Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 21 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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207 aus ehrlich meinen. Aber er glaubt die Frage, ob ihnen eine tatsächliche Verschmelzung gcTun* aen sei, verneinen zu müssen. Wir bejahen sie. Eine blutsmäßige Verbundenheit zwischen allen Gliedern einer Nation ist weder möglich, noch auch zur Gestaltung einer Nation erforderlich. Dieser von Krojanker aufgenommene, von deutsch-völkischer Seite immer wieder vertretene rein materialistische Grundsatz entspricht durchaus nicht dem Werden und Wesen der Nation. Diese ist nichts Gegebenes, sondern entwickelt sich ständig fort und umfaßt als zu ih^ gehörig alle, die durch gemeinsame Sprache, dritte und Zukunstshysfnungen verbunden sind, gleichviel, ob sie eine Abstammungsgemeinschaft bilden oder nicht. All das hat bereits Julius Goldst e i n, zum Teil auf den Untersuchungen von Friedrich Hertz fußend, in dem Kapitel „Nation oder^Abstammungsgemeinschast?" seines Werkes „Rasse und Politik" eingehend behandelt. Er hat dort den Nachweis dafür erbracht, daß die Blutsgemeinschaft nicht die Grundlage der Nation sein kann, und daß alle Folgerungen, die aus einer solchen irrigen Voraussetzung gezogen werden, hinfällig fein müssen. Weder bei den Vertretern des jüdischen, noch bei denen des deutschen Nationalismus findet man aber auch nur den Versuch, diese Tatsache, daß Nation nicht gleich Abstammungsgemeinschaft sei, zu widerlegen. Krojanker bewegt sich durchaus aus der Grundlage der vom Blut her beßinnnten^Verbundenheit und bezeichnet Bluts- und Schicksalsgemeinschaft als das Wesen des Vo lk§ tu m s. Gewiß, gerade wir haben längst das Vorhandensein einer jüdischen Schicksalsgemeinschaft erkannt, aber sie hat die Judenheit keineswegs vom deutschen Volkstum ausgeschlossen oder sie gehindert, in das deutsche Volkstum einzugehen. Für Krojankers jüdisch-nationale Beweisführung bleibt also lediglich noch der mystische Faktor des Blutes übrig. Erkennt man besten Bedeutungslosigkeit für die Bildung einer. Nation an, so ist seiner aus das Vorhandensein eines jüdischen Volkstums gerichteten Beweisführung auch die letzte Grundlage entzogen. Jene unberechenbare Gefühlssphäre, aus der heraus bei den deutsch-völkischeu und jüdischnationalen Schriftstellern das Irrationale, also die Un-Bernnnft, gepriesen wird, ist nicht, wie Krojanker meint, die „höhere" Vernunft des Zionismus. Auch wir würdigen dre Triebkräfte der Seele durchaus. Wir find uns z. B. durchaus bewußt, welche Bedeutung die deutsche Romantik, aus der diese Begünstigung der Unvernunft auf Kosten des Geistes entstand, für die Kultur des deutschen Volkes hat. Aber wir verkennen nicht die Gefahr, die in der Vorherrschaft dieser un-vernünftigen Gedanken über den Geist liegt, und sind im Unterschied zu der völkischen Aufsagung der Meinung, daß diese irrationalen Regungen im menschlichen Gemütsleben nicht über, sondern unter die Vernunft zu stellen sind. Die Tatsachen geben unserer Auftastung recht. Die Eingliederung der deutschen Juden in das deutsche Volkstum ist gelungen, ohne daß das Judentum zugrunde gegangen ist oder die I u d e n h e i t s i ch a u f g e l ö st h a t. Ter moderne Zionismus ist nur ein Sondersall des europäischen Nationalismus, und darum vielleicht einer der stärksten Beweise dafür, daß die Eingliederung der Juden in das deutsche Volk gelungen ist. 2. Krojanker sagt sehr richtig, die polttnme und geistige Auswirkung des neuen deutschen Nationalismus könne nur mit der eines neuen Ghettos verglichen werden. In dieser Feststellung begegnet er sich völlig mit unserer Ansicht. Die Tendenzen, jüdische Geistigkeit auf allen Gebieten des deutschen Lebens zurückzudrängen, nehmen zu, und es muß die Frage gestellt werden, ob diese Bestrebungen von uns begrüßt oder bekämpft werden sollen. Inmitten der in schneller Entwicklung begriffenen geistigen und politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit würde es an verhängnisvolle ^chwarzseherei grenzen, wenn man die U n w a n d e l b a r k e i t eines nationalistischen Europas annehmen wollte. Man würde damit nicht nur die deutsch-jüdische Idee, sondern das Judentum selbst lähmen und ihm die innere Kraft zur gemeinsamen Arbeit im deutschen Volkstum nehmen. Damit nimmt man ihm eine der wesentlichsten natürlichen Entwicklungsmöglichkeiten überhaupt. Indem Krojanker dem jüdischen Deutschen die Pforten der geistigen Auswirkungen seines Lebens verschließt, unterhöhlt er unser aller Zukunft. Selbst wenn, was wir für durchaus möglich halten,, ein Zeitabschnitt der restlosen Zurückdrüngung der Juden' kommen sollte, so