Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 36 (2.9.1932)
- Date
- 1932-09-02
- Page
- Seite 367 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ZH7 ä ul 0 iu jü ü 'til Dr.J. VeuLherr, 30. August. Die schweren Ausschreitungen der lebten Woche richteten sich, genährt durch a n 11 * semitische Gerüchte, in immer stärkerem Matze gegen die Juden. . Die das Gerichtsgebäude umgebenden Masten brachen immer wieder in den Ruf aus: „Deutschland erwache, Juda verrecke!" Ern Trupp zog am Abend des 23. August vor die Synagoge und rief dort: „Nieder mst t denIuden!" Am 24. August bildeten die Nationalsozialisten einen Zug aus sieben- bis zehnjäh rigen.Kindern, die der Verurteilten an der Spitze. Man gab diesen Kindern Hakenkreuzfähnchen in die Hand und ließ sie durch die Straßen und um das Gerichtsgebäude ziehen und die bekannten nationalsozialistischen Lieder mit den judenfeindlichen Texten singen. Verschiedentlich wurden jüdische Persönlichkeiten angerufen und am Telephon mit Beschimpfungen und Bedrohungen überhäuft. In das Geschäft einer jüdischen Dame in der Vorstadt drangen zwei Männer ein, einer davon in Hitler-Uniform, und riefen ihr zu: „Hierwohnt auch so ein verfluchter Jude! Die Scheibe kommt auch noch dran!" In den Abendstunden dieses Tages kam es zu einem neuerlichen Scheibensturm, von dem. wenn man von den Zerschlagenen Fenstern im sozialdemokratischen Dolkshaus und' der Zertrümmerung eines Aushängekastens der Hentrumszeitung absieht, nur Juden betroffen wurden. Einem jüdischen Arzt wurden die Fenster, zahlreichen jüdischen Gewerbetreibenden Schaufenster-, Tür- und sonstige Scheiben, stellenweise zwei und drei in einem Geschasst Zertrümmert. In der vorhergehenden Nacht waren übrigens auch in Gleiw i tz im Zusammenhang mit den Beuthener Unruhen in einem jüdischen Geschäft in OerHaupt st ratze drei <Lchaufenfterscheiben eingeschlagen worden. Hier konnten die Täter, zwei Nationals.ozialisten, von denen einer Uniform trug, verhaftet werden. Auch in Beuchen find inzwischen Festnahmen erfolgt. Zwei Nationalsozialisten wurden wegen Beteiligung an dem Sturm auf die Schaufenster verhaftest und acht weitere Männer, deren Partmzugehörigkeir zurzeit noch nicht feststeht, wegen Plünderung der Auslagen. Am 24. August wurde ein Nationalsozialist bei dem Versuch, eine Schaufensterscheibe in einem jüdischen Geschäft einzuschlagen, verhaftet. Die Polizei griff am Mittwoch abend energisch ein und räumte wiederholt, ohne von der Schußwaffe Gebrauch zu machen, die Straßen. Die noch in der gleichen Nacht vom Oberpräsidenten verfügten Maßnahmen haben inzwischen die Ruhe wiederhergestellr. Die Nationalsozialisten haben ihre Leute von der Stratze zurückgezogen. Der Landesverband und die Ortsgruppe des Centralvereins unternahmen gegen die Ausschreitungen Lei der zuständigen Be h 5 rdedrenotw endigen Schritte. An der Verschärfung der Lage und der Beunruhigung der.Bevölkerung hat die nationalsozialistische „T e i: iiäje D ft f r o n t" durch tqre Hetzartikel ein gerütteltes Matz an Schuld. Wiederholt brachte ge unwahre Berichte, datz Juden, deren Schallst?