Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 35 (26.8.1932)
- Date
- 1932-08-26
- Page
- Seite 360 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ZvH «6 ff K-21T mfif jo U «M> tour W Kä*. ,1--. '. •**& &a.ni kf'y J M Zugleich ela Beitrag zur Frage n&rarissäsr Weil heute die sogenannte Judenfrage in Teutschlano im Brennpunkt deZ Interesses steht, werden Bücher geschrieben oder — wo die Zeit oder die eigene Erfindungsgabe nicht mi?» reicht — werden irgendwelche Autoren herangeholt, von denen man weiß, daß sie das Problem in irgendeinem Zusammenhang schon einmal behandelt haben und deshalb leicht einen Artikel „liefern" können. Ihre Aufsätze werden alsdann wähl- und kritiklos hintereinander aögedruckt. Zu der großen Zahl der von dieser Konjunktur mitbestimmten Neuerscheinungen über die Judenfrage gehört das rm Zinnenverlag (Basel, Berlin, Leipzig, Wien) erschienene Tiskussionsbuch „vök Jiid' ist schuld?“ Hier soll eine Plattform errichtet werden, „auf der der Pro- und Contraredner die Gewißheit hat, von einer unbefangenen Zuhörerschaft gehört und gewürdigt zu werden", wenn er feine Meinung zur „Judenfrage" vertritt. Tie Gesamtheit der Beiträge soll einen „wahrhaft umfassenden Rundblick über das Vielgestaltige Thema ergeben und zur Klärung der Volks- Meinung m hervorragender Weise beitragen". Im ersten Teil des Buches sprechen Ankläger gegen die Juden; es folgen Neutrale, die beiden Teilen gerecht werden wollen; zum Schluß kommen die Verteidiger. Urteilen soll der Leser, dessen Meinung dann in einem neuen Band gesammelt und den Beziehern des Buches gratis unterbreitet werden wird. Zwei Einwände grundsätzlicher Art vermag das Buch nicht zu entkräften: Ter erste ist, da^ die Beachtung, die die sogenannts Judensraas heute in Deutschland weit über ihre wirkliche Bedeutung für das Gesamtbild des geistigen, kulturellen und sozialen Lebens hinaus findet, vielfach dazu verleitet, dem Sensationshungsr des Publikums durch immer neue Behandlung des Themas ohne neue Gedanken zu entsprechen. Ohne Not werden Dinge, die schon längst von beiden Teilen gut gesaut uiu> gültig formuliert find, wiederum und nicht beffer gesagt. Die Meinung der Herausgeber: „Tie Judenfrage ist das Problem von heute und vor allem das Problem der Zukunft" verschiebt von vornherein die Grundlage, die eine sachliche und sachgemäße Würdigung der Fragen ermöglicht hätte. Zweitens entbehrt das Buch jeden Ausbaus. Jeder Mitarbeiter lagt, was ihm gerade wichtig. erfdjeint. Jeder behandelt nach Gutdünken entweder das ganze Problem oder eine Teilfrage. Tie Beiträge der einzelnen mehr oder weniger bekannten Mitarbeiter werden ohne inhaltlichen Zusammenhang nebeneinander gestellt. Infolgebesten ist der Leser bald gelangweilt, denn er findet statt einer sachgemäßen und gründlichen Behandlung der einzelnen Probleme im ersten Teil des Buches imruer wieder die gleichen Angriffe gegen Judentum und Juden. Jeder sagt mit anderen Worten nahezu das Gleiche. Es ließe sich aus dem Buch ohne Mühe ein Katalog der antisemitischen Angriffe und meistgebrauchten judenfeindlichen Zitate Herstellen. Ten Inhalt selbst bilden ohne rrcheu vorgetragene Plattheiten. wie man sie, nteift von den gleichen Autoren, auch sonst in judenfeindlichen Zeitschrillen und Büchern findet. Ein literarisches Forum zur Diskussion der Judenfrage könnte in dieser Zeit eine gewisse Bedeutung haben. Wenn aber jeder hübsch in feinem Haus oder auf seinem Aufsatz sitzen bleibt, so wird es keine Verständigung, ja rnchk einural eine Diskussion geben, weil sich Redner und Gegenredner gar nicht hören, vre! weniger verstehen. Besonders traurig muten den Leser die Ausführungen literarischer Größen von einst