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Central-Verein-Zeitung · 1932-09-02 · 36 (2.9.1932) · p. Seite 366

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
36 (2.9.1932)
Date
1932-09-02
Page
Seite 366 (sequence 2)
Language
German
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2HH tische Agitation war immer ein Mittel, Disziplin und Solidarität unter den Nazis wiederherzustellen. Deshalb überbietet sich die Nazi-Presse in antisemitischen Beschimpfungen/ Wir wissen, daß die g e r e ch t e E m p ö r u n g über die haßerfüllten Uebersieigerungen von Goebbels in allerweitesten Kreisen des deutschen Volkes glücklicherweise ebenso groß und ebenso entschieden ist, wie wir sie hier vorfinden. Aber diese Empörung äußert sich nicht; bei dem Mangel an Zivilcourage, der heute in Deutschland vorherrscht, wagen die Menschen nicht, sich offen zu ihren Empfindungen zu bekennen, weil sie fürchten, sich unbeliebt zu machen. Wir nehmen kerne Stellung zu allgemeinen politischen Ereignisien des Tages. Die Entscheidung darüber, ob die Urteile von Ohlau und Beuchen gerecht waren oder nicht, steht nicht bei uns. Um so mehr müssen wir fragen: Washaben die deutschen Juden mit diesen Urteilen zu tun? Im Widerspruch zur Wahrheit werden alle möglichen Prozeßbeteiligten Al Juden gestempelt, nur, um aus politischem Eigennutz einen Anlaß zu neuer Hetze gegen die Juden zu gewinnen. Man kann cs verfolgen, wie in steigendem Maße jetzt wieder — im Gegensatz zur Praxis der letzten Monate — systematisch jeder Anlaß benutzt wird, um an chn neue Hetze gegen die Juden zu knüpfen. Klara Zetkin, die den neugewählten Reichstag als Altersprafidentin zu eröffnen hatte, wird zur Jüdin gestempelt, obwohl weder in ihren Adern noch in denen ihrer weiteren Verwandtschaft ein Tropfen jüdischen Blutes fließt. Tie Hetze gegen die Juden hat ihre Höhe erreicht. Tiefes Ausmaß von Lüge, Verleumdung, offenen und versteckten Gewaltandrohungen ist nicht mehr zu überbieten. Wir wissen, daß es vielen unserer Freunde uungenehrn ist, in jeder jüdischen Zeitung Schilderungen über die Gefahren des Tages zu finden, daß sie gern eine erfreulichere und erfrischendere Lektüre haben möchten. Wir färben weder schwarz noch weiß, wir färben gar nicht. Wir empfinden die Pflicht, die Dinge so darzu st eilen, wie wir sie erkennen, nicht zuletzt, weil wir die Erfahrung gemacht haben, daß Klarheit über die Lage immer noch das beste Beruhignngsmittel ist, indem.sie jedem einzelnen die Möglichkeit gibt, sein Denken, sein Handeln, sein Verhalten auf diejenige Grundlage zu stellen, die nun einmal allein ein Maßstab für Sitte und Anstand und Inhalt eines wahrhaften Staatsbewußtseins sein kann. Der Wunsch, unangenehme Dinge nicht zu erfahren, entspricht einer gefährlichen Selbstsucht. So mag man sich vielleicht für kurze Zeit über die Ducht der Tatsachen hinwegtänschen können, auf die Dauer aber bedeutet ein solches Verhalten die Herbeiführung des Ruins. Wir kämpfen gegen jede Angstpsychose als unsinnig und unwürdig. Aber ebenso bekämpfen wjr jedes „K o p f - i n - d e n - S a n d. S t e ck e n", wie wir schon immer und überall Leisetreterei bekämpft haben. II. Daß weite Kreise mch heute noch nicht ihre Neigung zur Leisetreterei überwunden haben, zeigte deutlich die große Wirtschaftskonferenz, die von den: dazu berufenen Ausschuß des „Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden" am 26. August in Berlin abgehalten wurde. Auf dieser Tagung, die unter dern Vorsitz des Dipl.