Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 36 (2.9.1932)
- Date
- 1932-09-02
- Page
- Seite 365 (sequence 1)
- Language
- German
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v«S MKM-LrÄr. > 3iicrteIia^CwOdonnerncni \ 2.25 ÄLM. (zuzugl. VestrllLsLÜ). 7 Seelin. 2. September «932 XI. Jahrgang ♦ Nr. 36 Einzeinumrnre 20 Pfennig /V X s / - ~S w '^s 'S -s ./ -m 333 i£3mmi-v3731ZS:J: j^4^yy SMD§LLK^HZl?IMNMW VXXMG's.R Allgemeine Zeifung desDudeniums Verlag sad SchriftleiLung: Derllr U, Emser Str. 42. FrinsprrHer: J2 Oliva 5074. .:. Postscheckkonto: Berlin 504 72. .:. Bankkonto: Dresdner Bank, Deposiienkasss 3 2, Lerlin^Wilmsrsdorf i, Hohrnzoü'LcnLan'.nt IW. . ^Uleiniar Anzeiaenannahmr-. Ännoneen.Expeditiorr Rudolf Most:, Berlin 87V ILO, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JZJL für die 7gespaltenr Zeile nach Äudol: Moi;rs Scorrnalzeilenmesser Nr. 4, FamilirnanA-eigen und Eleürngrsuche (nicht EtellruangeLote) für MiiZlieder des Centraloereins 0,43 $Mi, die 62 mm breite Reklamrzeile 3,50 &JU 4&v v U iS *& ]) V 4 v '“X)y 4ki v von Luöwrg hsUänöer 4*4^ il/ Wunöe? oösr m'chtl Wirtlich alles verkehrt? — mußte man sich nach der ersten Sitzung des neuen Reichs- und des wieder Zusammentretenden Preußenvariaments fragen. Man denke: die.. National* fozialisten, jene unbedingte n' Feinde des Parlamentarismus, jene rauhen Gestalten, die seit Jahren alle Dolksrechte mit ihren genagelten Stiefelabsätzen zertreten sollen, und auf einmal zu Hütern der Verfassung geworden! Tie Frage drangt sich auf, ob hier ein Wunder geschehen sei. Kann das Volk erwarten, daß eine Umkehr eingetreten ist, daß das verhängnisvolle Prinzip des Kampfes gegen den Bolkswillen durch Ausschalten der Volksvertretung aufgegeben wurde? Die Auslösung dieses Haken-Kreuz. Worträtsels lautet unschwer: Nein! Was sich vollzieht, werden Unwinende, die den Jesuitenorden nicht kennen," „jesuitisch" nennen, und Törichte im Jargon des Nationalsozialismus von „jüdischer Mache" reden. Für die Wissenden ist alles taktische Dressur; unverändert blieb die nationalsozialistische Natur. So findet man auch den Kampf gegen die Regierung Papen, den scharfen Angriff Kuves gegen die Person des Reichspräsidenten ganz natürlich und kaum wunderbar. Politisch stehen unsere Freunde dem Kreise um Herrn von Papen recht verschieden gesinnt gegenüber. Alle anerkennen aber die Tatkraft und den ehrlichen Willen des Kabinetts. Deutschland nichtzum Tummelplatz des Bürgerkriegs und zur Pogrom st a t t e werden zu lassen. Es würde uns nicht überraschen, wenn diese »Feststellung in der nationalsozialistischen Presse in Kürze als Belastung der „Judenregierung" Papen entstellt nachgedruckt wurde. Aber man soll auch heute noch den Mut haben, eine anständige Haltung eine anständige Haltung zu nennen, ohne zu überlegen, daß es heutzutage m Deutschland in weiten Kreisen als kompromittierlich gilt, anständig genannt zu werden. Wir bezeichnten die parlamentarische Komödie des Nationalsozialismus als frei v-on Wunder und wir haben den Glauben an die Echtheit der Erklärungen des Reichskanzlers von Papen und der Stellungnahme des Herrn Reichspräsidenten Zu unserem Weißbuch." Ans beiden Seiten sehen wir die glichen Spielregeln; aber es genügt nicht, daß man von jemand weiß, er foTge gerade einmal Spielregeln. wenn man weiß, wer er s o n st ist. A. H. AUS DEM INHALT: Schwere Tage in Beuthen, Sonderbericht.Seite 367 D?. Fritz Friedländer: Die Juden im Geschichtsunterricht. . . Sette* 36S Neue Bücher ...... Seite 369 I. Man sagt nicht zuviel, wenn man feststellt, daß der Aussatz von Joseph Goebbels im „A n g r i f f" vom 24. August d. I. „D i e I u - den sind schuld"' den Gipfel der furchtbaren Gewalthetze gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland darstellt. Die vom Gift des Hasses bis zum äußersten ausgestachelten Masten muffen e-Z als offene Aufforderung zum Pogrom empfinden, wenn Goebbels zu schreiben