an. Bei Ernst von W o l z o g e n und Richard von L cha ukal spielen persönliche Erlebniste für die Beurteilung des gefoulten Problems eine bedeutende Rolle. Diese Dokumente für die häufige Erfahrung, daß sich die Einstellung vieler begabter ^christ'wller zu Judenheit und Judentum sehr stark nach den Erfolgen ihrer Werke beim jüdischen Pubutum richtet, ist nicht erfreulich. Man sehe nur, luie Mi schön sich Wolzogen windet und heute nicht mehr wahrhaben möchte, wer ihn — den bis dahin Namenlosen und Unbekannten — zum weithin sichtbaren Stern der literarischen Kleinkunstbühne in Deutschland gemacht hat. — Wie wir schon sagten/ein Arsenal des Judenha^es. Dieser Eindruck kann durch die Beiträge der „Verteidiger" nicht abgeschwächt werden. So gut und stichhaltig sie im einzelnen sind-— Namen wie Kurt Zielenziger. Prolluor E l b o g e n, F. Ä. Teilhaber, Arthur Holitscher, Heinrich Mann bürgen dafür sie stehen an falscher Stelle, weil sie in ihrer Sachlichkeit an den unwahren und gefühlsmäßigen Angriffen vorbeireden müssen. Trotz, dem verdienen besonders die Studie von Zielen- Ziger „Tie deutschen Juden in der deutschen Wirtschaft", der wir — vielleicht in der Form eines Sonderdruckes — weiteste Verbreitung wünschen, und der Aussatz von Professor Elbogen „Splitlerrichter" weitgehende Beachtung. Ter Centralverein war von dem Herausgeber aufgefordert worden, einen Beitrag zu dem Buch zu liefern. Er mußte es ablehnen, weil er nicht auf ihm unbekannte Angriffe ins Leere antworten wollte. Nachdem jetzt dis beiden Bände vorliegen, wird der Centralverein in dem angekündigien dritten Band ausführlich Stellung nehmen. A.L. * Mit dem gleichen grundlegenden Fehler wie das Buch „Ter Jud' ist schuld?" ist das August- Heft der JEürsiiDlscäsn Es¥ü8“ belastet, das die ,sFudenfrage" in Verkennung der Zusammenhänge, der wahren überzeitlichen Bedeutung und der rechten Größenordnung als ,Has deutsche Problem" bezeichnet. Tiefer Mangel wird aber durch den Inhalt eusgewogen, der uns Aussätze bietet, die durch neue Fragestellung und neue Ecdankenjührungen die ernsthafte Diskussion zumindest anzuregen geeignet sind. Professor Josef 'Nadler, der den Lehrstuhl für Germanistik an der Wiener Universität inne hat, erörtert die Stellung der Juden in der Literatur und kommt zu dem Ergebnis: „Wir lesen zweierlei Bücher. In den einen 'uchen uns Juden von der Größe ihrer Weltendung zu überzeugen und in den anderen etzen uns zum Teil dieselben Verfasser auseinander, wie völlig sie Teutfche wären. Wo lesen wir richtig?" Wir finden hier immer wieder Anklänge, die in diesen Blättern in der Diskussion mit Paul Fechter, insbesondere über „Antigermanisrnus" bereits erörtert worden sind. Auch Nadler sieht innerhalb des Schrifttums, das von Juden herstammt,'Auswüchse, die ihm und vielleicht auch uns nicht sympathisch sind, besonders scharf, vor allem aber unberechtigterweise als charakteristisch und für jüdisches Wesen typisch. Mimi B o r ch a r d t (Kairo) wendet sich in einem Brief an die ,.D.A. ZG (21. August) gegen den dort im Vorabdruck erschienenen Nadlerschen Aullatz und weist mit treffender Begründung ans'die Unhaltbark e i t der Nadlerschen Ausführungen über den Gegensatz von jüdischer und deutscher Kultur hin. Bedeutsam sind auch die Ausführungen von Ernst K ahn über „Tie Juden in der Wirtschaft"; eine durchaus leidenschaftslose und kluge Untersuchimg. Wenzel Gras Gleis pach, der als Rektor der Universität in Wien so viel von sich reden machte, bringt in einem Aufsatz „Volksbürgertum und Stuben ienrechG die bekannte, hu Wiener Studenten recht zum erstenmal verwirklichte Lehre von der v o l k s b ü r a c r 1t ch c n Grundlage im Gegen sich zur ft a a i s 0 ü roe r> lichen als Maßstab iür die politische Berechtigung des einzelnen. In kurzen Worten behandelt Jakob Walser :n a i\ n einige Gesichwmmlte des ,>4 n ' s § p r v b L e m Er scluidert, wie für ihn die Erinnerung des Blutes starke lebensmäßige Bedeutung gehabt hat unb warnt vor dorn bloßen Instinkte, der vor Irrtum und Verblendung nicht bewahrt. Das Blut ist Jakob Wassermann ein Ahncnbestandteil, ist Träger und <c\\} der Angst. Alle Angst sei Blutserinnerung. Bei den Juden gäbe es viel Entartung, viel scelllche und geistige Perversion ^md viel Ce schlecht rrer geß Li chkei t. Das sei die Schutzvorrichtung, die eine Eindämmung gegen das unendliche Leidensgedächtnis der Inden bilde. Sb das alles richtig ist, sei dahingestellt. Geistvoll ist es jeden falls. Bon ganz besonderer Bedeutung ist der Aufsah von Leo Baeck über „Das Judentum". Baecks Aufsatz wird nach der politischen Seite hin ergänzt durch eine Betrachtung von Hans Kohn über: „Einige Gesichtspunkte des politischen Judenproblems in Deutschland und in Europa", dein wiederum der bekannte Mitarbeiter Stapels, Allbrecht Erich Günther, eine Betrachtung der „Politischen Seite der Judenfrage" an die Seite stellt. Baeck betont, daß das Wesen des Judentums nicht im Politischen und nicht im Lekonomischen liege. In einem ganz anderen Reiche besitze das Wesen des Judentums sein Eigenstes. Nur wer den Sinn für die Jahrtausende und ihre Poesie habe, könne das Judentinn verstehen. Ter Haß gegen die Juden sei ein Spießbürgechaß, geboren aus der Alltäglichkeit. Ter Mut zu leben, sei wesentlich für das Judentum. Gott im letzten zuzugehören, in ihm das Recht und den Grund des Lebenden festzuhalten, darin liege sein Kern. Kluge Worte findet Hans Kohn für den Liberalismus, für seine historische Bedeutung und für das, was er der Welt geschenkt hat. Er nennt den neuen deutrr~ Nationalismus den Ausdruck der Zerrg des 19. Jahrhunderts, des Zweifels am .te. Man flüchte in die vitale Lebensmächtigkeit, in den triebhaften Willen zur Macht, in eine von der Kontrolle des Verstandes freie rauschartige Steigerung der Kräfte. Notwendig sei das harte, objektive Denken, auch gegenüber der eigenen Not. Tie Lage des Juden sei einzigartig, wegen seines einzigartigen Stammes, feiner einzigartigen Geschichte lebe der einzelne in seinem Heimatlande, wie die Juden unter den Völkern: einsam und doch liebend verbunden, gesondert und sich doch zugehörig fühlend. Das sind Cedankengänge, die auch für den, der in mancher Frage anderer Meinung ist, wertvoll und anregend sein müssen. Albrecht Erich Günther, Mitherausgeber der Zeitschrift Deutsches Volkstum". meint, die Emanzipation, die allmählich zur Gleichstellung der Juden geführt habe, fei nicht von einer Rezeption der Juden durch das deutsche Volk begleitet gewesen. Man könne von einer Aufnahme der Juden in die deutsche Volksgemeinschaft nicht sprechen. Ein Staatsbürgertum ohne Volksgemeinschaft besitze im nwdernen Staate nur eine geminderte Geltung. Tie Abneigung, die Inden in die Volksgemeinschaft auszunehmen, beruhe auf dem Vorhandensein einer jüdischen „Vcrantwortungsgemeinschast", die einen lveniger Politckch als metaphysisch begründeten Widerstand hervorrufe. Aus diesem Gesichtspunkt heraus fixiert Günther seine im Entscheidenden bekannte Stellung. Schon diese kurzen Hinweise zeigen, daß im Nahmen dieser Zeitschrift mehr Ernsthaftes gesagt wird, als in vielen der umfangreichen Bücher über die Judenfrage, die in letzter Zeit erschienen sind. L. H. Ter nachstehende Artikel „Gsssa LBssaci&ag äsMWiÄÄsU" fetzt sich noch einmal grundsätzlich mit dem Wert der Veröffentlichung von Umfragen für die Klärung und Wetterführung geistiger Problerne auseinander.