Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16.9.1932
- Date
- 1932-09-16
- Page
- Seite III (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9221535-9552654-9552655--4-2288470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
erscheinungen im Kapitalismus ist eia grosser Teil des Zwischenhandels; überflüssig geworden. Das bedeutet, dass allmählich dem bürgerlichen Kaufmann, dem Grossisten wie Geschäftsinhaber, die Existenzgrundlage entzogen wird. Da nun gerade an diesen Wirtschaftszweigen Juden sehr beteiligt, in vielen anderen Erwerbszweigen aber nur minimal vertreten waren, so erhellt daraus, dass die Existenz des Juden in viel grösserem Masse in Frage gestellt ist als die seines nichtjüdischen Geschäftsfreundes. Dazu kommt, dass infolge des sog. Wirtschaftsantisemitismus auch in manchen Branchen so gut wie keine Juden angestellt werden; denn das wird das Los des Juden: Angestellter zu werden, wo sein Vater oder Grossvaternoch Chef sein konnte. Dieser Vorgang ist an und für sich nicht so ungewöhnlich; auch der nichtjüdische Mittelstand wird diesen Weg gehen müssen. Nur kommt dieser soziale „Abstieg“ (wie unsere Grossväter ihn noch nennen würden) den Juden viel zu überraschend, als dass sie mit dieser sozialen und psychologischen Umwälzung so ohne weiteres fertig werden könnten. Ueberrascht, erschreckt, ungeschult, Me gewöhnt, sich wie der Arbeiter durch planmässigen Kampf in der Gewerkschaftsorganisation seinen Platz an der Sonne zu erkämpfen, wird der Jude der ersten besten B e wr e g u n g verfallen, die ihm durch einen revolutionären Umsturz eine Umwertung aller Dinge verspricht Er braucht eigentlich gar nichts aufzugeben.. Die Verweltlichung unseres allgemeinen Lebens hatte ja längst die religiösen Bande aufgelockert, die ihn mit der jüdischen Gemeinschaft noch verknüpften. Er ist kaum noch religiös interessiert, auch wenn er bei den jüdischen Gemeindewahlen noch einmal religiöse Gruppen gewählt hat. So zerreisst er ohne grosse Skrupel die letzten Bande, die ihn noch an das Judentum ketteten; er vollzieht seinen Austritt aus der Gemeinde, die i h m nichts zu bieten scheint, um einem Ideal nachzueifern, das verspricht, ihm seine soziale Existenz wiederaufzubauen. III. Aber sind denn Judentum und Kommunismus Gegensätze? Theoretisch keineswegs! Jedoch es ist falsch, Judentum und Kommunismus einander gegenüberzustellen. Sozialismus und Kommunismus sind Gegensätze, Judentum liegt auf einer anderen Ebene. In der Theorie kann ein Jude - selbstverständlich auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Kommunist sein. Praktisch aber nicht, weil die Tendenz des Kommunismus notwendig zur Auflösung aller anderen Gemeinschaften, in jedem Falle aller nichüerritorialen Gemeinschaften führt. Hier liegt die Gefahr für die jüdische Substanz, für die Auflösung des jüdischen Lebens. Würde Deutschland ein Sowjetstaat, so wäre in keinem Falle Deutschlands Existenz bedroht: deutscher Boden bleibt deutsch, deutsche Sprache bleibt deutsch, sei das Regime monarchisch, republikanisch oder kommunistisch. Was aber ist den Juden gemeinsam? Kein Land, keine Sprache; nur eine gemeinsam erlittene Geschichte, ein in gemeinsamer Geschichte geformtes Bewusstsein. Die Möglichkeit eines solchen überterritorialen Bewusstseins muss der Kommunismus aus seinem Wesen heraus entweder leugnen oder — bekämpfen; denn es ist nicht rein ökonomisch erklärbar. IV. Worin unterscheidet sich die Stellung des d ejn okratischen Sozialismus zur Religion von der des K c m m u - nismus? Theoretisch in nichts. Beide Parteien sind prinzipiell Gegner der Religion wie der Kirche. Sie betrachten die Religion als die Denkform des mittelalterlichen Feudalismus. Aber auch hier tritt der grundlegende Unterschied in der Auffassung der beiden Parteien klar zufage. Während der Kommunismus die religiöse Denkform, die sich ja bei den ostjüdischen Proletariern in grossem Umfange noch voriindet. durch einen Federstrich zu beseitigen versucht, indem er sie „verbietet“ oder sozial ächtet, erkennt der demokratische Sozialismus diese Denkform als geschichtlich geworden an und sieht seine Aufgabe darin, vermittels erzieherischer Arbeit auf der Grundlage der Demokratie das religiöse Bewusstsein, da es mit dem sozialen Sein der Menschen nicht mehr übereinstimmt, durch höhere Bewusstseinsformen zu ersetzen. Dabei wird durchaus anerkannt, dass bestimmte Kuiiurwerie, die sich im Laufe der Geschichte als kulturfördernd erwiesen haben, auch in das Bewusstsein des sozialistischen Menschen übernommen werden müssen. V. Wie stellt sich nun der demokratische Sozialismus, d. h. die Sozialdemokratie, zur Frage des Judentums? Genau gesagt, finden wir überhaupt keine Stellungnahme zur indischen Gesellschaft der Zukunft innerhalb des sozialistischen Schrifttums. Die Sozialdemokratie hatte sich bis heute nur mit zwei Richtungen des Judentums zu befassen: erstens mit dem assimilationslustigen jüdischen Bürgertum, das