Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 28 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- Seite 292 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Tie Rot von heute und was sie verursacht hat, wird von aller Welt auis stärkste als hervorquellend aus menschlicher 3 chuld, aus dem schlechten, dem schwachen oder irregeleiteren Willen, empfunden. Zwar hat diese Art Trangsal nie gefehlt, so wenig wie Lieblosigkeit und Niedertracht im Tasein der einzelnen oder Krieg und Derfotgungswut in dem der Völker eine Erfindung unserer Tage sind. Aber man übertreibt nicht, wenn man feststellt, daß nur sehr selten, am ehesten noch in der Urzeit der großen Religionen, so überwältigend und so einhellig es allgemeine Ueberzeugung war, es könnte anders sein, wenn wir, wenn die Menschen anders wollten. Wir lesen in unseren, in allen Gebetbüchern die Bitte um Leben und Gesundheit, um Regen und Fruchtbarkeit, -um Bewahrung vor feindseligen Naturgewalten. Tas ist der Ausdruck der Erfahrung, daß dunkle, undurchdringliche Kräfte unser Lchicksal bestimmen, vor denen der Mensch hilflos zittert. Ihr EinAuß ist gewiß nicht geschwunden. Aber weit Lieferen Eindruck macht auf den Menschen von heute der Mensch selber, der den höchsten technischen Verstand entwickelt hat in der Nullung aller irdischen Kräfte und Lchatze und dabei ein erstaunliches Versagen der menschlichen, dem Merkchen zugekehrten Weisheit ostcnbart. Nichts dürfte einer glücklicheren Zukunft für unsere Tage mehr charakteristisch erscheinen, als der von diesem Geschlecht ins Ungeheure gesteigerte Reichtum des Ganzen bei bitterster Armut unzähliger einzelner. Alles i st d a: aber n i em a n d h a t e t w a s. Tie Klage über die ungerechte Verteilung der.Taseinsgürer ist uralt. Aber noch nie ist gleichzeitig durch die ganze Menschheit die Ueberzeugung gegangen, daß hierin die Wurzel alles Nebels liegt. Noch nie waren Gläubige und Ungläubige darüber so einig. Und das leeifi rückwärts durch ein anderes. Wird das Lchicksal nicht mehr als der Gott empfunden, der Nahrung spendet oder versagt, sondern als der Mensch, als die Verwebung der Menschen, die mit ihren, den selbügechmfenen Tingeu, nicht fertig werden können; so erwachst ein ganz anderes Gefühl von Abhängig' feit. Was ist der Glaube von einst, da es ein undurchdringliches, aber von Gott geleitetes und durchlichrcies Geschick gab. gegenüber der Gewißheit, daß die Tinge, die Zustände und Verhältnisse, die der 3:erbliche erzeugte, ihn beherrschen? Tie Legende vorn Golem, Dem künstlich erschaffenen Menschen, der dem unvorsichtig gewordenen Ib.ister über den Kopf wächst, könnte am rasendsten jenes Gefühl absoluter Unfreiheit wwerschegeln, in die die Herrschaft des Menschen iun hineingeführt. Er hat die Fülle seines Geistes in die Konstruktion der großen Maschine hineingelegt und wenig oder nichts znrückbcbalten, um sie zweckmäßig zu lenken. 3 c rach man noch vor einem Menschenalwr mit Recht von der Knechtschaft, mit welcher die gesteigerten Bedürsnisie der Zivilisation uns zu erdrücken schienen, von einer Verknechtung, gegen die der geistige Mensch erfolgreich sich wehren könnte, so glaubte man au die sittliche Kra'r und Einsicht des einzelnen. Allan traute ihm .zu. man wrderte, daß er sich vor dem Illbormast der Tmge retten könne. Heute liegt es so. daß diese moralisierende Unterscheidung zwi'chen nötigen und unnötigen Tingeu hinter dem Bewußtsein verschwindet, daß eine einzige gewaltige Fe hl Leitung unserer Kräfte uns aller auswähleuden Freibeit beraubt habe. Tie Lache, die von Menschen geschaffene, aber von ihrem Eingriff scheinbar gänzlich unabhängig gewordene, steht vor uns, schwebt über uns wie eine wütende, unerbittliche Natur. Tas ist das Eigentümliche, was sich gegenwärtig stärker als je dem religiösen Fühlen aufdrängt: es gibt in der uns u m - r i n g e n d e n W e l t a n T i n g e n , d i e w i r selber erzeugt, die aber eine Macht, ein Eigenleben errungen haben, die uns zum Verhängnis werden. Tie Besten unter allen Nationen arbeiten heute daran, dem Unn-eii zu wehren. 