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Central-Verein-Zeitung · 1932-05-06 · 19 (6.5.1932) · p. Seite 186

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
19 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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m r* 0 pnr 'inp- /; y y ULi^ ■JfcDLl FIC3 Die Eltern müssen miterbsiten — Nicht die SchuSe, die Schüler sind schyld — Der Centraiverein hlüft Vor einigen Wochen hat in diesen Blattern Oberstudiendirektor Schlemmer seiner Entrüstung über das Anwachsen des Judenhasses in der Schule Ausdruck gegeben und die Gefahren aufgezeigt, die das jüdische Schulkind von dieser Seite bedrohen. Auch Herr Studienrat Dr. Müller-Claudius hat oft genug in Wort und Schrift auf die seelischen Schäden hingewiesen, die der jüdische Jugendliche durch die' Vereinsamung und Mißachtung, der er als Jude in der Schule nicht selten ausgesetzt ist, erleidet. Wenn man nun die Aussprache über Schulfragen in der letzten Zeit betrachtet, so wird man Leider meist auf jüdischer Seite die notwendige Energie und Entschlossenheit vermissen, den Antisemitismus in der Schule mit aller Kraft zu bekämpfen und auszurotten. Trotzdem kommen wir Juden und besonders die jüdische Eltern- und Lehrerschaft um diese unangenehme Arbeit nicht herum; wir sehen uns wohl oder übel im Interesse des jüdischen Kindes gezwungen, die Frage zu beantworten, mit welchen Mitteln wir selbst und gerade auch der C. V. es versuchen muß, den antisemitischen Strömungen im Schulleben mit der gebotenen Scharfe entgegenzutreten. Begreiflicherweise ist unter der jüdischen Elternschaft die falsche Ansicht noch weit verbreitet, man dürfe um Gottes willen nur nichts Energisches gegen antisemitische Vorfälle in der Schule unternehmen, um nicht die Lehrerschaft gegen die jüdischen Kinder zu verstimmen. Ja, in mehreren Fällen, in denen der C. V. sich bereit erklärte, bestimmte Zwischenfälle in einigen Groß-Berliner Schulen zu verfolgen, wurde den recherchierenden Herren geradezu das Material, Datum und Namen der betreffenden Personen verweigert, da die jüdischen Eltern erklärten, lieber würden sie noch einige Unanrxehmlichkeiten mehr in Kauf nehmen, als daß sie ihre Kinder durch eine Beschwerde den Schikanen der Lehrer oder Schüler aussetzen würden. Bei allem Verständnis können wir diese Stellungnahme keineswegs billigen. Nie hätte der C. V. seine segensreiche Tätigkeit im Verlaufe der letzten Jahrzehnte leisten können, wenn er und seine Mitglieder sich nicht stets auf den Standpunkt der energischsten Selbstwehr gestellt hätte! Und auch im Falle des ^chulantisemitismus sind wir der Aufsagung, daß ein jüdisches Kind ein um so besserer deutscher Jude werden wird, je früher es kernt, sich selbst auch bei Gefahr einiger Unannehmlichkeiten gegen jeden Judengegner zu behaupten. Im übrigen muß zur Ehre der deutschen Lehrerschaft einmal gesagt werden, daß das Gift des Nationalsozialismus in ihren Reihen so gut wie keine Wirkungen ausaeüb t hat, wenn auch die „Nationalsozialistische Lehrerzei tu ng" die größten Anstrengungen macht, um unter der Lehrerschaft Einfluß zu gewinnen. Ter größte Teil der Lehrer ist der Hetze nicht verfallen, sondern leistet seine Arbeit tnx Geiste begrüßenswerter Objektivität. Es ist also in dieser Beziehung um so weniger Anlaß für die jüdische Elternschaft zur Besorgnis, weil die republikanische Schulbehörde auf jede begründete Meldung die betreffende Angelegenheit prüft und im Falle eines Verstoßes Heute unnachsichtlich gegen