Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 19 (6.5.1932)
- Date
- 1932-05-06
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m f Ausnahme des Zentrums, erhalten. Das Zentrum hat einen Sitz gewonnen und sich damit als die Partei erwiesen, welche am ehesten den Ansturm der NSDAP, aufzuhal- Len vermochte. Das Wahlergebnis hat überhaupt gezeigt, daß sich der katholische Dolksteil auch jetzt noch in weitaus beherrschterer Weise gegenüber den Irrlehren und den Wunderdoktoren, die heute auf dein Markt ausgeboten werden, benommen hat, als der evkmgelische Volksteil. Im evangelischen Lager des württembergischen Volkes sieht es nach diesen Wahlen in politischer Beziehung verheerend aus. Der Bauernbund hat außerordentlich starke Verluste aufzuweisen, die Deutsche Volkspartei ist wenigstens mandatsmäßig vollständig aufgerieben — sie hat überhaupt keinen Sitz mehr im Landtag erreicht —, auch die Volksrechtspartei (Auswertungs- Partei) hat ihre beiden bisherigen Mandate verloren. Ter Christliche B o l k s d i e n st, von dem man annahm, daß er zu seinen bisherigen drei dlbgeordneten weitere bekommen wird, hat sich gerade noch behaupten können. Die Deutschnationalen haben von ihren vier Sitzen einen <-itz verloren. Besonders schmerzlich für die Deutschnationalen dürfte es sein, daß der Abgeordnete Dr. H ö l s ch e r, welcher schon seit Jahren jahraus, jahrein im Lande herulnreiste und für seine Partei zu werben suchte, nicht mehr gelvählt worden ist. Auch die Staatspartei, welche in Württemberg den alten Namen Demokratische Partei führt, hat von ihren acht Sitzen vier eingebüßt. Unter den gewählten Abgeordnete:: der Demokratischen Partei befinden sich der bisherige Arbeitsminister Tr. Maier und Johannes Fischer. Johannes Fischer ist einer der wenigen Abgeordneten, welcher den Rednern der NSDAP, in deren Versammlungen entgegengetreten ist und insbesondere sowohl von seinem politischen Standpunkt aus als auch als üöerAeugterChrist den Antisemitismus s ch a r f b e k ä m p f t h a t. All diese Verluste der Mittelparteien zeigen, in wie starkem Maße weiteste evangelische Wählerkreise, und aus allen beruflichen Lagern und aus allen vzialen Schichten, in das Lager der NSDAP, abmarschiert sind. Und die NSDAP, hat ihren Erfolg ganz sicher auch dem Umstand mit Zu verdanken, daß der Bauernbund und die Deutschnationale Volksparter, welche in Württemberg Bürgerpartei heißt,-die NSDLlP. nicht nur nicht bekämpft, sondern seit Jahren unterstützt und gefördert haben. Ein großer Teil der rechts gerichteten Presse hat zudem die Wählerschaft feit Jahren so bearbeitet, daß ihre Leser die bisherigen rechtsstehenden Parteien in Massen verlassen und nationalsozialistisch gewählt haben. Der Führer des Bauernbundes hat es — allerdings zu spät — eingesehen, tute unklug für seine Partei die Begünstigung der NSDAP, war. Schwierig wird irr Württemberg die Regierungsbildung werden. Die bisherige Regierung hat kerne Mehrheit urehr. Ein Zusammengehen der Sozialdemokraten und des Zentrums kann die Mehrheit «icht schaffen, auch wenn die D e m o k r a t i s ch e Partei sich an einer derartigen Mehrheitsbildnng beteiligen würde. Auch die rechtsstehenden Parteien können kerne Mehrheit aufbringen. Wie die Regierungsbildung sich ge- Saliei; das läßt sich zurzeit gar nicht übersehen. ielleicht wird der bisherige Staatspräsident, der Zentrumsabgeordneie