Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- Seite 237 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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!'!/ 5 j V [l/'/Vw / EineBrirsMuKg rumBsÄ ’ j J-i/ MM Sr. Alexander Suttn! zumNoÄenfest vsnNabdiner Huümann (Berlin) Das Wochenfest zeigt eine Eigenheit, die sich bei den.anderen Festen nicht wiedersindet. Es fehlt ihm eine eigene symbolische Kennzeichnung. Pessach 'ist das symbolreichste Fest. Das einstige Opferlamm, das ungesäuerte Brot, der Sederabend mit seinen sinnvollen Einzelheiten geben ihm eine besondere Plastik. Aber auch die anderen Feste haben ihre Symbole, wie z. B. den Schofar, die Laubhütte, den Feststrauß usw., bloß das Wochenfest fand für seine Eigenart keine bildhafte Beranschaulichung. Diese Tatsache konnnt auch im Talmud zum Ausdruck. Das Wochenfest ist nämlich das einzige Fest, das keinen eigenen Traktat besitzt. Die Einzelvorschriften dieses Feiertags sind in verschiedenen Traktaten zerstreut. Und doch ist auch das Wochenfest nicht arm an bedeutungsvollen Momenten. Man denke an den Offenbarungsakt selbst, wie ihn die Bibel beschreibt und die Traditionsliteratur ausschmückt. Doch sollte gerade dieser hervorragendste und lichtvollste Hintergrund unseres Festes ans naheliegenden Gründen keinerlei bildhafte Darstellung finden. Das von der Schrift geschilderte Sinai-Ereignis durfte nur rn Worten, nicht aber in sinnfälligen Symbolen verewigt werden. Aber etwas ist doch dagewesen, düs sich der Darstellung nicht ganz entziehen konnte, nämlich die zwei Steintafeln, die uns den Inhalt der sinaitischen Offenbarung vor Augen führen. Diese bilden in der Tat den Mittelpunkt unseres Festes. Denn an Schowuaus feiern wir nicht die Thora als Ganzes, die ja im Simchas Ta uro ihr eigenes Fest hat, sondern die Offenbarung der „Zehn Worte". Es sä)eint uns nicht ganz überflüssig, diesem rein historischen Symbol, das sich in keinerlei kultischer Handlung konkretisiert hat, etwas näherzutreten. Schon die Tatsache an sich hat ihre Besonderheit. Das Eingraben von Gesetzen in Stein oder Erz war im Altertum keine Seltenheit. Doch wird sich kaum ein Beispiel dafür finden lassen, daß für Aufzeichnungen von größerer Wichtigkeit bewegliche, also verhältnismäßig kleine, mit keinem Bauwerk zusammenhängende Steine gebraucht worden wären, wie uns die Sinai-Tafeln beschrieben rverden. Ter Talmud schätzt ihre Lange auf sechs Handbreiten, hinsichtlich der Breite schwankt die Ansetzung zwischen drei und sechs Handbreiten. Wenn man bedenkt, daß ägyptische Vorbilder den alten Israeliten am nächsten gelegen haben, dann stehen wir hier vor einem Rätsel. Vom riesenhaften Ammon-Tempel, der die wertvollen Texte ägyptischer Geschichte und Gesetzgebung enthält, wollen wir absehen. Aber auch weniger wichtige Texte hatten ihre Tempel oder Säulen von beträchtlichen Dimensionen und selbst einzelne Steine wie der in neuerer Zeit entdeckte assyrische Dioritblock mit den: Hamnrurapi-Gesetz sind noch immer etrvas Ortgebundenes, Unbewegliches. Die sinaitischen Tafeln scheinen also einzig in ihrer Art zu sein. Wir dürften faum fehtgchen, wenn wir in der Tragbarkeit der „Luchaus^ keinen Zufall, sondern einen ihrer ideellen Bestimmung entsprechenden Wesenszug erblicken. Bor allem drückt sich darin die leichte Mitteilsamkeit ausdie sinaitischen Tafeln sind nicht ortgebunden, sollten es auch nicht sein, weil sie von vornherein bestimmt waren, Israel überallhin zu begleiten, und darüber hinaus auch weitergehende Verbreitung zu finden. Im Gegensatz zu allen anderen wichtigen Dokumenten der alten Welt, denen man durch massige Schwerkunst Dauercharakter sichern wollte, war den Sinai-Tafeln von vornherein freie Bewegung und leichte Berbreitungsmöglichkeit zugedacht. Und diese Eigenschaft entspricht auch am besten dem universalen Eharakter ihres Inhalts. Die ..zehn Worte" sollten zürn Gemeinbesitz der ganzen Menschheit werden. Das talmudisch-rabbinuche Schrifttum sieht in den zehn Geboten die kürzeste und umfassendste Form der ganzen Thora; es sind Oberbegriffe, in die sich die zahlreichen Thorabestimmungen nach sinngemäßer Gruppierung einortmen lassen. Ter Philosoph Taadia geht so weit, die zehn Gebote mit den zehn philosophischen Kategorien zu vergleichen; er ist ihm also der Ausdruck reinster Ethik und universalster Morallehre. Weit schärfer wird die universale Bedeutung der zehn Gebote von dem Christentum hervorgehoben. Schon die frühchristlichen Schriftsteller und Kirchenväter sehen im Zehnwort den Kern und Mittelpunkt einer gottgewollten, gerechten und sittlichen Rechtsordnung. Thomas von Aquin betont ausdrücklich den übergeschichtlichen Eharakter der zehn Gebote: er entspräche der Grundbestimmung des Menschen, und