schließlich keine Antwort mehr wußte, sagte ich zu ihm, ich wolle sie ihm geben, und zwar mit einem Bibel- Worte: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, so mühen sich umsonst die Bauleute, wenn der Herr nicht die Stadt bewacht, so wacht umsonst der Wächter." Der Psalmist wußte natürlich sehr wohl, daß es Menschenhände sind, die das Haus bauen und menschliche Wachsamkeit die Stadt bewahrt. Aber er wollte sagen, daß kein Aufbau gelingen kann, der von Gott gänzlich absieht, und daß nichts gesichert ist, wenn die Menschen kein Gewissen haben, kein lebendiges Gefühl der Verantwortlichkeit vor einem höchsten unbestechlichen Aufseher und Richter. Eine andere unbedingte Gewahr gibt es nicht, und diese Vergegenwärtigung einer letzten nicht menschlichen Hilfe und Instanz ist es in Wahrheit auch, die dem Tun und Lasten des ernsten Menschen Richtung und Halt gibt, auch wenn er sie nicht immer und geradezu Gott nennt. Tie Unzulänglichkeit alles menschlichen Plauens und Vermögens drangt ihn, einen Faktor mit in Anschlag zu bringen, der außer seiner Macht steht, und der Mut zu bauen und die Hoffnung auf ein Gelingen haben nur einen Sinn, wenn sie nicht auf einen glücklichen Zufall rechnen, sondern aus dem Glauben quellen, daß kein Sterben vergeblich sein wird, das sich mit dieser höheren Macht, wenn sie zugleich als eine sittliche verstanden wird, in Einklang setzt. Die Persönlichkeit und Lebendigkeit dieses Gefühls aber ist es, durch die jene Macht selber zur lebendigen Persönlichkeit wird. Ter Glaube erst beschwingt die Pflicht, macht sie froh und des Erfolges sicher. Daher muß alle Erziehung darauf ausgehen, solche Gesinnungen tief in den Gemütern zu verankern, wenn Haus, Gemeinde und Staat .aufgebaut werden und bewacht sein sollen. Dies haben auch die Staatslenker, die gegenwärtig die Regierung unseres Vaterlandes in Händen haben, in verschiedenen Kundgebungen mit Nachdruck betont. Nachdem der neue Reichskanzler, der Katholik von Papen, diese Losung ausgegeben hat, hat sich der neue Reichsinnenminister, der evangelische Freiherr von G a y l, noch vor wenigen Tagen in der öffentlichen Hauptversammlung des Gustav- Adols-Bereins in gleicher Weise - ausgesprochen: eine ihrer Verantwortung und Pflicht bewußte Negierung könne sich nicht der zwingenden Notwendigkeit entziehen, den Staat als einen christlichen aufzufasten und die Staatssührung in chrrstlichem Sinne zu handhaben. „Alles Verantwortlichkeitsgefühl wurzelt letzten Endes im Uebersinnlichen, das heißt für uns in Gott. Deshalb ist eine erfolgreiche und wirksame Staatsordnung nur aus religiöser Grundlage denkbar; unser ganzes kulturelles Leben mutz deutsch und christlich gerichtet sein." Und im folgenden sprach er dann von der christlichen Liebe, die das Leben der Volksgenosten durchdringen wüste. Manchen von uns mag bei solchen Sätzen ein gewistes Unbehagen beschleichen: Und wo bleiben wir Juden? Sind wir nicht auch noch da? Man halte eine solche Empfindlichkeit nicht für unberechtigt oder übertrieben. Es ist wahr, wir find eine so winzige Minorität, daß es begreiflich erscheint, wenn man uns gar nicht erst erwähnt. Aber es dünkt uns ein Zeichen wahrer. Vornehmheit, gerade des Nicht-Autochthone abgeschlossen. Diese Exklusivität steigert sich bei vielen zum Hatz und zur Verachtung in dem Augenblick, wo der „Fremde", in diesem Falle der Jude, als Konkurrent austritt. Natürlich wird der Antisemitismus auch hier niemals die rohen und brutalen Formen annehmen, wie wir sie in Deutschland erlebt haben.) Soweit Göteborg. In der Provinz V ä r m - land, dem zweiten Herd der Bewegung, wo Herr Furugürd residiert, wurden bei der letzten Volkszählung ganze 133 Juden errmttelt. Es gibt hier sicher viele Leute, die noch nie einen Juden gesehen haben. Infolgeressen läßt sich hier mit der judenseindlichen Mslehre nicht viel ansangen. Ebenso wenig Kleinen und Schwachen nicht zu vergeben und fein Recht Zu betonen, auch wenn die Rede dadurch umüändlicher werden sollte. Allein wir nehmen cnr daß, wenn beständig vom christlichen Volke gesprochen wird, dies, wie der Lateiner sagt, ,,a potiori“, das heißt nach dem größeren Teile geschieht. Tie chwuptfache ist, daß unsere Minorität m i t g e m e i n t ist, und daß man sie mitmeint, davon sind wir bei der jetzigen Regierung überzeugt. Diese Männer sind auch sicherlich geschichtlich gebildet genug, um zu wissen, daß der „christliche Staar" in dem mittelalterlichm Sinne, in dem er früher die Völker beherrscht hat, in der modernen Welt eine völlige Unmöglichkeit ist, daß die Entwicklung der letzten drei Jahrhunderte zu einem sehr