Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 302 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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302 Tagger-Bruckner und Walter M e h - ring nennt, die aus dem Staatstheater mit keinem Wort gehört worden sind, sei nebenher erwähnt. Aber wie steht es denn mit dem von Jeßner auf den beiden Staatsbühnen gezeigten Tutorenkreis? Vorher gestatten Sie, Kollege Fechter, sestzustellon: erstens, daß ich niemals ein blinder Anhänger und Mitgänger Jetzners gewesen bin (ich sehe Jeßner ungern zustimmen), daß ich also nicht etwa an den Schandpfahl der ,Maste" anzubinden wäre. Zweitens, daß ich Ihnen sogar Tank schulde, weil ich nun Veranlassung habe, mich mit Statistik zu beschäftigen und Tatsachen gegen Behauptungen zu stellen. Was also sagen meine recht getreuen Aus-. Zeichnungen? Jeßner hat in reichem Maß die Klassiker gespielt: Schiller, Goethe, Shakespeare, Kleist, Lessing. Ebenso die besten Nachsahren: Srabbe, Hebbel, Reinhold Lenz, Grillparzer und auch Anzengruber. Entsetzlich, wenn ein Jude darunter wäre! Jeßner hat auch „Ausländer" aufgeführt. Stocken Sie hier schon? Wollen Sie Dichtern wie Ibsen, Strindberg, Hamsun, Holberg, Shaw ihren Auslandspaß unter die Nase halten? Wollen Sie Calderon, Tschechow, Gustav Wied, Pailleron als nicht „deutschstämmig" totschlagen? Einiges Unwesentliche wie I. R. B a rrie, F. Reher und Rosso di San S e - condo ist rnitgelausen. Ehe wir sie steinigen, wollen wir prüfen, ob sie nicht in deutschen Landen Genossen im Ungeist haben! Aber nun die ,Deutschstammigen": Serhart Hauptmann, Wedekind, Georg Kaiser. Arnolt Bronnen, Bert Brecht, H. Iahnn, Bruno Wellenkamp,Bernhard Blume, Fritz von Unruh, Franz D ü l b e r g, Hermann Bahr, Wilhelm von Scholz, Hermann Essig, Ernst Barlach, Eduard Stucken, F. I. V ä n t o ch, Fritz K n ö! l e r,. Hans M e i s e l, Paul Schirmer und der christ-katholische F. I. Wein-' rich Schickele wird Ihnen wohl noch als deutscher Dichter gelten? Und wenn Sie Walter' Hasenclever als Juden und deshalb als chbeweisstück" ansühren, dann fragen Sie ihn bitte selber, wie es damit steht. Das waren, alles Zusammengerechnet, zweiunddierzig Autoren verschiedenen Grades. Nun aber kommt die „Judengarde"! Mein Auge verdunkelt sich, es steht wirklich schlimm! Gegen mehr als vierzig Nichtjuden haben sieben Juden unterschiedlich Talent besessen! Sie haben . das Glück gehabt,' ausgesührt zu werden; sie hatten zum Teil das Unglück, nicht zu gefallen, und sie haben das vollendete Pech, dem. „jüdischen Anteil an der Bevölkerung" nicht zu entsprechen. Lieben Juden: ein paar ältere.Harm-, lose Leute, bei denen sich auch die deutschesten l:::!:n2ß:aä lLHLDtal Die thüringischen Mitglieder des C.Y. treffen sich am Sonntag, den 17. Juli, ln Oberhof, Hotel Blum, za einer Sommertagung. Anfang 3 Uhr, Ende 5 Uhr. Das Mitglied, des Hanptvo Standes Landgerkhtsrat Dr. Seligsohn (Berlin) spricht über: ..Was steht auf dem Spiel?