behalte daher seine Geltung durch alle wechselnden Verhältnisse, Zustände und Bildungsstufen der Menschen (Summa 2, 1. q. 100, a. %). Der römische Katechismus widmet den zehn Geboten den ganzen dritten Teil und betont gleich anfangs, daß sie „auf zwei Gründen ruhen: auf der Liebe Gottes und des Nächsten, woran das ganze Gesetz und die Propheten hangen". Luther selbst meint: „Das ist nicht ohne sonderliche Ordnung Gottes geschehen, daß für den gemeinen Ehristenmenschen, der die Schrift nicht lesen mag, verordnet ist zu lehren und wissen die zehn Gebote." Die geschichtliche Entwicklung zeigt allerdings ein anderes Bild. Politische Wirren und glaubenstheoretrsche Unstimmigkeiten innerhalb der Christenwelt selbst haben schon in den ersten Jahrhunderten die heftigsten Leidenschaften entfesselt. Religionskriege folgten fast ununterbrochen aufeinander. Und ihre Auswirkungen lasteten sehr hart auch auf den nachfolgenden ruhigeren Zeiten. Tie universalen Gesetzestafeln haben manche Sprünge und Brüche erlitten. Man braucht nur einige Stichworte mittelalterlicher Zustände zu nennen: Inquisition, herenprozesse, Folterung, Scheiterhaufen usw. Es ist zur Genüge bekannt, daß gerade die Juden den entschwundenen Geist der zehn Gebote am empfindlichsten zu fühlen bekommen haben. Zu den erwähnten Schlagwsrten kamen für sie noch hinzu: Ghetto, Schutzjuden, Judensteuern, NechtsenLeigmmgen verschiedenster Art und nicht zuletzt falsche Beschuldigungen, Konfiskationen und Austreibungen unter den verschiedensten Titeln und Vorwänden. Ja, das Judentum hatte am meisten darunter zu leiden, wenn ein Satz oder auch nur ein Wort der zwei Tafeln schadhaft geworden ist. Welches Schicksal diesen Tafeln in nächster Zeit noch öeschieden sein wird, ob sie nicht wieder einmal fallen und zerbrechen werden, ließe sich gerade jetzt am schwersten Voraussagen, doch wollen wir hoffen, daß die hartnäckigen Versuche einer Wiederbelebung des schon längst überwundenen Mittelalters auch diesmal zum Scheitern kommen werden, dies um so mehr, da die alten Gesetzestafeln unwandelbare Ewigkeitswerte in sich tragen, in ihrer reinen, von keinerlei Nebeninteressen und Leidenschaften getrübten Ethik, in ihrer lauteren Sittlichkeit und Gerechtigkeit. Im Zeichen dieser Hoffnung wollen wir auch in diesem Jahr das Offenbarungsfest feiern im Vertrauen aus Gott und die innere Kraft seiner Tafeln! ihm alles das gesagt worden ist. was die Würde des Judentums und der deutsche Wille derdeutfchen Juden gefordert hoben. Df WieBer. Antwort an viele Lj. H. Aus Anlaß meines Rundfunkgespräches mit Dr. Wilhelm Stapel sind au mich eine Anzahl Zuschriften von Freunden und Gegnern gelangt. Soweit die Briefschreiber sich gescheut haben, ihre Namen zu nennen, erübrigt sich die Antwort. Ten anderen aber sei für ihre Kritik gedankt und einiges Grundsätzliche dabei vermerkt. Die meisten der Zuschriften zeigen, daß die Hörer sich nicht darüber klar sind, wie kurz tatsächlich die Redezeit für jeden PaAner bemessen war: nur 17Z.< Minuten standen jedem zur Verfügung. Das Zwiegespräch wurde, wie in solchen Fällen üblich, in einer Besprechung vorbereitet. In dieser lvird das Gespräch so skizziert, daß die Redner sich darüber klar werden. welche Probleme die wesentlichsten sind und daher bei dem Rnndstmkgespräch in der kurzen verfügbaren Zeit zur Grundlage der Erörterung gemacht werden sollen. Man verständigt sich über eine gleichmäßige Verteilung von Rede und Gegenrede, denn die Zeiten müssen genauestens eingehalten werden. Eine ins E.nzelne gehende gesamte Festlegung oder gar eine schriftliche Ausarbeitung des Gesprächs erfolgt nicht und kann auch nicht erfolgen, wenn das Zwiegespräch nicht die Frische verlieren soll, die ja gerade einen wichtigen Teil der Wirkung auf den Hörer ausmacht. So ist es selbstverständlich, daß viele und sogar entscheidende Gesichtspunkte des so umfassenden Problems von vornherein von der Erörterung ausgeschieden werde:: mußten, und das; die Fragen, über die gesprochen wurde. nur kurz begründet werden konnten. Nicht 17, sondern 170 Minuten müßte man ja zur Verfügung haben, wenn man die Fragen auch nur einigermaßen erschöpfend behandeln wollte. Daß nicht alle Hörer von einem solchen Zwiegespräch befriedigt werden können, ist von vornherein klar. Aber in der Hauptsache ist der Zweck doch erreicht worden. Gegenüber den Niederungen, in die die Behandlung des Themas „AnLiseruitismus" in dem Rundfunkgospräch des Herrn Borck — vielleicht zu dessen eigenem Bedauern — geraten war, ist die Erörterung auf das Entscheidende und Grundsatz, liche gelenkt worden. Und damit ist bei vielen der Anstoß gegeben worden, sich mit dem Inden- Problem in objektiverer Weife zu befassen und auch den Inden selber zu hören.