Dr. Bolz, wiedergewählt und dann wird er ein Geschäftsmirü- S:ermm zu bilden versuchen. Wie lange er mit iesem Geschäftsministerium den Staat leiten kann, ist allerdings eine andere Frage. Ssfiüirae welB© ZSfcno schon nach einmaligem Putzen mit der Herr?, erfrisch. Wmeäerrden „Ehlvrodonl- Zah npasie", schreibt uns ein Raucher. Lude SO Pf. u. 80 Pf. Versuch überzeugt. Notstand m Pommern Wahlsieg der Nationalsozialisten — Schwere Bedrohung Durch Wirtschaftsboykott — Rege Tätigkeit des Centralvereins — Die Deutsch-jüdische Jugendbewegung wächst Eine der sichersten Hochburgen Hitlers ist Pommern. Hier fühlen sich die Natirnalsozialisten als die kommenden Herren Deutschlands und so führen sie sich auch aus. Das Hakenkreuz ist Trumpf im Lande; der alte, gute Liberalismus der Vorkriegszeit ist völlig verschwunden; die Deutschnationalen, bei den Landtazswahlen 1928 noch mit neun Abgeordneten weit an der Spitze, haben ihre Vormachtstellurrg an die Nazis abgetreten, die elf Mandate eroberten. Tie pommersche Landwirtschaft, mühsam durch die Osthilfe ausrecht erhallen, das städtische Element, seit Jahren aus dem Produktionsprozeß ausge'chaltet, sie beide sehen in Hitler den Erretter aus wirtschaftlicher und seelischer Verzweiflung. Seine Agitatoren verspreche der Landwirtschaft hol)e Preise und damit Rentabilität, der Arbeitnehmerschaft wieder Aufblichen der stillgelegten Werften und Fabriken. Der Besuch von zwanzig Ortsgruppen des Eentralvereins gab Gelegenheit, Land und Leute kennen .zu lernen und vor allen: die so notwendige Fühlung mit unseren Mitgliedern zu pflegen, die sich, zmn Teil zerstreut in weitem Lande, nach Aussprache und Aufrichtung sehnten. Seitdem das Hakenkreuz in Ponunern gesellschaftsfähig geworden ist. seitdem der alle Landadel in dieser „Arbeiterpartei" mitwirkt, und besonders seit Scharen der Jugend der Hitlerschen Heldengestalt zujnbeln, darf es nicht wundernehmeu, wenn mehr als 45 v. H. der abgegebenen Stimmen den Nationalsozialisten zufielen. Mit Deutschnationalen zusammen verfügen sie über mehr als 65 v. H. der Wähler. In Stettin und Lauen bürg, im äußerster: Ostzipsel der Provinz hat Hitler selbst vor großen Zuhörermassen gesprochen. Bon weither waren die Gläubigen zu ihm geeilt. Die ganze Provinz wurde mit einer Flut von Zeitungen und Flugblättern fornckich übersät. Eine Versammlung löste die andere ab. Tie Deutschnationalen fuhren, in der Sorge, ihre Domäne zu verlieren, schwerstes Geschütz auf und bezeichneten sich in ihrer Agrtation als rechts von den Nationalsozialisten stehende rechte Flügelpartci. Sie gaben mitunter in judenfeindlicher Verhetzung ihren Genossen ans der Harzburger Front nichts nach, vor allem Reichstagsabgeordnctcr Cverling hielt es für nötig, eine neue Steuer zu fordern. Die zugunsten der MitteLstandshilfe denen auferlegt werden soll, die bei Inden kaufen oder mit Juden handeln. Auf Landbundhäusern weht die schwarze Bundschuhfahne, und trotzdem die S. A. und S. S. aufgelöst sind, herrscht in den Parteikaserneu der gleiche Betrieb; es fehlt nur die S.-A.