wesentlichen Teile in einer immer entschiedeneren Ablehnung und Ueberwindung dieses Degrisfts bestanden hat, eine Entwicklung, die schon deswegen nicht mehr rückgängig zu machen ist, weil die Entchristlichung der Individuen seitdem eine weitere enorme Ausdehnung erfahren hat. aus Ursachen, aus die hier nicht eingegangen zu werden braucht. Tas Resultat dieses geschichtlichen Prozesses sind die modernen Staatsv ecfasstmgrn, und es ist nicht erst die Weimarer, in der das Wort Christi überhaupt nicht vorkommt. Es war keineswegs Feindschaft gegen das Christentum, die dazu geführt hat, sondern vorzüglich die Einsicht, daß der christliche Staat, insofern er die uneingeschränkte Sleichberechrigung von dem Taufschein abhängig macht, zu Absurditäten und zu einer unerträglichen Heuchelei führt, von der gerade das Christentum den größten Schaden hat. Jedoch überlassen wir diese Seite der Polemik einerseits den Politikern, anderseits den erst recht betroffenen Dissidenten. Wir hegen keinen Zweifel, daß man nicht wieder in den Irrtum verfallen will, die konkrete Erscheinung Volt mit der Idee der Staatsöürgergemeinschaft gleichzusetzen und zu behaupten, daß nur Christentum Religion sei und Christen religiöse Menschen sein können. Unter dieser Voraussetzung begrüßen wir die Aeußerungen unserer Regierung als einen Aufruf an alle Gottgläubigen, eine gemeinsame Front gegen Gottlosigkeit und Gewissenlosigkeit zu bilden, welche Begriffe das natürliche Empfinden mit gutem Grunde miteinander verbindet. Aber dieser Kamps d-arf nicht mit den Machtmitteln eines zu Privilegien mißbrauchten Staates geführt werden, sondern nur mit den Waffen des Geistes und des lebendigen Beispiels, das in Gottesfurcht, Pflichttreue und Gottvertrauen Religion vorlebt und von Gott durch Taten predigt, die Gleichgesinnten ohne Rücksicht auf weltliche Vorteile und ohne Hilfeschreie an den Staat zur Verteidigung ihrer höchsten Güter, zur Abwehr und Selbstbehauptung zusammenschlic-tzt, um danach die Gesellschaft umzugestalten. Ist es so gemeint, dann kann man am wenigsten den Juden von dieser Kamp-'genossenschaft ausschließen. Tenn von wo anders stammt solche Auffassung von Religion? Brauchen wir zu sagen, daß das obige Psalmwort im Alten Testament steht und viele Jahrhunderte „vor Christi Geburt" gesprochen worden ist, daß diese heilige Schrift der Inden von solchen Lehren voll ist? Wir werden uns herzlich freuen, wenn es den neuen Ministern gelingt, die Kirchen wieder Zu füllen und sie es fertig bringen, ihre Glaubensgenossen, zum Beispiel die Nationalsozialisten, mit christlicher Nächstenliebe zu durchdringen (wir würden sogar schon mit Gerechtigkeit und Menschen ach tung) zufrieden sein! Tas Judentum aber mag zeigen, .daß es seinem weltgeschichtlichen Beruf noch immer treu ist, daß wir noch immer die Namen Jude, d. h. Gottbekenner, und Israel, t. h. Gottesstreiter, mit Recht führen. Davon werden wir in diesen Tagen Zeugnis oblegen, wenn wir am Beginn unseres neuen Jahres in dichtgefüllten Gotteshäusern wiederum dem Wellenkönig huldigen, in Selbst- Prüfung, Demut und Vertrauen uns seinem Gerichte stellen und in Brudergesinnung uns für die Rille der Zeit stärken. Möge ER uns ein schreiben in das Buch des Lebens, und der Nahrung, der Erlösung und Vergebung! mit der antimarristischen. Tenn die wirtschaftliche Lage ist vielfach so verzweifelt, daß die Bevölkerung eher Proals antisozialiftisch ist. Die unzufriedenen, durch die Industrialisierung verelendeten Bauern sammeln sich unter den radikalen Bannern. Besonders die leicht entflammbare Jugend hat sich Herrn FurugLrd angcschlossen, und man darf die weise Vorsicht des schwedischen Gesetzgebers Preisen, der nur solchen Personen, die im Jahre vor der Wahl das 23. Lebensjahr vollendet haben, das aktive Wahlrecht zubilligt. Hätten in Schaden schon die Zwanzigjährigen an die Urne treten dürfen — das Ergebnis würde wesentlich anders aussehen. Ter schwedische Nationalsozialismus hat, so sieht es aus. die Schlacht verloren. Aber es wäre ein Trugschluß, wollte man meinen, er sei erledigt. Tie Niederlage erfolgte nur, weil die Propaganda sich im wesentlichen auf Göteborg und Värmland beschränkte. Keineswegs sollte man anuehmeu. daß die offenbaren Widersprüche, die das „Programm" der Nazis birgt, die Wähler abgeschreckt haben oder gar eine Gewähr dafür bieten, daß die „Bewegung" sich nick: noch weiter ausbreitet. Gewiß, die schwedische Oefsentlichkeit ist kritischer gegen Dilettanten alz die deutsche. Trotzdem: man muß den Leuten scharf auf die Finger sehen. Dr. Heins Caspari.

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