als Teil der Gesamtbourgeoisie keine besondere Behandlung zu erfahren brauchte; zweitens mit dem Zionismus. Gerade die Frage des Zionismus hat im Lager der Sozialdemokratie lebhafte Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen, Karl K a u t s k y hat dagegen gewettert, Eduard Bernstein hat den jüdischen Aufbau in Palästina als Werk der jüdischen Arbeiterschaft verteidigt. Die ^praktische Politik der Sozialdemokratie, d. h. der Zweiten Internationale, hat Bernstein recht gegeben. Selbstverständlich hat man den bürgerlichen Zionismus abgelehnt; auf der anderen Seite hat man das Werk der palästinensischen Arbeiterschaft restlos und mit Bewunderung (siehe die Reden Vanderveldes!) anerkannt: die Poale Zion sitzt heule als gleichberechtigtes Mitglied im Rat der Zweiter: Internationale. Im ganzen aber muss man immer wieder feststelien, dass die Sozialdemokratie ge- - rade den Zionismus als etwas völlig aus dem Rahmen d e r i n t e rnationalen Entwicklung Fallendes betrachtet. Aus Gründen prinzipieller Demokratie kann man es nicht . geradezu ablehnen; aber man befindet sich x hier wie überhaupt immer bei der Behänd-;, lung der Judenfrage. auf unsicherem.. Boden. Im allgemeinen sieht also die SoziaUlenio - kratie jüdischen Gemeinschaften n i c h t a b - 1 e h n e ii d gegenüber, vorausgesetzt, dass SrO-f sich geistig in der Richtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung entwickeln, inkultureller Beziehung die religiöse Denk-..- form entsprechend dem gewandelten so- - zialen Sein der Juden durch eine höhere weltliche ersetzen. VI. Im Augenblick steht die*Sozialdemokratie.* wieder vor einer neuen Entwicklung: es gibt . jetzt auch in den Ländern Europas ein j ü d i - . sches Proletariat, das zwar nicht zio- - nistisch ist, nichtsdestoweniger aber aus denverschiedensten sozialen und kulturellen <•- Gründen verlangt (oft unbewusst), als Juden * in ihrer besonderen Lage anerkannt zu wer-,- den. Im Osten, wo sich die jüdischen Pro-.- letariermassen schon früher zu sozialistischen « Organisationen („Bund“ usw.) zusammen- - geschlossen hatten, wurden sie nach einigen Kämpfen als geschlossene Gruppe anerkannt. - Im Westen, wo die jüdischen Menschen zerstreut leben, wird sich die Arbeiterschaft', jetzt auch daran gewöhnen müssen, diese Menschen als Kollektiv in die Front der- Arbeiterbewegung einzureihen. Sie muss und wird aber verlangen, dass das jüdische, c Proletariat auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft für einen Wandel der Bewusst- - seinsformen kämpft, der seiner Seinsform entspricht. Heinz Cohn. £0)3 4roe i Die Wandlungen der geistigen und wirtschaftlichen Lage der jüdischen Jugend sind - auch für den organisatorischen Aufbau der jüdischen Jugend nicht ohne Folgen geblieben. Alte Grenzen sind vielfach gefallen, sobald sich gemeinsame Teilaufgaben.r: ergaben, und neue Gefahren und Probleme sind aufgetaucht, die eine Veränderung * der organisatorischen Gliederung notwendig zu machen scheinen. Dies gilt für die r jüdische Jugend im allgemeinen, es gilt aber auch für ihren deutsch-, jüdisch eingestellten Teil. Nach den verschiedensten Richtungen ist eine t Neuorientierung notwendig- Die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen jüdi-,. sehen Richtungen muss vertieft werden. Eine neue Beziehung zwischen der ,,bündi- * sehen“ Jagendbewegung und den deutscbjüdischen Arbeitsgemeinschaften ist not- . wendig. Eine nähere Betrachtung des ganzen Problemkreises wird aber zeigen, dass gerade € hier die Begriffe vielfach erstarrt sind, während die Inhalte bedeutsame Wandlungen-, durchgemacht haben. Das gegenwärtige Stadium der Entwicklung ist dadurch gekerm-,. zeichnet, dass die Gruppierung, wie wir sie in der Nachkriegszeit hatten, seit einiger. Zeit sich grundsätzlich gewandelt hat, ohne dass sich jedoch die Neu-,, bildungen schon mit solcher Deutlichkeit ncfsuskristallisiert hätten, dass sich eine neue Marschroute festlcgen liesse. Es kommt darauf an, wieder voraussetzungslos an die Dinge heran-., zugehen nicht um Entscheidungen zu umgehen, sondern um sie vor Oberflächlichkeito und Unzulänglichkeit zu bewahren. Als Beginn der Auseinandersetzung, an der sich , alle Kreise beteiligen mögen, ist der folgende Aufsatz aufzufassen. I. Die deutschjüdische Jugend befindet sich heute in einer eigentümlichen Lage: sie ist noch weniger einheitlich als die zionistische Jugend, verfügt über keinen einzigen grossen Bund mehr und ist sich eigentlich nur in dem einen Punkte einig: dass die deutschen Juden Deutsche - r n j c - j-'R a I i oU'in lind blilU» OUÜÖl -UClAÜOl l ÄiVid Bürgerliche, Bündische und Unbündisehe,^ Organisierte und Unorganisierte, Links-., stehende und Rechtsstehende, erklärte Zio-- nistenfeinde und Jewish-Agency-Anhänger „deutsch jüdisc h“, und daher kann man nicht gut über „die“ deutschjüdische Jugend schreiben. Man muss zuerst erklären, welche man meint. Hier wird von der grossen Masse deutscher Jugend yüdi-