“ Anschliessend Gesang: Opernsänger Emil Fischer (Weimar);. Vortrag Ariar Schweriner, stelh\ Syn-. dikus des C. V.: ,,Heitere Erlebnisse auf ernsten politischen Agitationsreisen/' Deutschen Zu unterhalten pflegen, Dakar Blu menth a l, Dskar JustinuZ, Karl Rößler. Tann vier, die noch nicht tcr oder eisgrau sind: H. I. Rehjisch. Felm Joachimson, Else LaZker-Schäler, Lion Feuchtwange r. Aber schon bec icn e ich mich eines jüdischen Drehs! Es gib: noch zwei: Heinz Lipmann, dem eben der verband der deutschen Regisseure einen verdienten Nachruf widmet, und Ernst K a m n i tz e r. Beide waren sehr dreist. Lipmann hat eine Tragödie von Sophokles, Kamniher einen Shakespeare bearbeitet. Dagegen indes werden die Engländer und die Griechen flammenden Protest erheben, vermutlich. Soweit die Statistik. Es ist hinzuzusüaen, daß diese Dichter fast nur von nichtjüdischen Regisseuren und Darstellern ins Werk gesttzt wurden. Es darf auch festgestellt werden, das; der Nachfolger Jeßners, Ernst Legal, unzweideutiger Herkunft, nur drei Juden hat sprechen lasten: David Kalisch, Sternheim und Feucht Wange r. Aber wenn ich der Beschämung und des Widerwillens Herr geworden bin darüber, daß ich überhaupt eine I u d e n z ä h l u n g nach berüchtigtem Muster habe vornehmen mrwen, bleibt zu sagen: die Zahl ist nicht die Hauptsache. Daß Sie, Herr Tr. Fechter, Kunstschriststeller, in Dingen der Kunst vom „jüdischen Anteil an der Bevölkerung" reden, daß Sie — verzeihen Sie! — shhlockartig mit Prozenten rechnen, darauf kommt es an! Daß Sie sich nicht den einzelnen an'chaucn. dm Christen oder den Juden, allein darauchin, ob er begabt ist oder nicht, ob er ein eurer oder ein schlechter Diener der Kunst, ob er, Christ oder Jude, etwa geeionee wäre.' in sich, tunst das Staawchmwr vor' sachtm.wz owr Auflösung zu reuen: darauf kommt es an! - i e aber fordern mit einiac:.; beinahe o e r a b? 3:: tolerante n Wohlwollen den numerus clausus und ein neues Ghetto. Alle Ihre Bemerknn. gen im „Aber" ändern an dieser Grund ein stellung nichts. Gestatten Die sreun.dlichst, daß wir uns das nicht gefallen la"en! Mit Ihnen und in völliger Gleichheit rechnen wir uns zum „deutschen Publikum" und zum „Gesamtvolk". Wir nehmen denselben Anteil an seinen Leiden und Entbehrungen, an seinem Hoffen ach Wicdererstarkung. Aach nicht um einen Zehnte kgrad weniger als Sie run wir das! Wir wolle:: und werden Mitarbeiten, auch wenn Sie es uns verwehren und dann darüber kreischen wollen, daß wir es nicht tun! Ihre Formulierung vom „S t a a i & t> o I!' weisen wirzurück, weil sie den: ebenfalls von Ihnen betonten Begriff „G e sa m to o ll" glatt widersprich:! Eesamtvolk: allerdings! Mer mit den: „StaaLsvolk" wird die eigentliche Gesinnung enthüllt: den einen die Herrschaft und den anderen, prozentweise, das verschüchterte Helotentum! Wird abgelehnt!! MN rv. OOmistag des SlAerS am 15. M Von Sanas Mrtjn Elsier- - Bei Ludwig Fulda erfüllt sich das Gesetz von der Einheit des Menschen und Dichters. Wer den Menschen Fulda kennt, versteht auch den Dramatiker Fulda gerecht, und wer den Dramatiker Fulda gerecht auffaßt, kennt euch den Menschen. Diesem Lohne Frankfurts ist es in seinem langen Autorenleben, das schon in den achtziger Jahren erste Erfolge einernckte, immer wieder begegnet, mißverstanden, mit Ucbelwollen angegriffen zu werden. Ludwig Fulda, ist von Jugend an ein