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Central-Verein-Zeitung · 1932-05-20 · 21 (20.5.1932) · p. Seite 206

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
21 (20.5.1932)
Date
1932-05-20
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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LHH . Gegnern anbiedernd dastehen. Wir sind, wie wir schon kürzlich betonten, jeder einzelnen dieser Meldungen nachgegangen. Bisher haben sie sich alle als Klatsch erwiesen. Wir wiederholen deshalb unsere Mahnung an die verantwortungsbewußte Presse, eine derartige ungewollte Unterstützung der gegnerischen Argumente Zu vermeiden. * In diesen Tagen der Ungewißheit um die Gestaltung unserer innenpolitischen Entwicklung regen sich Stimmen der Kleingläubigen und Mutlosen, die das Schreckgespenst einer Judenpolitik nach dem Geschmack von Streicher an die Wand malen und die Recht- und Schutzlosigkeit der jüdischen Deutschen als besiegelt erachten. Wir halten uns in der Beurteilung unserer Lage von unbegründetem Optimismus ebenso fern wie von lähmendenr Pessimismus. Wir wissen, daß 63 v. H. des deutschen Volkes sich gegen Hitler erklärt hat, und wir wissen ebenso, daß nur ein verhältnismäßig geringer Teil sich der NSDAP, ihrer judenfeindlichen Note wegen zugewandt hat. Mit grauen Verelendungstheorien werden wir den jüdischen Deutschen im Kampf um ihre politische und wirtschaftliche Behauptung ebenso wenig nützen wie mit marktschreierischer Demonstrationspolitik. Diejenigen unserer Freunde, die uns zu einer solchen immer wieder ausfordern, mögen alles davon überzeugt sein, daß kein Stein aus dem Fundament unserer Gleichberechtigung herausgebrochen werden wird, ohne daß wir mit dem letzten Einsatz für die Erhaltung unserer Grundrechte kämpfen. Für den Erfolg unserer Arbeit nur ein Beispiel: In den letzten Wochen hat der Landesverband Groß-Berlin des C. V. sämtlichen Geistlichen, Schulen und Lehrern feines Bezirks zwei Sondernummern unserer Monatsausgabe übersandt. Ter Widerhall, den dieser Appell an das deutsche Gewissen gefunden hat, ist erfreulich. Neben einzelnen Stimmen der moralischen Verwilderung und politischen Verirrung stehen so viele und schöne Zeugnisse der Humanität und des gesund gebliebenen Rechtsempfindens, daß wir aus solchen Bekundungen menschlicher und gesinnungsmäßiger Solidarität das Gefühl des Vertrauens in die Zukunft immer wiedergewinnen. Wir wissen, daß unser Kampf nicht zuletzt ein Werben um die Seele des deutschen Volkes ist. In dieser Front hat jeder einzelne seinen Posten zu beziehen. „Jude sein heißt Agitator fein", sagte einmal ein führender Politiker aus unseren Reihen. Jeder einzelne jüdische Deutsche wird sich in dieser Agitation für gleiches Recht und gleiche Achtung bewähren müssen. Zum Problem üiißiiiiMjii / Zwei VuchdGrechungen Ernst Robert Curtius: Deutscher Geist in Gefahr. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. Preis 3,50 Mark, broschiert 2,25 Mark. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß sich in der letzten Zeit immer mehr geistige Führer damit beschäftigt haben, den eigentlichen Wesensgehalt der nationalsozialistischen Bewegung zu untersuchen. In den allermeisten dieser Fälle war das Ergebnis das, daß der Rechtsradikalismus eine ungeheure Gefahr für den deutschen Geist und für geistige Kultur-überhaupt bedeutet. Bezeichnend hierfür war auch die große Anzahl geistiger Führer Deutschlands, die ihre llntcrfchrift unter bcn Wahlaufruf gegen Hitler anläßlich der Reichspräsidentenwahl gesetzt hat. Wie - erbärmlich wirkten dagegen die wenigen meist gänzlich unbekannten Namen, mit denen die Gegenseite diesem Aufruf enkgegenzu treten versuchte. Diese Einstellung geistiger Menschen