Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 34 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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d-Sliit W&i fei liJ ter«i wnäi ^jAlüsli Mid ^siJ^j itis*f ST f^> FV! sl & aisd fj fS^ Ü 3<,tui fei *i *a/*J lü fraozoslscfien Lssfife Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt man im Ausland die Zustände in Deutschland. Die Politischen Umwälzungen, die sich am deutlichsten Ln den Wahlen des letzten Jahres zeigten, der latente Bürgerkrieg und nicht zuletzt die Judenfrage -erfüllen d:e Ausländer, die sich der Betrachtung der deutschen Der- Haltnisse zurrenden, mit Befremden, ja vielfach mit Sorg?. Nicht alle Blätter gehen dabei so weit, wie der Londoner „Daily Erpreßt, der vor kurzem in einem Leitartikel behauptete: ,D>ie antijüdische Kampagne der Hitleristen erhebt sich nun zu einem Crescendo blinder Wut. Jüdische Geschäftsleute und Handwerker werden Leykottiert, jüdische Arbeiter werden hingeopfert, jüdische Bürger verdroschen und jüdisch:- Eigentum sabotiert. Ter Hitlerismus ist im Verlauf seiner Gewalttaten ein Moloch sür die Juden geworden.' Aber die Äußerungen dieses englischen Blattes stnd deshalb besonders interessant, weil es bis in die letzte Zeit noch mit bem Nationalsozialismus sympathisierte und von Hitler oft als Sprachrohr für das Ausland benutzt wurde. Bei der weltwirtschaftlich bedingten Abhängigkeit des einen Landes von dem andern kann es den Deutschen nichr gleichgültig sein, wie das Ausland die politische und wirtschaftliche Situation in Deutschland beurteilt. Denn dieses Urteil ist vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands — ei sei nur an die Kreditfrage erinnert — aber and) für die politisch Zukunft — man denke an das Problem der Abrüstung — von größter Bedeutung. Mit besonderem Interesse wurde vor kurzem das Sonderheft „L’Enigme Allemande* der großen französischen Zeitschrist „V u" begrüßt, das das „D eu t s che R ät s e I* zu enthüllen versuch. Die Redaktionskommission dieses Blattes, die wochenlang in Deutschland weilte und von den verschiedensten Behörden bereitwillig unlerstützi . wurde, hat gründliche Arbeit gekeifter. Das Heft, das mit hervorragenden Photographien au-gestattet ist, zeigt, wie gut es den Franzosen gelungen ist, sich in die fomplizierten Probleme Deutschlands zu vertiefen. Es versuchtem Bild von der augenblicklichen deutschen Situtatien zu geben: von den 14 Jahren der deutschen Republik, von den politischen Parteien, von den radikalen Bewegungen, von der wirtschaftlichen Lage, aber auch von den geistigen Strömungen des heutigen Deutschlands. Mit etwas gemischten Gefühlen lesen wir den ausführlichen Aufian -La qi! es t ion jui v e ft den C. Dausfe der Judenfrage widmet. Neben den Porträts führender jüdischer Männer des deutschen Geistes« und Wirtschaftslebens sind dem Text Bilder beigegebeu, die Friedhofs- und Synagcgenschändungen zeigen. Ein arDeres Bild, an irgendeinem Ostseeftrande ausgenommen. Zeigt sthwarzweißwte und Harenkreuzfahnen über den Strandburgen. Die Unterschrill betont, daß dort den Juden der Aufenthalt Wegen der heftigen antisemitischen Provokationen völlig unmöglich gemacht sei. Wenn auch diese Photographien betveisen, daß sich der Verräter völlig im klaren über die zugespitzte Situation in Deutschland ist, und wenn er auch in seinen Ausführungen den Gründen der Judenseindschaft in Deutschland objektiv nachzugehen versucht, so scheint es doch, als ob er seine Argumente vielfach aus dem völkischen Lager erhalten hat. Infolgedessen