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Central-Verein-Zeitung · 1932-04-29 · 18 (29.4.1932) · p. Seite 174

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
11 (1932)
Issue
18 (29.4.1932)
Date
1932-04-29
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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174 berg und in Hmnburg die freiheitlichen Wähler keine erhebliche Einbuße erlitten. Und doch soll und karm der Verlust au Prestige nicht übertüncht werden, den der große Gedanke der Freiheit durch die letzten Wahlen erlitten hat. Ueber Ziffern, Möglichkeiten der Regierungsgestaltung in den einzelnen Ländern, insbesondere in Preußen, wird in der Tagespresse genügend geschrieben. Hier gilt es, das Grundsätzliche hervorzuheben und die Erscheinungen namentlich vom deutschjüdischen Standpunkt aus zu beleuchten. * Ter außerordentliche Erfolg der Nationalsozialistischen Partei beruht auf dem Elend, das über Deutschland gekommen ist, aus der Ver-- zrveiflung einer ungeheuren Zahl Deutscher! Sie meinen, auf Grund der gesamten wirtschaftlichen und politischen Ereignisse der Welt, und insbesondere Deutschlands, allein durch eine innere, grundsätzliche Veränderung der Mittel und Wege, welche die Regierung einschlagen soll, neue Hoffnungen schöpfen zu können. Aber vergessen wir eines nicht: der nationalsozialistische Erfolg bericht auch auf der starken, zielbewussten, dabei immer völlig henunungslosen Art der Agitation, welche sich einschmeichelt, indem sie den Menschen ihr Elend auszeigt und vorgibt, wirksame Mittel zur Besserung zu besitzen. Eine solche Politik kann nur in Zeiten politischen und wirtschaftlichen Niederganges und nur unter der Voraussetzung Erfolg haben, dass sie mit besonderem Fleisse betrieben wird. ,Mer einmal Gelegenheit gehabt hat, mit ' der politischen Arbeit der „allen" Parteien die Arbeit der Antisemiten zu vergleichen, wird zugeben müssen, dass diese im Gegensatz zu jenen ihre Anhänger begeistern, zur Opfer- Willigkeit und zur Mitarbeit hinreißend Diese Auffassung hat nicht ein Beobachter der nationalsozialistischen Agitation niedergelegt; diese Satze hat vielmehr der Antisemit und spätere Sozialdeuwkrat Hans Leuß im Jahre 1894 geschrieben. Doch ihr Inhalt gilt heute ebenso wie vor 38 Jahren. Es ist nicht so, wie es die mystischen Theoretiker der NSDAP, wahrhaben wollen und wie cs resignierende Gegner allzuoft nachbeten: die „nationalsozialistische Welle überflutet Deutschland unaufhaltsam wie ein Naturereignis". Aus die Gefahr hin, vom „Völkischen Beobachter" zitiert zu werden, stellen wir als objektive Kenner nationalsozialistischer Propagandamethoden fest, ohne Geschicklichkeit, den Fleiß und die Energie der NSDAP, wäre die Partei niemals 31t ihren Erfolgen gelangt. In den sechs Wochen vonr 13. März bis zum 24. April sind in Deutschland so umwälzende Ereignisse wirtschaftlicher Natur nicht vor sich gegangen, daß ein Linken der Wirtschaftskurve in dieser Zeit als ausreichendes Motiv für die Vermehrung der nationalsozialistischen .stimmen von einigen hunderttausend Wählern in Frage kommen könnte. Die Flut von Versammlungen und insbesondere der geschickte Regieeinsall, „Hitler erobert Deutschland im Fluge", haben Hunderttausende von Wählern zum ersten Mate in lebendige Berührung mit der nationalsozialistischen Smw.mmgsmaäv gebracht. Ter persönliche Einsatz Hitlers, die uferlose