Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 25 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fahrimg „Landlust befreit". Und mit feinen wieder: ursprünglicheren Sinnen bemerkt der Städter, dessen Asvhaltkulrur dern erfreu Natureirrdruck nicht stauLhielt, wie die Kleinstadt/das flache Land, mit einer sehr ernsthaften und deshalb mitunter belustigend wirrenden Emsigkeit versuchen, charakteristisä)e Eigentümlichkeiten der Großstadt in ihre engen Straßen einzufangen: wie der Verkehrspolizist wenigstens die Fiktion einer gefährlichen AuLostratzenkreuzung aufrcchterhZlt, von der man nur mit Mttfttzen liest und spricht, wenn die Großstadt verdammt werden soL Und Zweihundert Meter Asphaltstraßen irn sonst mittelalterlich verträumten Städtchen sind plötzlich eine Errungenschaft, auf die der Einheimische den Großstädter mit viel Stolz aufmerksam macht — obwohl er doch sonst „Asphaltkrrltur" ab lehnt. .' Stadt und Land begegnen sich so in der selbstverMchlichen Bejahung von krlturellem Fortschritt und Naturaegebenheiten, und wenn der Städter die kurzen Wochen seines Aufbruchs in die Statur wirklich nützt, daun kann die winterliche Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land nach manchen Richtungen durch wirkliches Verstehen und Zusammenarbeiten überbrückt werden. Uns deutsche Juden hat unser Schicksal schon frühzeitig Kmr größten Teil in dis Stadt, in die Großstadt geführt. So gelten^wir der ländlichen Umwelt als Beispiel denen, was man leichtfertig unter Stadtlultur abzulehnen gewohnt ist. Und in der Lat war die Naivität dos Städters der Statur gegenüber lange Jahre hindurch sehr gering, und viele jüdische wie nichrjüdische Eltern haben erst auf den: Umweg über ihre Kinder, die die deutsche Heimat in ihren Bünden neu erwanderten, ein neues Verhältnis zur Erde bekommen. Zehn Schritte abseits der Straße in den Wald, den Berghang, die Düne, die Wiese — und was ihr dort seht, ist unabhängig von Parlmnenismehrheit, von Regierungskoalition und Parieistreit — ist Deutschland. Und ihr, die ihr vor wenigen Stunden in scharfer und kluger Weise Lebensrecht und Rechts schütz des deutschen Juden auf deutscher Erde und innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft verlangtet und verteidigtet, ihr fühlt plötzlich mit allen euren Poren beim tiefen Einatmen dieser flimmernden Luft: Heimat. Macht die Augen aus, wenn ihr in die deutsche Landschaft zieht? Sucht nach den Stätten, über die Jahrhunderte deutscher Geschichte hinweagegangen find und an denen Jahrhunderte hüidurch Mische' Menschen gelebt und gewirkt haben. Besucht die engen, winkligen Gassen alter Judenvierte! und meßt am Vergleich eurer Dafeinsfvrm mit jener die unzerstörbare Lebcns- und Freiheüskraft unserer Gemeinschaft. Ueberlaßt euch dort eine Minute der Selbstbesinnung und auch der Seibstöeschllmung, weil ihr vielleicht zu resignieren beabsichtigt, ehe von der Gefahr mehr als mir ihr Schatten zu verspüren ist. Geht aus die Friedhüsi der jüdischen Gemeinden und lest die verwitterten Zuschriften der Grabsteine; empfindet an diesen Stätten, in denen die Gebeine unserer Vorfahren ruhen, wie sie kein Fremdkörper in der deutschen, Landschaft, sondern ein Stück der Heimaterde geworden sind. * Die starke Sonne, die wir allenEvhottrngsreisenden wünschen, wird auch