enthält die Abhandlung viele unrichtige Behauptungen. Ties ist bei der Bedeutung dieser ftauzösi scheu Publikation und dom Widerhall, den sie überall gestruden hat, außerordentlich bedauerlich. Nach einer kurzen Uebersicht über die antisemitische Bewegung der Vorkriegszeit spricht der ftanzösische Verfasser von der Revolution des -Jahres 1913. Daß auch er Karl Liebknecht zu einem Juden macht, mag ihm noch verziehen werden; zurückgewiesen werden aber muß seine Behauptung, die Revolution sei von Juden geführt worden, ja sie bedeute einen „Triumph des Judentums". . Infolge dieser falschen Einstellung überschätzt Taufte die Rolle, auch die finanzielle, die die Juden in Deutschland vor und nach der Revolution gespielt haben. Gewiß hat er recht, wenn er betont, die Revolution habe die völlige Emanzipation der Juden in Deutschland mit sich gebracht, auch wenn er darauf aufmerksam macht, daß die wenigen Juden, die man jetzt aus exponierte politische Posten stellte, sofort heftigen Anfeindungen ausgesetzt wurden. Aber an der verfehlten Kreditpolitik der deutschen Industrie, der deutschen Städte und der deutschen Staaten, die den Franzosen von jeher ein Dorn im Auge gewesen ist, waren die deutschen Juden gewiß nicht allein schuld. Tie Feindseligkeit der Arbeitslosen und aller Opfer einer schlecht geführten Wirtschaftspolirik, der Haß der deutschen Raffe gegen alles Fremdartige, der Glaube des Deutschen au seine Mission, dazu die Fehler der Sozialdemokratie, die Drohung des Kommunismus, das Wiedererftarken des Nationalismus, all dies mußte nach der Meinung des französischen Verfassers eine neue antisemitische Bewegung entfachen, der wir die Parteidoktrin fehlte. Hier setzte Hitlers Werk ein, der bewußt Deutschland gegen die Juden stellte. (H polarisait l’Allemagne contre les jnifs.) Hitlers Antisemitismus nennt Taufte treffend wegen seiner Heftigkeit echt österreichisch*, er sei vom Wesen Karl Luegers durchtränkt und gespeist vom Geiste der Kreuzzüge und des Mittelalters, „sozialdemokratische Demagogie, kommunistische Ausstünde, die Verzweiflung über unerfüllbare Fricdensverträge, Verschwendungssucht, Zusammenbrüche, Skandale: es war leicht, ihnen.(nämlich den Juden) alle Hebet in die Schuhe zu schieben, noch dazu, da ihre Namen die letzten Katastrophen krönten. So wurden sie die Sündenböcke, aber nicht ohne Grund.* Tausse schildert, bis zu welchen Erzcsien sich dieser Haß der Antisemiten in Deuftchland steigere, wie man schon jeden Fmftlicnuamen untersuche, um etwa in ihm hebräische Bestandteile zu entdecken, wie jeder dunkle Mensch der Gefahr der Anpöbelung ausgesetzt sei. Es ist erllärlich, daß sich die Franzosen über die Theorien eines Günther lustig machen, der nur in dein „nordischen* Menschen Schöpferkräfte entdeckt. Dauffe kennt auch die A b w e h r k r ä f t e, die sich im deutschen Judentum regen, und er nennt an erster Stelle die Aktion des Centralyereins. Tie ökonomische Lage der Juden von heute, besonders ihr«: zunehmende Proletarisierung, ist ihm leioer fremd geblieben. So kommt er zu dem Schluß, der deutsche Antisemitismus sei erklärt, wenn auch nicht gerechtfertigt durch die nütiorUililltsche und die Naffenbewegung und durch kulturelle wie intellektuelle Faktoren. Nach feiner Meinung stützt sich dieser Antisemitismus hauvt'üchlich auf die bürgerliche Klaffe, verbreitet sich aber im ganzen Volk und wird genährt von der ökonomischen Krise. Die Nationalsozialisten seien deshalb nur die Vorkämpfer der rölkischen Bewegung, die vor Morden nicht zurückschrecke. Wenn sie auch den Versuch