Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 22 (27.5.1932)
- Date
- 1932-05-27
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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215 richtigen Republikanern betrauert. Dawes-Ptan und Rjouna-Plan zwingen uns zur Abwehr antisemitischer Verdächtigungen. Und immer mehr werden wir gegen unseren Willen in den politischen Kampf hineingezwungen. Ter Antisemitismus - als politisches Propagandamittel habe ein immer größeres Gewicht bekommen. Die erste große Wette bringen die Skandale um Äatmat und Kntisker. Es hat damals nicht an guten Freunden gefehlt, die von der Zeitung erwarteten, daß sie diese Fülle zum Anlaß eines weithin sichtbaren „Abrückens" nehmen würde. Wien e.r hat damals das grundsätzlich Falsche eines solchen Vorgehens nachgewiesen. Und es dürfen hier vielleicht die grundlegenden Bemerkungen zitiert werden, die Holländer in der ersten Nummer der „G. V.-Zeitung" schrieb: „Wir rücken auch von Elementen nicht ab, welche der großen Seffentlichkeit und auch den meisten von uns nicht behagen. Das werden wir - erst dann tun, wenn unsere nichtjüdischen Volksgeno^en von ihren Schädlingen abrücken. -^onst würde diests Handeln ein selbstgebautes Gbctto be-deuten. Niemals darf unsere Tätigkeit aus die Auswirkungen RücküäN nehmen. welche crwa Judengegner aus ihr ziehen könnten." Im übrigen darf die „6. V.-Zeitung" und mit ihr der E. V. für sich das Verdienst Ln Anspruch nehmen, weit früher als alle amtlichen und Partei stellen die Bedeutung der n a L i o n a l s oz i a l i st i f ch e n B e w e g u n g erkannt zu haben. Ihre Prophezeiungen, die jahrelang in der deutschen Oessentlichkeit kein Gehör fanden, haben sich nur zu sehr erfüllt. Schon im ersten Jahrgang der Zeitung steht' ein noch heute klassischer Artikel von L e v i n - ger (München), der mit dem Satze beginnt: „Fünf Worte bilden den Namen dieses merkwürdigen Gebildes (National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei), fünf Worte und fünf Unwahrheiten." Die Erfahrungen des Münchener Putsches werden eingehend untersucht, in ihren politischen Leitartikeln bringen Holländer, Wiener, Schweriner, Reichmann und Hirsch berg immer neues Material. Der Vormarsch der Hitler- Bewegung auf dem Lande und in der Kleinstadt wird erkannt, die Zeuenbildung in Aemtern und Kasernen dargestellt und den politischen Parteien immer wieder — Leider ohne früh genng Gehör zu finden — vor Augen gehalten. Als sie die Größe der Gefahr endlich erkennen, ist es schon sehr spät, die allgemeine Not steigt und die Entwicklung zum Bösen geht mit Riesenschritten. Wenn wir mit unseren schwachen Kräften etwas erreichen können, kann es nur in zweifacher Arbeit sein. Wir können unsere ganze Kraft dafür einschen. durch Aufklärung und Werbung die wahrhaft demokratischen Elemente unter Juden und Nichtjuden sammeln zu helfen. Dann aber ist es unsere besondere Aufgabe, den tieferen Gründen des Antisemitismus nachzugehen. Und so finden wir in allen Jahrgängen unserer Zeitung das Ringen mit diesem Problem. Die Ueberwindung des alten Rechtsschutzgebantens und die Herausaröeitung der positiven Wurzeln der Abwehr füllte die Seiten der alten Monatsschrift. In der ,,C. V.-Zeitung" finden wir nun die Versuche der psychologischen Deutung. Zu überwinden war jetzt noch die alte Vorst^Iung. als ob Judenhaß und Haß überhaupt nur aus Nicht-Wisien oder Falsch-Wissen resultiere. Der Einbruch des Triebhaften in das politische Denken wird bloßgelegt. Und hier muß darauf hingewtesen werden, daß wir bei dieser Arbeit neben einer Reihe . jüdischer Autoren beste Hilfe bei Nichtjuden, von denen wir besonders M ü l l e r - E l a u d i u s und N ö tti n g erwähnen, verdanken. Wie es überhaupt ein tröstliches Empfinden ist, wenn man .3. Ifuriudentum Als deutscher Kulturpolitiker konservativer Richtung, d. h. im Sinne des gemäßigten, aufbauenden Fortschritts, habe ich mich auch mit dem jüdischen Problem immer wieder auseinandersetzen müssen und die Tendenzen der verschiedenen jüdischen (Gruppen verfolgt, unter ihnen besonders des E. B.. dessen aufklärende Tätigkeit aus kulturpolitischem Gebiet mit der meinigen vielfach übereiustimmt, auch wenn untere Ausgangs- und Zielpunkte nicht dieselben sind. Aufklärung, wie der E. B. sie treibt, nicht lärmende Propaganda, erscheint mir als das beste Mittel zur Ueberwinduug bestehender und noch bevorstehender Schwierigkeiten, wenn auch nicht gegenüber den Unbelehrbaren und gefühlsmäßig Voreingenommenem so doch bei der großen Masse derer, die Vernunftgründen zugänglich sind, aber vielfach in Unkenntnis der wirklichen Verhältnisse leben. Erst kürzlich hatte ich Gelegenheit, im Rundfunk aus die Kulturleistungen der beutschelt Juden hinzuweisen und zahlreiche Beispiele anzuführen: Meine Schlußworte möchte ich hier im Druck wiederholen: „Wenn das „jüdische