Förderer der edelsten Menschenliebe und reinsten Idealität gewesen. Wenn er anläßlich der Hex Heinze und später immer wieder bei andern Gelegenheiten mit Hilfe' des von ihm begründeten und geleiteten Goethe-Bundes gegen jede Art Zensur auftrat, geschah es gerade aus gesundem ethischen Wollen: nur in der Freiheit kann der schöpferische Gei ft siegen, herrschen, Gutes wirken; der schöpferische Geist ist aber immer ein sittlicher Gei sä Ludwig Fulda war ja immer ein um echte Kultur Wissender. Auch das ist ihm natürlich bestritten worden. Aber der unbestechliche Blick sieht, wie in ihm Naturanlage und Kulturerziehung zu einer seinen liebenswerten Persönlichkeiten zusammeuwuächn durch die innerliche und kluge Verarbeitung höchsten deutschen, höchsten weltliterarischen Schaffens, durch die Veranlagung zu den:, was wir als „anständige Menschenart" zu bezeichnen pflegen. Ter Jude Ludwig Fulda stamint aus Frankfurt a. M., der Geburtsstadt Goctchs: Goethe ist denn auch sein Erzieher und Führer gewesen zu innerer Klärung,. Ausbildung zu gutem Ausreisen .kultiviertester Bürgerlichen. Sie hat den Mensch en^Fulda zu jener Men'chlichtest emporwachsen lagen, durch die er uns immer wieder gewinnt. - Wer. Fuldas. Werke — es sind - mehr als siebzig -Dramen-, Novellen, Effavsammlunoerr, Reiseeindrücke, Nebersttzungen geworden — von ihren Erstlingen an durchgeht, stellt fest, daß schon dem Sichersten, der nach den Frankfurter Jugendjahren in Heidelberg, Berlin, Leipzig Philosophie und Germanistik trieb und seine Univcrsitätslaufbahn mit guten wnwnschast-' lichen Arbeiten über Johann Christian'. Günther, über die zweite schlesische Dichckrschuke abschloß, daß schon dem jungen Doktor, der seit 1884 in München, seit 1888 sechs Jahre' in Berlin/dann wieder zwei Jahre in München vor der dauernden Niederlassung in Berlin lebte, die gleichen Schasfenselemente zur Verfügung standen wie dem reifen Dramatiker. Nämlich der Humor aus Menschenliebe, jener gutmütige Spoir. durch den die Menschlein bester werden. Fulda gewann sich die Herzen seiner Zuschauer, weil er Gemüt hacke und' diesem Gemüt die Klugheit, die Lebensklugheit, zuaescllto. Er wurde nie ein bissiger Satiriker, nie ein hartherziger Zmnrker,' er war innrer ein mitfühlender Mensch, der das Allzumenschlich-Menschliche nur zu gut verstand/ ebne cs immer'zu billigen. Bei allem Altruismus zeigte Fulda stets Che. taflet, den Charakter, der sich aus den: sinnvollen Leben in: bürgerlichen Kreis nicht ins Uferlose hinauszerren ließ. Er schätzte die Tradition in ihrem wirklichen Wert. ' - Er war darüber hinaus aber auch Künstler. Mit einer Anmut der Form behacktet. die immer wieder bezwingt. Mick einer Frische der Phantasie gesegnet, die durch irre natürliche Aösichtslosigkeit bezaubert. - And mir einer Beherrschung der Sprache bestbenkt, wie sie umer den deutschen Tram.aoikern säten ist. Gewiß, auch hier setzte Fulba die große Tradition fort, mir echtem Verantwortungsgefühl, mit Zciwerbindüng und Wahrhaftigkeit. Mau sieht Fulda ' wohl richtig, wenn mau ihn aus seinem ethischen Kern heraus versteht.- Von hier ans kann man die Verbindung Herstellen - zuseiner Uebersetzerleistung: nüi