Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 31 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- Seite 327 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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327 (1D. *27/32} verworfen. Aus den Gründen des s ch w u r g e r i ch t k i ch e n Urteils geben wir die nachstehenden, bedeutsamen Ausführungen wieder: „Die GefamtbeZeichnrmg .deutsche Aerzte* stellt einen ausrei chendabgegreuzte n u n d in der Individualität der ihm ungehörigen Einzelpersonen genügend b e st i m m t e n Teil der Allgemeinheit dar. . Die unter dieser Kollektivbezeichnung gebrachte chrenkränkende Kundgebung kann objektiv auf alle zu den deutschen Aerzten zu rechnenden Einzelpersonen bezogen werden. Dieser Beziehbarkeit waren sich nach Ueberzeugung des Gerichts die beiden Angeklagten bei ihrer ganzen Einstellung als Raturheilkundige und Schriftsteller bzw. Schriftleiter zu ihren ärztlichen Gegnern auch bewußt und mit ihr einverstanden. Damit find die Voraussetzungen, unter denen eine Kollektivbeleidigung eine Beleidigung aller einzelnen der gesamtbezeichneten Bersonenmehrheit angehörenden Personen darstellt, gegeben. Unerheblich ist, daß der Angeklagte 3E. die Strafantragsteller nicht gelärmt hat. Diele fallen unter die angegriffene Personenmehrheit und sind nicht ausdrücklich ausgenommen; sie tonnten sich daher durch den Artikel betroffen fühlen und Strafantrag stellen/ Man möge in der vorstehenden Entscheidung das Wort „Aerzte" nur durch das Wort „Juden" ersetzen. Ist irgendein Grund einzuscheu, warum nicht der gleiche Ehrenschutz, der hier mit Recht den Aerzten eingeräumt wird, auch von den deutschen Juden beansprucht werden kann? Immerhin bedeutet die Entscheidung insofern einen Lichtblick, als in künstigen Fällen das Reichsgericht aus dieses Urteil verwiesen lrerdeu kann. VMÄM GtsNÄs LhsssZs vsm „eDÄMÄSN SZssMmarM" Fichte und Hegel Ter Eichener Philosoph Ernst von Aster hat daraus hingewiesen, daß die nationalntst schen Schlagworte und Zielbegriffe in Den: mp land immer unklarer werden und sich daher sehr schnell verbrauchen. Tie Theorien, die den Rechtsrndikalismus begründen wollen, sind einer rasch wechselnden Blöde. unterworfen. Während mau lange Zeit den zur-Parteibezcichnung herabgewürdigten Begriff „nalional" in den Mittelpunkt stellte, verdächtigte man später die „Ration" westlichen Ursprungs, das Wort „völkisch" wurde zum Zielbegriff: man verstand unter Volk nicht die konkrete Volksgemeinschaft, sondern „ein nebelhaftes Ziel und LLunschgcbilde, das von den völkisch Denkenden erst geschaffen werden soll" (von Aster). Diese Theorie, die meist mit einer Ablehnung des .Christentums verbunden war, wurde durch die unwissenschaftliche Rancutheorie verdrängt, die ihrerseits heute vor neuen Theoriebildungen zu verblassen beginnt. Das neue Modewort ist der Begriff „Reich", man stützt sich nicht mehr auf die Rassenbiologie, sondern auf theologisch) und metaphysische Konstruktionen. Während die Rapentheorie sich — wenn auch zu Unrecht — auf Wissenschaft berief, wird jetzt vielfach die wißen schaftliche-^Begründuug von vornherein abgelehnt; Intuition und mystische Schau sollen das Kriterium der Wahrheit abgeben. Sehr charakteristisch für diese neue Einstellung ist das jüngste Buch Wilhelm Stapels „Der christliche Staatsmann", das den bezeichnenden Untertitel trägt „Eine Theologie des Rationalismus". Gleich int Vorwort steht der Satz: „Wer solche Dinge nicht 511 schauen vermag, der sei nicht vorlaut" (Seite 7). Es ist zu bedenken, daß bei der Berufung auf die Schau nicht nur eine Auseinandersetzung mit abweichenden