Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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234 KM LS HO HEU LEBENSVERSICHER fl.-G. Ursprung 1835 SPAR* UNO LEBEHSVERSICHERU138 HIT HONJJTSBEilRNGER Mitarbeiter gesucht grundsätzlichen Judengegner führen. Und ich nehme ihnen ihre „Gegenaktionen" — gleichviel, ob sie in geistvollen „Isidor "-Rusen, m der Uebersendung lieblicher Schmäh- und Drohbriefe oder in gehäsnKM Zestuuaspolemiken bestehen — nicht im mindesten übel. Jene Gegenaktionen, so geschmacklos sie auch im Einzel fall sein mögen, sind Aeußerungen politischer Gegnerschaft, mit denen ich mich ebenso gelassen erfinde, wie die Herren Nationalsozialisten es sich anderseits gefallen lassen müssen, daß ich ihnen — wie allen Staatsbürgern — gegenüber meine 2lmtspflicht aus dem mir übertragenen Posten erstsiüe, gleichviel, ob dem Gegner nreine Nase und meine Person gefällt oder nicht. Nicht das mindest e Verständnis aber vermag ich basür au sz u b r i n ge n, wenn nach jener Polizeiaktion im DeutschenReichstagauchgewissedeursche Juden mich wegen der Leitung dieser Polizeiaktion angreisen und die Ansicht vertreten: gerade weil ich Jude fei, hätte ich mich von jener Aktion gegen die Nationalsozialisten fernhalten müssen . . . Tatsächlich sind einzelne solcher stimmen im jüdischen Lager laut geworden. Do gab mir der dem Judentum ungehörige Redakteur einer Berliner Zeitung, die bisher als demokratisch galt und nach dem Vorgehen im Reichsiäg in unmißverständlichen Worten meine Absetzung gefordert hatte, auf mein Befragen unumwunden zu: als Jude hätte ich die Polizeiaktion im Reichstag rächt durchführen dürfen. Und jener Herr erging sich mir. gegenüber dann weiter in den Worten: „In Zeiten wie den jetzigen muß ein Jude alles vermeiden, was ihn in Kollision mit den Nationalsozialisten bringen kann." iJch zitiere Wort für Wort, wie ich es mir während der telephonischen Unterhaltung ausgeschrieben habe.) Was ich jenem Herrn zur Antwort Mb, will ich an dieser Stelle nur zum Teil wiedergeben. Ich sagte dem Herrn, daß e s f ü r mich mit einer Auffassung, wie er sie mir gegenüber z u m A usdrnck gebracht habe, kein Paktieren, keine Perständigunggäbe. .-Ich glaube, jeder Leser wird für das Typische dieses Einzelsalles Verständnis haben. Tie Auffassung des erwähnten Redakteurs folgerichtig zu Ende gedacht, muß alle Errungenschaft der schwer erkämpften Juden - E m a n 3 i a t i 0 n zunichte machen, führt letzten Endes in ein politisches Ghetto zurück. Jahrhundertelang haben die besten Deutschen — Christen wie Juden — dafür gekämpft, daß den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens die staatsbürgerliche Gleichterochtigung zuteil werde, daß ihnen alle Berufe, alle Staatsstcllen wie jedern anderen Staatsbürger geöffnet würden. Das Ziel ist zum wesentlichen Teil erreicht. Mir selbst war es (schon vor der Staatsumwälzung) gegeben, als erster Jude in die bis dahin judenreine preu-- ßische Verwaltung Eingang zu finden; nicht aus eigner Initiative, sondern gerufen vom letzten „königlichen" Innenminister, trat ich in die Berliner Polizciverwaltung ein. Das Vertrauen meiner Vorgesetzten berief mich zu den verschiedensten Stellungen innerhalb der Polizei. Mehr als vier Jahre (1020 bis 1924) mar ich als spezieller Leiter der. sogenannten politischen Polizei tätig und tras hier wiederholt die einschneidendsten Maßnahmen gegen rechtsradikale Ankisemitengrnppen. Damals fand sich niemals ein Jude, geschweige denn eine demokratische Zeitung, die den Standpunkt vertrat: weil ich Jude sei, dürfe ich solche Maßnahmen nicht treffen. Jetzt aber — im Jahre 193*2 —, da heißt es plötzlich: der Jude muß sich zurückhalten. Machen die Vertreter solcher s ch w ächlichcn Aufs a s s u 11 g s ich denn nicht klar, d a ß i h r G e d a n k e n g a n g letzten E ndes im Argument e-n-A r - s e n a { des A n t i j e ml i i s m u s endet? . . .Gin in Beamteustellung stehender Jude darf nacls dieser Auffassung also die Pflichten seines Amtes nicht erfüllen, wenn er sich hierbei im Eiuzelfalle gegen grundsätzliche Judengegner wenden muß. Die natürtidje Folge: Kein Jude darf eine Staatsstellung bekleiden, die ihn in „Kollisionen" mit Judengegnern führen könnte: mit anderen Worten: fein Jude darf Venvaltungsbeamter, darf Richter oder ein ähnliches Organ des Sn>atswillens worden. Gibt es aber aus dieser politischen Linie überhaupt ein Halten? Haben die Judengegner nicht durchaus rocht, wenn sie in folgerichtiger Durchführung ihres ju den feindlichen Standpunktes dann auch andere