Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 26 (24.6.1932)
- Date
- 1932-06-24
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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LS3 rauhen Boden der Wirklichkeit verpflanzt werden soll/ so verdiente das Ganze Aufmerksamkeit. Aber mitten in der Wucht der Tatze, die, eingeleitet von der wiederkehrenden Wendung: „Wir wollen . . /. die Zielsetzung der Partei erörterten, erfolgte der Stoß gegen uns Juden. ,LS ir wollen keine Judenverfolgung", hieß es da, „abe r w ir fordern eine deutsche Führung ohne jüdischen und fremden Seist, ohne jüdische Hintermänner und jüdische Kapital- Interessen." Wir haben die Worte gehört, aber wir haben sie nicht v e r st a n de n. Und weil es sich nicht um gewöhnliche Worte handelt, nicht um solche, von denen zwölf im Dutzend uns täglich in nationalsozialistischen Blättern schmähen, uns als Kehricht der Menschheit auszufegen versuchen, sondern um die programmatische Rede eines Parteiführers, gesprochen in einem Zeitpunkt, an dem die Partei sich anschickt, die eigenen Tchultern unter der Last der Verantwortung zu erproben —, deshalb wollen wir sie zu verstehen suchen. Wir hören sie in dem gleichen Ernst, mit dem sie gesprochen zu sein sich den Anschein geben, und wir fragen. .Keine Judenverfolgung?" Nun gut! Aber warum hat men solche Losung nicht schon lauter, allgemeingültiger, wirksamer gehört? Warum hört man sie vor allen Dingen nicht dort, wo im Namen der gleichen Partei, für die Gregor Straffer gesprochen hat, das Gegenteil planmäßig betrieben wird? Warum verstummen vor dieser Absage an die Gewalt nicht Liederverse, die zum Pogrom ganz offenkundig aufreizen? „Wenns Judenblut vom Meffer spritzt, dann geht's noch mal so gut", und „Deutschland erwache! Inda den Tod!" — Solange solche Lieder noch gesungen werden dürfen, stellt das Mikrophon ein höchst unzulängliches Instrument für die Propaganda der Gewaltlosigkeit dar. Es gibt wirksamere, Herr Straffer!! Ihre Partei, die sich strenger Disziplin rühmt, wird um der Autorität Ihrer Worte willen darauf sp'elen müssen! Aber die Abwendung von der Politik des Pogroms war nur der Auftakt. Es folgte das große Aber, das dieser Geste wohl erst ihre antisemitische Rechtfertigung verlieh: „Aber wir fordern eine deutsche Führung ohne jüdischen und fremden Geist, ohne jüdische Hintermänner und jüdische Kapital interessen." Wieder: Wir hören und wir verstehen nicht. Was ist das: „Jüdischer Geist"? Wir glauben es Zu wissen und darin das Tiefste Zn begreifen, was an religiösem Gut durch das Judentum zun; Gemeinbesitz der abendländischen Menschheit geworden ist. Was ist das: „Jüdische Hintermänner"? „Jüdische Kapitalintereffen"? Wir wissen das nicht! Zwar hören wir schon das Gebrüll der berufsmäßigen Hetzer: heuchlerisch setzteu wir uns die Maske der Unschuld auf; unwissend tüten wir, weil iuic dein Vorwurf nichts entgegenzusetzen wüßten! So glänzend hat es ja der JWenbaß verstanden, falsche Schlagnoörter ins Volk zu pumpen, daß heme jeder als Heuchler gilt, der es wagt, an der Echtheit der zu Unrecht umlausenden Falsch- Prägungen zu zweifeln. Nun wohl: Wir zweifeln. Wir rütteln an diesen hohlen Stützen der nationalsozialistischen Judenlehre. Heute, gerade beute nach einmal, da sie in der Rundfunkrede Gregor Stromer? wiederum auf ihre tönernen Fülle gestellt worden und. Es gibt das nicht: jüdiselben Geist, der deumch Führung verdirb:. Nicht jüdische sagt Gregor Sirasser. Aber m den Anschlagsäulen in Breslau Ziest man nebsnAchsntzs' Anschläge Hintermänner und jüdische Kapitalintereffen, die in einem gefährlicheren Sinne die deutsche Tuche bedrohen, als Hintermänner und Kapitalintereffen überhaupt! Mau komme uns nicht mir den Barmats und Sklareks, damit wir nicht genötigt sind, den Schmutz der Fälle Lahufen und Devaheim aufzudecken. So traurig es ist: In deu tiefsten Verfallserscheinungen des öfsentlichen Lebens gibt es keine Unterschiede nach Jud' und Christ, und der leistet der Gesundung einen schlechten Dienst, der feige die Krankheit nur am andern sieht und nicht auch die eigenen Brüder als Keimträger unschädlich macht. Warum ruft man nicht „jüdischer Geist", wenn ein Mann jüdischer Abstammung, Friedrich Julius Stahl, die Grundlagenschasst, auf denen