Anschauungen unmöglich gemacht wird, sondern daß gleich zeitig jede beliebige Behauptung auf diese Weise „begründet" werden kann. Durchaus konsequent kommt Stapel zu der Feststellung: „Die Wissenschaft in eine heroische Rarrhcit des Menschengeschlechts." Tie Ablehnung der Wissenschaft ist nicht nur für Stapel, sondern zugleich für die ganze Richtung (Moeller van den Bruck, Blüh er) charakteristisch, denn man gibt der Vernuust und den vernünftigen Prinzipien schuld an dem . gegenwärtigen Chaos. Aber der Einwand scheint - berechtigt, daß bisher nicht zuviel Vernuust, sondern zu wenig Vernunft wirksam geworden ist. Es ist die Ausgabe, für die Verwirklichung vernünftiger Prinzipien einzntreten. Für Stapel dagegen ist Vernunft und Moral etwas Sündhaftes. Es ist nach seiner Auffassung Gottes Wille, daß auf Erden und in irdischen Dingen die Gewaltherrsche. Daher sieht er auch die Staatslehre des deutschen Idealismus nur als eine Verfallserscheinung an. Er meint, „durch Moral werde der Staat ent- . nervt". Stapel tut den großen deutschen Philosophen Kant, Schiller, unrecht, wenn er schreibt: „Tie Moral lebt von der Sentimentalität solcher Menschen, die der Illusion noch nicht cntbckncn können. Darum wird;.e st hochgeschätzt von allln unklaren Köpfen, schleimigen Naturen und feigen Abtrünnigen des Gottesglaubens, die sich und andern den wahren Grund ihrer Abtrünnigkeit verbergen möchten." Der deutsche Idealismus ist kein fremdes Gewächs und kein Zeichen des Verfalls, sondern ein Erzeugnis deutscher Kultur, das seinen Ursprung in den Tiefen des deutschen Geistes har. Die sittliche Selbstbestimmung, die Forderung der Rechtsgleichheit, die Freiheit der Persönlichkeit, überhaupt die^Vrinzipien der Moral werden von Stapel als Sorge tun die bürgerliche Lebenssicherung verdächtigt. Er nie int, das Ziel all dieser Bemühungen sei ein behagliches Leben. Demgegenüber preist er das heroische Leben der Kraft und der Gewalt und versucht die Ungleichheit metaphysisch zu rechtfertigen. Diese Gegenüberstellung ist abzulehnen. Es ist keineswegs richtig, daß auf seiten der Vernunft nur die Schwäche und Kleinlichkeit stehe, während jede Gewalt gottgewollt und heroisch sei. Ter deutsche Jdealismus^war keine Bewegung zur Verherrlichung des Spießbürgers. Es ist durchaus ein Problem, ob nicht die wahre Leidenschaft und der wahre Heroismus gerade mit dem. Kamps für Ethik und Recht verbunden sind. Ter Versuch, Rechtsgleichheit und Frieden herzustellen, verstößt nach der Meinung Stapels gegen ^die Prinzipien des Christentums, lim -diese Theorie auszustellen, muß Stapel eine grundlegende Korrektur an der historischen Auslegung des Christentums vornehmen.'Während früher das Judentum sehr häufig bekämpft wurde, weil seine Erhik nicht die sittliche Hohe der Bergpredigt erreiche, sucht Stapel' zu zeigen, daß die Bergpredigt ganz aus den Lehren des Judentums herausgewachsen ist, und daß sic lediglich eine „Lehre für die Jünger", keineswegs aber allgemeine, für alle Menschen verbindliche Forderungen enthalte. Diese Auffassung ist innerhalb der Theorie Stapels konsequent, da er ja in der Moral eine Verfallserscheinung sieht. Zu Ende gedacht bedenket dies aber einen Freibrief für jede Roheit und für jeden M gewalttätiger Willkür. Damit wird jeder Staat und jede Kultur unmöglich. 