Plakat- und Flugblattagitation, die persönlichen Anstrengungen der vielen jungen Helfer haben den Auftrieb der Partei in den letzten Wochen gefördert. Auf der anderen Seite beweisen Wahlersolge, insbesondere' der Sozialdemokraten, daß Agitation wirksam wird, wenn sie in de m Ausmaße erfolgt, d a s heute zu einer nach haltigen Erfassung der Bl a s s e n notwendig i st. In jcteiu Gross- Berliner Stimmbezirk hat die SPD. einen Stimmengewinn 311 verzeichnen. Tenn in Berlin haben nicht nur die Plakate der NSDAP, von den Säulen geleuchtet, sondern hier haben auch Gegner ihre Gründe und ihre Auffassung und vor allem dis Wahrheit gegenüber der Unwahrheit der Ceffentlidjfcit nahcbringen können. Die Riesenaufzüge der Eisernen Front haben den Wankelmütigen gezeigt, dass es außer der NSDAP, noch andere Massenbewegungen mit Kampf- und Durchschlagskraft gibt. Wer heute daraus verzichtet, seine Beweise mit den Mitteln der politischen Organisation und Propaganda dem Volk vorzutragen, gibt sich den Anschein, als ob er mangels eigenen Standpunktes auf eine Auseinandersetzung zu verzichten gezwungen ist. Damit gibt er sich selbst auf. Man vergißt zu leicht, daß in der politischen Geschichte die wirtschaftlichen Verhältnisse nach jeder Katastrophe, ja auch nach einem gewonnenen Kriege, stets und notwendigerweise eine langandauernde Krise auslösen und daß ein Ausstieg nur sehr langsam und nicht ohne schwere Erschütterungen zu erwarten ist. Wenn sich die Zcutrumspartei so vorzüglich gehalten hat, so liegt das daran, daß die in ihr vereinigten Positiv gebundenen Menschen ganz anders der Lebensangst des Tages gegenüber gewappnet sind als diejenigen, denen diese Bindung in entscheidendem Maße fehlt. Und dies ist auch der Grund, weshalb zahlreiche jüdische Wähler dmch Abgabe ihres Stimmzettels für das Zentrmn eingetreten find, während die übrigen Mittetparteien, denen neben der Sozialdemokratie die Juden früher stets eine innere Zuneigung bewahrt hatten, weil sie Frieden, Ausgleich und freiheitliche Entwicklung liebten, zu einem Häuflein zusammengestmken sind. Gewiß ist, dass der Nationalsozialismus zu einem großen Teile aus den Schultern von Männern und Frauen ruht, denen das Programm der Judenseindschast fernlregt. Gewiss ist aber auch auf der anderen Seite, dass eine zum Teil zügellose Werbung durch judenfeindliche Mittel Urinstinkte des Hasses in der Bevölkerung geweckt hat. ö§r „Deuischsn Welle" Im Rahmen eurer Vortragsreihe „Gedanken zur Zeit" hatten am Dienstag, dem 26. d. M., der deutschnationale Landtagsabgeordnete Polizeinrajor a. T. Bo rck und der bekannte Schrijtstcllcr Tr. h. c. von Oppeln- Bronikowski ein Zwiegespräch zum Thema „A n t r s e m i 1t3 m u s". Tie Aussprache, die kulturpolitische Fragen behandeln sollte, brachte von seiten des Abgeordneten Borck eine Reihe platter nnd längst widerlegter antisemitischer Angriffe, die den beabsichtigten Zweck objektiver Darstellung nach Form «nd Inhalt entschieden beeinträchtigten. Der ^entralverein hat deswegen die notwendigen formellen Schritte unterrremmen und darüber hinaus eine Reihe von Maßnahmen cingeleitet, die sich gegen die verletzende Wirkung der Borckschcn Aeirf;crnrigerr richten. — A>ir werden hierüber in der nächsten Nummer der Zeitung" ausführlich berichten. Mit dieser Tatsache muss mau gerade daun rechueu, wenn mau dein deutschen Bolle weitere schwere Erschütterungen