Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 19 (6.5.1932)
- Date
- 1932-05-06
- Page
- Seite 185 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277939-2277958--07328-2288221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
185 n Aus Wien wird uns geschrieSen: Da? wesentlichste Merkmal der am 24. Ilpril vorgenommenen Wahlen in den Wiener G e m e i n d e r a t ist der Umstand, daß zum erstenmal N a t i o n a l s o z i a l i ft e n, die bisher nur in unbedeutenden österreichischen Provinzgegenden einige wenige Vertreter hatten, i n den GemeinderaL der ö st erreichtscheu Bundeshauptstadt einziehen, und zwar gleich im ersten Ansturm in der Stärke von 15 Mann. Ihnen, denen man bis vor kurzem noch jede Aussicht auf Erringung auch nur eines der für die Gesamtvertretung notwendigen Grundmandate abgesprvchen hatte, gelang es, i n ganz Wien über zweihunderttausend Stimmen auf ihre Liste zu vereinigen und Grundmandate in ausgesprochenen Arbeiter- und Proletarierbezirkcn zu gewinnen. Fassungslos steht das österreichische Bürgertum dieser für wrser Land neuen Erscheinung gegenüber. Fassungslos und betroffen, denn der Wahlsieg der Hakenkreuzler ging beinahe restlos auf Kosten der bürgerlichen Parteien. Tie C h r i st l i ch f o z i a l e n , die bisher 40 Mandate innehatten, sind aus 19 Mandate zusammengeschmolzen und zu einer ganz bedeutungslosen Minorität im Wiener Gemeinderat herabgesunken, an derselben Statte, die in der Vorkriegszeit der Begründer der Partei, Karl Lueger, souverän beherrschte. Die Nennung dieses Namens laßt den Verfall dieser einst rnächtigen Partei vollkommen deutlich werden, die nur die Tendenz, nicht aber auch die Methoden mit dem deutschen Zentrum gemein hat. Auch sie stützte sich wie jene, die nun in ihren Besitzstand 'eingedrungen sind, in ihren Anfängen hauptsächlich auf den Llntisemitismns. Groß und regierungsfähig geworden, schien sie diese giftige Waffe ihrer ersten Erfolge in die politische Rumpelkammer gelegt zu haben. Erft in der letzten Zeit wurde wieder von ihr häufiger Gebrauch gemacht. Es galt, den anstürmenden Hakenkreuzlern den Wind aus den schwellenden Segeln zu nehmen, und so näherten sich die Christlichsozialen sogar — sehr zum Unterschied von ihrer deutschen Bruderpartei — dem „Rasienantistmitismns", der vom christlichsozialen Unterrichtsminifter Tr. Czermak eingebrachte Gesetzentwurf über das „S t u de n t e n r e ch t" hat diese neueste Phase unserer Regierungspolitik hinreichend dokumentiert. Vollkommen verschwunden von der politischen Bildfläche sind die G r o ß d e u t s ch e n . die den D e u t s ch n a t i o n a l e n im Reiche entsprechen. Auch hier vollzieht sich der rapide Abstieg einer ehemals bedeutenden antisemitischen Partei zugunsten einer stetig mehr aufkommenden radikaleren Gruppe. Einen wesentlichen Stimmenzuwachs hatten die Nationalsozialisten auch von den Anhängern der Heimwehr zu verzeichnen, die diesmal wegen der großen inneren Schwierigkeiten und sicherlich auch lvegen des kürzlich bekanntgewordenen finanziellen Zusammenbruchs ihres Bnndesführers Starhemberg nicht selbständig kandidierte. Damit hat sich der in diesen Blättern längst voransgesagte Entw i ck l u n g s p r o z c ß der Heimwehr zum radikalen Antisemitismus restlos vollzogen. lieber kurz oder lang dürfte diese ungefähr dem „S t a h l h e l m* entsprechende militärische Formation in die immer starker werdenden Gruppen der Braunhemden aufgehen. Welchen Unrständen sind nun. wenn wir von den obigen parteimäßigen Erwägungen