Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-05-20 · 21 (20.5.1932) · p. Seite 205

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
21 (20.5.1932)
Date
1932-05-20
Page
Seite 205 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277960--07350-2288245
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24. 5.1S32 s r 'a ,-~s ,,*V «r-’S <1 \ ~'■■■"■ JS -SS *S v/<? \ ' 3» A JMÄA^ MNZMüNM Seclin, LS. Mai ,932 23. Jahrgang ♦ Nr. 21 Cmjelaunmet 2- Pfennig ' <-V -4. *vk vJyQü^ .7 A f W4 3-'\,..A-.. ‘ A./S J 4.>t > n?? > 1! 1' 1 r.i Vierte ljahrsadonnemenr 2.25 RM. (zuzägi. Bestellgeld). '^»VA»K^LMAMMÄLsHzNULas?/ >LLMEWMZSSMZSN U^2u4sns S.I. ^Utzsr^sins IsitunZ des Judentums Verlag und Schriftleitung: Berlin W 15, Einser Str. 42. Fernsprecher: J2 Oliva 5074. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. .:. Dankkvntv: Dresdner Dank, Deprsttenkaff« H4 Derlin^WUmersdorf 1, Hohenzollsrndamnr 105, und von Doldschrnidt - Rothschild «L Co., Berlin WZ. ___ ACr irrige Anzeigenannahme: Annsncen.Exprdition Rudolf Masse. Berlin SW 100. und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,80 JlJi für Sie 7g?'palLenr Zeile nach mutos JUdfTes Lonnalzeilenmefler Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder der Centraloereins 0,45 JUk, di; £2 m breite R-klamezrilr Z/Jj .?-»• Wilhelm Nah! , Deutschland hat einen großen Mann verloren. Tor Rechtslehrer und Politiker Profe^or Wilhelm Kahl, ist gestorben. Dach Volk, das in uyserer angeblich so persönlichkeitsarmen Zeit den Ruf nach starken Männern erhebt, geht häufig an den wahren Führernaturen vorüber, ohne sie zu erkennen. Wilhelm Kahl, der „alte Kahl", war trotz seiner 83 Jahre ein Führer. Jünger und dem Fortschritt aufgeschlossener als viele, die weniger Lebensjahre zahlten, wog er Dutzende der jugendlichen Schreier auf. die sich neben ihm im Reichstag als Führer des Lölkes gebärdeten. Generationen von Juristen trauern um den Universitätslehrer. Der Deutsche Juristentag beklagt den Tod seines langjährigen Seniors. Die Abgeordneten des Reichstags verlieren den über die Parteigrenzen hinweg verehrten Kollegen, den Vorsitzende n d e s Ausschusses sürdieStrafrechtsresorm, die zu vollenden Kahls sehnlichster Wunsch war. . * Während seiner Wirksamkeit für die Strafrechtsreform haben wir oft mit dem Ler-. storbenen verhandelt. Wir kannten seinen unbestechlichen Gerechtigkeitssinn aus der Zeit, als Wilhelm Kahl öffentlich seine Stimme gegen die Derunglimp fung der jüdischen Kriegsleistung erhob. Immer, wenn wir zu ihm kamen, um chm unsere Anregungen und Sorgen vorzutragen, fanden wir bei ihm Verständnis, und wir bewunderten die Leistung dieses Mannes, Ln dem die Last der Jahre ^vorübergegangen zu sein schien. Wenn er im Reichstags Konferenzen führte oder dem Ausschuß für die Strafrechtsreform präsidierte, war er schlagfertig und jung wie ein Vierzigjähriger. Wir baten ihn einmal/ unsere Stellungnahme zu den Resormvorschlagen für den Schutz gegen Religionsbeschimpfungen anzuhören. Ais wir irirt im Reichstag sprachen, kannte er unser gesamtes Material; er hatte ein eintägiges Krankenlager dazu benutzt, die einschlägigen Artikel der „G. V.-Zeitung" und unsere Denkschriften bis in die letzte Einzelheit zu studieren. In einer Zeit, in der Parteistandpunkt und Varteiprestige entscheiden, bewahrte Wilhelnr Kahl die selbständige, nur vom Rechtsempfinden bestimmte Entscheidung der.Persönlichkeit. Deshalb trat er, der alte liberale Vorkämpfer, in Gegensatz zu seiner Partei, als diese die Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Reichsregieruug mit ihren Mißtrauensanträgen gegen das Kabinett Brüning zu fördern suchte. Und gerade in den letzten Wochen setzte sich Kahl für das Opfer eines politischen Prozesses, einen Mann, ein, der, von fast allen Parteien derlaffen, bis jetzt vergeblich um seine Rehabilitierung kämpfte. Kahl glaubte ein Unrecht gutrnachen zu können und warf deshalb das Gewicht seines Namens in die politische Debatte. Ein unabhängiger Mann, ein unerschrockener Kämpfer, ein weiser und gütiger Mensch ist gestorben. Deutschland ist ärmer geworden. H. R. ' lies. Seit den entscheidenden Wahlen vom 24. April ist fall ein Monat vergangen, ohne daß eine innenpolitische Klärung erfolgt wäre. Das Rätselraten um die Neubildung