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Central-Verein-Zeitung · 1932-08-05 · 32 (5.8.1932) · p. Seite 334

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
32 (5.8.1932)
Date
1932-08-05
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 <Sorrderbericht für drs LV.-Zeiiuug) Ksrngsberg, L August. Montag vormittag: Telegraphische und telephonische Meldungen über Terrorakte in Königsberg. — Tote, Verletzte, Brandstiftung m. — Mißglücktes Attentat aus den Syndikus des Landesverbandes Ostpreußen des C. V., Kurt Sabatzky. Nachmittags: 9teue Telegramme. Schaufenster,Zertrümmerungen bei Firmen mit jüdischen Inhabern in den Hauptgeschäfts ft ra-err von Königsberg. Kurze Beratung in der Zentrale. Sofortige Uebermittlung des Tatsachenmaterials an den Beauftragten des Reichskommifiars für Preußen, Tr. Bracht. Wenige Stunden später durch die Nacht nach Königsberg. Ter Besucher, der glaubt, einen Kriegsschauplatz anzutresfen, findet eine äußerlich erregungslose, lebendurchflutete Stadt. Schauende, kaufende Mcnschenmaffcn in den Hauptverkehrsstraßen, kaum noch Spuren des furch:baren Vorgangs. Tie .zertrümmerten Schaufcn'mrscheiben geflickt, teilweise schon ausgeroechselt. Nur die zahlreichen berittenen Schutzpolizeipatrouillen. die Schnellwagen an den Ecken der Hauptverkehrsstraßen deuten höchste Polizeibereitfchaft cm. Ter Knall der Pistolenschüsse Md Explosiokörper, die tags zuvor Königsberg aus dem Schlaf schreckten, hat eine überraschende Wirkung gehabt: Tie S. A.-Unisormen und die Hakenkreuze sind aus dem Stadtbild der-, schwuuden. - Noch ist die Untersuchung nicht so lveit gediehen, daß die politischen Zusammenhänge der verabfchemmgswürdigen Bluttaten restlos geklärt wären, dlber schon diese Tatsache zeugt von einem starken Schuldgefühl der Nationalsozialisten, die sich vor den erbitterten Mafien der Linksparteien, deren Führer erschvfien oder verwundet wurden, nicht zu zeigen wagen. Handelte es sich in Königsberg um eine ^Frühzündung"? Ist hier die Unterführung einer politischen Gruppe bei der Durchführung allgemeiner Weisungen selbständig vorangegrngen, so daß weitere gleichartige Terrorstrien zu befürchten sind? Oder handelt es sich um einen Racheakt, weil am Sonnabend vor der Wahl ein S. A.-Mann bei Zusammenstößen zwischen nationalsozialistischen und kommunistischen Flugblätterverteilern tödlich verletzt wurde? Tas war die bedeutungsvolle Frage, die es zu klären galt, und das ist die verantwortungsvolle Aufgabe, deren Lösung sich die Exekutive der Preußischen Negierung in Königsberg gegenübersieht. Zahlreiche Unterredungen mit wohlunterrichteten Persönlichkeiten des politische:: Leben? in Königsberg ergaben das folgende vorläufige Bild: Die Terroraktion muß nach einem gemeinsamen Plan durchgeführt worden sein, und zwar in einer Dreiteilung der Aufgaben. Die erste Gruppe hatte die Ablenkung? akrionerr ducchzusühren: Ein Auto durchraste Königsberg gegen 6 Uhr früh, cklarmirrte ungefähr iünfundLreißig Mal die Feuerwehr. Das Auto wurde festgestellt. Es wurde von einem Zeitungshändler Tulodziecki, einem alten „Dekaunter;" des E. B., gefahren. Im Frühjahr 1529 hatte er eine Protestversammlung des C. V. gestört und wurde später wegen Hausfriedensbruchs und Widerstands gegen die Staatsgewalt zu IM Mark Geldstrafe beziehungsweise 20 Tagen Gefängnis verurwilt. Die zweite Gmupve führte das