-- und Privatadreyen genau angegeben warm, ihrer Freude über die Todesurteils offen Ausdruck gegeben hätten. Wegen der ständigen Lügenmeldungen über einzelne Juden oder die jüdische Gemeinschaft sind gegen diese Zeitung eine ganze Reihe von Strafanzeigen erstattet worden bzw. schweben bereits gevich Aichs Verfahren. Tie Zeitung hat b i s h e z ' i n keinem Fall eingefanbte Berichtigungen gebracht. Der Abschluß der Gerichtsverfahren zieht sich so lange ch-m, daß sich die Hetze voll ausw irken und zu llww alt taten gegen die Angegriffenen führen kenn. Nichts ist unverständlicher als diese Langsamkeit. Menschenleben stehen auf dem Spiele. Jede Stunde kann neue schwerste Exzesse bringen. Da begehen die verantwortlichen Behörden unverständliche Versäumnis, wenn sie nicht unverzüglich eingr'eisen und von heute aus morgen auf Grund ihrer Ermächtigungen Sühne und Beruhigung schaffen. Welche Früchte diese Hetze trägst dafür ein Beispiel: Ein naürnalsozialisiischer Demonstrant wird am Mirnwoch abend bewußtlos in ein Cafö hineingetrcgen. Jemand will einen der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnenden Aerzte berbeirufen. Da ruft eine Dame entsetzt aus: „Ilm Gotteswillen nicht! Das sind doch alles Juden, die könnten ihn ja vergiften!" So sind die Vorfälle in Beuthen, wie ja auch schon die kurz vorher vorgekommenen Handgranatenattentats auf Juden und jüdisches Eigentum in Oberschlesten gezeigt haben, kennzeichnend stllr die innere Bereitschaft eines Zur wilden Judenfeind scraft aufaesrachelten Teiles der Bevölkerung, anristmitische^ Ausschreitungen herbeizusühren auch bei Anläßen, die, wie der vorliegende, mir Juden und Judentum nicht das geringste zu mn haben. Welche Gefahr solche" Gewalttaten in einer Grenzprovinz wie Oberschlesien außenpolitisch für unser Vaterland bedeuten und welchen Schaden sie Deutschlands Ansehen in dach Welt zufügen, braucht nicht besonders dargeügt zu werden. Wir winen, daß in einer Zeit, in der große Teile des deutschen Volkes einander feindlich Fotiseizung von Seife 366 „Berliner Tageblatts" oder eine ihm nahestehende Persönlichkeit einen solchen Ausspruch getan. So wenig das „Berliner Tageblatt" jüdische Jnteresien vertritt, so wenig wünsch oder sieht die Judenheit darin ihr Organ. Hier muß unsere zähe Kleinarbeit einsetzen. Mit dem zahlreichen vorhandenen, immer wieder verbesierten Aufklärungsmaterial, das die wirkliche Stellung und das Wesen der deutschen Juden zeigt, werden wir unseren leidenschaftlichen Kamps um die Wahrheit fortführen. In einer Zeit, in der die Behörden uns Juden nur mit einer gewitzen Zaghaftigkeit Gehör und Schutz schenken, in der Menschen, die für uns waren und ihre Stimme erhoben, verstummen, weil sie die Roheit fürchten, in einer Zeit, in der die „Leisetreter" u n d „G e i st i g e n" in ihrem Winkel bleiben und nur die Arbeit der anderen kritisieren, in einer Zeit, in der die anderen in der Vertretung jüdischer Rechte gern zurücktreren, weil es chnen nicht angenehm isst sich heute offen zu ihrer Sache zu bekennen und auch in der Oeffentlichkeit dafür einzutreten, in dieser Zeit werden wir mit unbeirrter Gerade eit unsere Arbeit weiterleisten, unseren Kampf weiterführen und nicht auf den Tank, aber auch nicht auf die Kritik der Untätigen warten. Das Bewußtsein der zahlenmäßigen Unterlegenheit unserer Gemeinschaft und der llebcrmachr unserer feindlichen Umwelt wird uns nicht hemmen. Wir wissen von der großen Zahl derer, die mit uns in d i e F r o n t d e s K a m p f e s um Ehre, Wahrheit und Gerechtigkeit treten. Wir werden nicht zulatzen, daß die Minderzahl der Feiglinge und Leisetreter die Zukunft, unsere Zukunft, gestaltet. Auch bei uns im