verantwortungslose Pädagogen vorgeht. Das Gegenteil ist leider in der Schülerschaft der Fall. Die maßlose Verhetzung mit judenfeindlichen Schlaaworten har ln einem großen Teil unserer Schüler eine derartige Atmosphäre des Judenhasses erzeugt, daß. es selbst dem bestgesitteten, unauffälligsten jüdischen Schüler oft nicht einmal mehr möglich '.st, mit seinen Klassenkaxneraden vernünftig über diese Fragen zu sprechen, geschweige denxx. sie 311 überzeugen. Die Vorkommnisse der letzten Wochen, das Absingen judenfeindlichcr Lieder auf Klassenausflügen, die Bedrohung jüdischer Schüler durch Angehörige des in der Schule verbotenen nationalsozialistischen Schüterbundes und der gleichfalls verbotenen Hitler-Jugend verlangen gebieterisch eine energische Abwehr, um ein weiteres Umsichgreifen "dieser terrorartigen Borfälle zu verhindern. Die überängstlichen jüdischen Eltern mögen nicht im Zweifel darüber sein: Wenn sie jetzt nicht noch Front gegen diese Umtriebe machen, wird es nicht bester, sondern schlimmer xverden! An dieser Haßstimmung innerhalb der Schülerschaft ift wohlgemerkt . nicht die Schule schuld. Es sind vielxnehr die radikalen Jugendbünde und nicht selten auch das Elternhaus selbst. Im Gegenteil versuchen heute die pädagogischen Organisationen der Lehrer und des Staates, die Gefahr der Politisierung und Radikalisierung der Schule durch eine intensive staatsbürgerliche Erziehung zu bannen. Seien wir uns darüber klar: Diese Bestrebungen sind im Anfang, sie können sich erst in der Zukunft segensreich auswirken. Das darf die jüdische Elternschaft und auch den C. L. nicht hindern, an dieser großen Aufgabe dadurch mitzuwirken, daß er aus seinem Gebiet, der Aufklärung über Juden und Judentum, den entsprechenden Beitrag zu der schweren Arbeit spendet. Auch die wohlmeinendsten Pädagogen find meist auf diesem Gebiet nicht sehr beschlagen; hier beginnt die Arbeit des C. V. Wie sieht es z. B. in den Lehrer - und Schülerbibliotheken aus? Es fehlt da eine zu Schulaufklärungszwecken geeignete Darstellung der jüdischen Religion mit ihren Unterscheidungen gegenüber dem Christentmn, im Geiste der Toleranz gehalten. Es gibt leider auch noch keine geeignete vorurteilsfreie Darstellung der Passionsgeschichte. Wer je mit nichtjüdischen Menschen über diese Frage sprach, Xvird mit Erstaunen erfahren haben, daß gerade die schon in den Unterklapen gegebene lcmdläusige Darstellung der Passion Christi für viele junge Menschen der erste Anstoß Zu judenfeindlichen Eedankengängen gewesen ist. Weiter brauchen wir für den Geschichts- und Deutschunterricht einen guten geschichtlichen Mriß über die Perxvurzeluxxg der Juden in Deutschland. Dringend notwendig ist ferner eine gute Rosienkuxxde, die endlich einmal mit dem Unsinn der Güntherschen Rassenlehren aufräumt. Bücher xvie die von Günther, die geeignet sind, falsche Vorstellungen in den Köpfen der Schüler zu erzeugen, rnüssen endgültig aus Schüler- und Lehrerbüchereien verschwinden, d. h. durch b e s - sere Werke erseht werden. Wie kann der jüdische Schüler sich selbst verteidigen? Indem er sich das Rüstzeug erwirbt, um in der Schul- oder Klassengemeinde oder auch im christlichen Religionsunterricht bei Gelegenheit über Juden und Judenhmt zu sprechen. £1x311 gehört erstens Wissen und außerdem Selbst- \ bewnßtsein und Mut. Das Wissen xvird er sich im Elternhaus oder in der Religionsmmde verschossen muffen; Selbstbewusstsein und Mut sind das Resultat einer bewußten Erziehung von seiten unserer jüdischen Eltern. Hier