Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 31 (29.7.1932)
- Date
- 1932-07-29
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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S2ö Partei "eben, werden zwar die Gewissenskonflikte der Wähler «der Staatspartei würdigen und es auch verständlich finden, dass der Centralverein auf die ränge bis zu einem gewissen Grade eingeht, indem er beiden Seiten das Wort gibt: es mus3 jedoch — und das ist der Zweck fieser Zeilen — unter allen Umständen als Selbstverständlichkeit klar gestellt werden, das? dem Centralverein alle Mitglieder gleich wert sein müssen, welcher der gekennzeichneten Parteien sie sage hören. Und sie alle wollen ja etwas viel Höhere? als das Wohl ihrer Partei, welcher sie auch immer angehören; sie alle folgen der einen Parole: Für Deutschlandl fällen der vergangenen Wochen an der Berliner Universität hatte ich Gelegenheit, mich mit einer Anzahl Männer aus allen jüdischen Schichten über diese Dinge zu unterhalten. Die Verständnislosigkeit, die ich über- ' all für die Steilung des jüdischen Studenten fand, war ungeheuerlich. Der eine meinte, die Ostjuden sind an allem schuld. Ich weiss nicht, ob es inir gelungen ist, ihn davon zu überzeugen, dass die Ostjuden nicht mehr Anlass zur Judengegnerschaft geben als wir anderen auch, und dass es ein Zeichen grösster Gedankenlosigkeit oder feiger Bequemlichkeit ist, den Angriff auf unsere Brüder abzuwälzen. Diese Einstellung hält ungefähr das Niveau des sturen kleinen Antisemiten, der überzeugt ist, dass an allem die Juden schuld seien. Ein Akademiker behauptete, dass die jüdischen Studenten sich, zu sehr heraussteilen und zu leicht gekränkt sind. Es ist indessen mit statistischer Sicherheit zu belegen, dass die Provokationen fast ohne Ausnahme von der gegnerischen Seite ausgehen. Dort wird schon ein Blick, eine unbeabsichtigte, missverstandene Bewegung zum Anlass von Feindseligkeiten genommen. Wer darf da das Märchen von der mimosenhaften Empfindlichkeit des Juden wieder auftischen? Wir wissen sehr genau, wo die Grenzen des Gutgemeinten liegen und wir sind, ebenso wie unsere Zeit, bestimmt robuster geworden, als frühere Generationen es waren. Alle derartigen Vorwürfe sind haltlos. Sie sind aber billig und werden immer wieder für bare Münze genommen, solange nicht klar erkannt ist, dass sich der Angriff gegen jeden von uns richtet, dass es für den Feind nicht gute und schlechte Juden gibt, sondern dass wir alle zusammen aufs äcsserste bedroht sind. Wenn wir uns mit ganzen Kräften wehren wollen, ist die erste Vorbedingung, dass wir innerlich zu den Dingen, die uns angehen und auf den Nägeln brennen, Stellung nehmen, und dass wir nicht Ausflüchte suchen, sondern den Gegebenheiten ins Augesehen. Wir werden uns aber nicht vor dem Gegner schützen, wenn wir den Kopf geduckt zwischen die Arme nehmen und die Schläge abwarten, sondern wenn wir ihm im guten Gewissen unserer rechten Sache die Brust bieten. stud. med. II. 8. Hat es überhaupt Sinn, zu wählen? Vielfach hört man auch in unseren Kreisen die Frage: ist das. noch unser Deutschland? Gewiss, vieles, was sich heute als „deutsch** gebärdet, ist nicht das Deutschland, das wir lieben. Krank und wund an allen Gliedern liegt es da; Krieg und Krisen aller Art haben es in die schwerste Not getrieben. Aber vielleicht gerade darum erkennen wir in diesem Augenblick klarer als je zuvor jenes Deutschland, für das die deutschen Juden seit Jahrhunderten lebten und starben, das auch uns teuer ist. Auswüchse und Zuckungen, In die extrem-politische Bewegungen es gebracht haben, können uns nicht den Glauben an jenes Deutschland rauben, dem wir uns zugehörig fühlen, können uns nicht die wahre Heimat rauben, der wir unsere Sprache und Kultur verdanken, all die Erhebungen und die besten Impulse. die jeden Deutschen erst zum wahren Deutschen gemacht, die auch uns deutsche Juden gebildet und geformt haben. Und wenn auch dieses Vaterland heute von einer Sehnttkruste verdeckt ist: Tragen wir dazu bei, das? Irrtum und Wahn schwinden und dass dieses Deutschland wieder das Land unserer Kinder und Enkel wird! Zweifellos kam uns die Liebe zum Vaterland selten stärker zum Bewusstsein als gerade heute, trotzdem oder gerade weil es sich in grossen Teilen gegen uns wendet, trotzdem diese Teile unsere Zugehörigkeit zum Volke Wehrt Euch! Der Ansturm, der heute in Deutschland den Bestand des Judentums bedroht, erfordert zielbewusste Abwehr mit allen vorhandenen Kräften. Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Nur durch dauernde und unbeirrbare Verteidigung können wir gegen die alles vernichtende Sturmflut einen wirksamen Damm aufrichten. Die notwendige Grundlage zu dieser Verteidigung, das Seinstableugnen und uns entrechten möchten. Diese Teile sind für uns nicht gleichbedeutend mit dem deutschen Volke, dem wir uns zugehörig fühlen, noch jenen Volksgenossen, mit denen der deutsche Jude im Weltkrieg Schulter an Schulter stand, jenem Volke, für das auch wir deutschen Jüdinnen ganz selbstverständlich in der Heimat kämpften. Keiner von uns hat damals gezweifelt, dass es unsere natürliche Aufgabe war, „Nationalen Frauendierist" zu leisten. Heute, da uns weite Volkskreise ächten, da nr.- die deutsche Gesinnung nbges; rochen wird, fühlen wir uns dennoch. — stärker denn je — in unserem Vaterland als G a n - z e in und Millionen unserer christlichen Volksgenossen, die mit uns unerschütterlich gegen Roheit und Volksverhetzung kämpfen, verbunden. Wenn wir unser Vaterland wahrhaft lieben, wissen wir, dass ein Fernbleiben von dieser Wahl nicht nur ein Bejahen des Deutschlands der Gewalt bedeuten, sondern zugleich die Entwicklung zu einem wahren Deutschland hemmen würde. Arbeiten wir für dieses Deutschland! Wir alle sind am 31. Juli aufgerufen! Seien wir eingedenk des Wortes ans den Sprüchen der Väter: „Bin ich nicht selbst für mich: Wer ist für mich? Bin ich nur für mich: Wer bin ich dann? Uni wenn nicht jetzt: Wann dann?" Margarete Goldstein. vertrauen, scheint aber allerorts zu fehlen. Oft ist es geradezu erschreckend, festzustellen, wie weit die ängstliche Inaktivität, die Taktik des Laissez-faire, in beinahe alle jüdischen Kreise eingednmgen ist. auch in die. die ganz treu auf dem Boden des Judentums stehen. Ein sehr typisches Beispiel aus allerletzter Zeit sei erwähnt: Nach den schändlichen Vor¬ „DiZ^MrZLs—„die" DZm 33on Rechtsanwalt Dr. Hans Lazarus Wie schon mehrfach in der B.-Zeitung" dargelegt, ist die Rechtsprechung, namentlich die des Reichsgerichts, in der Frage der sogenannten Kolleltivbeleidigung der Juden wenig günstig. Während bei. Ängrifen gegen andere Personengruppen, wie z. B. die preußischen Richter, die deutschen Offiziere oder Unteroffiziere, die Großgrundbesitzer, die christlichen Geistlichen der Welt usw. die Strafbarkeit der Kollektivbeleidigung in weitherziger Auslegung der in Frage stehenden Rechtsbegriffe bejaht wird, findet unverständlicherweise das Judentum und besonders das deutsche Judentum keinen ausreichenden Ehrenschutz. Jetzt ist ein neues Urteil zur Frage der Kollektivbeleidigung ergangen, das wortgetreu auf unsere Glaubensgemeinschaft übertragen werden könnte, und so die Unhaltbarkeit der Rechtsprechung gegenüber den Juden erweist. Es handelt sich in dem fraglichen'Falle um die Beleidigung der deutschen Aerzte in ihrer Gesamtheit. Zwei Naturheilkundige hatten in einer Zeitschrift die deutschen Mediziner angegriffen und u. a. . die nachstehenden Wendlingen gebraucht: „Nirgendwo auf der ganzen Erde wird soviel Wert auf den Besähigungsnachweis gelegt, wie gerade bei uns in Deutschland, und ganz besonders deutsche 'Aerzte, welche die allermeiste Ursache hätten, ganz artig, fromm und bescheiden zu sein und keinen Laut von sich zu geben, sind die größten Schreier in dieser Hinsicht. Ehrlos und gewissenlos sind sie in der Wahl ihrer Mittel, und ihnen nicht passende Hinsichten und Meinungen Andersdenkender in Verruf zu erklären, neue Beobachtungen und Entdeckungen lächerlich zu machen oder als Schwindel zu brandmarken. Im Laufe der Jahre werden fast immer von dem einen oder anderen Arzte diese neuen Tinge, sich bestens bewährend, angewendet, schließlich von der Allgemeinheit der deutschen Aerzte aus den Schild erhoben und stillschweigend als ihre Entdeckung und ihr alleiniges Eigentum ausgegeben, um sich so in den alleinigen Genuß der dadurch errungenen Erfolge finanzieller und anderer Art zu setzen. Keine Büttel und Wege sind ihnen zu schmutzig und zu anrüchig, um sich ihrer nicht zu bedienen. Menschenleben spielen bei ihnen keine Nolle. Für Geld, gute Worte, Erden und Ehrenzeichen haben deutsche approbierte Aerzte jedes gewünschte .Gutachten abgegeben, jeden verlangten Eid geschworen." Dieser gewiß völlig allgemein gehaltene Artikel veranlaßte mehrere Aerzte zur Stellung eines Strafantrages wegen Beleidigung. Das Schwurgericht in Nürnberg, das nach bayerischem Recht für Preßdelikte zuständig ist, verurteilte am 17. Februar 1932 (Akten cdpu. Reg. Nr. 50,30) den einen Täter zu drei Monaten Gefängnis, den anderen zu einer Geldstrafe von 300 Mark. Tie Revision wurde vom Reichsgericht durch Urteil v o rn 3. Juni. 193 2 Vgl. „C. V.-Zcitung" vorn 21. Juli 1931. o c> ca ] i/Sa kJ Jüü ff mm n n r ci c; Cs Ui \_ rar, a-: .„.zj