Innern heißt es: Landgraf werde hart! . gegenüberstehen und sich mit allen Misteln und auch dem der Estwaltanwendung bekämosen, wir deutschen Zellen nicht verlangen können, als einzige ruhrg und unangescchren leben zu können. Wenn;r:t Zellen aber die bevorzugren Obsekte der Ausschreitungen werden, 'ch wird uns nienn.an.d das stecht verwehren können, die verantwortlichen Männer in Deeerstu land immer tuieOer auf ihre üff'llcht hinzuweisen und ihre Erfüllung von ihnen zu fordern.' ' Gühnr für Sensöurg Zusammenbruch Der juvenfeindlicherr Verleumdungen. In Nr. 31 der ,,C. D.-Zeitung" vom 29. Juli berichteten wir über die schweren Ausschreitungen, die von Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäftsleute in ^ensburg (Ostpreußen) verübt wurden. S-enssturg bildete sozu'agen den Austakt all der vielen Gewalttaten, di-e dann in den nachfolgenden Tagen und Wochen begangen wurden. Glm 25. und 26. August fand nun die Verhandlung gegen die Attentäter vor dem Sondergeri chst Lyck statt. Don den zwölf Angeklagten mürbe der Angeklagte Wieczorrck irrigesprachen. Die übrmen in dem Landfriedsnseruchpro geß Augeklagtch erhielten folgende Gefängnis strafen: "Max Matz, Earl P a s u ch a , G o l l u b und C Hoffmann je drei Monate, L a u d i e n fünf Monate, Koszinowski vier Monate, Erich P a s u ch a sechs Monate, F l i n z a ck sieben Monats drei Wochen, Zimmermann acht Monats, K i r m zehn Monate, Erwin Heinrich ein Jahr. Ter Letztgenannte wurde sofort wegen Fluchtverdacht in Haft genommen. Die Verurteilung erfolgte wegen schweren bzw. einfachen Landfriedensöruchs, be: Flinzack außerdem wegen versuchter Nötigung. Das Urteil ist sofort rechtskräftig. Tie Verhandlung ergab in keinem Punkts Unterlagen für die schmählichen Verdächtigungen, die neben anderen insbesondere Prinz August Wilhelm gegen die rLensbnrger Juden erhoben hatte. ^uch die lluZsnnWon- Der Leiter des „Nationalsozialistischen D-eutschen Psarrerbundes", Pfarrer Hosisnfelder, gibt in den von der Reichsorganisationsleitung der NSDAP, veröffentlichten Richtlinien zur Kirchenwahl folgende Stellungnahme zur Frage der Judenmission bekannt: ,Ln der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. L:e ist das Eingangs tor fremden Blutes in uweren Dolkskörper. Sie hot neben der äußeren Mission keine Daseinsberechtigung . . . Wir lehnen die Judenmission in Deutschland ad. solange die Juden das ^taatsbürgeriecht besitzen und damit die-Gefahr für die Rassenverschleierung und^ Nansnbastardierung ' besieht. Die Heilige Schrift weiß auch eUvas zu sagen vom heiligen Zorn und sich versagender Liebe. Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten." Diese Stellungnahme, zu der wir als bewußte Juden gleichgültig stehen, ist vom christlich-dogmatischen Standpunkte her sehr bemerkenswert. Er verneint die Grundlagen des Christentums. Nationalsozialistische tzopkoüZentrale Der ,,Dö k k i s ch e Beobachter" Nr. 195 gibt auf ^eite 3 de? Hauptblattes „Sonderanweisungen des Leiters der Hauptabteilung IV (Sirifd'.ari)" bekannt. ~ Aus ihnen ist die bemerkenswerte Tatsache zu entnehmen, daß dieser Wirtschaftsabteilung eine eigene „Stelle zur Organisation der Bovkottbewegung" unter Leitung'des Pg. Sturm von der „Kampfgemeinschaft gegen Warenhaus und Konsumverein" anaegliedert ist. Es steht also außer Frage, daß der Boykott planmäßig und von einer Zentralstelle aus betrieben wird. vr. H. L.