Berufe für die Juden sperren wollen? Jenen Zeitungsredakteur, von dem ich vorher sprach, darf ich -freundlichst auf § 2 3 der Gruudsorderungou des na ti 0 na! s ozi al i stischen Pavteiprogramms Hinweisen. Dortheißt es: „Sämtliche Schriftleiter u n d i t a r b c i t e r von Zci tungen , dic iudeutscher S p r a ch e -e r - s ch einen, ni ü s s e v. V 0 lksgen 0 ssen fein." Wenn es dem genannten Redakteur daher nicht recht ist, daß ich künftighin als Poli'.eichst meines Amtes walte, und wenn der in seiner Zeitung gegen mich gerichtete Angriff natürlich den jubelnden Beifall der antisemitischen Preise gefunden hat, so darf er sich über eines nicht hinwegtäusckM: wenn, das uationalsozialistrsche Programm einst verwirklicht werden sollte, dann wird nicht mir der Pellsteivizcpräsident Weiß von seinem Posten verschwinden, sondern er, der deutsche Zeitungsredaktcnr jüdischen Glaubens, wird sich nicht minder nach einem neuen Berus umsehen müssen. Ich komme zum Schluß. Tie Zeiten sehen für uns Juden gewiß nicht rosig ans. Eine Welle des Antisemiti-mus hat sich über unser deutsches Vaterland ergosien, von der wohl kein einziger Jude verschont bleibt. N i ch t s Unwürdig e r e s u n d E r b ä r m l i ch e r e s a b e r gibt es i n solcher Lage, als schwächlich und mutlos den Kampf a u f z u g e b e n. uns j u d e n g e g n e r i s ch e Argumente des Gegners auch nur im K 0 m p romiß w e g e 3 11 eigen zu m 0cf)cn u n d hiermit dein Gegner freie Bahn zu schassen zur Verwirklichung seiner letzten F 0 rderungen. Je mehr man Tins angreist, desto lebendiger und kraftvoller wollen wir aufrechten, selbstbewußten deutschen Staatsbürger jüdischen Gleuebens uns zur Wehr setzen, vor allem aber — allen Gegnern zum Trotze — sachlich und unerschrocken für das Wohl der Volksgesamtheit unsere Pflicht erfüllen, jeder an denr Platze, an den das Schicksal ihn gestellt hat. Wir geben nachstehend kommentarlos eine Anzahl Meldungen von judenfeindlichen lieberfällen wieder, die sich, durchweg ohne jegliche Provokation von jüdischer Seite, in den letzten Tagen zngetragen haben. In Alsfeld (Oberhessen) wurde am 24. April ein jüdischer Passant von Nationalsozialisten auf der Straße geschlagen und verletzt. Am 39. April wurden im gleichen Ort unser Mitglied S. und sein Sohn" auf der Straßei beleidigt, geschlagen und zu Boden geworfen. In der Nacht vom 6. zum 7. Mai wurde in Forst (Lausitz) die Familie des Kaufmanns S., Ehemann, Frau und Söhne, auf finsterer Straße von einer Anzahl Bursckjen überfallen und mißhandelt, und in der Nacht vom 9. zum 19. Mai warten dort nationalsozialistische Bursck)en dem jüdischen Floischernreister S. die Fenster seiner Wohnung mit Steinen ein. In der Nacht vom 18. zum 19. Mai wurde in der gleichen Stadt der jüdische Kriegsteilnehmer Kaufmann I. überfallen und niedergeschlagen, und eine Nacht später schlug man wiederum dem jüdisckM Schwerkriegsbeschädigten Kaufmann P. durch Steinwürfe die Fenster ein. In Berlin überfielen junge Burschen in der Nacht vom 20. zum 21. Mai mit dem Ruf „Schlagt die Juden nieder!" den jüdischen Schneider S. in der Neuen Königstraße und mißhandelten ihn schwer. In der gleichen 9!acht erlitt ein jüngerer Mitarbeiter des C. V. in der Joachimsthaler Straße dasselbe Schicksal. In Oranienburg zertrümmerten Nationalsozialisten dem jüdischen .Kaufmann L. zu wiederholten Mcalen durch Steinwürfe die Fensterscheiben und gossen Eimer mit Wasier in. die Wohnung. preMkonftrenz öes Centralvsrems Zlchlreichen Wünschen entsprechend, fand in diesen Tagen im C. B.-Büro in Amvcscnheit von Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil und Direktor Dr. Ludwig Holländer unter Leitung von Tr. Alfred Wiener eine Aussprache mit jüdischen Journalisten statt: zahlreiche Berliner Vertreter in- und ausländischer jüdischer Zeitungen waren der Einladung des Gcntralvcreins gefelgt. Tr. Hans Reichmann machte wichtige Ausführungen über die politische Lage und die Notwendigkeiten, die sich aus ihr für die Arbeit des Centralvereins ergeben. Das Referat wurde von Dr. Alfred H i r s ch b e r g und Arttir Schweriner durch Schilderung einiger für die gesamte jüdische OestontlichkeiL beachtlicher Emzelfälle aus dem weiten Tätiakeits<zebiot des C. B. ergänzt. Besonderes Interesse aller Amvesenden fanden Ausführungen Tr. Weils. -tll- 8 R-ILÄLÄLÄ8F Bttä ftuttf » rr: Sfc;i»fcau321 an den Cenlralvereln deutscher SlasSsöürsar indischen Giaa'aens, landesveröand Kassen-Bassan und Hessen, Frankfurt a. ü. Steinwes 9, Zimmer 111 / Poslsciieekkonto: Frankfurt a. M. 54315