noch heute das Gebäude der konservativen Ttaatsauffaffung ruht, oder w-enn ein begnadeter Jude, Friedrich G u n d o l f, deutsche Dichtung bis in leuchtende Tiefen hinein erschließt? Sind das — wir fragen alle die, die Deutsche von Juden so säuberlich ausschließend zu trennen verstehen — Deutsche oder Juden? Und wenn ihr mit der Antwort zögert, und wenn ihr stutzt, weil vielleicht auch der Ozeanflieger Hünefeld, einer jüdischen Mutter Sohn, nach engen Naffegesetzen nicht mehr ganz zu den euren zu zählen ist, dann wird euch vielleicht klar werden, was sür eine unsinnige Vergewaltigung lebendigsten, natürlichsten Seins es bedeutet, deutschen Juden das Deutschtum abzusprecheu! Wir lehnen es ab, uns zum Laufendsten Male als Deutsche zu bekennen. Wer so blind sein will, daß er unser Wesen nicht sielst, der wird auch so taub sein wollen, unsere Worte nicht zu hören. Aber eins sei noch gesagt: Gerade ihr, die ihr euch als die Wiedermidecker der Seele ausgebt, als die Verkünder des Gefühls, das unter den Lasten des Verstandes noch nicht versunken ist: gerade ihr müßtet auch Ehrfurcht vor uuserm Innersten baden, vor der großen Mystik unseres tausendfach verfluchten und tausendfach gesegneten, tausendfach verleugnet::; und tausendfach echten deutschen und jüdischen Seins. Aber ihr konstruiert euch den a um ch ließe nden Gegensatz zwischen deutsch und jüdisch, selbst wenn er persönlicher, alltäglicher Erfahrung widerspricht, weil er einer bequemen, erfolgder'prechenden Parteidoktrin bient. Als jüdischer Geist gilt euch nicht der Geist der Bidet, auf der ihr gegründet seid wie wir. Als jüdischer Geist gilt euch alles, was ihr abtehnt, u:tb zwar lehnt ihr es ab. nicht, weil es jüdisch ist. sondern es gilt euch als jüdisch, weil ihr es abtehnt! Warum nennt ihr nicht eure Feinde, wie sie heißen: Großstadt, Modernismus. Kulturverfall? Warum nicht ehrliche Fronten? Ihr werdet Juden und Nichtjuden hüben und drüben finden! Warum überklebt ihr die euch bekampsenswert erscheinenden Begriffe mit dem mchrswürdigen Kleister ,st)udenfrage"? Wir sind eingereiht in die KrästearuPPierungen. die in der großen Einheit Deutschland miteinander ringen, uni als Einheit den Weg zum Ausstieg wiederzu.fmden. Wir sind hier schwächer, dort stärker vertreten auf Grund einer Entwicklung, die aus Zwang und Wollen in unentwirrbarer Mischung bestimmt ist, und die nicht wegzuwischen ist, ob der eine mit ihr hadert, ob der andere sie bejaht. Aber es ist nicht so grausam einfach, wie ihr es seht oder sehen wollt, nicht so einfach, wie der Tag die Nacht ausschließt und der Segen den Fluch. Wenn es so dargestellt wird, so können wir nicht an Ehrlichkeit glauben. Und weil wir gern wenigstens an die Ihre glauben wollten, Herr Gregor Straffer, deshalb fragen wir. Dr. Eva Jmgmann-Reichmarm. Die tzsMnWüh! Das Ergebnis der. hessischen Landtagswahlen ist aus der Tagesprepe bekannt. Die Judenfrage spielte bei der Agitation der Nationalsozialisten nur dort eine Rolle, wo dre auf dieses Spezialgebiet eingeschworenen Parteiredner der NsDAP., wie Goebbels und Münchmeyer, austraten, während die meisten anderen, vor allem Hitler selbst, nur Probleme allgemeiner wirtschaftlicher und politischer Art behandelten. Dagegen übten die Nationalsozialisten in veAchiedeneu ländlichen Gemeinden, in denen sie seit verschiedenen Wahlen das Übergewicht staben, einen B e r sa m m lungsterror aus, dem weder die Behörden noch die republikanischen Parteien gewachsen waren, mußte zun; Beiwiel in Auerbach a. d. B. eine Wahlversammlung dpr Staatspartei abgebrochen werden. weil anwesende Nationalsozialisten die Entfernung eines anwesenden jüdischen Gemeindebürgers verlangten und, als die Versammlungsleitung diese unerhörte Forderung als unberechtigt zurückwies, einen derartigen Lärm voll führten, daß sich der Referent kein Gehör verschaffeu konnte. In verschiedenen anderen Orten hatten sich Nationalsozialisten vor bte Ve rsarnmlu n g slokal e republikanischer Partewn postiert, um zu kontrollieren, welche ortsansäffigen Bürger sich auch die Gegen'eite anhören wollten. Dieser Terror führte dazu, daß viele Anhänger des republikanischen Gedankens den Verßunmstlngs besuch überhaupt einftellten. weil sie Gewalttätigkeiten und wirtschaftliche Schädigungen fürchteten.