-Jng. Bruno Woyda stattfand, gaben wirkliche Sachverständige Einblick in alle Gebiete der Wirtschaft, insbesondere aber auch in diejenigen Gebiete, in denen eine besondere jüdischsoziale Hilfsbcdürftigkeit scstgestellt werden mutz; Es war betrüblich zu hören, daß eine große Zahl jüdischer Führer von den großen Neibanden, die sich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zeigen, nicht in dem Maße ergriffen und zur Aktivität angespornt ist, wie cs erforderlich wäre. B e r ft a n d e s m ä ß i g haenn heute fast alle begrissen, worum es geht. Was fehlt, ist die menschliche Ergriffenheit, der Mut zur Verantwortung, die Bereitschaft zur Tat. Heute an führender Stelle zu stehen, ist gleichbedeutend mit der Notwendigkeit, persönliche und sachliche Opfer zu bringen, es ist aber zugleich auch die Verpflichtung zum persönlichen Einsatz. Wo Menschen soziale Hilfe brauchen, finden sich auch heute Männer und Frauen zu wertvoller Tätigkeit. Die Berichte von Alfred Berger über die Teilnahme am „freiwilligen Arbeitsdienst", von Adler-Nudel über die Arbeit der jüdischen Stellennachweise, von S z a n t o über die Selbsthilfewerkstätten, ferner der Bericht über das Siedlungswesen, namentlich in Eroß-Gaglow, gaben ein günstiges Bild von der Arbeit, die hier geleistet wird. Nur dort, wo die Mithilfe der sogenannten Wirt sch astsführer gebraucht wird, liegen die Dinge vielfach sehr im argen. Gewiß gehört heute manchmal Mut dazu, sich herauszustellen, um eine wirtschaftlich bedeutsame Forderung zu vertreten, namentlich wenn die Durchführung einer solchen Forderung der Bequemlichkeit des einzelnen widerspricht und rein menschlich von ihm eine Tat verlangt. Man wird diesen Mut ausbringen müssen, in welcher Stellung man sich eitel) befindet, wenn man nicht die schwersten Schäden für die Zukunft m i t verschulden will. Jüdische Darlehnskassen und jüdische Genossenschaften sind heute vielfach notwendig. Tie Praktische Durchführung stößt ost auf nicht geringe Schwierigkeiten. Tie jüdischen Arbeitsnachweise, behördlich ingelassen und erfolgreich in der Arbeit, werden zwar gelobt, aber von den maßgebenden Stellen nicht genug benutzt. So leidet das ganze Gebiet unserer Wirtschaftshilfe nicht nur unter den schwierigen äußeren Verhältnissen, sondern leider auch in hohem Maße an der Untätigkeit vieler, die ihr Teil zur Linderung dringendster Rot beitragen konnten. Zielenziger erörterte in seinem Referat die bestehenden Möglichkeiten, neue Berufe für die jüdische Jugend zu finden. Seine Ausführungen bilderen den Auftakt zu einer ausführlichen Untersuchung über die gesamte Wirtschaftslage und die Aussichten der Juden. Den Ergebnissen der weiteren Untersuchungen darf man mit größtem Interesse entgegensetzen. Holländer sprach im Nahmen dieser Tagung über die B o y k o t t b e k ä m p s u n g. Hier handelt es sich um ei?! Gebiet, das sich heute zwar am fühlbarsten gegen die Juden richtet, aber alle Kreise unseres Vaterlandes beschäftigen müßte, weil das Hineintragen von religiösen und politischen Gesichtspunkten in das Geschäft sieben eine schwere innere Gefahr für die gesamte Wirtschaft bedeutet^ Bei der E i n st e l l u n g jüdischer Angestellter. der Förderung tüchtiger Menschen. schließlich auch bei der Auswahl der Aerste und Anwälte macht sich oft die kleinliche Zurückhaltung nuferer noch in der großen Wirtschaft stehenden Freunde besonders bemerkbar. Was ihre Hilfe für eine gerechte Gestaltung der Verhältnisse, für einen Ausgleich der täglichen