manchen scharsin Schatten aus die Spazierwege wer sin. An hohen Fahnenstangen werden Hakenkreuzfahnen im Winde wehen, an Zäunen und Säulen aufreizende Plakate zur Entscheidung, zrr Versammlungen auf rufen. Gruppen von Mcusthen. — die Arbeitslosigkeit ist bis in die letzten Winkel Deutschlands gedrungen — werden Zn samw.ensteherv Parirrabzeichrn tragen und Mißgünstig, verächtlich oder gleichgültig hinter dem vermeintlich sorglosen. Gast herschauen. Anders ist das Denken des satten, anders des hungrigen Menschen. Hunger schafft triebhaftes Deuten; dem Satten wächst die Kraft zur Ueberlegung. Ter Einheimische weiß nicht oder will es nicht wißen, daß der Feriengast vielleicht seit Monaten gespart hat, um für die nervenftessende Berufsarbeit frische Kräfte zu gewinnen. Das alles sollte der Fremde bei seinem Auftreten bedenken. Tie Schwere der Zeit veranlaßt auch Menschen, deren Reise früher in ein Luxushotel führte, in starkern Umfange Pensionen und Kleinwirtschaften aufzusvchen;in ihnen entsteht zwischen Gast und Wirt und Bedienung schnell ein enger Kontakt. Hier ist manches klug-; Wort wohl am atze, mitunter manches Schweigen noch klüger, e Begegnung mit Städtern, die die politische Karikatur des Städters, die Begegnung mit Mischen Menschen, die das verzerrte Bild des prustenden, im Golde schwimmenden Juden richtig stellen, kann sich in kommenden Wochen und Monaten günstig auswirken. Die Sonwnerreise wird mühelos zur Zeit segensreicher politischer Aussaat, wenn unsere großstädtischen Freunde durch ihr Auftreten beispielhaft wirken. Sicherlich werden in diesem Jahre auch jüdische Gaststätten starker von jüdischen Gästen besucht werden. So mancher wird die Gefahr eines Zusammenstoßes mit Böswilliger: Len vornherein vermeiden wollen; so manchen wird die kluge Ueberlcgung leiten^ daß die Mi'..'en Unternehmervon dem geringen Besuch durch Aichtjuden allein kaum bestehen können, Aster auch diese Gruppen werden sich, wie wir hoffen, nicht von dorr übrigen serrch alten und nicht Lurch selbstgewählte Isolierung die Gelegenheit verabsäumen, menschliche Berührung zu neuen Menschen zu gewinnen. * Was sich in der Ferienzeit zwischen Haparanda und Len Azoren an atuwsphäri scheu Veränderungen vollziehen wird — darauf haben wir keinen Einfluß. Ob die dunkle Wolkenwand am 31. Juli als zerstörendes Unwerter niedergeht, ob sie sich in befruchtenden Regen Luflösi. ob sie als mildes Wetterleuchten enden wird — auch das wissen wir nicht. Was wir können und wollen, ist: daß innerlich gerüstete Menschen den Ereignissen entgegensehen, und daß jeder an seinem Platz und mit seinen Mitteln sie meistern verseucht. Wir suchen und wir wollen Weg- und Kanw'- genoffen für dieses Ziel, unter jenen, die draußen weilen, wie bei denen, die zu Hause blieben, vr. ^.Ikreck Kirchen-/ Gynagsgeu- und FrisöhofssHärrhrmgsn In der St.