Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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29$ ^A.v‘"." S&& *&r si v V ir v v ' | 44I1 v" ' Don Or. Werner Cshnmann (München) Das bedrohliche Anwachsen judenfeindlicher Strömungen m öffentlichen Leben, Anfemdurlg und Beschimpfung unserer Gemeinschaft, Boykott und SchulanLisemitismus, die im Gefolge der nationalsozialistischen Bewegung ausgetreten sind und zur Dirtschaftlichen Gefährdung die .staatsbürgerlich- Aechtung hinzufügen wollen: dies alles hat unter den Juden DeutschlandZ ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit hervorgerufen. Man weiß nicht, wie und wo man d-en Nationalsozialismus einreihen und welchen Standpunkt man ihm gegenüber einnehmen soll. Während die einen glauben, daß er nichts weiter fei als ein aus wirtschaftlicher Not geborenes Aufflackern eines sich selbst rasch verzehrenden Strohfeuers, sehen die anderen ein neues Zeitalter unbedingter Gebundenheit her- Qufkommen, in dem, wie hinter einem dunklen Tor, die Souveränität des freie n Menschen für lange Zeit eingeschlosien wird. In diesem Augenblick ist es an der Zeit, \ dem spinozistischen Grundsatz nachzuleben, daß i man über die Tinge dieser Welt weder Schmerz noch Freude empfinden soll, sondern daß man sich bemühen müsse, sie zu erkennen. Wenn wir erkannt haben, aus welchen Quellen der Strom der deutschen Geschichte sich gebildet hat, werden wir mit größerer Sicherheit als vorher die Mode des Tages abzutrennen wissen von dem Krügen Bestand, aus dem sich das Leben Von Land und Volk in Deutschland erneuert. Ricarda Huch beginnt einen Vortrag, den sie im vergangenen Jahr über „Deutsche Tradition" (Erich Lichtenstein Verlag, Weimar) gehalten hat, mit der Feststellung, daß eine einheitliche Ueberlieferuug, die allen Schichten und Teilen Deutschlands gemeinsam wäre, nur in der Idee des „Reichs" schlechthin gefunden werden könne. Diese Idee nnr, wenn man Ricarda Huch und anderen neueren Schriftstellern folgen will, niemals in ihrer Fülle verwirklicht, aber sie hat ihr Vorbild gefunden in jenem heiligen Reich des hohen Mittelalters, in welchem der Kaiser deutscher Nation als oberster Herr der Christenheit Frieden und Freiheit zu schützen berufen war. Freiheit in diesem Sinne war und ist entgegengesetzt dem fürstlichen Absolutismus, . der späterhin alle selbständigen Regungen der Bürger und ihrer Korporationen zu seinen eigenen Gunsten unterdrückt hat; ebensosehr aber auch entgegengesetzt jener „Freiheit und Gleichheit", die anschließend an die Ideen der großen französischen Revolution von 1789 ein zentralisiertes System der Staatsallmacht, wenn auch begründet aus die Volkssouveränität, überallin Europa aufgerichtet hat. Deshalb haben der Freiherr vom Stein und die deutsche Romantik der Aufklürungsphilosochw des Westens und dem imperialistischen Nationalismus des Raprleomschen Frankreich die aus der Anschauung des Mittelalters geschöpfte Borüellung einer „Freiheit in der Vielgestaltigkeit" entgegengesetzt. Das Volk, meint Ricarda Huch, habe ein „Gedächtnis, in dem sich das Wesentliche erhalt, wie sehr es auch im Laufe der Jahrhunderte umgebildet wird. Klassenloser Staat, Despotismus, Diktatur, sei es Diktatur des Kapitals oder des Proletariats, Zentralisation, das ist dem Gedächtnis des deutschen Bürgertums fremd. Nicht aber Freiheit als freiwillige Bindung an ein höheres Ganze, Genossenschaftswesen, Ausgleichung der Gegensähe, Mannigfaltigkeit anstatt System und Neichsbewußtsem. Das Reichsbewußtsein, das sowohl von dem Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts wie von dem modernen europäischen Geist sehr verschieden ist, könnte vielleicht noch einmal aufleben, nachdem es vom Rationalismus des vorigen Jahrhunderts verdrängt wurde." Nimmt man diese Worte als einen Leitstab für die Betrachtung der politischen Erscheinungen der Gegenwart, so erkennt man, daß im heutigen Deutschland jenem von Ricarda Huch abgewiesenen Nationalismus westlich-imperialistischer und wilhelminischer Prägung ein neues Gefühl der volksmäßigen Verbundenheit entgegengesetzt wird, das zu einem Auferstehen des großdeutschen Gedankens geführt hat. Dieser neue Nationalismus mag seine Kraft aus der wirtschaftlichen Net, in die alle Schichten geraten sind, gewonnen haben, er bleibt trotzdem, was er ist: das Wiederaufleben seelischer Regungen im Leben des Volkes, die niemals tot gewesen sind und die nur geschlafen haben, so wie die Sage den alten Barbarossa im Kyfshäuser schlafen und zu seiner Zeit ausstehen läßt. Der Ruf nach dem „Dritten Reich" und daß Deutschland zu ihm „erwachen" soll, hat so an die Saiten im Erinnerungsvermögen des Volkes gerührt, die dem bloßen „Verstand der Verständigen" niemals