kann auch den nicht weiter verwundern, der sich schon einmal mit den geistigen Grundlagen und Zielen des Nationalsozialismus näher besaßt hat. In erster Linie ist hierbei ausfallend die grundsätzliche Verachtung und Verächtlichmachung des Geistes überhaupt. E r n st Robert Curtius, der früher in Heidelberg, jetzt in Bonn wirkende Ordinarius sür romanische Sprachen, hat nun ebenfalls vor kurzem einen flammenden Aufruf an das deutsche Volk erlassen, in dem er vor allem auf die ungeheure Gefahr hinweift, die der Rechtsradikalismus für die gesamte deutsche Geisteskultur bedeutet. In dieser Schrift, die den bezeichnenden Titel führt Deutscher Geist in Gefahr", nimmt der Verfasser seinen Ausgangspunkt von einigen ihm vor allem bezeichnend erscheinenden Stellen des „nationalen" und „sozialen" Kreises in der bekannten Zeitschrift „Tie Tat". Die eine Stelle lautet: „Der Intellekt ist eine Gefahr sür die Bildung des Charakters." In dieser Hinsicht weist Curtius mit vollem Recht darauf hin, daß dieser Appell gegen den Verstand und für das reine Gefühl eine sehr zweischneidige Waffe sei, da hierunter nicht nur das, was höher ist als alle Vernunft, sondern auch das Untervernünftige und Unvernünftige .verstanden werben müsse. Als genauer Kenner vor allem der romanischen Kulturen ist gerade dieser Verfasser in der Lage. in tiefgehenden Untersuchungen zu zeigen, wie ein solcher Abbau von Vernunft und Traditions- Werten in Deutschland uns im geistigen Wettkampf der Nationen an inneren Werten berauben würde, so daß diejenigen, die heute in Deutschland g e g e n den Geist auftreten, die nationale Sache nicht im allermindesten zu fördern imstande sind. Vor allem wendet sich Curtius gegen die b e - wußte Traditio nslosigkeit unserer Rechtsradikalen. Als bezeichnendes Wort aus ihrem Kreise führt er folgenden Satz an: „Tradition, Programm, Weltanschauungen und Bindungen, Fiktionen und Vorbehalte, das alles wird im Strudel der Entwicklung untergegangen sein." Hier weist der Verfasser in seiner Eigenschaft als Geschichtswissenschaftler überhaupt darauf hin, daß irgendeine Kulturgesinnung ohne erlebnis-mäßige Bindung an die Vergangenheit nicht möglich sei, und dieses Erleben der Vergangenheit setzt nun einmal unbedingt notwendig die genaue Kenntnis der Vergangenheit, d. h. aller der kulturellen Strömungen, denen der deutsche Geist irgend etwas sür seine Entwicklung verdankt, voraus. Und gerade in dieser Hinsicht bringt Curtius den genauen Nachweis dafür, daß es unmöglich ist, die deutsche Kultur allein auf sich selbst, d. h. auf ihre eigene bloße Gegenwart, zu stützen, sondern daß es gerade für den deutschen Geist erforderlich sei. ihn in ewiger Bewegung und Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, vor allem mit der Antike und dem Humanismus, zu halten: as selbstverständlich daß die Schrift ihre Krönung erhält in einem Hohelied des Humanismus überhaupt, der einen unbedingten, vielleicht den wesentlichsten Bestandteil einer echten deutschen Kulturgesinnung ausmacht. Bei einem so glühenden Enthusiasten, wie es Curtius ist, wird unter Humanismus natürlich nicht etwa eine bloß wissensmüßige Erfassung des klassischen Altertums verstanden, vielmehr die immer wieder sich erneuernde lebendige Auseinandersetzung mit dem ewigen Gedankcngehalt dieser vergangenen Zeit. .Cs handelt sich nur die ewige Frage, was ist Menschentum und wie kann das menschliche Leben seinen tiefsten Gehalt gewinnen? Man kann hier dem Verfasser nur in jeder Hinsicht zustimmen, wenn er den Humanismus von dieser Seite her bedroht sieht. Nicht nur, daß die eigentliche Kenntnis der Antike gering geachtet wird, die humanistische Idee ist es vor allem, die heute äußerst gefährdet erscheint. Diese