-Ludgeri-Kirche in Essen-Werden wurden Mittelgang und Kreuz mit Hakenkreuzen und der Aufschrift „Los von Rom" beschmiert. Tie Tür des Hauses, in dem der Pastor wohnt, war mit einem Hakenkreuz, die Wand der Kaplanei mit den Worten: „Juda verrecket bemalt. Tie katholische „Essener Volksz e i t u n g" bemerkt dazu: „Fest steht nur, daß die geistige Verwilderung, die sich hier ausgetobt hat, zum großen Teil auf das Konto der Nationalsozialisten geht, daß die Untat zum mindesten in diesem Sinne aus der nationalsozialistischen Saat erwachsen ist/ Auf dem über 150 Jahre alten jüdischen Friedhof in Dreißigacker bei Meiningen wurden 13 Grab ft ei ne uma e w o r f e n. Trotz eingehender Untersuchung konnten die Täter nicht festgestellt werden, so daß die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen mußte. T-er Täter, der am 13. März die Synagoge in V i e tz mit Hakenkreuzen beschmiert hatte, wurde wegen Sackcheschädrgung zu einer Geldstrafe von 50 Mark oder zehr? Tagen Hast verurteilt. Nach Verkündung des Urteils verließ der AugellwAe den Gerichts ÄQk mit dem Ruf: „Heil H Gerl" Dafür erteilte ihm das Gericht eine Rüge. Auf dem jüdischen Friedhof in Osterberg (Schwaben) wurden sechs Grabsteins umgeuwrfen und zwei zerbrochen. Einige Zrerbäume an Gräbern nmtten gewaltsam beschädigt. Von den Tätern fehlt jede Spur. wuvv4? Vv.,?. Der Reichs - Orgainfationsleitcr der NSDAP.. Gregor Straffer. T>. d. R.. hak am 14. Juni in der „Stimme des Tages" ü'rer die .Deutsche Welle" und alle deutschen Sender, mit Ausnahme der süddeutschen, einen Vertrag üder „die Sraalsauffafsung des Nationalsozialismus" gehalten. Im Rahmen feiner Ausführungen sagte Herr Strasser u. a.: „Wir Nationalsozialisten wollen keine JrrDsnversolgung, aber wir fordern eine deulschs Führung ohne jüdischen rmS frcrrrven Geist, ohne jüdische Hmlermänner r:nd ohne jüdische Kapitalirrtrrsffen!- Wir werden auf diese Ausführungen und ihre ticfers Bedeutung in der nächsten Nummer unserer Zeitung zurückkommen. TataLLugsrüchLL „Massenflucht" aus TeuischlanD? „Tie Juden verlassen Berlin. Sie begebe» sich unter den schätz der katholischen Kirche nach München aus Angst vor dem Hitler- Regiment in NorddeutschlandS Das meldet der „Daily Erpreß" und er fügt hinzu, daß die Juden dort wahr scheinlick) die bayerische Separationsbewegung unterstützen. Keine dieser Nachrichten ist zutreffend. Weder fliehen Juden nach Bayern. — es sei denn, daß manche ihren Ferienurlaub in den bayerischen Bergen und an bayerischen Seen verbringen wollen — noch unterstützen die Juden irgendein politisches Unternehmen, das gegen den Bestand des Reiches gerichret ist. Alan würde denken, daß diese Nachricht aus nationalsozialistischer Quelle stammt, denn dir Nationaksoziellisten scheinen ihr An scharr dadurch vergrößern zu wollen, daß sie von jüdischer Panik vor einem Hitler-Regiment berichten. Ter „Völkische Beobachte r" metttt 'dm „Judensluchk a::3 Leutschllwch-- ftststellm können und prophezeit, daß „der Hauprstrom der aus Deutschland verduftenden Juden bei der lieber nähme der Rcgierungsgewalt durch die NSDAP. sich nach Sparsion ergießen" würd^. Woher der „Dstluche Vecllachrar" diese Nachrichttu besieht, wissen wir nicht. Jedenfalls beruhen sie weniger auf Tatsachen als aus nationalsozialistischen Wunschtrllunchw Der ,.D a r L y Erpreß" aber versolft offenbar andere Absichten. Er will Las AuI- Land über die bedrohlichen Zustände in Deutschland informieren und zugleich Deutschland warnen, denn er schließt seine Notiz in der AusgaLe vom 7. Juni 1962 mit den Worten: „Durch die ganze Geschichte hindurch gab es Länder, in denen Juden bedrückt und verfolgt wurden. Eins nach dcm anderen dieser Länder stürzte von seiner.Größe. Möge Hitler aus der Geschichte lernen, während er sie macht/