erwachsen dem C. V. große und verantxvortungsvolle Aufgaben, die Erziehung seiner Mitgliedschaft zu einer aufrechten jüdischen Haltung, ferner die planmäßige Versorgung der jüdischen Religionslehrer mit Material. ''Eventuell wird der C. V. gerade mit den jüdischen Rcligionslehrern in engere Fühlung treten nxüsscn. Sie, die ja heute auch offiziell Mitglieder des Lehrkörpers der betreffenoen Schulen sind, können mit einigem Geschick und der notwendigen Schulung mehr auf dem Gebiete der Vorbeugung und Entgiftung erreichen, als es Dutzende von Beschwerden vermögen. Nur müsien sie sich auch ohne Vorbehalte und nötigenfalls xnit einigen Opfern an Zeit in diese Arbeit der Fühlungnahme mit den nichtjüdischen Kollegen hineinstellen. Sie werden dabei nicht umhin köxxncn, dem christlichen Kollegen einmal klarzumachen, daß das Gefühlsleben des vom Nationalsozialismus gepackten Jugendlichen den schwersten Schädigungen ansgefetzt ist. daß z. B. ein Versagen in einem Lehrfach einfach als instinktive Abneigung des nordischen Edelmenschen gegenüber dem undeutschen Leistungszwang und der Verstandesarbeit bedeutet Xverden, wie dies Dr. Müller-Claudius tn seiner Broschüre so eindrücklich dargelegt hat. Ist es aber erst einmal zu einem judenfexndlichen Zwischenfall gekommen, daun ist cs die Pflicht sowohl der Eltern wie auch des betresfcnben Religionslehrers, alle notwendigen Maßnahmen, unter Umständen auch xnit' einigem Nachdruck, zu treffen. Es ist grundfalsch, sogleich die höchsten Behörden zu bemühen; zuerst gehe man zum Lehrer, gegebenenfalls zum Direktor; aber dies tue man, ohne zu zögern. Eine ruhige, sachliche, mit dem entsprechenden Ernst geführte Unterredung Xvird oft Wunder xvirken, Nervosität axn falschen Platze kann unabsehbaren Schaden anrichten. Am besten ist es, xvenn der Vater oder die Mutter in ständiger Fühlung mit dem Lehrer bleibt, so daß dieser das Gefühl hat, auch von seiten des Elternhauses auf Verständnis und Entgegenkommen rechnen zu können. Eine ganz besondere Beachtung verdient die Einrichtung der E l t e r n b e x r ät e. Tie bedauernsxverte Gleichgültigkeit unserer Kreise hat dazu geführt, daß nur in ganz verschwindendenx Maße jüdische Eltern in den Elternbeiräten der Schulen vertreten sind. Ter Eifer, mit dem die evangelische Elternschaft versucht, in der Schule ihren Einfluß geltend zu machen, sollte auch unsere Elternschaft cxnspornen; das Vorhandensein ZRoeckl -Handschuhe 27 eigene Filialen Stadien des Reiches auch nur eines einzigen jüdischen Elternbeiratsmitgliedes dient nicht nur dazu, etwaige Zxvischenfälle gütlich zu erledigen, sondern cs trägt auch ungeheuer viel zur Schaffung eines besseren Verhältnisses zxvischen Jxiden mxd Nichtjuden im ^chulleben bei. sist? Arbeit des C. B. aus dem Gebiete des Schulwesens hat bisher unter der Lässigkeit der jüdischen Elternschaft gelittexx. Vieles Ist schon getan xvorden, niemals kann genug geleistet xverden. Die Zuspitzung der Lage xn Deutschlands Schulen, die xvachsende seelische Not des jüdischen Schulkindes drängen zu imxxxer uuxfassenderen Maßxxahmexx. Äuch auf diesem Gebiet txst Selbsthilfe not! Verbreitung und Förderung des notwendigen Wipens bei Lehrern wie bei Schülern, Unterstützung der jüdischen Lehrerschaft, selbst eine gewisse Erziehung der jüdischen Elternschaft zu tätigem Interesse und persönlicher Einsatzbereitschaft, das sind die dringendsten Gegenwarrsaufgaben sür den Centralverein aus dem Gebiet der Schule. H„ C.

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