abselxn, - die nationalsozialistischen Erfolge zu verdanken, die in Niederofte rreich und Salzburg, :wo ebenfalls am 24. April die Landtage gewählt wurden, noch bedeutend größere sind;; in der Provinz ist es den Hakeickreuzlern auch gelungen. den Sozialdemokraten, die in Wien sehr gut abschnitten, starke Wähler müssen wegzuführen. iss'iV Vor allem haben, wie ja zu erwarten war, die deutschen Wahlersolge die Aussichten unserer Hakenkreuzler äußerst günstig beeinflußt, denn, gestützt auf diese Erfolge, konnten sie der Meinung ihrer Bedeutungslosigkeit, die bis nun über sie allgemein mir Recht verbreitet war, siegreich entgegentreten. Daß die Erscheinungen der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältniste, M a s s e n e l e n d u n d A r b e i t s l o s i §* feit, auch bei uns dazu beigetrogen haben, die Bevölkerung den blutrünstigen Schlagworten der Nazis zrrzuführen, ist wohl mir allzu einleuchtend. lind schließlich war es die aus den deutschen Brudertanden nun schon gewohnte Reklame, die breiten Masten das Kampftvort eintrvmmelte: „Wiener erwacht, gebt Hitler die Macht!" Neben diesem sinnvollen Wahlspruche fanden sich auch an Ptakatwänden und in Umzügen die blutrünstigen Parolen: „Juda verrecke!" .Wenn das I u d e n b l u t vom Messer spritzt!" u sw.. gegen die von berufener Seite mit Erfolg eingeschritten wurde. Ter r ü d e A n t i s e m i t i s - mus, der in diesen Schlagworten zum Ausdruck kam, war sicherlich eine der hauptsächlichsten Ursachen des nationalsozialistischen Wahtersolges. Die ö st e r r e r ch i s ch e Juden schüft geht schweren Zeiten entgegen. Sie, die bis jetzt nur einen der Mentalität der Bevölkerung entsprechenden „ö st e r r e i ch i s ch e n A n t i s e m i - tisrnus" kannte,^ bekommt es nun mit einem Gegner Zu tun, besten fanatischer Judenhaß keine Grenzen keimt und den der Wahterfolg übermütig gemacht hall (Tie Hakenkreuzler verlangen neuestens A u f l ö s u n g des Parlaments, die über kurz oder lang auch erfolgen dürfte.) Die Aenderung der Kampffront wird auch eine Aenderung der Abwehrm'echoden bedingen. Oskar Hirschfeld (Wien). tim tsft recht! Nach der vorangegangenen Reichspräsidentenwähl, die den Narionalsozialrsten für - ihren Führer Hitler 13 Millionen Stimmen brachte, ist es nicht verwunderlich, daß sie bei der Wahl zum Preußischen Landtag 162 Ntandate errungen haben. Tie Arbeit des Centralvereins in diesem schweren Wahlkampf war sehr groß. All diese Lügen und Schmähungen gegen die jüdischen Mitbürger in Millionen von Flug« schristen zu widerlegen, \mx eine Riesenanfgabe, die der Centralverein glänzend löste. Unermüdlich halben sich Centralvereins-Mitglieder in den Dienst der Arbeit gestellt. Aufklärung zu schaüeu und den Weg der Wahrheit zu zeigen gesucht. Borträge, Versammlungen in riesiger Anzahl haben stattgesunden, leider noch zu wenig. Nun iverden viele unserer. Freunde sagen, alles ohne Erfolg.- Das ist grundverkehrt. Tie Abwehrarbeit darf nicht erlahmen. Nun erst recht must die Abwehrar beit in noch verstärktem Maste einsetzen. Wir müssen auch weiter einen scharfen Kampf gegen die Lüge führen. Wir müssen für unser Recht kämpfen. Wir haben als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens unsere Pflicht d e m Vaterlande gegen 9bei: getan und verlangen, daß unsere Rechte nie geschmälert werden. In diesem Kampf um das Recht mästen sich alle deutschen Juden dem Centralverein anfchkießen! Tie kommende Zeit wird starke Anforderungen an den Centralverein stellen. Erleichtern wir der Leitung