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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1932-09-16 · 16.9.1932 · p. Seite II

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
8 (1932)
Issue
16.9.1932
Date
1932-09-16
Page
Seite II (sequence 2)
Language
German
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sozialen Lage gegenüber auch keine Distanziemngsparole helfen. Der übergrosse Teil der jüdischen Jugend befindet sieh oder befand sich aber bis jetzt in einem Zustand völliger Indifferenz sowohl jüdischen wie allgemeinpolitischen Forderungen gegenüber. Das bängt zusammen mit den soziologischen Entwicklungen, auf die hier nicht näher einzugehen} ist. Die bisherige Erfahrung hat gelehrt, dass hier ein völliger menschlicher Umbruch stattfinden muss, um auch zu*einer erneuerten jüdischen Bindung zu kommen. Es zeigt sich sogar immer wieder, dass für diese Entwicklung der Weg über die Bewusstmachung der soziologischen und politischen Situation richtig ist, dass erst von der Neuformung des ganzen Gesell- Bcbaftsbüdes her Baum für neun jüdische Bindung frei wird. Hier wäre eine Forderung nach „Non-Cooperation“ geradezu verderblich, weil sie einen bestehenden Zustand sanktionieren würde, ohne Raum für das Jüdische zu geben. Es ist notwendig, an diesem Punkt etwras über die. Menschengruppe zu sagen, für die das Scblagwort „rote Assimilation“ geprägt worden ist. Die3 Schlagwort hat einen höchst komplizierten und keineswegs endgültigen Tatbestand unrechtmässig vereinfacht. Im August-Heft des „M o r - g e n“ weist Dr. Hermann W. Sänger mit Recht darauf hin, das3 dabei im Grunde eine positive psychologische Situation vorliegt. Junge Menschen, zum grössten Teil ohne jüdische Erziehung, finden in den1 heutigen Formen des offiziellen Judentums keine Erfüllung und stellen sich ein in den Kampf um gesellschaftliche Erneuerung. Wer näher hinsieht, weiss, dass auch bei •diesen Menschen die jüdische Frage nicht beantwortet und erledigt ist Sehr oft ist sie nur vertagt, bis ein Erlebnis des Fremdseins sie weckt Die aggressive Haltung des jüdisch-kommunistischen „Jewsekzianismus“ ist nur zu verstehen aus der Herkunft vom russischen Judentum, in Deutschland fehlt ihm die negative Stosskraft. Bei uns verfallen Menschen der roten Assimilation hauptsächlich, weil sie jüdisch überhaupt nicht mehr gebunden s i n d. ./■ In bezug auf die jüdische Bindung hat eigentlich nur eines bisher nicht versagt: die persönliche Erfassung einzelner Menschen und kleiner Kreise. Das hängt damit zusammen, dass es kaum noch jüdische Worte gibt, die von allen deutschen Juden gehört werden. Es scheint als ob sich das deutsche Judentum in eine Reihe von Judentum ern aufgelöst hat, und als ob das, was für die einen von zentraler Bedeutung, für die anderen peripher oder bekämpfenswert ist Deshalb besteht kein Recht, sich durch eine solche Parole von Menschen abzugrenzen, uie sich durch keine dieser einzelnen Richtungen erfasst fühlen und doch ihre Kraft elnsetzera wollen. Hinzu kommt dass immer schneller immer mehr Menschen durch den ökonomischen und politischen Druck in diese Richtung gedrängt werden, bevor sie „entjudet“ sind. Die Forderung nach „Non-Cooperation“ würde diese Tendenz beschleunigen, ohne doch im selben Masse die Möglichkeit der jüdischen Erfassung verstärken zu können. Dr. Marcus hat seine Ausführungen auf der entscheidenden Voraussetzung aufgebaut, dass