machen, ihre Bestrebungen durch Hinrichtungen und Pogroms zu krönen, so tröstet sich Taufte mir der Ueöerzeugung, daß es doch wohl nicht möglich sei, mehr als eine halbe Million Menschen auszurotten oder rassisch zu verwandeln. Das Schicksal des Judentums, so schließt der Franzose seine interepanten Betrachtungen, sei es stets gewesen, dank der ihm angeborenen Geschmeidigkeit, alle vom Haß geschürten Feuersbrünsie zu durchschreiten. Wem: wir auch den Ausführungen von Dauffe nicht in allen Punkten öeivflichren können, zeigt sich doch aus ihnen deutlich, wie man im Ausland das Schicksal der deutschen Juden mit steigendem Jnterepe beobachtet. K. Z. Schweden sagt: Mar&raiiftfieitsn! Au! zahlreiche Anfragen nach dem Wortlaute des häufig zitierten kritischen Aufsatzes über den Nationalsozialismus aus der „Göteborgs Handelsoch Sjöfarts Tidning“ (27.Juni dieses Jahres) veröffentlichen wir heute die wortgetreue Uebersetzung: Die nationalsozialistische Bewegung in Deutschland ist zu einem entscheidenden Machtsaktor im politischen Leben des Landes augewach, sen. Der Umstand, daß sie ein krankhaftes Gebilde ist, daß ihr Anschwellen deutlich zeigt, wie ungesund der deutsche Staatskörper ist, darf nicht das Faktu.m verhüllen, daß der Nationalsozialismus im Augenblick über Deutschlands Wohl und Wehe bestimmen kann. Es ist wahrscheinlich, daß seine Machiausübung, wenn sie überhaupt eintritt, von kurzer Dauer sein wird. Wenn sie nicht sehr ephemer sein und einen gewaltigen Rückschlag Hervorrufen soll, dann muß der Nationalsozialismus einige Unarten oblegen, die mit der Regierung über ein großes Volk unvereinbar sind. Das deutsche Volk kann nicht dem Antisemitismus verfallen, ohne den Anspruch darauf, ein Kulturvolk zu sein, zu verwirken. Antisemitismus bezeichnet einen Rückfall in rohen Nationalismus. Tie Furcht des Wilden vor allem, was seinem eigenen Wesen ungleich ist. seine Angst vor der gefährlichen Kraft, die von diesem Fremden ausströmen kann, spukt im Antisemitismus wieder herum. Ein Rückfall in diese primitive Einstellung liegt vor, wenn 65 Millionen Deutsche sich ernstlich bedroht mhlen von der halben Million Juden, die in ihrer Mitte leben. Diese „Gefahr* muß auch im Lichte des überlaut verkündeten Glaubenssatzes, daß die Germanen in jeder Hinsicht der semitischen Rage überlegen seien, gesehen werden. Wie kann sich dann eine kleine Zahl iniellektuelftund moralisch minderwertiger Individuen zu Herren machen über eine vielfach so zahlreiche Schar in jeder Beziehung überlegener Menschen? Die Antwort lautet, daß ein primitives Eefüblsdenken sich über alles hinwegsetzt, was die gesunde Vernunft anzuführen hat. Herr Hitler hat von Anfang an auf den Saiten des Antisemitismus gespien. In seinem Buch „Mein Kampf* gibt er einem ganz taktlosen Antisemitismus Ausdruck. Und noch jetzt kann man das alte Märchen vom Ritualmord erwähnen hören. Tie Hetze gegen die Juden ist ebensowenig gedämpft worden durch Rücksicht auf ihre Leistungen auf verschiedenen Kultur'- gebieten, wie im Hinblick auf die Tatsache, daß 12 000 Juden im Kriege den Tod für Deutschland erlitten. Es hat sich als vergeblich gezeigt, die alten antisemitischen Fabeln zu widerlegen. Die Tendenzlüge hat wie die Hrdra hundert Köpfe,- haut man einen ab. so wachsen ihr zwei andere nach. Und das Programm, das Herrn Hitler nahestehende Mithelfer wie Goering vorgelegt haben, geht darauf aus, daß selbst die Juden, die Familienangehörigen, welche seit vielen Generationen in Deutschland ansässig waren, unter Fremdenrecht gestellt werden sollerr.