Brandst i f t u n g s t o tn m a n b c durch. Tankstellen wurden angezündet und vor den Verla zsgebäuden linksstehender Zeitungen EArlosMstosfe zur Entzündung gebracht. Tie dritte Gruppe sollte die „Na cht d er langenMesser" verwirklichen. Gleichzeitig an sechs verschiedenen Stellen drangen bewaffnete Männer in die Wohnungen führender antinationalsozialistischer Politiker ein, schosien entweder diese selbst oder Hausangehörige nieder. Ern Toter, ein lebensgefährlich Verletzter und zwei Verwundete sind das Ergebnis der Aktion. Tie Wohnungstür des Syndikus Sabatzky wurde erbrochen, die Zimmertüren geöffnet, die Wohnung durchsucht, das Bett durchwühlt. Nichts fehlte, also kein versuchter Diebstahl. Alles spricht dafür, daß Sabatzky nur durch einen Glückszufall einem Mordanschlag entging. Tie Polizei — planmäßig hin- und hcrgeheht durch alle Stadtteile — griff ein. Teils auf frischer Tat gefaßt, teils im Lause der wlgenden Stunden werden einige Tutzend Menschen rm Polizeipräsidium eingeliesert. Noch zirrerte die Erregung durch die Stadt. Ta klirrten in der Junkerstraße und in der Münzstraße Schau f e n st e r. Bei den Firmen S o m m e r f e l d Lachmanski und Gr unewald liegen ftmftgroße Steine, eingewickelt in nationalsozialistische Flugblätter, auf den Schauftnsteremslagen. Die Polizei war bald zur Stelle. Wiederum wurde eine Anzahl meist Jugendlicher im Polizeipräsidium eingeliesert. Ungefähr 90 Festgenommene und Verhaftete werden von 12 Vernehmenden verhört, damit möglichst bald die Abgabe zur Ltrafverfolgung an die Staatsanwaltschaft erfolgen kann * Ter Vorstand des E. V. in Königsberg, telephonisch zu einer Sitzung einberufen, trat zusammen. Wenige Stunden später waren namens des E.V. SaniLätsrat Tr. P o l l n o w, Rechtsanwalt Dr. G r u m a ch und der Berichterstatter als stellvertretender Syndikus der Zentrale im Polizeipräsidium. Ter kommissarische Polizeipräsident LnndratB e r n e r empfing uns. Wenige Minuten später kam der kommissarische Regierungspräsident Landrat Friedrich hinzu. Die Herren äußerten sich über die politischen Hintergründe der Tat mit Rücksicht aus die nnh nicht abgeschlofiene Untersuchung mit begreiflicher Zurückhaltung. Sie unterstrichen aber mit aller Energie die Feststellung, daß die Polizei Herr der Lage sei und daß sie für Ruhe und Ordnung unter allen Umständen sorgen würde. Mit erhobener Stimme erklärte der kommissarische Regierungspräsident Friedrich: Wir werden die Staatsautorität mit allen Mitteln und nach allen Seiten zu wahren wissen. Das sind wir unserer Verantwort urig vor der Volks ge samth eit schuldige 3m Oberpräsidium nahm Oöerpräsident Siehr unter Zuziehung des Vizepräsidenten Steinhosf den Bericht der Vertreter des C.V. entgegen. Galt es bei den polizeilichen stellen lediglich die Fragen a uz u schm? Tom die für die Beratung und Verfolgung der akuten Vorgänge bedeutungsvoll fern konnten, so war es bei der höchsten politischen Spitze der Provinz notwendig, die politische n Hintergründe der gegen jüdische Persönlichkeiten gerichteten Attentate und Sachbeschädigungen zu beleuchten. Das an dieser Stelle bereits veröffentlichte Material über die planmäßigen Versuche der Nationalsozialisten, die Schuld an den politischen Mordtaten der letzten Zeit auf die Juden und insbesondere auch auf den E. B. abzuwälzen, -wurde vorgetragen und aus die Wichtigkeit vorbeugenden