Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 22 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m Pf s r»n n n-n?tti y u Li (DJ Ivü U Li vL M fl i i wi 1 n ff™«** fl c — «- - i ■ j* u y y Zur Psychologie der Werbung und der Methodik der Propaganda Aufklärung — die in jahrzehntelanger Uebung bewährte Losung des Centratvereins — hat durch die Entwicklung der letzten Jahre einen entscheidenden Bedeutungswandel erhalten. Während der Antisemitismus vor dem Kriege und noch in den Kriegsjahceu sozusagen eine Privatangelegenheit überzeugter man möchte sagen: redlicher — Antisemiten war, ist die Lage durch die Aufnahme der judenseiudlichen Punkte in das Programm der zurzeit größten politischen Partei Deutschlands, der NSDAP., von Grund auf verändert: Antisemitismus ist eine politische Angelegenheit geworden, und wird nicht mehr von Trägern bestimmter judenfeindlicher Ueberzeugungen vertreten, sondern von einer in die Millionen gehenden Wählermasse stillschweigend geduldet und hingenommen. Tiefe Millionen sind keineswegs judenfeindlich gesinnt, wie auch der ganze Judenhaß keine Frage der Gesinnung mehr ist. Vielmehr ist heute Antisemitismus das billige Zw eckmittel einerpolitischen Demagogie, die die Stimmung der Mafien in geschicktester Weise zu lenken und auf diejenige Seite abzulenken versteht, wo man die Linie des geringsten Widerstandes vermutet. Diesem Wandel waren die Abwehr und Aufklärung an.^rpasien. Galt es früher die in den Vertretern judeuseindlicher Anschauungen entstanden Ueberzeugungen zu widerlegen, ihre Entstehungsgründe aufzudecken und in jedem einzelnen Falle nachzuweisen, daß und warum solche Ueberzeugungen aus Irrlehren, ja, auch aus Verdrehungen und Entstellungen entstanden find, war also der Sinn der Aufklärung die Darstellung der wirklichen Zusammenhänge und die Herstellung eines richtigen Bildes von Judentum und Judenheit, vom historischen Gehalt des Judentums und vom Leben und Wirten der Juden in Deutschland, so ist damit in der heutigen, von Grund auf veränderten Lage nicht genug geschehen. Der Schwerpunkt liegt heute ans der anderen Seite der Aufilärung: es geht heute nicht allein um die Reinhaltung des/Judentums von Vorwürfen, die ohne jede Berechtigung erhoben werden, sondern es gilt heute. in Deutschland das Bewußtsein dafür w a ch z u r u f e n und h e r zu st e l l e n, daß Antisemitismus im heutigen Deutschland keineswegs die Juden allein angeht, sondern vielmehr e r n e ö ff e n t l i ch e A n g e l e g e n h e i t v 0 u bedeutungsvoll st e m A u s maß i st. Es gilt klarzulegen und dem Bewußtsein des Volkes einzuprägen, daß Judenhaß n nr ei 11. 3 y m P t 0 ni derZeit, Teilerscheimrng eines ganz allgemeinen Zusammenhanges ist, nur eine Welle in der Haßwoge aller gegen alle, die über Deutschland flutet und alles zu zerstören droht, was die Güter und den Wert der Ration ansmacht. Aufklärung bedeutet heute vornehmlich die Aufklärung ü b e r Wesen. Art und Gefahr des A ntis e m i t i s m u s — einer Gefahr keineswegs für uns Juden allein, sondern vielmehr für Deutschland und das Ansehen des deutschen Geistes in der Welt. Mau sollte der Meinung sein, daß dieser Gesichtspunlt, unter den die Uel^erwiuduug der Gegnerschaft gegen uns heute gestellt ist, wenigstens dem Kreise geläufig sein müßte, den der Angriss zuallererst — wenn auch nicht allein und nicht zuallerletzt — trifft: dem Kreise der deutschen Juden. Seltsamer- und fast bedenklicherweise ist das aber keineswegs der Fall. Immer noch gibt es Menschen, auch in unserem engeren Kreise, die die Meinung vertreten, diese ganze Entwicklung gehe sie gar nichts an — während es in Wahrheit keinen einzigen M e n schen in Deutschland gibt, Juden oder N i ch t j u d e n, der an ihr Vorbeigehen, sich vor ihr verbergen könnte, indem er den Kopf in den Sand steckt. Wir sind nicht der Meinung, daß diese Vogel-Strauß-Politik, die immer noch weite Kreise des deutschen Judentums und säst alle Kreise des deutschen Volkes beherrscht, * sich allem aus einer bösartigen Gleichgültigkeit oder aus einem müden Skeptizismus heraus erklärt. Vielmehr sind wir der Ueberzeugung, daß ein entscheidender M a ng e l a n W i s s e n im wesentlichen schuld daran ist: man kennt weder die Größe der Gefahr, noch den Tiefgang der antisemitischen, durch eine Hetze sondergleichen erzeugten Stimmung, man will davon nichts wissen, mit dem Erfolge, daß mau dann, ahnungslos von der Gefahr betroffen, ihr notwendig wehrlos unterliegen muß. Es scheint uns wenig angebracht, sich mit der Erkenntnis dieser Tatsachen zu begnügen und sie zu beklagen. Die einzig mögliche Folgerung kann vielmehr nur die sein, daß man alle Kraft auswendet, um die Aufklärung in dem oben bestimmten Sinn an die Kreise aller in Deutschland lebenden Juden heranzu tragen. Diese Arbeit nur als