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Central-Verein-Zeitung · 1932-06-24 · 26 (24.6.1932) · p. Seite 266

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
26 (24.6.1932)
Date
1932-06-24
Page
Seite 266 (sequence 6)
Language
German
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24. Juni 1922 , Zorn zehnten Todestage Walther Rafhenaüs Am 24. Juni jöfjrt sich zunn zehnten Male der Tag, an dem Walther Nachenan. deutscher Außenminister, von Kugeln judenseindlicher, völkisch verhetzter Menschen niedergestreckt wurde. Tiefe Kugeln trafen einen Mann, der sich für Deutschtum und deutsche Kultur im Kriege und nach Kriegszerten mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit einsehte, dessen „höchstes G! ü cf" es gewesen wäre, „d i e Zeit zu erleben, wo Deutschland seinen inneren Hader vergißt und als wahrhafte Volksgemeinschaft zu s a m m e nh ä l L". Man wagte es, ihm als Juden immer wieder seine Liebe zu Deutschland ahzusprechen. Wie selbstverständlich und eingeboren ihm diese Deutschlandliebe war, legte er in einem Brieft) an Wilhelm *) Aus Walihcr Rathenau, Briefe, I. Band. Carl Reißner Verlag, Dresden 1926. Schwaner vom 23. Januar 1916 nieder. Er schrieb: „Ich habe und kenne kein anderes Blut als dentsches. keinen anderen Stamm, kein anderes Volk als deu-sches. Vertreib: man mich von meinem deutschen Boden, so bleibe ich deutsch, und es ändert sich nichts. Tu sprichst von meinem Blut und Stamm, selbst einmal van meinem Volk, und meinst die Juden. Mit ihnen verbindet mich das, was jeden Deutschen mit ihnen verbindet, die Bibel, die Erinnerung und die Gestalten des Alten lind Neuen Testaments. Meine Vorfahren und ich selbst haben sich von deutschem Boden und deutschem Geist genährt und unseren!, dem devststcheu Volk erstattet, was in unseren Kräften stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht für Deutschland und deutsch war: soweit ich meinen 3tmmri>cunt verfolgen kann, war es das gleiche." M* NMA kk öa SM! Tie kanadischen Juden feiern in diesen Wochen die Wiederkehr des Tages, an dem sie vor hundert Jahren die volle bürgerliche und politische Eleichberechticung erhielten. Ihre Geschichte beginnt im Jahre 1760. Damals nahm eine Reihe von Juden in Kanada auf englischer >aeite an dem Eroberungskampf gegen Frankreich teil. Ter bedeutendste unter ihnen — und der erste jüdische Ansiedler im Lande — war Aaron Hart aus London, der mit General Haldimand zusammen über den Ozean kam. Nach dem Kriege ließ sich Hart in Püree Idivers nieder, gründete eine Familie, die zu hohem Ansehen kam und sich an den Kämpfen zur Erlangung der bürgerlichen Rechte der Juden beteiligte. Trotzdem die Inden in England damals noch nicht die bürgerliche Gleichberechtigung besaßen (sie erhielten sie erst 1638), bekleideten die kanadischen Juden sowohl bürgerliche als auch militärische Stellungen. Die Judensrage wurde erst akut, als ein Jude zürn Parlament ausgestellt und auch gewählt wurde. 1809 siegte ein Sohn Aaron Harts — Ezechiel Hart — mir großer Mehrheit über die drei anderen Kandidaten von Rllreo Rivers. Als er aber in der gesetzgebenden Versammlung den Eid als Jude mit bedecktem Kotzf auf die fünf Bücher Mose ablegte, erhob sich em heftiger Protest bei den in der Mehrheit besindücheu französischen Abgeordneten, nicht aus Intoleranz, sondern aus politischen Zweckmäßigkeitsgründen. Allm wollte keine starke englische Partei! Infolge dieser Opposition richtete Hart eine Zulassungseingabe an das Parlament, die adgewiesen wurde. Später'ließ er sich auf Wunsch seiner Wähler wieder ausstcllen, wurde auch gewählt, aber die französische Majorität bestimmte ihn, die. Wahl nicht anzunehmen. — Ein Gesetzentwurf, den Jude:: dw politischen Rechte abzusprechen und sie für unfähig zu erklären, wurde von dem Gouverneur mit Auslösung des Parlaments beantwortet. Erst 1823 richteten die Juden wieder eine Eingabe an das Parlament, ein offizielles Standesamtsregister führen zu dürfen. Es wurde ein Gesetz eingebracht und 1884 vorn König bestätigt. — Nun beschloß eine Reihe von Juden, auch die politische Gleichberecbnguug zu beantragen. Im Marz 1831 wurde ein Gesetz entworfen, Juden und Christen die gleiche?: politischen Rechte zu gewähren, das sehr schnell durch alle Instanzen ging. Das, Gesetz wurde am 5. I uni 1 6 3 2 vo:n König erlasse;?. Einige Jahre später wurde der erste Jude, Henry Nathan aus Victoria (British Columbia), ins Parlament gewählt. Seitdem gehören verschiedene Juden sowohl dem Bundesals den Provinzialparlamenten an. Tie jüdischen Gemeinden in Kanada wuchsen bis 1881 ziemlich langsam. Seit den Judenverfolgungen in Rußland und den Gewalttaten in Rumänien aber flüchteten Zehntausend? über den Ozean, um eine neue Heimat zu suchen, und siedelten sich sowohl in den Bereinigten Staaten als auch in Kanada an. Heure leben 150 000 Juden in Kanada, also beinahe halb so viel wie in England. Tie größten Gemeinden bestehen in Montreal, Toronto und Winnipeg. Tie Juden und überall mit Landwirtschaft, Industrie und Handel verknüpfr sowie in allen freien Berufen zahlreich vertreten, besonders in der Medizin und Jurisprudenz. Sie sind ihrer religiösen Tradition und ihrem Vaterlande ergeben und wegen ihrer sozialen Wohltätigkeit bekannt. M. G. tzilfr den Schwachen... Ans Glaubensrücksichten zogen vor zweihundert Jahren Salzburger Preuestanten in die preußischen Lande, wo ihnen eine vom religiösen Fanatismus ungestörte Wirkstrmkeit zugesagt wurde. Ter Zug ist durch zwei Dichtungen berühmt geworden. Durch Goethes „Hermann und To rochen" und durch Kar? S ch ö n h e r r s „Glaube und Heimat". Uns interessiert besonders ein kurzer Tatsachenbericht, den die ostpreußische Prene gegenwärtig ausgräöt. Ter Berliner Hosprediger Geecking hach 1737 eine „Emigratsgeschichte" versaßt. In ihr heißt es im II. ^.cil, ^eite 212: „Allenthalben. wo Juden wohnten, erwiesen sie diesen Flüchllingen alle Liebe. Zu Berlin bat sich ein Jude von diesen Leu:::: zwöll'f Köpfst zur Verpflegung aus. Und als ihm seine Bitte gewähret wurde, speisete und trauerte er sie nicht nur nach seinem besten Vermögen, sondern er beschenkte auch einen jeden besonders mit etwas Seide.- Zu Frankfurt an der Oder baten einige Juden den Herrn Bürgermeister Thering inständig. daß er ihnen doch auch einige von diesen Flüchtlingen zur Verpflegung überließe. Und ob gleich wegen der gar zu großen Legierde der Franlsurtsthen Christen, diese Glaubens-Brüder selbst zu verpflegen, hierinn irre Bitten nicht konnten gewähret werden, so suchten ne dennoch ihr Mitleiden gegen sie auf eine andere Art an den Tag zu legen. Tie sainrnelten ncn.llich zu zwey unterschiedenen mablen unter r^ eine Eolleete vor diese Pilgrim. Tos erste map! überlieferter; sie zuwnckg R'wchthalcr. Und zum arideren malst bracksten zchen Reich-uthaler, mit der Bi:Le, daß man solches von ihrer; Händen annehmen möchte. Auch in Tantzig beschenkten die Jrrden unsere Emigranten mit Geld und auch anderen Sachen. In , Königsberg legten sie auch Proben ihres Mitteidens gegen die Saltzburger ab. Unter