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Central-Verein-Zeitung · 1932-05-13 · 20 (13.5.1932) · p. Seite 196

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
20 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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m Im Kampf gegen öen VirtsthastsbopkoLt ErrLscheidung des Landgerichts Halle. H. L. In Hasse a. S. verbreitete 'eine „Arbeitsgemeinschaft deutscher Geschäftsleute" ein Flugblatt, in dem in stark hetzerischer Form zum Boykott gegen die jüdischen Geschäftsleute ausgefordert wurde. Eine Anzahl jüdischer Firmen veranlaßt gegen bie „Arbeitsgemeinschaft", gegen den Trucker und andere Beteiligte eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung der Verbreitung des Flugblattes. Die Angelegenheit wurde in der Verhandlung zur Hauptsache dadurch erledigt, fcap die sogenannte „Arbeitsgemeinr" freiwillig das Flugblatt zurückzog. war also lediglich noch über die Kosten des Rechtsstreites zu verhandeln. Das Gericht legte die Prozeßkosten dem Drucker und der Arbeitsgemeinschaft auf, da es die Berechtigung des Antrages auf einstweilige Verfügung anerkannte. Nachfolgende Ausführungen aus den Urteilsgründen sind von besonderer Wichtigkeit für unsere Arbeit: . . Tie Verbreitung des Flugblattes verstößt gegen § 826 BGB. In dem Flugblatt wird zum Boykott sämtlicher jüdischen Geschäfte ausgefordert. Es ist nach seinem Inhalt nicht nur auf jüdische Warenhäuser beschränkt. Tie Aufforderung zum Boykott ist nicht sachlich gehalten. Das Flugblatt entyält Beleidigungen und verhetzende Behauptungen über jüdische Geschäftsinhaber. Insbesondere durch die SehSra© weiSe Zähne schon nach einmaligem Putzen mit der herrl. erfrisch, schmeckenden „Chlorodont-Zahnpaste", schreibt uns ein Raucher. Tube 60 Pf. u. 80 Pf. Versuch überzeugt. Worte: „Sie können ihn beleidigen und schmähen, ihm seine Sünden vifen Vorhalten, er pfeift darauf, sein Herz ist einzig und allein sein Geldsack", werden die jüdischen Geschäftsinhaber in ihrer Ehre angegriffen. Ein derartiges Geschäftsgeoaren verstößt gegen die guten Sitten. Dadurch sollen auch die jüdischen Firmen geschädigt werden. Auch der Drucker ist mit verantwortlich. Er wußte, daß es sich um ein Flugblatt handelte, das zur Verbreitung bestimmt, war. Er hatte also an dieser Verbreitung mitgewirkt. Gegen die Arbeitsgemeinschaft und den Trucker hatte daher die einstweilige Verfügung erlassen werden müssen. Tw Kosten müssen daher auch von ihnen getragen werden." £ Hansa-Dmid ttttfc Bovkottabwchr. Endlich beginnt, wie wir mit Genugtuung feststellen, in weiten Kreisen die Einsicht an Boden zu gewinnen, daß der varteipolitische Hetzbopkott, dessen ständiges Fortschreiten wir durch erschütternde Beispiele in dieser Zeitung fortlaufend belegten, auf die Tauer untragbar ist und zur Vernichtung des Wirtschaslslebens führen muß. Genau so wie wir vor Jahren, als^noch jeder die nationalsozialistische Bewegung bagaieuisieren zu können glaubte, aus die allgemeinen Se'ahrenmornente bingcwiefen und durch den Laus der Ereignisse recht behalten haben, genau so haben wir feit Jahren auf die Gefährlichkeit des politischen Boykotts aufmerksam gemacht. Wenn nun laut Mitteilung der Tages presse der Hansa-Bund als hervorragendste Organisation für Gewerbe, Handel und Industrie es für angebracht hält, jetzt eine Bopkottschutzstelle bei sich einzuriästcn, so kann dies unserem Kamps gegen die Bokottbewegung nur förderlich ftin. Wir begrüßen es, daß die breite OcsseMIichkcit sich endlich dazu aufrafft, einem Krebsschaden an der deutschen Wirtschaft abzuhelfen: