Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- Seite 233 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Reichskanzler Brüning ebenso wie die Mitglieder seines Kabinetts haben stets ihrem Eide entsprechend die Verfassung gehalten und waren getreue Wahrer der Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Wir hoffen und wünschen, daß jedes 'neue Kabinett auf'den gleichen Boden treten und unser Land und unser Volk vor immer noch größerer Austvühlung und vor den Gefahren schwerer innerer Zerwürfnisse bewahren möge. Hfr£A^?***<% fl j V?' J>ji 14'&iS In. Bottrop wurde der jüdische Friedhof zum wiederholten Male von Unholden heimgesucht. Einige Gräber wurden verunreinigt, zwei Denkmalstafeln zertrümmert. Für die Ergreifung der Täter ist eine Belohinlng von 100 Mark ansgesctzt worden. Auf dem jüdischen Friedhof Rhens am Rhein wurden sechs Grabsteine umgestürzt. Auf dem jüdischen Friedhof Pcnkum (Pommern) wurden fünf Grabsteine losgerissen und beschädigt. . Auf dem israelitischen Friedhof in Gemünden (Westerwald) wurden von 19 Grabsteinen 12 umgeworfcn und beschädigt. Der Friedhof ist völlig verwüstet. Die Polizei fahndet ül>erall eifrig nach den Tätern. m rnaai2mäi&®i®!et2ßmM8mBSBmBmEmmi3t8!BS&BBBg9MBES38m%&a8&3S3ffl&tSSfä&B!g&isasa Dr. Alfred Wiener: Das Rundfunkgesprach Stapel — Holländer Seite Z3ö Von poliZsrsiZeprasiöenL Dr. Weiß, Berlin Die letzten Parlamentswahlen haben es auch dem Blindesten vor Augen geführt: dos sogenannte „freiheitliche Bürgertum" ist in Deutschland bis auf kümmerliche Reste von der politischen Bildfläche verschwunden. Und wenn man sich fragt, wo jene bürgerlichen Freiheitscrpostel, die einst stolz mD begeistert der Fahne bürgerlicher und politischer Freiheit folgten, jetzt eigentlich geblieben sind, dann wird man schnell die Antwort wissen: Der eine Teil hat seine einstige Ueberzeugung der Freiheit und der Demokratie abgeschworen, ist ins Lager des Fischismus abgeschwenkt: und der andere Teil ist „unpolitisch" geworden, d. h. er'halt sich vorsichtig, mutlos von dem politischen Geschehen der Gegemvart fern, versteckt sich, weil er die Zeit nicht für „opportun" hält, um seine, politische — antifaschistische, liberale — Grundgesinnung zu offenbaren. Für uns Juden liegen die Folgen dieser politischen Entwicklung klar zutage. Das freiheitliche Bürgertum, das früher im Kamps gegen den Antisemitisnms in vorderster Linie stand, ist zu einem Teil dem Antisemitismus verfallen, und zum anderen Teil wagt es nicht mehr, seine Stimme gegen Unduldsamkeit, Antisemitismus zu erheben, sein Politisches Rückgrat ist gebrochen, fast widerstandslos hat es das politische Kampffeld dem Gegner überlassen. Und wie verhalten sich die deutschen Juden, die doch in ihrer überwiegenden Mehrheit, sozial und politisch gesehen, jenem „freiheitlichen Bürgertum" angehörten? Dem Faschismus, der in seiner deutschen Spielart ausgesprochen antisemitischen Charakter trägt, konnten sie sich natürlich nicht in die Arme werfen. Leider aber ist sestzustellen, daß ein gewisser Teil der deutschen Juden sich jener zweitgefchilderten Kategorie des freiheitlichen Bürgertums angeschlossen hat; d. h., daß er mutlos vom politischen Schauplatz abgetreten ist und es ablehnt, in selbstbewußter Abwehr, geschveige denn in Angrisfssrcudigkeit dm Kampf für das Gedankengut der Gleichberechtigung und gegen den zerfetzenden Antifemitengeist der Unduldsamkeit zu führen. Gewiß — es mag wohl zahlenmäßig nur ein geringer Teil jüdischer Staatsbürger sein, der sich dem Politischen Defaitismus der Gegenwart ergeben hat, und der Mangel an Selbstlxnvußtsein und Kampfeswillen darf keineswegs' als spezifisch jüdische Um Lugend gekennzeichnet werden; das deutsche Bürgertum in seiner Gesamtheit ist Politisch zermürbt und hat in schwächlichem Kleinmut seine alten Ideale preisgegeben. Trotzdem aber haben wir aufrechten Juden, denen alle Rot der Zeit und aller Druck polinscher Gegnerschaft niemals den uns angeborenen Optimismus und unser stolzes Selbstbewuchtsein rauben lverden, das Recht, ja — wie ich glaube — die Pflicht, jenem kleinmütigen Teil unserer Glaubensgenoffen das Unheilvolle ihres politischen Verhaltens vor Augen zu führen. Wen» wir deutschen Juden im Kamps um unsere Selbsterhaltnng kraftlos die Waffen st necken, wenn wir geneigt sind, dem Antisemitengegner auch nur die geringsten Konzessionen zu machen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn es mit der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der deutschen Juden bald vorbei sein wird. In meiner polizeilichen Diensttätigkeit habe ich jungst erneu Fall erlebt, der klarer als langatmige theoretische Erörterun^gen dem Leser zeigen dürfte, wie in einzelnen jüdischen Kopsen jedes Gefühl für Selbst bewußt sein erstickt zu sein scheint, wie politische Leisetreterei. bester gesagt: politische Würdelosigkeit, bei g» wisten Inden zu beobachten ist. Am 12. Mai Whxi ich als geschäftsführender Polizeipräsident von Berlin (Polizeipräsident Grzesinski befand sich a u f II r l a u b) genötigt, im Deutschen Reichstag einePolizeiaktion gegen nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete zu leiten. Wie erklärlich, waren die nationalsozialistische Oeffentlichkeit und ihr antisemitischer Anhang wenig erfreut darüber, daß ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens jene Zwangsaktion durchführt.'. Bon Partei und Weltanschauungswegen bekämpfen die Nationalsozialisten jede „jüdische Beeinflustung des Staatsapparates", sie wollen deutschen Juden in der Staatsvenmrltung überhaupt keine Aemter eingeräumt wissen und empfinden es daher als ein besonders kränkendes Zeichen ihrer politischen Ohnmacht, wenn ein Staatsbürger jüdischen Glaubens an der Spitze der Polizei steht und in dieser Eigenschaft den Staatswillen gegenüber widerst re lxmden Rat ionols ozialisteu zur Geltung bringt. Ich habe infolgedessen volles Verständnis dafür, tueitn Amts maßnah men, die ich gegen Nationalsozialisten treffe, zu Kundgebungen des Diißsallens im Lager der