3ie stellen sich auf das politische, das ökonomische Problem. Uns beschäftigt hier nur das r e l i g i ö s e. Es liegt deutlich ausgcbrsttet, und vielleicht können es jüdische Augen mit bewnderer Klarheit erkennen. Man hat d-eu Juden — nicht in wohlwollender Beurteilung — als den auf das T i e s s e i t s gekehrten Geist charakteriüert, als den, der sich als Höchstes von seinem Gott ein irdisches Erde verheizen läßt, das Land, das von Milch und Honig fließt. Tem stellte man die Leele entgegen mit dem Bangen um das unirdische Lchicksal, mir der Angst vor der Lünde, mit der ganz crstllstnoen Hingebung au die göttlichen, die übermenschlichen Tinge. Terlei in schroffen Gegenüberstellungen sich ergehende Bilder und wie alles Grelle ungenau, wirklichkeitsfremd und treten weder das eine noch das andere. Tor au'mortsame Beobachter wird in der Gesauste estalt des Judentums die t r a n s z e n dent : n. auf W cltjc n fettig * feit gekehrten Zuge so wenig übersehen wie in den verschiedenen Formen des Christentums eine positive Haltung zur Welt und ihren Lorgeu. Aber in einer Zeit, da das Bekenntnis zu Humanität und Vöckerberricdnng als ein Frevel gilt, da rellgiö'e ,.Innerlichkeit" vielfach geradezu als etwas verstanden wird, was man befleckt und entehrt, wenn mau es ins praktische Leben hinein wirken läßt' ''ollste die jüdische Haltung 3 n r Welt a l s de m 3 chan - platz b e r Erfüllt: n c der g ö i 11 i ch : n G c u o t e , des e r n?t e n t a i i r a 11 i g e n Vers n ch s z u; b rer E r f ü 1 l u n g, d e - sonders betont werden. Go ist kein Zufall, daß heute nur zu oft von jener reinen Innerlichkeit als dem alleinigen Ort wahrer Religiosität in Kreisen gesprochen wird, die den schroffsten antihumanen Nationalismus zur Grundlage ihres Et?es machen. Wirklich i st nur, was w i r k t, w a s sich praktisch äu ß er t. Und diese Erkenntnis führt dahin, daß w i r uns m 11 aller K rast gegen die Verdumpfung und Er- Lotung derjenigen I n st i tt f1 c auflehnen mü s seu, die das Aktive, da s 3 ch a f f e u d e u n d C e st a l t e n d e als das n n z e r b r e ch l i ch e Rückgrat a n. ch der religiöse!; Lebendigkeit e r - f ü h l e n. Tie jüdische Religion der Buudchließuna. des Gebotes und Gesetzes, kann nicht darauf verzichten, Taseinssormung. Kampf mit den liebeln und dom Lchlchten in der Welt als den unmittelbaren Ausdruck der göttlichen Forderung, und zwar der in Angriff zu nehmenden, zu verwirklichenden, zu betrachten. Tas hat mit einem Hurra-Optimismus, mit Blindheit gegenüber dem, was ist, mit Lelbstbetörung, nichts zu tun. Will man diese Grundhaltung mit der heute für manche geradezu zum Lchimpstvort gewordenen Charakterisierung „L i b e r a l i s nt u s" diffamieren, so mag man es tun. Tiew böse Zeit hat ein Gutes: die Entwicklung vollzieht sich mit ungeheurer Geschwindigkeit, läßt eine Generation verschiedene .PWeltwenden" erfahren. Lchimpf von heute mag morgen wieder Ehre sein und umgekehrt. Jedenfalls ist es nicht das Judentum als diesseitsverhafteteL Geisteszustand, sondern als Religion des Gebotes, als Glaube an die dem Menschen von Gott gesetzte Forderung, der der Freiheit des Lterblichcn vertraut. Es sind — wir können -es nicht Leugnen — die ..guten Werke", mit denen es steht und fällt. Man wird von solcher religiösen Haltung, so wenig lvie von irgendeiner anderen, die Kraft unmittelbarer Einwirkung auf die Weltdinge erwarten dürfen. Wulst aber wird sie den Blick nach der Richtung hin führen, in die er gekehrt sein muß, um der Hoffnungslosigkeit, einem sozusagen kosmischen Pessimismus, zu wehren. Ter Mensch ist in die Irre gegangen. Er hat in unweiser, zielloser Entsesielung seiner Kräfte ein Chaos erzeugt. Wäre er des Teufels, so bedeutete dieses Chaos die Pforte zum Weltuntergang. Vom Nicht-Lterben kann inan sich bloß durch das Leben überzeugen, von der Kraft nur durch ihre Bewährung. Ter 3inn nuferer Gesetzesreligion, von ihrer internjüdischen Bedeutung zum Universalen ansgeweitet, lehrt uns die Idee des Menschen kennen, der an Gott durch das Gebot gebunden 'ist. Tie Welt als de'stn Betätigungsfeld hört daun nicht auf, Gvtst s fein, auch wenn die Menschen sie verunstalten. Aus ihrem Mißbrauch folgt für uns nur. daß die Weltgeschichte uo ch n: ch t z u Ende ist. L -J t_. .J3 £2 3 Lr Cn;2flkufQn "ckch. - n qanzjQhr. , fcc/iere/ge vW fwkjahr u.; rsch, I. Ren gez 7 c-.cr":e? SfrarrJoad an., p€ZS:On V.M. tOra/% reresr o'/T’äss. P,c;cc,