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Central-Verein-Zeitung · 1932-09-16 · 38 (16.9.1932) · p. Seite 386

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
38 (16.9.1932)
Date
1932-09-16
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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356 lMö oe von GemeinSeraödiner Dr. Reinhs'S Lsrvin lUsni-iLbsrg r. Pr.) Zahllos und mannigfach sind die Sorgen, die uns deutsche Juden von heut bedrängen. Welche unter ihnen verdient den Vorrang, weil sie am gefährlichsten uns bedroht, uns am tiefsten aufwühlt? Ist es unser wirtschaftlicher Niedergang, der Gedanke an unser Auskommen, das täglich knapper und knapper wird? Oder schreckt uns vornehmlich das politische Gespenst, das Geschrei der Gaste von unserer Entrechtung, unserer Degradierung zu Staatsbürgern zweiter Klasse? Geht man der Unsicherheit, die uns öewegt, schärfer nach, so trifft man wohl auf einen Gefahrenpunkt, der am tiefsten hinabreicht. Unser Schwanken ist Folge und Ausfluß davon, daß uns seit langem jene Wurzelhaste Selbstgewißheit abhanden kam, die im Mutterschoße jüdischer Geistigkeit vertrauensvoll und glaubensstark ruhte. So ist unser Schicksal, ist unsere Stimmung bloß Teilausschnitt aus der gewaltigen Krise, die unsere Zeit überhaupt beherrscht. Deren Anlaß und Artung find nicht minder umstritten. Kommt ihr Lösungsversuch dem Staatsmann oder dem Wirtschaftler zu? Oder gilt nicht vielmehr beider Bemühung einem höheren und wichtigeren Ziel — der Rettung einer ganzen Kultur, der Erhaltung einer geistigen Ueberlieferungsfettc, die, in den Anfängen der Menschheit geschmiedet, ihre Entwicklung und Aufwärtsbewegung gliedweise Zusammenschließend, zu Zerspringen und ins Bodenlose zu gleiten droht? Was heut allgemein und im besonderen aus dem Spiele steht, wird durch die Umwälzung deutlich gemacht, die von den Sowjets her gegen unsere Gesellschaftsordnung anrennt. Ter Neugestaltung aller Dinge, aller Formen, aller Verhältnisse, wie sie da im Namen des Kommunismus erfolgt, wird keine politische und keine ökonomische Betrachtung gerecht. Vollkommen anders muß unser Blickpunkt sich einstellen, will er die Linie des Ämeralangrisss ein fangen, der von dort aus, bald auf diesem, bald auf jenem Terrain seine Truppe entsendend, gegen uns vorstößt. «Leine fanatische Eindeutigkeit sah es auf nichts als auf unsere Seele ab. was immer unser gegebener Sprachgebrauch unter ihr versteht, ob er sie nur gegen Stoff und Aeußerlichkeit abgrenzt oder ihre Werthastigkeit religiös bestimmt, Ueber diese eigentliche Zuspitzung jeden Zweifel benommen, jede Unklarheit zerstreut Zu haben, ist das vielleicht unfreiwillige Verdienst der sogenannten Gott lo sen o ewegu n g, deren Vorpostengeplänkel seit längerem dazu überging, planmäßig aus der russischen Festung auszuschwärmen. Es ist ungemein aufschlußreich, je peinlicher die Sowjets. Zensur und Nachrichtensperre handhaben, je schwieriger das Material und seine Beherrschung in der Ursprache zugängig ist, in jenes Eeisteszentrum des kämpferischen Kommunismus Einblick zu erhalten. Ein angesehener Verlag des katholischen Deutschland legt eine dankenswerte Veröffentlichung vor, die. übersichtlich gegliedert, mit reichen Belegen und Abbildungen ausgestattet. nur von gelegentlicher Erregtheit durchblitzt, den Eindruck höchster Sachlichkeit und Zuverlässigkeit macht*). Mit ihrer Hilfe Kenntnis nehmen von dem antireligiösen Terrorsystem, das von Moskau her aus allen Gebieten und mit allen Mitteln der „Verband der kämpfenden Gottlosen" organisierte, heißt Zwangläusig für den jüdischen Leser die Ueberzeugung gewinnen: hier geht es letztlich um unsere Lache, um die Negierung desjenigen Kul l u r s a k L o r s, mit dem wir Juden als ÄoLk des Glaubens, als Gemeinschaft der Offenbarung glauben und beanspruchen, die Menschheitsgeschichte bereichert zu haben. Uns liegt gewiß jeder Undank fern, der den Sowjets vergißt, daß ihre Tatkraft Len Pogromamisemitismus des Vorkriegsrußland beseitigt hat. Ebensowenig mag es^ angebracht sein, ihren Umschichtungsplänen, die den jüdischen Lustmenschen auf dem Boden der Krim oder selbst im fernöstlichen Wetterwinkel von Biro-BiLschan ansiedeln möchten, mit ausschließlichem Mißtrauen, etwa mit der Verdächtigung entgegenzutreten, hierdurch wolle man nur ausländischen Kapitalisten Sand in die Augen streuen und Geld aus der Tasche locken. Dennoch und dennoch dräng: sich unabweisbar die Erwägung auf. was auf die Tauer an den Kern jüdischen Wesens inniger rührt: Verfolgung und Drangsalierung des jüdi'chen Menschen, dereinst nn Namen des rechtgläubigen Zaren geübt, oder Karikierung und Zersetzung des jüdischen Glaubens, bewußt inspiriert und eingesegnet von Karl Marx, diesem „Typ des aus seiner jüdischen Stammes- und Religionsgemeinschaft losgerissenen, entwurzelten Radikalen". Wo ein konzentrischer Angriff gegen die Religion an sich geführt, wo ihre Verächtlichmachung und Ausrottung, da allmähliche Verschwinden ihrer Lehren und Gebote, ihrer Vertreter und Anhänger zum Prinzip der Taktik erhoben wird, wäre es vollendete Torheit, mit einer Ausnahmebehandlung des Judentums zu rechnen. Unsere Bibel ist nicht bester als das heilige Schrifttum der übrigen Bekenntnisse. Wie zur höheren Ehre der Naturwissenschaft gleich die beiden Anfangskapitel der Genesis gegeneinander ausgespielt und überdies des Plagiats beschuldigt werden (die hebräischen Popen hatten den Lchöpfungsbericht aus den babylonischen Büchern abgeschrieben), so wird allgemein die Religiosität der Frau mit den Reinheitsbestimmungcn des Leviticus au'ge stachelt. Aus ihnen gehe hervor, daß die Bibel das weibliche Geschlecht für minderwertig und unrein erkläre. Entsprechend wandern Israels Festkalender und Brauchtum in den großen Orkus, dem jeder Ritus, jede Feierstunde irgendeiner religiösen Weltanschauung zum Opftr fallen. Sogenannte Subbotniki, Opfertage zugunsten einer öffentlichen Sammlung, die sich aus freien Stücken die jüdischen Arbeiter aufcrlegen, mn Alteisen *) Adolf $ ieg?<t. ^Die russische Gottlosenbewetzung.“ Eine Quttrnrischr DarnrÜuna mir rerÄcm, irr Deutschland erlirncr^ veröffentlichtem Bildr:- material. Verlag Jos. K.ösel und Frieür. Pustet, München 1932. 248 Seiten, Preis ged. 4,50 Mark. Glasbilder zum Selbstaiifertigess* Ass der Anti-Ostemumxaer der „Bast 1527“. Za dem obesstehendeu Aufsatz; „Die Gottlosecbe-wegan# and vir“ ml fi. Müimmm fi.-G. Ursprung 1835 SPÜRü::0 LEBEHSVEnSICHERUHG HIIkJOIIISSESInMSEM Mitarbeiter gesucht zu suchen, den Fabrikhof zu kehren oder Feldarbeit zu verrichten, treten an die Stelle von Neujahr und Versöhnungstag. Tie Oktobrinen sind der gleichmäßige Ersah der Taufe und Bcschneidung, und die ununterbrochene Arbeitswoche erledigt alle Ueberbleibsel religiösen Lebens, mögen sie nun Sonntag oder Labbat heißen. Wenn deshalb Programme entworfen und Richtlinien ausgestellt werden, um Organe der Oessentlichkeit, beispielsweise Kindergarten und Schule oder Filmindustrie, in die Front der Antirelrgionskampagne einzubeziehen, w-ird nirgends Unterlasten, des jüdischen Gegners mit Erwähnung zu tun. Höchstens beim Kinowesen unterläuft dann dem staatlichen Berichterstatter die einstweilige Feststellung, daß gegen die Juden „leider noch kein" verwertbarer Film gedreht sei. Dafür ordnete aber schon der ursprüngliche Kinoersatz, ein Entwurf von Glasbildchen zur Selbstanfertigung der Diapositive, in die Mitte zwischen Gottvater und Allah den Judengott — eine widerliche Fratze mit Einauge und Hakennase, vom Himmel den Segen herniedermauschelnd, aus Erden mit dem dickbäuchigen Bourgeois verbündet (vgl. die untenstehenden Abbildungen). Denn der Glaube an ihn ist ja nichts Hervorstechendes, nichts Einzigartiges: er ist Teilglied der reaktionären Phalanx, die kulturell die Verdummung. ökonomisch die Ausbeuterei und politisch die Gegenrevolution verficht. Wie der alte Judengott in der Wüste sein Volk hinter sich herzerrte, einen Strick an Moses lange Nase gebunden, wie noch immer seine irdischen Stellvertreter, der schimpfende Rabbiner, der insgeheim am Sabbat raucht, und der unzüchtige Lehrer, der sich an der Schuljugend vergreift, charakteristische Beispiele pfässischer Heuchelei und Lüsternheit sind, so wird das Judentum zu den Mächten geworfen, die das junge Nustenparadies mit dem Schreckgespenst der Intervention bedrohen. Es ist zur Stelle, wo das internationale Kapital dre große Granate zur Explosion bereit macht, die in merkwürdiger Harmonie Hakenkreuz und Sozialismus mit einem Geldregen überschütten, während inmitten des Klerus aller Religionen auch der Rabbiner, mit Gebetmantel und Gebetriemen geschmückt, zur Elaubensweihe die Thorarolle entgegenstreckt'). Jedoch über diese Erledigung in Bausch und Bogen, über diese Erfassung innerhalb des großen Rahmens hinaus erscheint der jüdische Glaube in den Augen der Gottlosenbewegung wichtig oder hartnäckig genug, um noch besonders aufs Korn genommen zu werden. Bereits im Anfang, als die Zeitungspropaganda noch der Sozialisierung entbehrte, hielt man es für angebracht, eigene Spalten und ganze Seiten der Zeitung ,Sesöoshnik" (Der Gottlose) für die Juden vorzumerken. Unter der Ueberschrift ,LÜie der Judengott arbeitet" gab man weite Partien der Bibel satirischer Verzerrung und *) 6. 135, Dgl. auch S. 167 (fi« Iudenftarrunling Hilferding, mit Evangelium und Kruzifix bewaffnet, unter den sowjetfeindlichen Sozialisten fuhrcrn).

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