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Central-Verein-Zeitung · 1932-07-22 · 30 (22.7.1932) · p. Seite 311

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
30 (22.7.1932)
Date
1932-07-22
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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■ ZJ , / - i; v ,D wri,,v &‘4s? i&ktf öd i'.'wvi'/U / S:n Scfs5 W'MALN Als ich vor mehr als zehn Jahren die Schrift ,.Mein Weg als Deutscher und Jude" verösllntlichre, glaubte ich etwas Westnrliches zur Klärung des Problems „deutscher Antisemitismus" getan zu haben, auch zur gerechteren Beurteilung und leneren Kenntnis der seelischen SAuaLion jüdi'cher Künstler und Ticheer. Das Echo, das das Buch fand, ließ mich aus Wandlung hoffen, ebgleich darin nur ein einzelner von seiner persönlichen Erfahrung berichtete. T:e. Summen, die mir unmittelbar antworteten in vielen triefen. konnten die Illusion in mir erwecken, ich härm der Wahrheit einen Dienst geleistet; es war ein Augenblick damals, da man noch von einem Durchbruch der Menschlichkeit und der Vernunft träumen konnte. Ich spreche natürlich nicht von der Zmnmmung der Juden, die war nicht weiter überra'chend; ich meine die vom anderen Lager, die üch als Belehrte, als Bekehrte, als Bereuende bekommen, Leute aus den verschiedensten Betl'tcii und Bränden, Männer und grauen, ^»u- ' den An und junge Mädchen, Lehrer, Offiziere. Schrillllcller. Politiker. Sie sagten: daß cs so steh:, haken wir nicht gewußt; es tut uns leid, sagten sie, wir möchten gern, daß du um unserer schmerzlichen Einsicht willen vergißt, was Roheit und Boruiercheit gesündigt haben; schlage uns vor. was geschehen soll, schrieben andere, wir sind zu allem bereit; deine Erlebnisse haben uns erschreckt, wir schämen uns, wir möchten, daß es anders wird. Diese Briefe habe ich ihrer charakieri'tnchen Haltung wegen auwewahrt; wenn einmal diese Epoche der Ceistesr-evfinsterung und der Eefinnungsfeigheit Geschichte sein wird, werden sie ihren Bert als Dokumente haben. Es erwies sich, daß mein Beginnen ein Schlag ins Baffer war. Die Redaktion dieser Zeitung forderte mich auf. in der Sachs der jüdischen Künstler und des ihnen angedrohren Boykotts „Stellung zu nehmen", wie der Fachausdruck lauiet. Ich will gleich von vornherein bekennen, daß ich mich dazu nur mit äußerstem Widerstreben entschloß. Ich hatte das Gefühl, solche „Stellungnahme" sei meiner ni-cht recht würdig, sei überhaupt eines Mannes nicht würdig, der nie ein anderes Ziel gehabt und keine andere Tätigkeit gekannt bat, als sich mit seinen Mitmenschen in einer Sprache zu verständigen, bei der es eben nicht um „Stellungnahme" ging, sondern um Schauen, Empfinden, Begreifen und Urteilen. Soll ich „Stellung nehmen", wenn man mir erzähl:, ein Dirigent hake beschloffen, die Baßgeigen aus seinem Orchester: zu entfernen, weil diese Jnllrumcute die unverschämte Neigung beste an, die anderen zu überiönen? Dergleichen konnte freilich geschehen; da nichts absurder ist als die Tatsachen, sehen wir uns ständig, wenn auch widerwillig, genötigt, unsere reineren geistigen Erfahrungen an den gemeinen physischen zu korrigieren. Allmählich wird man des Unsinns müde; die Korrekturen lohnen sich nicht mehr. Aber wenn man mich rust, muß ich mich stellen, obgleich es dis geforderte Stellungnahme nicht fein kann, die ja nur auf fruchtlose Argumente und die verzweifelte Behauptung eiues unter unermeßlichen Opfern eroberten Postens hinausläust. Wozu aber kämpfen? Wozu die Künste der Kasuistik? Mit welchen Mitteln, wenn ich ein guter Sohn bin, soll ich beweisen, daß ich ein guter Sohn bin? Dies, meine ich, ist unter der Würde. Und unter der Würde finde ich es, daß sich die Juden immerfort bei aller Welt um ein Wohlverhaltungszeugnis bemühen, so als ob sie fürchteten, nicht treu und fleißig genug gedient zu haben. Nein, ich will mich weder mit meinen Gaben, noch mit meinen Leiden brüsten, als Jude nämlich; kein Vorrang komme mir zu als der, den mir meine Leistung und meine Führung einräumen, und das Forum, vor dem ich mich zu beugen habe, ist mein sittliches Bewußtsein und der Geist, der aus