Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 28 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I 2-1 Judentum das unsittliche, Recht und Gesetz nicht befolgende, auf Gewalt und Unrecht sich stützende Heidentum seiner Zeit nicht anerkennen und dulden konnte, ohne sich feltft zu negieren, daß anderseits die anderen Völker ein sehr scharfes und grausames Fremdmrccht besaßen, das sie ohne Erbarmen anwandtcn, und daß sie so auch die Juden aus Gründen der Gegenseitigkeit zu Maßregeln der Abwehr zwangen. Trotzdem bleibt das Judentum sich selber treu, und im Vergleich zu dem, was andere Völker und Religionen forderten, ist sein Frcmdenrecht nicht nur an Umsang ganz unwesentlich, sondern auch in der Sache milde! Wer die Wertung des Fremden im Judentum, wer sein Recht objektiv beurteilen will, muß auch das Fremdenrccht der anderen Gemeinschajten zum Vergleich heranziehen. Es fehlt uns eine Geschichte des Fremdenrechts im Wandel der Zeiten' Hossentlich wird sie bald geschrieben. Und erst wenn man die Gesetze zusammenstellen wird, nach denen Babylonier, Aegypter, Griechen, Römer und Germanen die Angehörigen anderer Völker behandelt haben, erst wenn man genau die Anschauungen des Islams und des Christentums, insbesondere der Kirchenväter über Ketzer und Heiden kennt, wird man die Stellungnahme des alten Judentums verstehen und würdigen können. Hossentlich wird diese <reite der vergleichenden Rechtsgeschichte bald' in einem gründlichen und wirklich wisienschastlichen Werke behandelt. Seine Ergebnisie werden beweisen, daß wir Juden uns des -Fremdenrechts unserer Vorfahren ganz gewiß nicht zu schämen brauchen. Auch aus ihm leuchtet das Trcigestirn, das Grundlage und Forderung alles jüdischen Lebens ist: Recht, Wahrheit und Frieden! (Sprüche der Vater 1,18). Wvv^ V /*■«*' v V *4^vVv W-i •* „Irrlehren Ser Nassensorscher" — „Antisemitismus existiert nicht irr Italien" — JLüUcrrisch-jüvischc Generale unter Mussolini — „Aha, ver LiindcnbockN WÄG MW!? . Tie immerwährende Hineinziehung der Begriffe Volk, völkisch, Volkstum, Ration in die Politik in der Absicht, die Juden aus dem deutschen Volke auszuschließen, macht _ es immer wieder wichtig, sich mit der Aufsagung führender Geister über den Begriff des Volkes zu befchLftigen. Ter Philosoph Moritz Lazarus veröffentlichte bereits 1S53 in einem Leitaussatze der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwigenschaft und 1879 in seinem Vorträge „Was heißt national eine Erklärung des Begriffes, der beweist, daß Volk nicht Liologisch, sondern'geistig zu fasten und die Volkszugehörigkeit und die Idee des SelbstbestimmungsrechLes zu gründen ist. Moritz Lazarus führte aus: „Was ein Volk zu eben diesem macht, liegt wesentlich nicht sowohl in genug en objektiven Verhältnisten, wie Abstammung, Sprache usw. an sich als solchen, als vielmehr bloß in der subjektiven Ansicht der Glieder des Volkes, welche sich alle zusammen als ein Volk a n s e h e n. Handelt es sich um Pflanzen und Tiere, so ist es der Naturforscher, der sie nach objektiven Merkmalen in ihre Arten versetzt; Menschen aber fragen wir, zu welchem Volke sie sich zählen. Rasse und Stamm bestimmt auch dem Menschen der Forscher objektiv; das Volk bestimmt sich der Mensch s e l b st subjektiv, er rechnet sich zu ihm . . . Ter springende Punkt in dem ^elvstbewußtsein .des Volkes \\i jener subjektive, freie Alt der Selb'tverfastung als ein G a n z e s und als ein Volk." Diese, Gemeingut der Wistewchatt gewordene Fassung des Volkes als eines rüstigen Wesens schließt einen chauvinistischen Ravwn.ulismus aus. Professor Dr. Alfred Leicht, Meissen. Soeben ist im Verlage vor^Panl Z s o l n a y (Wien—Berlin) eine interepante Sammlung „Mustolinis Gespräche mit Emil L u dw i g" erschienen. Uns interessiert besonders eine Unterhaltung, die Ludwig mit Mustolini über die Judensrage geführt hat. Unsere Nationalsozialisten blicken voll Bewunderung aus den Führer des italienischen Faschismus; sie sehen im Tuce, seiner Staatsform und seiner Maatssühnmg Vorbild und Hinweis. In der Stellung zu den Juden aber richten sie sich leider wenig nach Mustolini. Seine vom gesunden Menschenverstand diktierte Stellungnahme in nicht neu. Mussolini hat sich schon früher als Gegner des Antisemitismus bekannt und auch durch gesetzgeberische Maßnahmen den jüdischen Gemeinden die ihnen zustehenden Rechte innerhalb des italienisckten Staates eingeräumt. Tas wird auch der anerkennen müssen, dep.cn politischer Weltanschauung die faschistische Staats form