ersparen will. Tie günstigo Beurteilung der Verhältniswahl erscheint heute als ein großer Irrtum. Auch die Herabsetzung des Wahlalters auf 20 Jahre hat die Voraussetzung zur Schaffung einer gesunden Demokratie nicht erfüllen tönuen, weil jede Demokratie die Einsicht der Wählenden in die einfachsten Begrüw von Politik und Wirtschaft erforderc und diese Einsicht insbesondere den arbeitslosen Jungwählern durch die vielmch vorhandene Aussichtslosigkeit ihrer wirnchaftlichen Lage geraubt wurde. * Ost wurde in diesen Blättern daraus hingewiesen, daß leider auch in j ü d i s ch e n Kreisen die furchtbare Pest der Arbeitslosigkeit in mindestens ebenso hohem Masse vorhanden ist wie in der übrigen Bevölkerung. Hier ist die gleiche Wirkung eingetreten wie bei der Eesamheit: das Gefühl der Ratlosigkeit gegenüber einer wirtschckllicheu Erscheinung, die aus der verwickelten Maschinerie des immer schwieriger werdenden Mechanismus in der Weltwirtsck)ast und Weltpolitik zu erklären ist. Das Los des allergrößten Teiles der deutschen Judenheit wird schwer sein und bleiben, und der Angriff der Judenfeinde wird die Entwicklung der jüdischen Menschen noch zusätzlich zur allgemeinen Not hemmen. Dieser Entwicklung klar ins Auge zu sehen, ist unsere Pflicht. Tie kritische Prüfung der Gegenwart und der Vergangenheit bringt uns eine Hoffnung: Wenn wir den Leitgedanken unserer Tätigkeit „Arbeiten und nicht verzweifeln" folgen werden, so wird die Judenheit, wie innner in der Weltgeschichte, trotz ihrer schweren Lage nicht untergchen. Deshalb müssen wir es bedauern, daß das von allen politischen Sachverständigen als ausgezeichnet beurteilte Wahlmaterial des E. V. aus Mangel an Mitteln mir in verschwindendem Ausmaß hat verbreitet werden können. Wo die wirtschaftliche Not unfern Freunden ein Eingreifen in den Wahlkampf.verboten hat, rnüsien wir die negative Entscheidung bedauern; wo eine resignierende Auffassung — es hilft ja doch alles nichts — die Aktivität gelähmt hat, müssen wir diese Depression und Resignation als politischen Fehler verurteilen. Wir haben es in den Wahlkämpfen der letzten Wochen fast täglich erlebt, wie e i n Wort der Aufklärung, c i n Wort der Erläuterung wahrer Tatbestände gegenüber entstellten Reden und Berichten die Menschen zum Nachdenken gebracht har. Geht allerdings die politische Wühlarbeit in ihrer Verdächtigung von Gesinnung und Handeln der deutschen Juden weiter, so muß gerade in einer solchen Zeit die Lage der deutschen Judenheit innner ungünstiger werden. Tie politischen Parteien haben es zu einem starken Teile übersehen, daß heute nicht das Gedankengut, sondern das Seelengut der Menschen für die Abgabe des Stimmzettels entscheidend ist. Sie haben es vergessen, daß die Willeusbilduug der wählenden Menschen in ihren Beweggründen nachdrücklich nur durch die Erfassung des seelischen Tatbestandes beeindruckt wird. Programme können das Entscheidende allein nicht mehr bieten, sondern nur die Enthüllung und Erfüllung dessen, was den einzelnen seelisch betrifft; denn er wird von der Aufregung, nicht der A itte g u n g getrieben. Noch nie sind Schlafmittel in solche»» Umfang in Deutschland verkauft worden wie in diesen Tagen, ein Belveis für die innere Unruhe sonst ruhiger Menschen. Gewiß ist diese Erfahrung betrüblich. Wenn die Menschheit zu denken aus hört und das Ein-

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