der Zeit in die Ueberzeit ragt. Ein Blntmärchen hat das Herzland und das Herzvolk Europas behext; liebedienerische Wisienschaft schreibt die Gebrauchsanweisung und den neuen Malleus maleficarum dazu, politische Leidenschaft schürt das Scheiterhaufenfeuer: die Geschichte ist ewige Wiederholung des Gleichen. Was soll ich nun dawider unternehmen? Was kann ich anderes beginnen als mit offener Brust auf den Schauplatz treten und sagen: da bin ich, ich fürchte mich nicht, ich stelle mein Sein gegen euer Dun. Aber ich will klare Scheidung haben. Speien wir die Lauen aus unserem Munde. Trennen wir unsere Sache von der der Macher, der Leugner, der Nutznießer, der geheimen und offenen Ueberläufer, der Mimikryleute, der Verneiner aus Traditionslosigkcit, der Gottlosen aus Jntellektualität, der gefälligen Paktierer, der Ach-und-weh-Schreier, der Schäflein-ins-Trockne- Briuger und derer, die „Haltet den Dieb!" rufen, während sie mit ihrem Raub einen Schlupfwinkel suchen. Wenn von jüdischer Kunst und jüdischen Künstlern gesprochen wird, rate ich vor allem einmal zur Bescheidenheit. Tie letzten zwei Jahrtausende haben die Juden allzu schwer mißhandelt, als daß ihnen Zeit und Freudigkeit genug geblieben wären, sich aus der mörderischen Wirklichkeit in Form und Bild und Gestalt zu retten, wie es alle änderen Völker tun konnten; religiöse Ueberlieserung. der Väterglaube allein vermochte sie vor der Verzweiflung zu 'chützen; ihre Mythen- und genienschassende Kraft war nach der Hervoröringung Christi für viele Jahrhunderte erschöpft. Kein Michelangelo, kein Rembrandt, kein Dante, kein Lach, kein Shakespeare, kein Mozart, kein Beethoren, kein Schubert ist uns erstanden, und wenn wir dem gegenüber unsere Herrlichkeiten aufzählen wollen, genügen die zehn Finger beider Hände, und wir haben noch immer keimen vom Ausmaß eines einzigen jener Halbgötter. Aber daraus den Mangel ursprünglich schaffender Kräfte überhaupt zu folgern, ist eine bequeme Fälschung und heißt das Wesen des Produktiven verkennen, das, indem es in der Gemeinschaft als solcher wirkt, bei einem Schicksal wie dem jüdi'chen zu jahrhundertelanger Anonymität verurteilt sein kann, namentlich, wenn es dabei nur um das Leiden geht, dis produktivste Macht der Welt. Ties ist gerade in unserer Epoche cugerncheinlich geworden. Es sind Schaffende dagewelln und sind noch am Werk, die mir, wenn ich die Gesetze der Entwicklung nur einigermaßen verllehe, in einem hohen Sinn Verkündiger und Vorläufer zu sein scheinen. Aber es handelt nch dabei uru einen langwierigen Prozeß, der nicht ohne tiesite Konzentration der hieran beteiligten GAamtheit vor sich gehen kann, nicht ohne seelische Auftockerung (die durch das beständige an.gllvolle Starren auf das Moment der ExmenzbLrohrmg entscheidend verhindert wird und immer, seit es eine jüdische Geschichte gibt, verhindert worden ist) und nicht ohne neue, umfaffende, lebensverachtende Opfer. Aus dem jüdischen Men- - scheu, besonders auf dem schöpferischen, dem in den Bezirk der Kunst eingetre reuen, lallet ein solches Leidensgedächtnis und insolgedeWn, von Generationen her, eine so willige, ja leidenschaftliche Ovferbereitschaft, daß er, mehr als jeder andere, eine Znkunstsverantwortung in sich trägt, die ihn zur Selbllentänßerung zwingt und damit, tragisches Gegenspiel, aus dem Reich der reinen Kunst wieder verstößt. Betracheet man die Dinge so/ dann spielen der Tag und seine Nöte keine Rolle mehr. Dann erniedrige ich mich, wenn ich die Verteidigung derer übernehme, die sind, was sie sind, weil sie leiden, was sie leiden. Und schriebe ich ihre Apologie mit meinem Blut, es wäre angesichts der steinernen Augen, die mich anichanen, ver'chwendetes Blut. Ter. nationalistische Standpunkt, wonach der vermeintliche Fremdstämmize ausgeschlossen sein soll vom Dienst an der Nmion, istkeine Erleuchtung von heute und gestern, er ist die Verenoigung der Halma g jenes römischen Prätors, der den Christen bei Todesstrafe verbot, an der Löschung des Brandts von Rom - j , /A >■ / > */ w, s'i ,■ u < .. ll /, r-N />■ Ach. ( ■' >fV< /✓

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