Vorgehens bei derartigen Veröffentlichungen hingewiesen, da ohne Richtigstellung die verhetzte Mafie die innere Berechtigung iüt Attentate auf jüdische Persönlichkeiten für sich in Anspruch nehmen tonnte. Auch der Oberprüsidmt und jcin Stellvertreter erklärten mit ruhiger Bestimmtheit, daß die staatlichen Machtmittel vollkommen ausreichen. um jede Unruhe im Keime zu ersticken. Tie Gesichtspunkte, die die Unterredung erbracht hätte, würden bei der Untersuchung mitberücksichügt werden. Ter C. B. solle jeden Fall der Bedrohung jüdischer Persönlichkeiten zur weiteren Verfolgung melden. Unmittelbar vor Beginn der Unterredung war die Meldung über große Schaufcnsierzertrümmerungen in O r t e l s b u r g in der Königsberger Geschäftsstelle des E.V. cingelaufen. Ter Oberpräsident wurde auf diese Vorkommnisse aufmerksam gemacht unter Hinweis darauf, daß es sich um lediglich gegen Juden gerichtete Akte handele. Ter nähere Tatbestand der Orlelsburger Vorgänge wird durch einer. Sonderbeauftragten des C. V. seftgestellt werden, um dann den polizeilichen Stellen weitergeleitet zu werden. * „Ter Kamps darf nicht weiter mit Totschlägern. Dolchen und Revolvern geführt werden" — so schloß unser Aussatz „Verleumdungen, Drohungen, Ausschreitungen"' in der letzten Nummer der „C, V.-Zeitung" vor der Wahl, Wir hofften, daß mit dem Wahltage das Votum des Volkes die Führung des politischen Kampfes mit Gewalt beenden würde. Unsere Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Ter erste Tag der neuen Epoche hat mit Blut und Tranen begonnen. Wir können und wollen nicht annehmen, daß man mit dem so oft verkündeten „deutschen Wiederaufstieg", die „nationale Gesundung", diese Art und Weise ernsthaft geweint habe. Die Erklärungen Dr. Brachts, die Feststellungen Reichskanzlers von Papen in seinem amerikanischen Interview zeugen von der Entschlcmercheit der Regierungen in Preußen und im Reich, dem politischen Blutvergießen ein Ende zu bereiten. Der beste Wille der Behörden, die größte Wachsamkeit und Opserbereitschast der Polizei genügen aber nicht, wenn nicht hinter ihnen die moralische Unterstützung und der moralische Wille der Mehrheitdes Volkes stehen. Bis jetzt haben zahllose Menschen, die zu sprechen und zu warnen berufen waren, geschwiegen. Vielleicht hatten sie kein Ohr für das Gebrüll „Juda verrecke!". Tie Schüsse und Bomben von Königsberg sind nicht zu überhören, die lodernden Tankstellen nicht zu übersehen. Jetzt ist die Zeit vorbei, in der man glauben durfte, ohne eigene Anteilnahme die Politik des Tages sich nach ihrem eigenen Gesetz abrollen zu lassen. Jetzt muß das wirkliche anständige Deutschland zeigen, daß es erwacht. Ueber die Grenzen der Parteien. Stände und Konfessionen muß die Welle einmütiger Ablehnung derartiger Maßnahmen fluten. Es muß eine Bolksmeinung entstehen, die jeden, der sich dieser Parole der Anständigkeit nicht fügt, als aus der Gesellschaft der Anständigen ausgeschlossen betrachtet. Der C. V. wird seiner Verpflichtung. Treuhänder der Rechte und des Vertrauens der deutschen Juden zu sein, auch weiterhin 'mit allen Mitteln gerecht zu werden bemüht fern. Er verlangt von seinen Freunden Ruhe und Besonnenheit. Wenn politische Gruppen aus Enttäuschung die Nerven verlieren: das deutsche Judentum wird und muß sie behalten! Vr. Alfred Hirschherg.

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