Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 34 (19.8.1932)
- Date
- 1932-08-19
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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August wurden gegen das Wohnzimmer des jüdischen Ziegeleiöesitzers Weißend erg in Lersar bei Peiekretscham zwei Stielhandgranaten geworfen,' die aber am Fensiertreuz abprallten und so ihr Ziel verfehlten. Nochmals; „Ein plumpse Vahlschwinöel" Der „Völkische Seobachter" vrrbrertrL -ie Zalschuag In der vorwöchigen Nummer der „C. D.- Zeitung" hatten wir an dieser Stelle eine von judenseindlicher Seite im Reichstagswahlkampf verwendete Fälschung ausgedeckt und niedriger gehängt. Es handelt sich um ein von einer — nicht existierenden — jüdischen Glaubensgemeinschaft Deutschlands" angeblich verbreitetes hektographiertes Flugblatt, durch das die deutschen Juden unter Hinweis auf ihre glänzende und wichtige Stellung in Sowjetruß.and zur Stimmabgabe für den Kommunismus aufgefordert wurden. Wir hatten die innere Unmöglichkeit dieser Flugblätter — von Der Unrichtigkeit der äußeren Merkmale ganz abgesehen — festgcktellt und das ganze als „Fälschung" bezeichnet. Nun veröffentlicht der ^.Völkische Beobachter" am 16. August das Faksimile dieser Fälschung, die er sich damit zu eigen macht.' Ter CenLralverein hat den Sachverhalt dem Herrn R e i ch s i n nen m i n i st e r mit dem Anheimgeben übermittelt, zu prüfen, inwieweit in diesem Falle mit Rücksicht auf die zahllosen Terrorakte gegen deutsche Juden die Voraussetzungen einer amtlichen Auflage-Berichtigung gegeben feien. SchWħ§2 Listsn! Pvntrschr Erpressungen machen Schule Tie Vorgänge in Ostpreußen und Oberschlesien machen merkwürdige Schule. In Gegenden des Reiches, die von Terrorakten bisher verschont blieben, benutzt man die Stimmung der Bevölkerung, um Erpressungen Zu verüben. So erhielt dieser Tage ein angesehener jüdischer Geschäftsmann in Nürnberg einen anonymen Drohbrief, dem wir folgende bezeichnende Stellen entnehmen: ,ssWir machen Sie darauf aufmerksam, daß wir Sie schon langst auf unserer schwarzen Liste notiert haben und' werden uns nicht scheuen. Sie eines Tages mit einer Kugel niederzustrecken. Laß wir uns selbst vor dem Gefängnis oder Zuchthaus nicht mehr fürchten,das haben wir in den letzten Tagen zur Genüge bewiesen. Für uns Nationalsozialisten ist die Hauptsache, daß wir, nachdem wir jetzt die Macht in Deutschland besitzen, Juden, welche nur auf ihre Vorteile bedacht sind, durch unsere Mordplane zu Fall zu bringen. Sie werden ja auch in den Tageszeitungen gelesen haben, daß unsere Organisation in Ostpreußen gegen jüdische Geschäftshäuser durch Ausplündern Stellung nimmt. Es sind dies hauptsächlich diese Juden, die den Christen als Menschen zweiter Klasse behandeln. Wir haben dieselben auf einer sogenannten schwarzen Liste notiert und abgewartet, bis wir zur Macht kommen, um mit ihnen Abrechnung zu halten. Zu diesen Ausbeuterjuden gehören auch Sie, und raten wir Ihnen, heute schon, sich (Schluss von Seite 350) Deutschlands Wiederaufstieg sind. Deutsch handelt, wer diesen Fanatismus bekämpft und sich frei macht von den Hirngespinsten dieser Leute, die nur ihre eigene Parteirichtung als deutsch und jede andere als undeutsch bezeichnen, die dadurch ihrem Vaterlande mehr schaden als Millionen von Gegnern im Auslände je schaden könnten. II. Hitlers Ansprüche aus die Führung der deutschen Geschicke sind vom R e i ch s p r äsi - deuten zur ülüge wiesen worden. Wir glauben nicht, daß damit der Kamps Hitlers um die Machtstellung eines Mussolini in Deutschland beendet ist. Durch die Wahlkämpfe der letzten Monate ist leider so viel Haß, Erbitterung und Zwietracht in das deutsche Volk hineingetragen worden, daß wir das Ende dieser Kämpfe und den von allen anständig denkenden Menschen ersehnten inneren Frieden noch nicht absehcn können. Nur eines darf uns bei dieser Erkenntnis in so kritischer Zeit nicht über-? o m m e n : A n g st. Wenn in der „Jüdischen R u n d s ch a u" geschrieben wird, eine Kanzlerschaft Hitlers würde unter jüdischen Gesichtspunkten gesehen den völligen Zusammenbruch des jüdischen Assimilationsgedanken bedeuten, so ist diese Gedankenführung nach unserer Auffassung nach Voraussetzung und Folgerung e b e n f o f a l f 4 wre die von Naumann. Ter jüdische Assimilationsgedanke, richtig verstanden, hat uns gelehrt, treue Deutsche und wahre Juden zu. sein/ Seine Vorkämpfer haben uns auch gezeigt, daß die Bewegung, die uns aus dem Ghetto befreit haß auf R ü ck s ch l ä g e gefaßt sein muß, und daß sich unser Anspruch aus innere 'und äußere Gleichberechtigung unter voller