nicht entspricht. Um wieviel mehr wüten die sich an Mustolinis Vorurteilslosigkeit den Juden gegenüber ein Vorbild nehmen, die sich sonst bemühen, ihn — in deutscher Abwandlung — zu imitieren. Tas wichtige Gespräch über den Rastenhaß und Antisemitismus verlief folgendermaßen: „Glauben Sie wirklich, fragte Emil Ludw i g, daß^ es noch reine Rasten in Europa gibt, wie gewiffe Forscher verbreiten: Taß wirklich die Einheit der Rahe stärkere nationale Kräfte verbürgt? lind sind Sie nicht in Gefahr, daß die Apologeten des Faschismus, wie es Profepor T getan hat, denselben Unsinn über das Lateinische verbreiten wie die nordischen über die blonde Gdelraste und dadurch die Kriegsgefühle steigern? Mustolini wurde lebhaft, denn in diesem Punkt fühlt er. sich, vielleicht durch die Uebertreibung gowiper Faschisten, leicht mißverstanden. Schon früher hatt er mir seinen Standpunkt zwischen bestimmten Grenzen abgesteckt. .Natürlich gibt es keine reine Nasse mehr, nicht einmal die Zudcn sind rrnvermischt geblieben. Gerade aus glücklichen Mischungen hat sich oft Kraft und Schönheit einer Ration ergeben. Raste, das ilt ein Gefühl, keine Realität, 95 Prozent sind Gefühl. Ich werde nie glauben, daß sich die mehr oder weniger reine Raste biologisch beweisen läßt. Tic Verkünder der germanischen Edelrasse sind komischerweise alle keine Germanen: Coöineau Franzose, Chamberlain Engländer, Woltmann Jude, Lapouge wieder Franzose. Chamberlain hat sich sogar dazu verstiegen, Rom die Hauptstadt des Chaos zu nennen. Entsprechendes wird bei uns nie Vorkommen. Ter Professor, auf den Sie anspielten, war kein Tichte'r. Ter Nationalstolz braucht durchaus keine Telirien der Raste — — Ter beste Beweis gegen den Anrisemitismus, sagte ich. Antisemitismus existiert nicht irr Italien", sagte Mustolini. .Tie jüdischen Italiener haben sich als Bürger stets bewährt und als Soldaten tapfer geschlagen. . 3ie sitzen in hervorragenden Stellungen an Universitäten, in Der Armee, in Den Banken. Eine ganze Reihe sind Generäle: der Kommandant von Sardinien, General Modena, ein General bei der Artillerie' — — Und doch, sagte ich, arbeiten die Emigranten in Paris öffentlich gegen 3ie mit dem Argument, Hie hatten Den (iintritr Der Juden in Die Akademie verboten. ,Absurdß sagte er. .Bisher hat sich nur keiner dafür gefunden. Jetzt hat Tella 3cta kandidiert, einer unserer größten Gelehrten, der die Vorgeschichte Italiens geschrieben hall — — Sie begegnen sich, sagte ich, in dieser Haltung mit allen großen Männern der Geschichte. Tenn auch die in Deutschland verbreitete Version von Bismarcks oder gar Goethes Antisemitismus ist eine Fabel. Tie Franzosen haben eine gewisse Anomalie ganz zu Unrecht Je vice al Jemand genannt. Man sollte so den Antisemitismus nennen. »Wie erklären Tie ihnN fragte Mustolini. — Immer, trenn es den Teutscheu schlecht geht, sollen die Juden schuld sein. Und jetzt gehr es ihnen besonders schlecht. — Er sagte:?Aha! Ter Sündenbock'? Ich kehrte zum vorigen zurück: — Wenn also weder Raste noch Staaiswrin den Rationalismus entscheiden, ist es vielleicht die gemeinsame Sprache* Aber das alte Rom harre wie alle Imperien eine Menge sprachen, und auch in der jüngsten Geschichte konnte ich die Viecheit der Sprache nirgends als Quelle'der Qhnmacht erkennen. Habsburg tü zwar geschlagen worden, aber die Schweiz blüht. .Auch die Einheit der Sprache entscheidet nichll. sagte Munolini. ,Oesterreich ist nicht an der Vielsprachigkeit zugrunde gegangen, sondern an dem Zwang, der so viele eroberte oder ererbte Völker unter einem Szepter feühiclt, während sich in der Schweiz drei Teile mit drei Sprachen freiwillig und spontan zusammengechlopen haben. Ta dort der dritte Teil an Zahl so gering ist, könnte man auch van zweien reden. Tie Schweiz hat sogar die Neutralität gerade deshalb auehalten können, weil diele beiden Elemente nach den zwei kriegmhrendeu Parteien tendierten iw.d sich deshalb die Waage hielten. Ich halte die Schweiz für ein sehr wichtiges Glied in der Staatenkette Europas, denn eben durch ihre Mischung kann sie manche Reibung zwischen den beiden großen Rivalen an ihrer Grenzen abschwächen? Tas Gespräch drehte sich dann noch eine Weile um die Bedeutung der Sprache für die Bildung der Nation, und schloß mit der Bemerkung: „Also liegt auch in Sprache und Rasse kein unüberwindliches Fatum, das die Völker gegeneinander führt? — .Fatumll sagte Mustolini spöttisch. ,Von Fatum reden die Staatsmänner immer nur, wenn sie was falsch gemacht haben?";G! - : O ,0 , O