die^ Arbeit durch Mitarbeit. Heraus aus der Passivität! Erich Mathias, Vorstandsmitglied der Ortsgruppe Oranienburg. AMkÄ M LLZM In Heidelberg starb im Alter von 86 Jahren der bekannte Kavalleriegenecka! Walter von Meßner. In den Nachrufen, die ihm dis verschiedenen Zeitungen widmen, wird die besondere Tapferkeit des Verstorbenen mit Nachdruck betont. schamhaft verschwiegen wird jedoch m der Rechtspresse, daß der General jüdischer Abstammung war. Er wurde, wie in den Memoiren des Fürsten Bütow (Bd. IV. S. 261) zu lesen ist. als Sohn eines jüdischen Bankiersgeboren. Bereits im Kriege 1870 71 zeichnete er sich durch seinen persönlichen Mut aus. Interessant ist. daß das OsfizierkorpZ der Königs- Husaren sich zunächst weigerte, den jungen Juden zum Offizier zu wählen. Fürst Bülow schreibt hierüber: „So kam es zu einem der wenigen Fälle, in denen Wilhelm I. ein Ossizierkorps zwang, einen ihm nicht genehmen Avantageur in seinen Kreis aufzunehmen. Ter König ließ den Offizieren sagen, ec würde die Nichtwahl des Avantageurs Moßner als eine Persönliche Kränkung empfinden. Daraufhin zum Offizier gewählt, macht sich Moßner sofort dadurch eine gute Stellung, daß er einem anderen Fähnrich, der sich seiner Wahl besonders lebhaft wider setzt hatte, in einem Tuell einen tüchtigen Schwadronshieb überden Kops gab." Der junge Offizier avancierte schnell und' war zuletzt während des Weltkrieges stellvertretender kommandierender General. Zu seiner Beleihung mit dem Schwarzen Adier-Orderr äußert sich Fürst Bülow: „Eine wohlverdiente Auszeichnung für einen Mann, der sich in zwei Feldzügen bewahrt, der ein ausgezeichneter Offizier gewesen war und außerdem einer der besten Rener der Armee, der zweimal das „Große Armee-Jagdrennen" gewonnen hatte. Wenn auch der heutige Kampf der deutschen Juden nicht um außergewöhnliche Gnadenerweise durch Aufnahme in feudale Kasten, sondern um die tatsächliche Gleichberechtigung innerhalb der Bolksgesamtheit gehen, über den Zeiten und über den Verhältnissen steht das Ideal der persönlichen Tapferkeit und des persönlichen Mutes. Daß dieses Ideal auch im Juden verkörpert ist, bedeutet uns nichts Neues, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ten völkischen Heimkriegerpoli- Litern aber sei es an dem Beispiel des Generals Moßner erneut demonstriert. * Im „Nachrichtenblatt der Kameraden des ehemaligen Branrrschweigischerr Jrrsantcrie-Ncgimcnts Nr. 92" vom 10. April d. I. widmet die Osfiziers-Vereinigung 92 ihrem am 17. Dezember 1931 im 84. Lebensjahre verstorbenen Mitgliede, Major d. L. a. D., Kommerzienrat Gut lind, der lange Jahre Schatzmeister der Osfiziers-Vereinianng war, einen Nachruf. In ihm heißt es: „Ec trat 19jährig am 1. April 1867 als Einjähriger bei unserem Regiment ein und machte den Krieg 1870'71 als Reserveoffizier im 2. Bataillon mit. Bei Kriegsausbruch lvI4 stellte er sich trotz seiner 67 Jahre zur Veriügnng und war Kompagnieführer im Ersatzbataillon Infanterieregiments 92 und später Vorsitzender des Einberufungsansschustes Braunschveig. Er war der letzte altbraunschweigische Offizier, der das E. K. von 1*70 71 trug, zu dem er noch die Spange von 1914 erhielt. Ter Verstorbene war Gründer und erster Vorsitzender des Braunschweigischen Landwehrverbandes und Ehrenmitglied des Vereins ehemaliger 92er. Sein Andenken bleibt hoch in Ehren." Bad Wildungen heilt Kieren- und Blasenleiden. Kote) Kaiserhof, Haus mit allem Komfort der Neuzeit. Herrliche Lage. Strenge Diätküche. Voile Pension von 8.—bis II. — M. Besitzer: K. Schumacher.