andern schenkte ihnen der Jude Moses Levin zwey Orthosst Wein, ^amit sich die Abgemagerten ans der Reyse dadurch wiederum erquicken könnten . . Joachim Schoeps: „WifHer Seist in dieser Zeit" Man kann Von Kant, dessen philosophische Leistung der zur Neige gehenden Zeitepoche das geistige Gepräge gegeben hat, nicht behaupten, er sei ein Gegner der Religion gewesen. Gehören doch dw Begriffe: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu den religiös anmutenden Forderungen seines ethisch fundierten Weltbildes. Trotzdem kann nicht geleugnet-werden, daß in der Kantischen Lehre große Gefahren für dm Bestand aller lebendigen Religion verborgen liegen. Tenn hier wird Gott doch letzten Endes zu einer sittlichen Forderung, zu einer Idee verflüchtigt, die von der praktischen Vernunft des Menschen abhängig gedacht wird. 'Alle ursprüngliche Religion meint aber, wenn sie Gell sagt, ein lebendiges Tu, zu dem mau sprechen, zu dem man beten kann; von dem man etwas erfährt, sofern und weil man von ihm angesprochen wird. Von Gott zum Menschen geht darum der Weg aller verantwortungsbewußten Religion, und jeder Versuch, diesen Sachverhalt umzukehreu, nmß zu einer Verweltlichung und damit zu einer Vermenschlichung der religiösen Sphäre führen. Es geht Hans Joachim S ch o e p s 'darum, zunächst einmal diesen Säkularisierungsprozeß innerhalb der im vergangenen Jahrhundert von evangelischen Gelehrten geschaffenen alttestamentlichen Theologie aufzudecken. Er weist an einer großen Fülle wisienschastlichen Materials nach, wie unter dem Einfluß der Zeitphilosophie das Jntereffe der protestantischen Theologie am Alten Testament vor allein auf die Darstellung der historischen, literarischen und psychologischen Grundlagen der Liöel zentriert war, wie sehr darunter aber die glaubensmüßige Einstellung zum Inhalt der Heiligen Schrift leiden mußte. Soll indes das Alte Testament weiterhin zur „Heiligen Schrift" auch des Protestantismus gehören, so muß eine crneurg Gtaubenshaltung der evangelischen Theologie dieser Inden und Christen gemeinsamen Offenbarungsurkunde gegenüber gefordert werden, schoeps glaubt Ansätze zu einer solchen „gläubigen" Betrachtungsweise des Alten Testaments neuerdings bei den „dialektischen Theologen", die von Karl Barth geführt werden, feststellcn zu dürfen. <co wertvoll diese Bemühungen um das Alte Testament auch sein mögen, sie entheben den Juden nicht der Verpflichtung, die Bibel jüdisch zu sehen und zu verstehen. Alle christliche Theologie ist auf der Glaubensanschauung aufgebaut, das Alte Testament sei nur eine mehr oder minder vollständige Vorbereitung für' die Enthüllung der vollen Wahrheit im Plenen Testament — eine Meinung, die der Jude, sofern er in der Haltung der Glanbenstrcue zu dem ihm anvertrauten Schriftgut steht, nie wird mitmachen können. Tie jüdische Theologie muß darum für jede Generation von sich aus eineu Zugang zu den Grundlagen der Religion Israels zu bahnen suchen. Und damit kommt Schoeps zu dem Hauptanliegen seines Buches: Wie steht es um die Wegbe reitun g in unserer Zeit? Das Urteil, das er über die jüdische Religionsphilosophie der nachmendelssohnschen Acra stillt, rst hart, aber nicht ungerecht. Er zeigt, wie, von wenigen Beispielen abgesehen, die jüdische Theologie und Philosophie' durchaus zestdcdingt in die Ideologie de- .Nautischen Welt rst stems verfangen, einen ähnlichen Weg der Verflachung der religiösen 'Werte zurückgclegr hat wie die protestantische. Wen;; man

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