Idee ist, kurz zusammengefaßt, die der Achtung vor jedem Menschen als Mensch. Beim Nationalsozialismus gibt cs hiergegen außer dem Führer nur den Begriff der Masse, die 311 gehorchen hat. Der einzelne hat da keinen Anspruch mehr auf Achtung, er gilt nicht mehr als Persönlichkeit, sondern nur noch als Bestandteil der Mage. Ta demnach der einzelne nicht mehr geachtet wird, bringt es der Nationalsozialislnus auch über sich, den Juden, die doch wohl auch mit dem Begriff „Menschen" zu bezeichnen sind, in den Grundlagen seines Programms die staatsbürgerlichen Rechte zu nehmen, die sie in allen anderen Staaten der Erde besitzen und die Voraussetzung sind sür die kulturelle Bildung und geistige Freiheit des einzelnen. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn Curtius an einigen wenigen Stellen seiner Schrift den zurzeit herrschenden Antisemitismus der rechtsradikalen Kreise aufs schärfste bekämpft. Curtius wendet sich vor allem gegen die beliebte Entgegenstellung von Judentum und Deutschtum, da diese eine wesentliche Tatsache übersehe, die nämlich: daß es ein deutsches Judentum gibt. Er nimmt allerdings auch gegen diejenigen Juden Stellung, die in Opposition gegen die kulturellen deutschen Werte stehen, und bezeichnet diese Juden als von der Idee des Judentums, vorn Glauben des auserwählten Volkes, abgefallene Juden. Es ist'nicht zu verkennen, daß Curtius die Anzahl dieser letzteren zweifellos zu Unrecht höher einschätzt, als sie in Wirklichkeit ist. Denn man darf bei dieser Erwägung nicht von einigen wenigen bekannt gewordenen Personen ausgehen, sondern muß in dieser Beziehung die deutschen Juden überhaupt als Gesamtheit ins Auge fassen, und hierzu ist doch gegenüber Curtius zu sagen, daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden bestimmt und bewußt deutsche Kultur bejaht und die ideellen Werte deutscher Vergangenheit direkt oder indirekt in sich ausgenommen hat und ihr Leben in diesem Geiste lebt. So ist der Wunsch von Curtius, daß das deutschsprechende Judentum sich zu einer deutschen Kulturgestnnung bekennen möge, in Wirklichkeit schon langst in Erfüllung - gegangen. Curtius weist noch darauf hin, daß in dieser Hinsicht uns vor allem Gundolss großes Beispiel vorleuchten möge, der doch wie kaum ein zweiter die deutsche Geistesgeschichte geliebt hat und gerade in ihrer Durchdringung mit den Ideen des Altertums das typische und wertvolle deutsche Element in der Geistesgeschichte überhaupt gesehen hat. Wir deutschen Juden wissen mit Bestimmtheit, daß das Beispiel dieses großen Menschen in uns nie vergessen sein wird. Keeb.t^n-w. Dr. Walter Strauss II (Stuttgart). G u st a v K r 0 j a n k e r : Das Programm des neuen deutschen Nationalismus. Verlag der Indischen Nnndschan. Preis 0,80 Mark. Ter von der Z i 0 n i st i s ch e n Vereinigung für Deutschland veröffentlichte Vortrag Dr. Gustav Krojankers gibt nicht die offizielle Aussassung der Zionistischen Vereinigung zu den erörterten Problernen wieder. Tie Tinge sind noch so in Fluß, daß eine endgültige Stellungnahme seitens der Zionistischen Vereinigung bisher wohl kaum möglich gewesen ist. Trotzdem ist die Schrift Krojankers auch sür unsere Freunde von großer Bedeutung, denn er gibt zunächst eine kurze, aber durchaus präzise und vollständige Darstellung vom Wesen des modernerr deutschen Nationalismus. So sehr wir also das Buch denen empfehlen können, die nicht selbst in der Lage sind, die großen Werke über den neuen Nationalismus zu lesen, so wesentlich und auf der anderen Seite einige grundsätzliche Bedenken, die wir erheben müssen. 1. Krojanker gibt zu, daß die Juden es in ihrem Bekenntnis zur deutschen Nation durch-

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