8. W. Wa§ wirö mzfanV4 Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten der Kritik. Zeiten der Ungewißheit sind immer auch Zeiten der Untergangsprophezeiungen. Zeiten der wirtschaftlichen und politischen Problematik sind immer auch, fast zwangsläufig, durch Werbung für dialektische Patentlösungen gekennzeichnet. So ist es nicht zu verwundern, daß, kurz nachdem O t t 0 H c l l 2 r in seiner Schrift .Der Untergana des Jndentmns" mit viel Fleiß und Gewandtheit als einzige Rettung des Judentums das kommunistische Birobidjan aufzuzeigen versucht hat, bereits ein ebenso von Untergangsstimmung Erfüllter die einzige Rettung des Judentums (im besonderen des deutfchon Judentums) im Streben zur „beruflich umgeschichteten nationalen Minderheit" sieht. Ju einer kleinen Broschüre mit dem Titel „Was wird werden?" setzt sich Amisgerichtsrat L>ugo Marx (Heidelberg-Mannheim) (Verlag Westdruckerei,' Wiesbaden) mit dem „Schicksal verdeutschen Juden in der sozialen Krise" auseinander Die Titelfrage des Buches ist natürlicher Anlaß zur Unter'uchung des bestehenden Zustandes, zur Um'chan nach dein „Was ist?". Hier erscheint denn Autor „die Auflösung und Zertrümmerung" des Mittelstandes als snmptomatisch. Die liberalen Ideale des 19. Jahrhunderts sind von den radikalen Bewegungen des Proletariats und des konzentrierten Kapitals weggewischt, zum mindesten gefährdet. Angelpunkt der Schrift ist folgender Gedankengang: „Der Jude in Deutschland ist die Inkarnation des bürgerlichen Menschen", alw muß er „das Schicksal des deutschen Bürgwt'nn-" erleiden (sprich: Uiiteraang). wenn er nicht „die Gleichberechtigung auf dem Wege individueller Assimilation, sondern kollektiver Anerkennung" (sprich: Inanspruchnahme der Rechte nationaler Minderheiten) zu erhalten versucht. - .Hugo Marr ist sich dessen wohl bewußt, daß er einfach Thesen der Judengegner zum Hauprbestandteil seines Heilmittels genommen hat. Aber er glaubt, dadurch, daß er diesen Gegnern Gleichberechtigung oöer Ghetto ihre „verwirklichungönächsten Gedanken in eigener Gestalt entgegenhält", eine „elastische Verteidigung" anszm'iben. Obwohl er sich mich eins weiß mit dem Zionismus, hält er es doch für einen großen Fehler, daß dieser „seine Existenz durch seine mit großer Hartnäckigkeit verfochtene Palästina-Politik viel zu eng mit den kapitalistisch-imperialistischen Interessen eines einzelnen Großstaates verknüpft". Es sei die Inkonsequenz des Zionismus, daß er sich die Lösung der Judenfrage in den Galuthländern nach wie vor „individualistisch-staatsbürgerlich" verstelle. Den gleichen Vorwurf macht er in verstärktem Maße dem C. B., der die Stellung der Juden im Staate als Staatsbürger zur grundsätzlichen Grundlage seines Kampfes gemacht habR Marx fordert die Konstituierung der deutschen Juden als nationale Minderheit. Gefahr dieses Gedankens liegt auf der Hand: em völliger Abschluß von der nichtsüdstchen Umwelt. Das neue Ghetto, das hier verlangt rvird, mag all denen verlockend erscheinen, die in der Ängststimmtlng der Krise „das Dasein wichtiger als die Idee" empfinden, und die daher mit dem Versager der Meinung sind, daß „die Idee üch erst aus dem Dasein entwickele". Für Menschen allerdings, die sich als Juden für benrfene Träger einer Idee halten, wird die Aufgabe ihrer Idee um den Preis des Daseins nicht diskutabel fein. Auch den Juden, deren Deutschtum nicht ein Wort statischer Geschichtsanftapung ist. sondern Rhythnius ihres Fuhlens und Denkens (und das ist in Deutschland nach wie vor der weitaus größere Teilst ist die Fortsetzung des Kampfes nur Gleichberechtigung mib wahre Demokratie weitaus gemäßer, als eine „elastische Verteidigung", die zugleich der schärfste Angriff auf die mit Herzblut erworbenen, unverüusstwlichen Rechte der Emanzipation sind. Doch derartige Einwände lvcist Hugo Blaer von vornherein zurück, weil sie ihm unter den: „Gesichtswinkel der augenblicklichen Gefährdung einer bestimmten Position" nur untergeordnet er- A