ist damit, auf lange Sicht gesehen, nur der Wellencharakter der kulturellen Entwicklung gekennzeichnet; aber es ist nichts gegen unsere Hoffnung auf eine Zukunft gesagt, die den jüdischen Menschen unserer Zeit als dienenden Geist in den wieder kommenden Kulturfortschritt einschließt. Gewiß hat Krojanker recht, wenn er im Judentum die Idee der Menschlichkeit und Menschheit verkörpert steht. Man kann aber nicht Nationalist sein, um der Menschheit willen. Der nationale Gedanke dient der iIsSNÄtsZ, dan 24. h\ai 1932 19.00 bis 19.35 Uhr Om ßyoidifurDlks (Dauisciilasiasendar Mönigswosieriiaussa) Zwiegespräch zwischen Dr* Ludwig H©l« und Dr. Wilhelm S über: on de MMWW Menschheit, der nationalistische tötet sie. Hier versagt die zionistische Sedankenführung/ Mag der heutige Liberalismus politischer und religiöser Art noch so viele Aubrifsspunlte bieten, er geht ebenso wie der jüdische Konservativismus von dem Sieg des Geistes über die Materie aus. Für die Tauer wird ein politisches Denken auf Grundlage des rein Gefühlsmäßigen, des Irrationalen, nicht möglich fein. Und weil wir das wissen, leisten wir allen Strömungen Widerstand, die im Zeichen der Romantik oder des Irrationalismus die Vorherrschaft der Bernunst beseitigen wollen, Ludwig Holländer. Theaterfkanöa! in Detmold Der bekannte jüdische Vortragskünstler Josef Plaut wurde kürzlich bei seinem Auftreten in seiner Vaterstadt, im Lippischen Landestheater zu Detmold, von einem unter Leitung des Ortsgruppenvorsitzenden der Partei stehenden nationalsozialistischen Sprechchor mit den Rufen „Deutschland erwache! Juda verrecke!" empfangen. Im Publikum entstand große Erregung, die sich steigerte, als die Ruhestörer auch noch Stinkbomben warfen. Die Ortspreye hat sich mit den beschämenden Vorfällen eingehend beschäftigt. So schreibt die liberale „Lippische Landes-Zeit u n g" u. a.: „Ausgerechnet den Vertretern des Dritten Reiches, das ein Reich der Freiheit, Würde und Schönheit sein soll, blieb das Vorbehalten . /. Wenn das der Sinn der sittlichen Erneuerung ist, die von jenen Herren Tag für Tag gepredigt wird, dann danken wir bestens dafür. Das Landestheater ist eine Stätte der Kunst und nicht ein Rummelplatz für pöbelhaftes Benehmen." Und selbst die deutschnationale „Lippische Tageszeitung" rückt gleichfalls von den unwürdigen Vorgängen aufs energischste ab, wenn sie ihrer Entrüstung mit folgenden Worten Ausdruck verleiht: „Das Erwachen Deutschlands, das in mancher Hinsicht weiß Gott notwendig wäre, könne nicht dadurch gefördert werden, daß man die Aufforderung hierzu mit wutheiseren Stimmen durch ein Theater grölt." Der Landestheaterskandal, der Gegenstand einer lebhaften Aussprache im Detmolder Stadtparlament war und dort fast einmütige Verurteilung sand, wird noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Verbot politischer Veranstüllungen in Kur- und Vadeorien 8. L. Das Preußische Innenministerium hat im „Ministerialblatt für die innere Verwaltung', ^eite 501. einen Erlaß vom 3. M a i d. I. — II 1250 90 — veröffentlicht, in dem darauf hingewiesen wird, daß politische Veranstaltungen. Versammlungen und Umzüge unter freiem Himmel in Bädern und Kurorten dem öffentlichen Interesse zuwiderlamen und daher grundsätzlich zu unterbleiben haben. Ausnahmen von dickem Verbot dürfen daher nur in den seltenüen Fällen und nur unter solchen Auflagen zugelaffen werden, durch die d:e Kurgäste vor allen etwaigen nachteiligen Störungen unter allen Umständen geschützt werden. Zahnärzte! Achtung! Wahlen! Aus ZaHnärztekreiscu wird rrn» geschrieben: Nachdem die N^TAV. bisher meist vergeblich versucht hat, in den ärztlichen Organisationen die führenden stellen zu besetzen, versucht }ie es jetzt bei den zahnärztlichen Organisationen. In Körügckoerg, Danzig und einigen anderen Orten ist es ihr bereits gelungen, nichtjüdische Zahnärzte, die nicht auf das Hakenkreuz schwören, und jüdi'che Zahnärzte aus ihren Aemtern zu verdrängen. Bei den Wahlen zur Preußischen Zabnärztekammer wurde von den Zalmärztegcupven der N^TAP. in Berlin ein Flugblatt verbreitet, das u. a. vor der Wahl nicht „deutfchblütiger" Zahnärzte warnte. Zur ReichspräsidentenwabL erschien ein anonymes Flugblatt ähnlichen Inhalts. In ihm hieß es: „Iüdi'che Zahnärzte mästen sich an der Sozialverficherang." Tie Berliner im Reichsveröand der Zahnärzte Deutschlands organisiert^! Zahnärzte wählen Ende dieses Monats den Vorstand ihres Landesverbandes und in den darauf folgenden Wochen die Führer ihrer Bezirksgruvhen. Es ist Pflicht unserer F-rermdc.. die Dinge aufmerksam zu beobachten, alle Versammlungen zahlreich zu bcsuckren und bis zum letzten Wahlgang auf dem Posten zu sein. fi. Lid-On..