Zurücksetzungen, die jüdische Menschen heilte erfahren müssen, bedeuten könnte, braucht nicht im einzelnen gesagt zu werden. Ter tief bedauerliche Eindruck auch dieser Konferenz war, sehen zu müsien, wie viel erreichtwerden könnte, wenn nur der G em ein* schafrsgeist unter den jüdischen Deutschen größer, wenn die Angst geringer, der Wille zur Selbsterhaltung stärker wäre. Dem Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes gebührt Dank für die Beachtung, d'.e er den Problemen geschenkt. Auch sie wird dazu beitragen, an der Lösung dieser schwierigen Fragen nützuhellen, denen der Centralverein schon seit langem, namentlich dern Bcykottproblem, und wie man sagen darf, mit Eriolg, in besonderem Maße seine Arocit widmet. III. Jeder Tag bringt erneut den Beweis, daß es heute in besonderem Maße einer Aufklärung der ganzen Welt über das Wesen der Judenheit und des jüdischen Vien scheu bedarf. Gegenüber den Trägen, die es sich leicht machen und sagen, daß angesichts der tiefgchmden Erfasinng des deutschen Volkes vom Gifte des Judenhasses solche Arbeit doch keinen Sinn habe, empfinden wir die Pflicht, gerade in dieser Zeit zu betonen, daß unsere deutsche Umwelt von Juden nichts weiß, obwohl man nicht immer sagen kann, daß sie von ihnen nichts wissen will. Zeigt nicht diese Feststellung schon die Aufgabe und ihre Bedeutung für die Zukunft? In allernächster Zeit wird das Kriegsgedenkbuch des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten erscheinen. Es wird die unwürdige Diskussion über die Höhe der jüdischen Blutopfer im Weltkrieg endgültig zum Verstummen bringen. Tenn es liefert den Nachweis und unumstößliches Material über die Zahl der deutschen Juden, die den Heldentod gestorben find. Auch auf anderen Gebieten ist der jüdische Beitrag zur Hebung deutscher Ehre, deutschen Ansehens und deutscher Kultur erwiesen. Das muß auch denen zu denken geben, die nach einen: Aufsatz der „T e u t s ch e n Zeitung" zwar wissen, daß die von ihnen geforderte Entrechtung der deutschen Juden ein großes Unglück nicht nur für viele vornehm denkende Juden bedeuten würde, die aber ihre Forderung nach einem gesetzlich begründeten Helotentum der deutschen Inden „im Interesse des Ganzen" ausrechterhalten. Was heißt hier „im Interesse des Ganzen"? Leidenschaftslos und rückhaltstos ehrlich gegen uns selbst. Prüfen wir immer wieder die Gründe, die eine Entrechtung der Juden angeblich notwendig machen sollen. Man muß das tun. so sehr man auch über solche Forderungen an sich empört ist, so sehr einem die S ch a m - röte über ein derartiges Verlangen ins Gesicht steigt, so sehr man sich auch fragen muß, wie es wohl mit der geistigen Klarheit eines nicht unerheblichen Teiles des deutschen Volkes bestellt ist. wenn überhaupt ein solches Verlangen gestellt werden kann. Aber wir müsien unsere Buhe behalten. Wir müssen die vorgebrachten Gründe nachprüfen, ruhig und sachlich. Und dock) kommen wir zu keinem anderen Ergebnis. als daß alle Beweisgründe sür ein sogenanntes „unheilvolles Wirken" der Juden in Deutschland auf Voraussetzungen beruhen, die völlig ermüden sind. Ein Beispiel: Der an sich sicherlich die Unwahrheit ablehnende Verfasser des vorher erwähnten Aufsatzes in der „Deutschen Zeitung" wärmt die angebliche Tatsache auf, daß das „Berliner Tageblatt" zur Wahrung j ü - bischer Interessen gegründet worden sei. Auf dieses Märchen haben wir schon oft hingewiesen. Niemals hat der Begründer des

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