wagt: „Vergeht es nie, Kameraden, sagt es euch hundertmal am Tage vor, so datz es euch bis in eure tiefsten Träume verfolgt: »Die Juden sind schuld!' Und sie werden dem Strafgericht, das sie verdienen, nicht entgehen" Was erwartet man in Zeiten so hochgespannter politischer Leidenschaften, wenn man den Juden vorwirft: „Sie sitzen in den Liebknecht-Häusern und hetzen zum Arbeitermord. Sie haben damit angefangen, dem den Schädel zu zertrümmern, der nicht ihr Genosse sein wollte"? Ist es verwunderlich, wenn die Welt bei solchen Auswüchsen zügelloser Volksverhetzung und unverantwortlicher Aufstachelung der Manen zu Gewalttätigkeiten beunruhigt aufhorcht? Zahlreiche Anfragen von Freunden im In- und Ausland, von Vertretern der Presse, insbesondere auch von Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens, die zur Abwicklung ihrer Geschäfte nach Deutschland kommen wollten, sind in den letzten Tagen an uns ergangen, ob mir in Deutschland wirklich vor Pogromen stünden. Wir konnten die Anfragen dahin beantworten, daß wir wohl der Meinung sind, Herr Goebbels wünsche Pogrome, daß die bis aufs äußerste erregten Sturmabteilungen der Nationalsozialisten lieber heute als morgen losschlagen ' möchten, daß aber aus der anderen Seite die übernoiegende Mehrzahl der verantwortungsbewußten Bevölkerung ebenso wie die Negierung Ausschreituugen gegen die Juden ab lehnen und daß die M a ch t m i t t e l d e s Staates ausreichen, Gewalttätigkeiten gebührendzubegegnen. Es war nur eine Feststellung von innerer Selbstverständlichkeit, wenn Herr v. Papen am 28. August d. I. in seiner Rede in Münster ausführte. er gestehe Herr» Hitler nicht das Recht rrr, die Minderheit in Deutschland, die seinen Fahnen folgt, allein als die deutsche Nation anzusehen und alle übrigen Volksgenossen als Freiwild Zn behandeln. Darauf können und müssen wir uns verlaffen. Das Ausland, das die Vorgänge in Deutschland heute mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt, hat nicht die Möglichkeit, die Wirkung und Bedeutung der täglichen nationalsozialistischen Hetzartikel mit der Stimmung der übrigen Bevölkerung zu vergleichen. Es muh daher stutzig werden, wenn heute in Deutschland das offizielle Blatt der größten politischen Partei, nämlich der „Völkische Beobachter", eine offenkundige Lügeumel d u n g verbreiten kann, ohne daß die Leser oder die Regierung das Blatt zwingen, auch von der Entlarvung dieser Fälschung zu berichten. Wie das Ausland über solche Erscheinungen denkt, zeigen folgende Betrachtungen im „Manchester Guardian", der führenden liberalen englischen Zeitung, die dort im Anschluß an den bereits erwähnten Aufsatz von Goebbels gemacht werden: „Die Juden suD die Prügelknaben der deutschen Nachkrregsgeschichre geworden. Sie sind die Zielscheibe des Hasses von Millionen irregeführter Menschen geworden, die einen Sündenbock für ihre Nöte brauchen. Der Antimarrismus und der Antikapitalismus der Nazi-Partei haben eines gemein: Beide sind antisemitisch. Es wäre verfehlt zu glauben, daß Dr. Goebbels' Haßparorysmus ihm bei seinen Lesern schien werde. Klarer als irgendein anderer seiner Genoffen hat er erkannt, daß der Nationalsozialismus aus einer hitzigen Agitation weit mehr Nutzen ziehen kann als aus der Beherrschung von Aemtern. Wenn er dreimal ausruft,Tie Juden sind schuld' und in einein hitzigen Artikel Rache an diesen Verrätern' fordert, wird dies den von ihm gewünschten Widerhall finden. Die antisemitische Agitation der Nazi-Partei weckt im deutschen Volke latente Gefühle. Ter Effert ist, daß eine halbe Million ausgezeichneter um) friedlicher Bürger für die Fehler einiger weniger verantwortlich gemacht werden. Das Beuthener Urteil kam den Nazi-Führern ganz gelegen, durch die entfachte Agitation wird die Unzufriedenheit unter der Mannschaft eingedammt. Dies der Grund, daß sich die Hetze besonders gegen die Juden richtet, obwohl diese nichts mit dem Urteil zu tun haben. Antisemit.