von einem distanzierten. Punkt her es möglich sei, die Zeitgeschehnisse von einem jüdischen Standpunkt her zu beurteilen. Auch das ist aber keineswegs eindeutig sicher. Ein jüdisch-orthodoxer Gelehrter hat vor kurzem ausgeführt, dass es heute keine gültige Weise gäbe, vom Judentum her zu Zeitgesehehmssen Stellung zu nehmen, wenigstens röcht in umfassender Weise. Der liberale und der zionistische- Standpunkt verzichten von vornherein auf Stellungnahme £.11311 fl ff q /n* g,«-”. '■> % i ''<kH U iJ il \ ft u y ’syj £L» y u ü y y y tuj 3 Mit den folgenden Ausführungen eröffnen wir die Aussprache über das Thema „Judentum und S o z. i a 1 I s m u s“, das beute in der jüdischen Jugend eine ausschlaggebende Rolle spielt- Wenn Heinz Cohn bei seinen Ausführungen die grundsätzliche Bejahung des Sozialismus zum Ausgangspunkt seiner Erörterungen macht, so liegt hierin selbstverständlich nur eine persönliche Meinungsäusserung. * Der Centralverein kann sich — und hierin liegt seine besondere Eigenart — nicht an eine bestimmte al!jemeinpclitische Weltanschauung oder Partei anlehnen. Da er aber allen deutsch jüdische d Mensch e's geistige Heimat sein will, so ist in seiner Mitte Raum für alle Fragen, die diese Menschen bewegen. L r».*_ . T,»,*,-,«*,«™ 1^10 ixi lac, iu uci oivu vjo^ vuu^uvum wieder einmal befindet, ist deshalb so ernst, weil sie seinen inneren Bestand gefährdet. In diesem wesentlichen Merkmal unterscheidet sie sich grundlegend von allen anderen Erscheinungen, die den Bestand der jüdischen Gemeinschaft in den letzten 100 Jahren bedrohten. Schon zu Lebzeiten Moses Mendelssohns machten sich im westeuropäischen Judentum Strömungen bemerkbar, die darauf hinzielten, die jüdische Gemeinschaft aufzugeben, um in der. grossen Gemeinschaft aller wahrhaft liberalen Menschen aufzugehen. Mendelssohns Nachkommen selbst sind dem Ruf gefolgt und haben uns damit zugleich gezeigt, wie sehr die Forderung der Gleichberechtigung, vertreten im Kreise ihres Vaters, missverstanden werden kann. Und dennoch, auch der lockende Ruf der Emanzipation mit seinem drohenden „do, ul des“ (ich gebe dir dein Recht, gib du mir dein Judentum!) hat e3 nicht vermocht, die Masse der Judenheit ihrer Gemeinschaft zu entfremden. Der tiefere Grund für diese Tatsache liegt darin, dass im Begriff des Weltbürgertums zwar ein grosses Ideal vorliegt, dagegen aber überhaupt nichts Konkretes gefordert ist. Nachdem einmal die Gefahr erkannt war, hatte es die jüdische Gemeinschaft mit ihren handgreiflichen Bindungsmögljchkeiten, Religion und Gemeindeleben, verhältnismässig sehr ■I «Mm ■iran—i'—— i nimm mm mm nun mm h ■um mm mui ■hbmiwhh m i iw i zu entscheidenden Fragen. Von welcher jüdischen Position her darf diese Forderung erhoben werden? Der Selbsterhaltungswille der deutschen Juden ist ein gewaltiges Argument, er wird seine Kraft aber nicht in Abgrenzungen, sondern in positiver Erfassung von Menschen zu erproben haben. Wie wTeit die von Dr. Marcus mit Recht bekämpfte Vermengung von „deutscher und jüdischer Sphäre“ reicht und wie eng sie mit dem Fehlen eines gemeinsamen jüdischen Bewusstseins Zusammenhänge zeigen seine Aufsätze selbst deutlich genug. Denn die Begründung für seine Forderung nimmt er nicht aus dem* Jüdischen selbst, sondern aus einer allgemeinen Z e i t a n a 1 y s e. Es ist in der jüdischen Geschichte öfter die Forderung nach Absonderung erhoben worden:, aber als unmittelbares