wir sind gern bereit, die Allgemeinheit in diesem Kamps auch über unsere besonderen Interessen hinaus durch unsere Erfahrungen arg diesem Gebiete zu unterstützen. I Sin christlicher Freund unseres Mattes schreib uns: „Der feierliche Glockenton ^des Pfingstfestes schallt durch ein Luftmeer, welches mit Sonnenstrahlen und Blütendust erfüllt ist. Jetzt singt und klingt es, was die Menschen fröhlich macht, die Seelen aus winterlichem Bangen und öder Beschränkung erlöst. Auch der eherne Ton der Glocken macht, daß das bedrängte Herz der Reife^ gedenke, denn das hohe Fest ist zugleich ein Fest des Wonnemondes. Es war zur Römerzeit, da zog eine Anzahl Männer aus den Toren Jerusalems in die weite Welt. Sie taten nach dem Gebote ihres Meisters: „Geht in die Welt und lehret alle Völker!" Wenn ein germanischer Krieger, den das Schicksal in römische Dienste nach" Osten verschlagen hatte, von dem Mauerstein auf sie hinabsah, mochte er denken: diese dort sind ärmliche, kleine Juden. Aber diese Wanderer haben als Boten der Gotteslchre dem Menschengeschlecht neuen Inhalt gegeben. Zum Gedächtnis an sie und ihre Ausfahrt begeht in diesen Tagen die gesamte Christenheit eines ihrer heiligsten Kirchenfeste . . . Fast plötzlich ist der Gegensatz zwischen jüdischer und" deutscher Art zum Kampfgeschrei und Stichwort politischer Aufregung geworden und sank hinab in den Dunstkreis politischer Agitatoren. Das Getöse ist so heftig, daß auch verständige Männer fragen, was daraus werden solle. Es gibt daraus nur eine runde Antwort: Nichts wird daraus! Auch dem tüchtigsten Volke bleiben Erkrankungen des Gemüts nicht erspart, welche. Fiebern und Phantasien vergleichbar, das Urteil verstören. Tie antisemitischen Schreier dieser Tage gleichen den unholden Gesellen, welche in England zur Zeit Karls II. die Menge bis nahe an den Wahnsinn brachten. Damals wurden nicht die Juden, sondern die Katholiken als Feinde der Nation verklagt und aus das Schafott gebracht. Die beschränkten und argen Gesellen, welche jetzt die Wege der englischen Angeber gehen, werden in Verachtung vergehen wie diese. Niemand aber fühlt das Leidige dieses Streites in so heißem Schmerze als der redliche Jude selbst. Er hat seither friedlich mit dem christlichen Nachbar verkehrt als Genosse in der Politik, als Freund, als Vertrauter, als Lehrer in der wissenschaftlichen Forschung. Er hat in Gesellschaft mit chm getrunken und gelacht, er hat feine Löhne für das Vaterland in den Kampf geschickt und hat sich als guter Deutscher gefühlt in Liebe und Abneigung. Jetztchcht er entsetzt, daß noch immer das alte, grausige Schicksal der Vorfahren über feinem Leben und der Zukunft seiner Kinder hängt. Wenn nun die Glocken das hohe Christenfest einläuten zum Gedächtnis der Boten, welche einst die milde Lehre von der Nächstenliebe in die Welt^ getragen haben, so dringt ihm der eherne Ton als Mißklang in das Ohr. Er hat für vwle Christen aufgehört, der Nächste zu sein. Aber er möge derselben heiligen Lehre von oer Liebe vertrauen, welche schon vor 2000 Jahren den Samariter und Juden als Brüder verkündete. Diese Botschaft aus Judäa wird auch den Haß zwischen Konfessionen und Stammbäumen so überwinden, daß unsere Nachkommen desselben dereinst lächelnd wie einer alten geschlchtlichen Sage gedenken . . Diese Pjingstbetrachtung stammt weder von einem Jesuiren noch von einem gekauften Schreibung. Außerdem datiert sie, obwohl wir heute des Antisemitismus immer noch nicht als einer „alten geschichtlichen Sage lächelnd gedenken", schon lange her. Kein Geringerer als Gustav Frey tag ist ihr Autor. Pfingsten 