Sonderart" ist, so wünsche ich unserem Volke noch viele solcher jüdischen Sonderlinge: wir können sie in der Armut und dem Kulturverfall der Gegenwart wahrlich brauchen! Welche Lücken aber würden entstehen. wenn sie fehlten! Und was bedeuten neben diesen Kulturleistungen die Fehlleistungen einzelner jüdischer. Radikaler! Gerade als Kultur- Po l i t i k e r k a n n i ch d e n j ü d i s ch e rr Beitrag zu unf ex cr K ultur nicht missen. Ich werde daher stets für urfter Kulturjudentum eintretcu, auch wenn ich jüdische Auswüchse'und Schädlinge ablehne. Wer aber das Gute an den Juden annimmt und anerkennt, nt kein Antisemit mehr. Wer dagegen die Rassenideologie ans die Spitze treibt, muß auf die Kultur verzichten. Um Gerechtigkeit ringt Deutschland heute in der Welt, Säe gebührt auch den deutschen Juden." Hierin weiß ich mich auch mit den Bestrebungen des G. 33. einig und wünsche ihm weitere Erfolge seiner Aufklärungsarbeit zum gemeinsamen Nutzen aller deutschen Staatsbürger, mögen sie christlichen oder jüdischen Glaubens oder Freidenker sein. bis in die letzte Zeit hinein Beiträge aufrechter Nichtjuden — wir nennen hier noch: Driesch, Wolfgang Heine, Adam R o e d e r, N u 's ch k e, F r i ck (Großem, A ft e r — in unseren Blättern findet. Nicht, als ob wir nicht wüßten, daß wir letzten Endes für uns allein einzustehen haben, sondern weil es unsere Ueberzeugung immer neu bestätigt, daß Hitler noch lange nicht das deutsche Volk repräsentieren darf. Die männlich festen Worte, mit denen Karl S e v e r i n g nach den Septemberwahten 1930 in unserer Zeitung zur Ruhe und Besonnenheit aufrief, können uns heute noch in diesem Sinne ein Wegweiser sein. Eng verbunden mir den Fragen der tieferen Hintergründe des Antisemitismus ist die Frage der Beziehungen der deutschen Juden zur deutschen Kultur. Die Frage nach der positiven oder negativen Bedeutung der Juden in der deutschen Literatur und in der Kunst überhaupt taucht immer wieder auf. Die literari schell Fragen hat wiederholt Julius Bab behandelt, sehr eindrucksvoll stehen sich die Anschauungen in der Aussprache Fechter — Jakob Wafser - mann — Holländer gegenüber. Den ganzen Komplex der kulturellen Fragen haben neben anderen besonders Julius Gold st e i n und Felix Goldmann behandelt. Es würde einen Aussatz für sich erfordern, die Bertiemng unserer Ideologie im Spiegel der „E. 3).* Zeitung" zu zeigen. Der Leser schlägt die Bünde der „E. 33.- Zeitnng" zu, in denen er geblättert hat. Er überdenkt das Gelesene und glaubt, mit gutem Gewissen dem Geburtstagskinde zu seinem Jubiläum gratulieren zu können. Tie Zeitung hat ihre Ausgaben bester gelöst, als es uns manch, mal im Eifer berechtigter Einzelkritik erscheine» mochte. Sie hat ihren eigenen «til gefunden, hat sich in der jüdischen und nichtjüdischen Oessentlichkeit ihren geachteten Platz erobert und hat zwischen allen den verschieden gearteten Ansprüchen/die an sie gestellt wurden, die richtige Linie gehalten und die klare Einheit des deutschjüdischen Gedankens für alle E. B.er gewahrt. Ein Gratulant hat das Recht, einen Wunsch auszusprechen. Unser Wunsch geht dahin, daß unsere Zeitung sich in beweglicher Lebendigkeit dein Wandet der Z e i t e n tw i ck l u n g a n p a s s e n m o g e, ohne die Entschiedenheit ihrer Grundhaltung zu verlieren. Sie hat in den vergangenen Jahren für den Geschmack von uns Jüngeren noch manchmal etwas zu sehr die Sprache einer pathetischen Vergangenheit gesprochen. Wir betrachten mit einer Art von wehmütigem Respekt den ethisierenden Idealismus einer Generation, die noch glauben konnte, daß es genüge, daß die Menschen das Gute wissen, damit sie es auch tun. Wir sind heute härter und illusionsloser geworden: für un§ sind innere Bewegtheit und Pathos nicht mehr' identische oder verbundene Begriffe. Man soll die Dinge, für die man kämpft. sehr e r n st n e h m c n. Aber wir glauben, daß man heute, bei Juden und bei Nichtjuden, mit so leichter Gehör findet, je unpathetischer, je n n ch t e r n e r und je fester man spricht, Und roir nässen, daß unsere Zeitung um so mehr und wirkungssicherer von der jungen, schwer um ihre Existenz ringenden jüdischen Generation gelesen werden wird, je rnehr sie ihre Spalten auch den Meinungen öffnen wird, die nicht in allen Punkten „offiziell" vertreten werden können. Die „E. D.-Ztttung" hat in dieser Richtung zürn freien Ausspracheorgan für jeden, der es ehrlich mit dem Eentralverein meint, gute Ansätze gemacht. Diesen Weg mit Freimut und Konseguenz weiterzugehen, wird ihre Aufgabe für die Zukunft sein. Dann wird sie in netten Formen und mit weiter entwickelten Gedanken bleiben, wer sie war: sichtbarer Sammelpunkt der deutschen Inden. Die junge Generation aber bringt ihr als Jubilaumsgabe den festen Willen, ihr und dem von ihr repräsentierten Gedanken des Eentralvereins auch in Zukunft die Treue zu halten.