Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 301 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir haben den bekannten Theaterkritiker, unser Mitglied Fritz Engel, gebeten, als deutscher Jude und als genauer Kenner der Berliner Theater und Kunstverhältnisse auf Dr. Fechters Vorwürfe zu antworten. Die Schriftleitung. Dr. Paul Fechter schreibt: Sis haben mich gebe Len, Jemen meine Stellung zu der NationalstziLlistischen Forderung zu Präzisieren, daß künftighin an staatlichen Bühnen keine jüdischen Schauspielen mehr beschäftigt werden sollen. Ich möchte dazu folgendes bemerken: 2b Stimmung, aus der dieser Antrag im Landtagerwachsen ist, ist nach den TheaLerderhältnisien der letzten Jahre verständlich. An den Berliner Bühnen, die für einen großen Teil auch der Theater im Reich maßgebendwaren, hat in den letzten Jahren das jüdische Element im Spielplan wie bei den Darstellern ein Uebergewicht gehabt, das weder dem jüdischen Anteil an der Bevölkerung. noch der Bedeutsamkeit der Leistungen - entsprach. Die Belege gibt ein Blick aui die Spielpläne, deren Wirkung auf das deutsche Publikum aus den Referaten der Blätter der Rechten ohne viel Mühe zu ersehen war — und gibt die innere Geschichte des Staatstbeaters, etwa das, was die Aera Kortner hieß. Es war nicht klug, bei dem nun einmal gegebenen zahlenmäßigen Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdrscheu Autoren die jüdischen von Reh fisch bis Herzog, von Druck n e r bis Joachimsohn, von Hafenclever bis Mehring lediglich durch diejenigen nichtjüdischen ausgleichen zu wollen, die gesinuungsmäßig der Gegenpartei näherstanden als den eigenen Leuten. Und es war ebenso unklug, bei dem zahlenmäßigen Verhältnis zwi-schon jüdischen und nichtsüdi'cheu Begabungen den jüdischen gerade an dem weichin sichtbaren Staatscheater wenigstens zeiiroeise eine Vorherrschaft zu konzedieren, die weder durch Erfolge noch lunch größeres Talent ihre Berechtigung erweisen konnte. An den Berliner Prwatcheatern, die bis auf eines in jüdischen Händen ivareu, waren ja so viel Betäkiguugs- Möglichkeiten gegeben, daß man am Staatscheater, der nach außen hin offiziellen Bühne, ruhig etwas zurückhaltender hätte sein können. Man war es nicht — im Gegenteil: es braucht nur an die,. Gespenstor " - Aufsübrung erinnert zu werden, in der Trau Aloing h:i als störende Nebenrolle neben Herrn Kortner behandelt wurde. Ties alles mußte eines Tages zu Goa-? nbewegu ngen führen, deren sichtbarer Ausdruck jetzt dieser Antrag im Preußischen Landtag ist. Man konnte diele Reaktion seit Jahren kommen sehen: schon die Tatsache, daß auch Zeitungen der Linken energisch dagegen austreten mußten, daß ein Mann wie Friedrich Kay scher, eine Schauspielerin vom Range Lucie Höflichs, man kann sagen jahrelang keinen Platz an einem Berliner Theater fanden, hätte zu denken geben sollen. Trotzdem ist zu sagen, daß der Antrag der Nationalsozialisten an einer Stelle einseht, au der ec fehl am Platz ist. SuM man. die Zahl der großen ' nichtsüdi scheu Schauspieler neben die der großen jüdischen, jo ergibt sich ein ganz narkes Uebergewicht der nichtjüdischen. Gegen B a s s e r m a n u . Kraus, K a h ß l er. Klopfer, Förster, George, W e g e - n e r . H a r t m a n n , Iannings , A l - b e r s , W i e m a n rr, die H 5 flich. die Tbimig, die Straub, die Lossen, sieben auf der Gegenseite im wesentlichen Herr Vollenberg und Herr Kort n e r, Fräulein B e rg n er und Frau M a s sa r y , wenn man von den Vertretern der Komik, wie Herrn B ressart oder Frau Vale k ti, absieht. Tw übrigen halten sich mehr oder weniger in den rückwärtigen Reihen auf. Eine Gefahr der Ueberfremdung ist somit. kaum gegeben oder höchstens bei den Kleineren — und alles ließr sich ohne viel Schwierigkeit lösen, wofern man nur die leitenden Stellen des Staats theaters sinngemäß mit Angehörigen des Staatsvolks besetzte. Diese Forderung -müßte gerade die jüdische Seite erheben, weil bei der heutigen Situation die Verantwortung für ein Staatstheater war für jemand wirklich tragbar ist, der die merkwürdigen Phasen des Bolkwerdens, die wir heute durchmachen, selbst mit der nötigen, seelischen Tuchfühlung mit