Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1932-05-13 · 20 (13.5.1932) · p. Seite 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
20 (13.5.1932)
Date
1932-05-13
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277939-2277959--07339-2288233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

.^ Al <*>■ v ff/* iln 1 r £^f» i'V.l o* / Von S. GsbH I/AmKerösm) „Die Ortsgruppe Amsterdam schreitet von Erfolg zu Erfolg." „Völkischer Beobachter“ rom 10. Maid. J. Es ist ein trauriges Shmpton unserer Zeit, daß selbst in Holland, dern klassischen Lands der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Gastfreundschaft uns Toleranz, öffentlich die Gründung einer antisemitischen Bewegung angekündigt werden konnte. Diese 'soll dir Holländer nach auswärtigem Muster entgegen ihrem eigenen Willen von der angeblichen Herrschaft und dem vermeintlichen Druck der Fremden, namentlich der Juden erlösen. Holland ist allerdings nicht arm an politischen Parteien und an Sekten, denn fast nirgendwo in der Welt ist die Bevölkerung in religiöser und politischer Hinsicht so sehr zersplittert wie in dem Unrerlande an der Nordsee. Zn den über zwanzig politischen Parteien und Gruppen, die es hierzulande gibt, von wachen jedoch nicht mehr als elf im Parlament vertreten sind, sind in kurzer Zeit ein halbes Dutzend neue faschistischer Färbung Hinzugekommen; unter ihnen gibt es zwei, die ausgesprochen antisemitisch sind. Eine derselben nennt sich die Gruppe der National-Solldaristen und sieht unter der Führung der Herren Üuern_er und Sinclair De Rochernont, dipen Namen nicht unbedingt holländisch, vielmehr aber französisch klingt, so daß er wahrscheinlich ein Hugenotte, also . . . ein Fremder ist. Diese erklärt sich nicht so sehr gegen die Juden als vielmehr für den Zionismus, dessen Verwirklichung man deshalb so gern innerhalb kurzer Zeit sehen möchte, damit alle holländischen Juden nach Palästina abreisen — so daß nach ihrer Ansicht der verderbliche jüdische Einfluß in Holland ein Ende nähme. Tie zweite Gruppe, welche sich die NSNAP. (Nationalsozialistische Niederländische Arbeiterpartei) nennt und sehr romantisch in einem alten Schloß beim Haag, „De Dinckhorst' genannt, das Licht der Welt erblickte, ist wohl der gefährlichere. Führer ist Adalbert Smit, der sich ganz unholländischerweise aus heißer Liebe zu Mussolini — der jedoch von Antisemitismus nichts wißen will — Adalberto Smit nennt und ausdrücklich erklärt hat, daß seine Partei eine richtig nationale ist, also ihr Programm nicht dem von Adolf Hitler und Tr. Gottfried Feder entnommen habe. Nichtsdestoweniger weichen die 24 Punkte des Programms der holländischen Hitleriarwr nur wenig von denen ihrer deutschen Genossen ab. Auch sie, holländische Nazis, wollen den Kampf gegen die in ihrer Phantasie bestehende jüdische Herrschaft in Holland, gegen das jüdische Bankkapital, die Warenhäuser, Truste und Konzerne und schließlich, aber nicht an letzter Stelle, gegen Sozialismus und Kommunismus aufnehmen. Merkwürdigerweise stützen sie sich dabei aus das .positiv christliche Prinzip, ohne daß sie die Katholiken abstoßen. Aber gerade in Holland bedeutet das Wort „Christlich' so wenig, und die verschiedenen Sekten und Richtungen im Christentum verstehen darunter jede etwas anderes. Soviel ist jedoch wohl klar, daß die NSNAP. versucht, auch in katholischen Kreisen festen Fuß zu faßen. Es ist noch fragüch, inwieweit ihr das gelingen wird. Bis^ heute übergeht die große katholische Presse die Sache mit Stillschweigen, wahrend die kleinere entweder schweigt oder wenigstens keinen unfreundlichen Ton hören läßt. . Bis jetzt war in Holland von einem offiziellen Antisemitismus keine Rede, aber sögenannter ^gesellschaftlicher Antisemitismus war ganz entschieden zu spüren; so können in „Te Groote Club' („Ter Große Klub') in Amsterdam Juden und getaufte Juden nicht Mitglieder werden, obschon eine bedeutende Minderheit der Mitglieder dieses Klubs sehr stark gegen diesbezügliche Ballotagemaßnahmen ist. Auch mehrere Abteilungen (Corpores) des Amsterdamer Studentenkorps sind für Juden nicht zugänglich. Auch machte sich dann und wann in einigen Prepcorganen, namentlich in der Provinz, eine judenseindliche Tendenz bemerkbar, aber der Umstand, daß Juden und Nichtjuden immer bereit waren, wo es galt, derartige Symptome sestzustellen und zu' bekamp-en, stand einer Verbreitung antisemitischer Gefühle sehr im Wege. Das jüdische Problem als solches war in Holland noch nie 'Gegenstand einer Wahlagitation,' wenn auch ein einziges Mal ein Kandidat mit dem Argument bekämpft wurde, daß er den Juden wenig gerecht gesonnen sei. Wird dies sich alles jetzt