ein Problem der Werbung aufzusasien, ist falsch. Es geht für den Centralverein keineswegs nur darum, seinen Mitgliederbestand zu vergrößern, obschon es im Entscheidenden in der Tat darum geht, alle diejenigen in breitester Front in die politische Spitzenorganisation des deutschen Judentums einzugliedern, die ihr weltanschaulich angehören können. Vereinspolitische Gründe sind ganz ohne Belang; denn auch die politische Wirkung des Vereins nach außen ist davon abhängig, ob hinter ihm. der nicht zu Unrecht die „Gewerkschaft der deutschen Juden" genannt worden ist, wirklich die breite Masse der Juden steht. Die Aufklärungsarbeit, die in bezug aus jüdische Kreise zu leisten ist. muh das Bewußtsein für die unbedingte Notwendigkeit einer solchen organisierten Gemeinschaft und für die Integrität der Politischen Organisation des deutschen Judentums, den Centralverein. schaffen. Wir sehen eine entscheidende Gefahr der jüdischen Lage darin, daß dieses Bewußtsein nicht oder mindestens nicht genügend vorhanden ist. II. Fragt man. welche Möglichkeiten gegeben sind, dieses Bewußtsein zu erzeugen, spricht man also konkret von der psychologischen Voraussetzung u n d d c r Methodik der W e r b u n g, so scheint uns die Möglichkeit dafür allein in der Leistung zu liegen. Es geht heute nicht mehr um Meirumg und Gegenmeinung, um theoretischen oder gar weltanschaulichen Streit Über die Voraussetzungen und Möglichkeiten der Abwehr: wir stehen mitten im Kampfe, und wer nur einigermaßen Einblick in die.täglichen und sich täglich steigernden Erfordernisse dieses Kampfes hat, wird sehr schnell begreifen, daß wir einfach nicht mehr die Zeit haben, zu diskutieren, sondern die Arbeit tun müssen, die sehr kleine, sehr alltägliche, sehr stille Arbeit, wie sie der Augenblick mit sich bringt. Diese Arbeit wird aber nur den überzeugen, für den sie getan wird; sie muß notwendig allen anderen gleichgültig erscheinen. Das Bild der C. V.-Arbeit scheint uns nur mit dem Bilde eines Eisbergs vergleichbar zn sein: man sieht über der Oberfläche nur außerordentlich wenig und ahnt gar nicht den um ein Vielfaches größeren Tiefgang. Diese grundsätzliche Schwierigkeit, die Gesamtheit der Leistung ersichtlich zu machen, bedingt alle Schwierigkeiten der Werbung, wie sie zugleich jenen Bagatellisierungen Vorschub leistet, in denen sich die bcm E. V. gegnerischen jüdischen Gruppen immer noch und unter Hintansetzung allgemein-jüdischer Interessen zu ergehen belieben. Trotz solcher Schwierigkeiten muß der Versuch einer solchen Gesamtdarstellung immer wieder gemacht werden. Wir haben im Verlause dieses Kampsjahres nahezu an jedem Abend Gelegenheit gehabt, diese Schwierigkeiten kennenzuleruen und nach Wegen .zu ihrer lieberwindung zu suchen. Im Norden und Süden, im Osten und im Westen des Reiches, in Großstädten vor vielen Hunderten, an kleinen Plätzen vor einigen Dutzend Hörern, unter vier Augen, immer wieder ging es darum, von der Lei st u n g und nur von der L e i st u n g .zu sprechen. Mit Meinungen ist man versorgt; sie sind ohne jedes Interesse. Aber es besteht ein ausgesprochener Hunger nach Jnsormationen, es besteht ein starkes Bedürfnis, die allgemeinen Zusammenhänge zu erfahren und zu hören, lvas hinter den Kulissen vorgehr: man begegnet nie tauben Ohren, wenn man Tatsachen, Tatsachen und nochmals Tatsachen berichtet. Das Material ist ja unerschöpflich; und es gibt kaum einen Ort in Deutschland, an dem der C. B. nicht einmal in dieser oder jener Angelegenheit aktiv eingegrifsen oder mindestens durch sein Material ausgcholfen hätte. Es wäre lächerlich, in diesem Zusammenhang nur von Erfolgen zu sprechen; man muß ebenso von den Schwierigkeiten und den Heuunnissen sprechen. 'Nur rückhaltlose Aufrichtigkeit und absoluter E r n st w i r d den Bericht überzeugend machen. Von entscheidendem Wert ist aber schon allein die Tatsache, daß gesprochen wird, daß man nicht schweigend und duldend Unbill und Bedrückung hinnimmt, sondern den Mut hat zu sprechen. Sprechen ist dabei in jedem Sinne zu verstehen: mau'kann nicht nur das Wort, man kann.Tatsachen und man kann Handlungen sprechen lassen. Ader mau darf nicht schweigen. Leo Tolstoj hat, als er seine Zeit und ihre Wirrnis begriff, ein schmales Heft verössentlicht, das die tteberschrist trug: „Ich kann nicht schweigen". Er stand allein, aber der Klang seiner einsamen Stimme hat in seinem Lande, in seinem Volke und in seiner Zeit einen Widerklang gefunden, der die Zeit erschütterte. Wir haben nicht die Gabe, prophetische Worte zu sprechen; aber wir sind, gottlob, auch nicht alleim HI. Von einer Leistnng zu sprechen, ist immerhin erst das Zweite; das Erste ist. sie z u t u n. Nun kann es unmöglich die Ausgabe dieser Zeilen sein, Umkreis und Ausmaß der Leistung darzustellen. Zu diesem Behuse würde es nidjr ein-