Wahrung unseres jüdischen Wesens erst in Generationen durchgesetzt haben wird. Darum dürfen und. werden wir auch keine Angst vor einer Kanzlerschaft Hitlers haben. Was in ferneren Zeiten kommt, wissen wir genau: der Sieg des gesunden Assimilationsgedanken?, dessen Wesen unser Freund, Rabbiner Tr. Benno Jacob, einmal als die Assimilation i m D a t i v, die Ausgleichung der Gegensätze unter reiner Bewahrung ihrer Wesensart im Gegensatz zur Assimilation im Akkusativ, der haltlosen Anbiederung gekennzeichnet hat. Damit wird auch die Anerkennung unseres Anspruches als Deutsche und Juden in Freiheit und Gleichberechtigung zu leben, endgültig werden. Was die nächster^ Wochen und Monate uns bringen werden, wissen wir nicht. Wir halten fest in Treue zu Glauben und Heimat an unserem Lvunsche, als freie Bürger in einem freien und geeinten Deutschland zu leben. Wenn wir für diese Ideale Opfer bringen müpen, so folgen wir denn großen Erbe unserer Gemeinschaft. Und wir werden diese Opfer mit Tapferkeit bis zum Letzten bringen.' von Ihrem Rabbiner einstweilen eine schöne Grabrede cur'e:;en zu lauen, falls Sie in den nächsten - Tagen gegen die Angestellten der Firma £ nichts ändern sollten. Ein narionalsozialistischer SA.-Führer." Es kann dahina-stellt bleiben, ob der Brief echt oder fingierfr. Sein Inhalt besagt jedenfalls, wie sich in einfach konstruierten Kopsen gegenwärtig die Lage darstellt. Im ktamxf gogrn örn Sspkoit „EifenösrgerNational-Na in" forderten in verschiedenen Artike Die. richte; über ein Krach aus zum Boykott des Geschäftes auf und droh een damit, daß sie die Kunden der Firma mit Namen oder andeutungsweise veröffentlichen würden. Das Oberlandesgericht Jenn hat durch einstweilige Verfügung vom 14. Juli 1932 — 3 W 1075/32 — dieses Vorgelzen untersagt. Aus den Urteilsgründen interessieren hier die nachstehenden Ausführungen: „Jedem einzelnen steht es nach dem Gesetz frei, dort zu kauten, wo es ihm beliebt. Er darf hierbei ganz nach seiner Persönlichen Ueberzeugnng, nach seinem eigenen Gewissen handeln. Ob er im Warenhaus oder in einem anderen Ee'chäft kaust, ist seine reine Brwatsache. Unzulässig ist es, ihn greran zu hindern und durch Bloß fiellen,wenn auch in v erst eckter Form, ihn in seinem Willen beeinflussen zu wollen. Unzulässig ist weiter, sich überhaupt in die persönliche Angelegenheit jedes einzelnen einzumischen, sie zu überwachen, in die Oesientlichkeit zu bringen und dort verächtlich zu machen. Die Antrags getaner haben sich bewußt nickt daran gekehrt. Ihr Verhalten, zu dem sie kein Recht haben, das also rechtswidrig war. verstieß daher gegen das. ivas heute noch die herrschende Lebensanfchauung breitester Berä.eerungZkreise als Anstand ruw gute Sitte bezeichnet. Tie Antragsgeaner haben also rechts- und swienwidrig gehandelt." II. L. Georg Seihern 75 Jahre alt Am 15. August vollendete Reichsminister a. D. Tr.-Jng. e. b. Georg Gothein sein 75. Lebenssaar. Seine schlesische Heimat verdankt ihm der schon in jungen Jahren mit großem technischen und wirtschaftlichen Verständnis die Bedeutung der Oderstraße für den Anschluß der schlesischen Produktion an den Weltmarkt erkannt chate und zu einem Vorkämpfer für die Entwicklung des deutschen Waperstraßenverkehrs geworden war, in hervorragendem Maße ihren wirtschaftlichen Aufstieg vor dem Weltkriege. Tie Technische H o ch s ch u l e in Breslau ehrte ihn durch die Verleihung des Dr.-Ing. e. h. für seine energischen Bemühungen um ihre Gründung. Bereits in ftmgen Jahren entsandte ihn die schlesische Hauptstadt in die preußische Volksvertretung. Im Jahre 1900 zog Gothein dann in den deutschen Reichstag ein, wo leine praktische Mitarbeit besonders in organi'atvrifchen Fragen geschätzt und anerkannt wurde. Im Februar 1919 trug er als Minister mr kurze Zeit die Verantwortung für die deuucken Finanzen. In enger Beziehung zu Bamöerger, Theodor 'Barth und S ch r a d e r ' erwarb sich Gothein große Verdienste um die Einigung der verschiedenen Richtungen im deutschen Liberalismus. Von dieser Erundbalnmg war seitdem auch sein weiteres, in letzter Zeit vor allem publizistisches Wirken in der. deutschen Oessenrlichteit getragen. Tie beuff:- Iudenheit ehrt und grüßt Georg Gothein in herzlicher Verbundenheit als den u n e r m üblichen Kämpfer für Recht und Freiheit, den Politiker und Menschen, der in der langen Zeit als Führer des ...Vereinzur Abwehr des Antisemitismus" bewiesen hat. daß er mit unbestechlichem Blick das Wahre und Gute zu erkennen und mit feiner^ ganzen Kraft dafür einzutreten bereit .ist. Möge Georg Gothein noch recht lange seinen edlen Kampf führen 'können. A. L.