-Uniform. Die Lage der Juden ist im Bereich des Landesverbandes Pommern des C, D. nicht eilcheitlich. Ihre geschäftliche Lage entspricht den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Gesanubevölkerrmg. Hart mitgenommen durch das Sicherungsverfahren der Lsrhilfe, das es ihnen vorläufig unmöglich macht, ihre großen Forderungen bei der Landwirtschaft einznziehen, trifft sie zudem oftmals ein B o y k o t t, zu dem nicht, wie früher, öffentlich ausgefordert, sondern für den i m geheimen geworben wird; eine Gegenwirkung ist fast unmöglich. Besonders gefährdet sind die Bezirke P y r i tz, B u b l i tz und S ch l a w e. Selbst dort, wo der Parole „Kaust nicht beim Juden" nicht Folge geleistet wird, verlangt man neutral verpackte Warenpakete. Aus einem Ort wird sogar berichtet, daß Posten von Nationalsozialisten jeden ausschreiben, der jüdische Geschäfte betritt. Ter ehemals blühende Vieh- und Getreide- Handel, zum großen Teil in jüdischen Händen, ist fast gärpzlich vernichtet. Die Genossenschaften haben das Geschäft an sich gezogen. Mit besonderer Freude konnte aber sestgestellt werden, daß einige Firmen doch ihr gutes Ansehen bei der Landwirtschaft behalten haben. lieber Judenseindschaft in den Schulen wird mit Ausnahme weniger Orte allge:uein geklagt. In Gollnow läßt sich der Lehrer einer Fortbildungsfchule beim Betreten einer Klaffe mit erhobener Hand und „H e i l H i t l e r" begrüßen. In S w i n e n: ü n d e ist ein Studienrat geistiger Führer der Nationalsozialisten, was sich auch im llnterricht auswirken muß. In dielen und auch anderen Fällen ist bzw. wird eingelchritten. Die in den zwanzig wuchtigsten Ortsgruppen des Eentralvereins angesetzten Vorträge waren als Gemeindeversammlungen aufgezogen. Dec Bestach war mit zwei Ausnahmen gut, zum Teil sogar sehr gut. Nach Darlegung der politischen Lage und der Arbeit des Eentralvereins ergaben sich stets Aussprachen.- Das Wirken des Eentralvereins wurde als richtig und notwendig anerkannt und darauf hingewiesen, daß ohne ich: die Lage noch bedrohlicher wäre. Meistens -schlossen sich an die Versammlungen Sitzungen: des Vorstandes oder Besprechungen mit besonders interessierten Personen, in denen vertrauliche Mitteilungen gemacht und örtliche Fälle behandelt wurden. Ter besonderen Initiative des Ortsgruppenvorstandes Köslin verdanken wir das Entstehen einer deutsch-jüdischen Jugendbewegung in Pormneru. Auch in Stolp gibt es eine solche Jugendgruppe. Es konnte mich dort über das Thema: ,Lüas hat der Eentralverein für die deutschen Juden getanV gesprochen werden. Aus die Weiterentwicklung der Jugendbewegung wird der Eentralverein sein Augenmerk richten. Tie Wiederbesetzung der pommerschen Ge. schäftsstelle mit einem Syndikus wird überall mit Genugtuung empfunden Das Erenzland Pommern wird vom Reich als Notstarrdsgcbiet angesehen und entsprechend behmrdelt; für jüdische Freunde, die dort eine schwere Sond-rftellung einnehmen, muh und wird das gesamte deutsche Judentum mitfühlend und helfend eintreten. Otto Mehelsohn. E:!Ii (km jl'lsötßn lliÄZ Die Berliner Jüdische Gemeinde veranstaltet vom 5. bis 11. Mai 1L22 emo Sammlung 2um Besten kranker und gefährdeter jüdischer Kinder. In einer Pressebesprechung begründete der Leiter des Wohliahrtsand Jugendfürsorgeamts der Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, die Notwendigkeit dieser Sammlung. Der Etat für 1932 gibt nur noch die Möglichkeit zur Verschickung von 350 Kindern. Dabei harren schon geil langem 1300 Kinder, ule zum Teil bis zu einem Grade schwerer körperlicher Schädigung unterernährt sind, der Verschickung zu Kur- und Erholungszwecken. Die organisierte Berliner jüdische Jugend wird die Sammlung durchführen.