insbesondere der preußischen Negierung ist noch nicht beendet, weil die Fronten sür und gegen eine Einbeziehung der NSDAP, in das ' Kabinett nicht klar abgesteckt sind. Es gibt in dieser Frage nicht nur Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Parteien, sondern fast innerhalb jeder Partei stehen sich Anhänger und Gegner des „Experimentes" mit den Nationalsozialisten in ihren Auffasiungen gegenüber. Auch bei den Nationalsozialisten selbst herrscht keine Klarheit. Auch bei ihnen gibt es einen Flügel, der warten will, bis die Partei in einem neuen Wahlgang die absolute Mehrheit erobert hat. Diese Zwiespältigkeir kam auch in den Reichstagsdebatten zum Ausdruck, bei denen Inhalt und Form der Reden Strassers und Görings etwa die Gegensätze innerhalb der Partei ahnen ließen. Der Ueberfall auf den Journalisten Dr. Klotz hat dann bewiesen, wie weit die NSDAP, von der Regierungswürdigkeit noch entfernt ist. Der durch außerparlamentarische Einflüsse herbeigeführts Sturz des Reichswehrministcrs Dr. Groener hat sicherlich die Chancen der Nationalsozialisten gefördert. Anderseits hat der Ausgang der französischen Wahlen die deutschen Hoffnungen aus eine günstige Entwicklung der Lausanner Konferenz gestärkt. Von ihrem Ergebnis wollen manche politische Kreise auch die deutschen innenpolitischen Entscheidungen abhängig machen. Denn je nach optimiüischer oder pessimistischer Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung wertet man die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des nationalsozialiüischen „Experiments". Bringt die Laufanner Konferenz, so meinen manche Politische Gruppen, politische Befriedung und damit wirtschaftliche Entlastung, so wird die Kurve der Unzufriedenheit sinken und die Nationalsozialistische Partei an Zugkraft einbüßen. Bei umgekehrter Einschätzung der wirtschaftlichen Möglichkeiten ergibt sich notwendig der Pakt mit dem Nationalsozialismus, der in den wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten seine Fähigkeit, die Versprechungerl zu erfüllen, erweisen soll. Möglicherweise werden daher die Koalitionsentscheidungen erst nach den Tagen von Lausanne fallen. * Bei dieser ungeklärten Lage ist dem Politiker nur eins klar: die,Judenfragech tausendfach als der Schlüssel der Weltgeschichte von der NSDAP ausgegebeu. spiel: in der deutschen Politik keine entscheidende Rolle. In dem Hinüber und Herüber, von dem bei den Koalitionsanbahnungen gesprochen wurde, handelt es sich um realere Dinge als um die nebelhafte ,Ludensrage". Die Hoffnung, daß auch die nationalsozialistischen An- . Hänger langsam, zu dieser Einsicht gelangen würden, ist noch verfrüht. Um so notwendiger erscheint die Immunisierung aller der Schichten, die bisher den naiionalsozialiftsschen Judempuk verlach: haben. Diesem Jmmunisierungsstreben dienen -allerdings schlecht Meldungen republikanischer Blätter über gelegentliche Unterstützung der NSDAP, durch Juden. Mit diesen Meldungen will man zwar in erster Linie die Nationalsozialisten treffen, denen trotz ihres Programms auch „jüdisches" Geld genehm ist. In Wirklichkei: treffen sie aber die Juden, die nun in den Augen auch vorurteilsloser Volksgenosse als gesinnungslos, würdelos, sich selbst bei ihren Zeiger politischer Uedersal! auf einen MZL Eine Tat von einer Roheit, wie sie selbst in diesen Zeiten überrascht, wurde gegen einen jüdischen Arzt Dr. Auerbach in Halberstadt verübt. Ein etwa 30 Jahre alrcr Mann lockte Tr. Auerbach nachts, unter dem Vorwände, seine Mutter sei erkrankt, aus dem Haufe, um ihn unterwegs zu überfallen und blutig zu schlagen. In der gleichen Nacht wurden irr der Wohnung eines anderen jüdischen Arztes, Tr. E r o h n , Fensterscheiben cmgcschlagen. Der feige Uebersall aus Tr. Auerbach hat in Halderstadt allgemeine Entlüftung hervorgerusen. In Kriegszeiten pftegien Aerzte sogar von feindlicher Seile, als unrer dem Schutz der Genfer Konvention stchcnd, verschont zu bleiben. Mit Grauen ermiß: man an diesem Vergleich, welchen Grad die Verhetzung innerhalb des deutschen Volkes angenommen hat. Umfangreiche Ermittlungen nach dem Täter sind angestellt. Es ist zu hoffen, daß sie zum Ziele führen. Im Jnterevr der Untersuchung können Einzelheiten noch nicht mitgeteilt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.