1893 veröffentlichte er den Aussatz, der hier gekürzt wiedergegeben ist, mit dem Titel: „lieber den Antisemitismus" in der Wiener „Neuen Freien Presse". Freytags „Bilder aus deutscher Vergangenheit" sind in das nationale Kulturgut eingegangen, sein Roman „Soll und Haben" fehlt in keinem deutschen Bürgerhaus^— wie wäre es, wenn man den zahllosen Kirchgängern, die nicht zum kleinen Teile Parteigänger Hitlers oder Hugenbergs sind, diesen Ausruf 'ins Haus schickte? Erstens könnten sie ihre Kenntnis über ihren geliebten Dichter erweitern, und dann würden sie vielleicht Nachdenken — sei es auch nur einmal im Jahr zu Pfingsten. 8. E. .WM" U.18 M) 18 Tie in Nürnberg erscheinende Zeitschrift „Ter Stürmer" hat sich in oer bei ihr bekannten Art in Nr. 16 mit dem Paderborner Mordfalle besaßt und bei dieser Gelegenheit erneut das Ritualmordmärchen in die Welt gesetzt. Auf Antrag des Centralvereins ist am 21. April dieses Jahres vom Amtsgericht Nürnberg diese „Stürmer"-Nummer beschlagnahmt und _ ein Strafverfahren wegen Religionsbeschimpsung gegen die Zeitung eingeleitet worden. Trotzdem hat der „Stürmer" seine üble Ritualmordhetze fortgesetzt. Er hat den Aufsatz, der zu der Beschlagnahme führte, auf zwei Nummern aufgeteilt und in der Nr. 18 die unglaubliche Ueberschrift „Das jüdische Menschenschächtgeseh" gewählt. Die Ortsgruppe Nürnberg des Centralvereins hat daraufhin neuerdings sofort Strafanzeige erstattet: auf Antrag der Smatsanwaltschast wurde auch die Nr. 18 des „sturmer" beschlagnahmt. Tie BeschlagnahmeIhat G ültigfeit s ü r das gesamte Reichsgebiet. Sollte die betreffende Zeitungsnununer anderweitig verbreitet oder ausgehängt werden, so ist sofort die zuständige Polizeibehörde oder Ltaatsamvaltschast unter Bezugnahme auf die in Nürnberg erfolgte Beschlagnahme und auf das dort schwebende Strafverfahren zu benachrichtigen, um die Verbreitung der verbotenen Zeitung zu verhindern. Aufklärurigsversammtttrrg in Brarmschweig Zu unserem Bericht in Nr. 18 unserer Zeitung tragen wir nach, daß auch der. „Z d) ß n i n 8 e r Anzeiger* besonders aussi'chrlich über unsere Veraustackuna vor geladenen christlichen Gästen berichtet bat; Tie betrcfjcnbc Zeitung ift uns erst jetzt zugesandt worden. Die Not -er akaöemLMen berufe In fast jeder Nummer der jüdischen Zeitungen wird vor Ergreifung des Studiums, ganz gleichgültig, welchem Spezialfach die jungen Leute sich eventuell zuzuwenden gedenken, gewarnt. Kein Mensch wird die schwere wirtschaftliche Krise Gestreiten, aber cs ist leider noch immer so, daß unsere jüdischen Akademiker lieber brotlos in einer großen Stadt umherlaufen, ehe sie in einer kleineren Stadt sich eine bescheidene Existenz ausbauen würden. Seit ungefähr .zehn Monaten versucht der Schreiber dieser Zeilen durch die Bekanntgabe einer Niederlassungsmöglichkeit in einer Kreisstadt von etwa 13 500 Einwohnern mit gutem Hinterlande einem tüchtigen jungen Augenarzt Gelegenheit zu einer gutgehenden Praxis anzubietcn, ohne daß auch nur eine einzige Anfrage gekommen wäre. Ein älterer Arzt schrieb im Dezember v. I., daß die jungen Leute alle nicht in eine kleinere Stadt gehen würden. Unsere Ahnen schätzten sich glücklich, selbst in kleineren und kleinsten Städten zum Wöhle ihrer Mitmenschen zu wirken und sich selbst damit zu ernähren. Wenn unsere jungen Akademiker nur in den Großstädten praktizieren zu müssen glauben, dann kann die Nor unter ihnen nicht allzugroß sein. Vielleicht genügt dieser Hinweis, um jemandem zu einer Praxis und Existenz verholsen zu haben. ~ F. E. C.

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