göttliches Gebot- Bei Marcus wird sie damit begründet, dass uns — über die formalen Staatsbürgerpfliehten hinaus — der Zugang zu den Wurzeln des deutschen Geschehens fehle. Das ist nun in Wirklichkeit nichts als die faschistisch - nationalistische Ideologie. Warum sollen wir Juden gerade diese Teilsicht als für uns verbindlich anerkennen? Ist die Sprache der Judenhasser die einzige, die noch alle Juden verstehen? Dieser nationalistischen Parteisicht steht im deutschen Volke seihst die Sicht anderer Parteien gegenüber, die marxistische und die katholische vor allem, die uns durchaus nicht unverständlich s>nd. Es soll hi^r gewiss keiner Verwischung des liefen Wandels im Denken das Wort leicht, den Angriff abzuschlagen. Später, i>lo ■»TtnoVimnn/in TTSVUlt'1««/-} r) In J AH sie tatsächlich ihren nichtjüdischen Mitbürgern sozial sehr anglicb, kam eine Welle gesteigerten Judenhasses nach der anderen und zwang sie, sehr zu ihrem Leidwesen, wieder Zuflucht bei der alten Mutter, der jüdischen Gemeinde, zu suchen. So kam es, dass, bei aller sozialen Ausgeglichenheit an das Bürgertum Westeuropas, doch eine gesellschaftliche Schranke aufgerichtet blieb, die oft und von vielen überschritten wurde, jedoch für die jüdische Gesamtheit sichtbar bestehen blieb: denn auch die „Assimilierten“ sahen sich ab und zu gezwungen, wieder einmal zu den Kraftquellen der jüdischen Gesellschaft zurückzukehren, die, wde sie auch immer im einzelnen bewertet wrerden mögen, durch die Gefahr der bürgerlichen Assimilation nicht erschöpft werden konnten. Gewiss, es gab viele Taufen, und doch blieb der Bestand des Judentums gewahrt; die Getauften fielen ab, gingen als Individuen verloren, eine Gefahr für die Substanz bildeten sie nicht. II. Der Kommunismus bedroht hingegen die Substanz des Judentums. Auch er stellt eine Bewegung der Assimilation dar, und er findet seine beste Unterstützung in der sozialen und ökonomischen Krise, die die Judenheit ergriffen hat. Durch das Anwachsen des anonymen Kapitals sowie durch die Konzentrationsgeredet werden, der sich jetzt vollzieht. Ganz sicher wird in Zukunft eine jüdische Gruppe im deutschen Volk nur unter genauerer Berücksichtigung aller neu sich gestaltenden Tatbestände unseres öffentlichen Lebens aufgebaut wrorden können. Das kann aber nicht geschehen durch blosses Nachgeben auf den Druck von aussen, sondern durch langsamen Aufbau lebendiger Gemeinschaft. Es ist hier nur die Rede gewesen von den Wirkungen auf die Juden. Trotz der Gefahr der Vermengung der Gebiete können wir die Wirkung auf die nichtjüdische Umwelt nicht ganz ausser acht lassen. Dass die Nationalsozialisten durch ein entsprechendes Verhalten zu einem Verzicht auf ihre weitergehenden Entrechtungsforderungen gebracht werden würden, ist nicht gut anzunehmen. Möglicherweise würden wir uns auf dieser Basis mit dem Teil des Bürgertums, das noch nicht bei den Nationalsozialisten ist, verständigen können. Ganz sicher würden wir uns damit der deutschen Arbeiterschaft, die doch unsere verfassungsmässige Gleichberechtigung allein eindeutig garantiert, völlig entfremden. Wir können uns nicht mehr distanzieren, abseitsstehen. Die durch unser Gesamtempfioden bedingte ökonomische und politische Verflechtung lässt uns keine Lücke offen. Unser Schicksal ist unlöslich in d a s a 11 g e in e i n e Schicksaleingebettet. Ernst Still mann.

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