ändern? Wird bei einer kommenden Wahlkampagne die Staatsbürgerschaft der jüdischen Einwohner Gegenstand der Debatte sein? Und wird zugleich versucht werden, eine Aenderung der Staatsversaßung und der Gesinnung des holländischen Volkes durchzusetzen, um zu vermeiden, daß Bekenner der jüdischen Religion von Staatsämtern oder auch nur von irgendwelchem Einfluß auf Staats-,^ Provinz- und Stadtangelegenheiten ausgeschlopen werden? Die übergroße Mehrheit des holländischen Volkes wird — so glauben wir noch immer — daran nicht denken. Mer. . . auch Adolf Hitler wird im Jahre 1920 kaum die Vermutung gewagt haben, daß gut zwölf Jahre später fast eine Million Männer hinter ihm stehen würden — ungerechnet die vielen Millionen Mit- und Nachläufer. Die Liberale Partei Hollands hielt es deshalb kürzlich für notwendig, eine öffentliche Versammlung zu veranstalteu. Fähige Redner haben bei dieser Gelegenheit anseinandergesetzt, was der Nationalsozialismus will und wie entgegengesetzt er dem liberalen Gedanken ist, der in Holland Gemeingut ist. Es wurde ernstlich davor gewarnt, die Nazibewegung in diesem Lande zu bagatellisieren: man solle vielmehr ihrer Ausbreitung durch kräftige Bekämpfung Vorbeugen. Der Führer des holländischen Nationalsozialisten, Adalberto Smit. stellte sich zur Aussprache und forderte einen der Redner zu einer öffentlichen Debatte heraus. Das bekannte Mitglied der Zweiten Kammer des holländischen Parlaments, Dr. G. A. Boon, erklärte sich bereit, dieser Herausforderung Folge zu leisten, sobald Herr Smit Nachweisen ' könne, daß er zweitausend Mitglieder hinter sich habe. Das holländische Blatt „De Aa n vaI* (Übersetzung des deutschen geistesverwandten Blattes ,Ler Angriff') versucht immer, die Liberalen zur nationaljozialistischen Bewegung hinüberzulocken: es weist dabei auf die Wirtschaftskrise hin, die auch Holland plagt, und schiebt die Schuld daran aus die angebliche Miß- Verwaltung der Sozialisten in Amsterdam und Rotterdam, die eine Verschärfung des Steuerdruckes zur Folge habe.' Dabei wird dann gern erwähnt, daß in Amsterdam von sechs Stadträten vier Juden und von diesen drei Sozialisten und einer radikal seien. Die Liberalen wären jedoch kraft ihrer Grundsätze wohl die letzten, die mit Sack und Pack in die Reihen derer, die Holland in das gefährliche Abenteuer von Bürgerkrieg und Unruhen stürzen möchten, überlaufen würden. Sw erklären immer wieder, daß sie die internationale Zusammenarbeit und die nationale Einigkeit wollen. Einheit, Friede und Ruhe zwischen den Staatsbürgern — also auch mit den jüdischen. Die Nationalsozialisten suchen jetzt durch Zeitungsanzeigen Propagandisten wie iti Deutschland, sie suchen mit Industriellen und Fabrikanten Kontakt, um eine Stärkung ihrer Parteiküsse herbeizusühren. Cb sie damit Erfolge buchen können, muß man abwarten. Abwarten — aber and) wachsam fein — ist also die Parole, die in Holland Widerhall finden sollte. SäöerlistLl9Z2 Wir sehen in diestm Jahre von der Veröffentlichung einer Bäderliste ab, weil das Material zu umfangreich ist und unter den gegebenen Verhältnissen dauernden Veränderungen unterliegt. Wir werden statt dessen unseren Mitgliedern, soweit uns Unterlagen zur Verfügung stehen, Auskünfte ülxr einzelne Häuser und Kurorte bereitwilligst erteilen. Wir bitten, schriftliche Anfragen mit genauer Angabe des Ortes und des in Frage kommenden Hauses unter Beifügung von Rückporto an die Geschä'tsstelle des Centralvereins, Berlin W 15, Emser Straße 42, zu richten. Ebenso sind wir für Mitteilungen über Reiseersahrungen jederzeit dankbar. Tie Stadt- und Landbehörde ist aus ihrer Hut und die nichtjüdische Bevölkerung zeigt teilweise ihre Abneigung, indem sie den holländischen Nationalsozialisten z. B. Versammlungssäte verweigert. Zeitungen wie „Völkischer Beobachter', „Illustrierter Beobachter' usw. nicht kauft, die bei verschiedenen Bahnhosskiosken sowie bei einigen Buchhändlern zu haben sind. Im ganzen zeigt das holländische Publikum vollständige Interesselosigkeit gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung. Ein Einschreiten der Polizei gegen die holländischen Nazis war bis jetzt nur bei der liberalen Versammlung im Haag notwendig, wo der Saal schließlich geräumt werden mußte. Und die holländischen Juden? . . . Ihnen sind zwei echt holländische Eigenschaften gleichsam angeboren, ^ie wollen erst abwarten, wie der Hase läuft, und dann trösten sie sich achselzuckend: „Es wird wohl nicht so Wimm werden!' Deswegen ist ihre Stimmung in bezug auf die Ausbreitung des Hitlerianismus in Holland im allgemeinen optimistisch. r-TZXXxxzE lagyczEOu;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.