recht faßbar sein werden. Aber niemand, der den Sang der Dinge überblicken will, wird sich deshalb davon überzeugen tonnen, daß Adolf Hitler zum heimlichen oder öffentlichen Kaiser dieses Reichs auserschen ist. Keine obersiächlich wirksame Wortzusammenfügung kann darüber hinwegsehen lassen, daß der Nationalsozialismus mehr als er selbst meint die zeirgeoundenen Züge des 19. Jahrhunderts aufweist, die heute in die Masse dringen, so wie man Möbel und Schmuckgegenstände einer ehemaligen Oberschicht einige Jahrzehnte später in den Zimmern der Portiers und der Kanzleisekretäre aufsinden kann. Der Nationalsozialismus will der ökonomischen Geschichtsdeutung des Marxismus ein anderes, zukunftweisendes Prinzip entgegensetzen und glaubt es im Ausruf der volkstümlichen Kräfte gefunden zu haben. Aber die Begründung dieser Idee des Volkstums aus die Rassenrhcorien von Sobineau und Chamberlain zeigt, daß er selbst den Gedankengängen des weltanschaulichen Materialismus von damals verfallen bleibt. Weil ein inneres Gefühl, das genüge Deutschland nicht über wagen zu können, die rauhen Kämpmr des Hakenkreuzes und alles, was mir ihnen verbündet nt, niemals verläßt, haben sie ihre Zuflucht zu den Staatsgedauken des Despotismus und der Diktatur nehmen müssen, die man aus asiaüchem oder lateinitd}€in Vorbild herleitcn kann, für die aber der deutsche Geschichte kein Beispiel gibt. Was können wir als deutsche Juden aus solchen Überlegungen lernen? Vor allem anderen die Sicherheit, daß Lärm und Gewalt auch in Miseren Tagen wirkliche Kraft nicht ist, sondern nur sein will, und daß es deshalb kein verlorener Posten sein kann, auf dem man heute wie zu allen Zeiten den Geist der Dinge, auf denen man steht, und die Liebe zu ihnen verteidigt. Diese Empfindung darf aber nicht dazu führen, daß in dem kämpferischen Geklirr, in * das wir uns notwendigerweise hineimegebeu müssen, das Gehör für das verloren geht, was fein und still inzwischen heranwächst. Das : geistige Wesen des 19. Jahrhunderts, das der ' menschlichen Individualität, aber auch dem ' menschlichen Egoismus und der ungebundenen Kritik so viel Raum gelassen hat, ist heute scheu kaum anders als in der Erinnerung lebendig. Es kann nicht verwundern, wenn inmitten der allgemeinen Umwälzung, in der wir neben, auch die Geltung der Juden als Staatsbürger in Frage gestellt wird. In diesem Zusammenhang erinnern wir uns, daß die politische Emanzipation der Juden den Ideen der Awklärung und der französischen Revolution zu verdanken ist: Wenn alles eine Dernumt war, mußte jeder einzelne Jude als Mensch und Bürger in sie eingeschlossen sein. Wenn man heute demgegenüber Gliederungen sieht und Unterscheidungen setzt, die in ihrer Zusammenfassung erst das Ganze der geschichtlichen Welt ausmachen sollen, so befürchten wir. daß solche Gedankengänge uns abschlietzen tonnten vom Leben der Nation. Wir müssen deshalb dafür Sorge tragen, daß das Absinken dessen, was zeitgebunden war am Liberalismus, nicht zu einem Verblassen der Liberalität führt, zu einer Preisgabe jenes geistigen Reichs der Toleranz, in dem allein wir leben können. Aber wir dürfen das, was an den neuen und vielfach so alten Strömungen fruchtbar für uns werden kann, nicht abweisen. .Es ist von uns verlangt, daß wir wieder ein Gesicht als Gesamtheit erhalten, einen schärferen Umriß unserer jüdischen Eigenart; daß wir unsere Individualisten, die haltlos sind und Haltlosigkeit um sich verbreiten müssen, zurückrufen zu den ewigen Werten unserer Gemeinschaft. Wir brauchen darum nicht in den Irrtum zu verfallen, als könnten die Ideen des staatsgläubigen Nationalismus oder Kommunismus, wie sie da und dort Teile unserer jüdischen Jugend ergriffen haben, religiös-metaphysische Bindungen ersetzen.- Aber wir werden, wenn wir uns selbst finden, sesthalten können an dem, was als Heimatgefühl und Kulturbewußtsein uns mit deutscher Erde und deutscher. Geschichte verbindet; wenn „Einheit in der Mannigfaltigkeit", von der Gonfried Keller im „Fähnlein der sieben Aufrechten" ebenso spricht wie Ricarda Huch und andere Schriftsteller unserer Zeit, wirklich ein Wesenszug der deutschen Geschichte ist, muß auch die deutsche Judenheit in sie eingegliedert vaerden können, ohne daß man ihr zumutet, sich selbst aufzugeben. Dann wird die Gerechtigkeit de:- wahren Reichs der Deutschen aus unserer Seite sein. Lg3 inidos v©r n ü I ©sSfsrQtjsserä das C.V. } Das lssauptvorstandsmltgilsd des C V. Dr. Ismar Freund (Berlin) spricht cm: | Montag, den 18. Juli, In Elbing Dienstag, den 19. Juli, in Königsberg Mittwoch, den 20. Juli, in Tilsit Donnerstag, den 21. Juli, in Aliensfein Ober das Thema: „Deutsch© Juden in Nof" Vollzähliges Erscheinen aller Gemetndeangehcngen - wird erwartet j '