dem Ganzen mit durchleben kann. Es gibt auch auf der jüdischen Seite Männer, die diese inneren Vorgänge im Lande genau so sehen, mirfühlerr und bejahen wie wirr sie pflegen sich aber leider meistens nicht mit Theaterspielen abzu» g-eben. Unsichere aber darf man nicht in ein Gefahrengebiet bringen, dosten Ausmaße sie beim besten Willen nicht ab scheu können. Ist aber in der Leitung des Staatslheaters eine solche Sicherung für alle gegeben, so darf man es dem staatlichen Institut nicht verwehren, brauchbare Talente an sich heranzu sichen und zu verwerten, wo es sie findet: das jüdische Element grundsätzlich aus dem Sraatschsater aus schalten zu wollen, hieße dem Sr-aat die Möglichkeit nehmen, alle Kräfte in seinen Dienst zu stellen, und hieße überdies dem Judentum einen Bezirk verschließen, in dom es ein gut Teil seiner natürlichen Anlage sinngemäß zum Besten des Ganzen auswirken kaum. Gerade das wird ja Sache der weiteren Klärung und Entwicklung der Verhältnisse fein, die Stellen herauszufinden, an denen sich die besonderen jüdischen Energien und Fähigkeilen sinnvoll zum Nutzen beider Teile und. des Eesamtvolkes ein setzen können, ohne daß sich wie bisher dauernd Schwierigkeiten und Schädigungzen gerade für die jüdische Seite ergeben, weil die Stellen für ihre Betätigung bei aller Klugheit zuletzt doch unüberlegt gewählt waren. Bismarck ist da mit bestem Beispiel vorangegangen; man wird nicht umhin können, im Politischen aus seine Methode zu. rückzugreifen, und innerhalb des Kulturellen wird man das noch viel mehr müssen. Das spezifisch Jüdische in seinen vielmcheu, ungeheuer verschiedenen Nuancen gibt dem Bilde der geistigen Gesamtleistung bei uns eine so gesteigerte Lebendigkeit, ha: vielfach auf das ihm entgegengesetzte Deutsche eine so ausgezeichnete, durch Widerspruch belebende und dadurch das Deutsche stärkende Wirkung gehabt, daß man es, gerade wo es in Tiner besonderen Selbständigkeit auftritt, in keiner Weise missen möchte. Bon hier aus aber darf man daun vor allem das Theater nicht aus den Bezirken der Zusammenarbeit ausschalren — um w weniger, als man bei grundsätzlicher Aussonderung der Staatstheater jede Möglichkeit der Ginwirkung und Auslese beim Nachwuchs verliert. Man könnte meinen, das Problem sei viel einfacher von da her zu erledigen, daß man sagt. Theater ist Kunst, u:rd Kunst hat nichts mit Politik zu tun; es sei somit verwerflich, diese abseitige Betrachtungsweise in die Gebiete des Künstlerischen hineinzuiragen. Dagegen ist zu sagen, daß heute so gut wie kein Gebiet von den Auswirkungen des Dolnrcrdens unberührt bleibt, und daß es ein künstliches Bcrharrenwvllen aus dem rein ästhetischen Standpunkt von einst bedeuten würde, wenn man versuchen wollte, dem Problem nur von der waenannten Kunst und ihrer sogenannten Freiheit her bet zirkommen. Damit würde die Betrachtung dem Leben entzogen — und der Gegenstand irr keiner Weise seiner wirklichen Bedeutung gemäß behandelt." Fritz* Engel schreibt: Wenn mir naheaetegt wird, mich zu dem zu äußern, was Dr. Raul Fechter hier geschrieben hat, dann ist mein erstes Gmühlc da gibt es mir ein Kopfschütteln. Eine Annoort? Soll die Herrn Fechter überzeugen, nachdem er sich gleich manchem anderen gescheiten Kopf in die Sackgasse dos Vorurteils hat versprengen lassen? Der nationalsozialistische Antrag i::i Preußischen Landtag hat ihn offenbar eingenebelt. Er ist einem hier schon von Julius Bab gekennzeichneten kunstfremden, kmnueindli-chen. auf die banausische Dummheit urteilslowr und unwissender Kreise eingestellten Aunoicglertum in Die Falle gegangen. Und wenn er vor einiger Zeit in der „Judendebatte" zum Wort gelangt iw und gegenüber dem Antisemitismus und den Antisemitcleieu zuerst ein Nein! hatte mit einem Aber! dahinter, über das sich diskutieren ließ, sa hat er jetzt vor einem leise geraunten Ader! ein Im Ter andere hört vor allem nur das Ja. Wer sich damit beschäftigen soll, muß sich zur Ruhe zwingen, um nicht . . . Gemäß dem Anträge im Landtags geht Fechter von der Situation im Staatstheater und der Direktion Leopold I eßncrs aus. Daß er in diesem Zusammenhang mißdeutig. jüdische Autorerr wie Wilhelm Herzog.