Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 16 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 der masurisch-ermländischen . Hauptstadt, die eine überwiegend katholische Bevölkerung hat, macht sich der Nationalsozialismus heute stark bemerkbar. Man klagt dort über Boykott, speziell aus den Kreisen der Landbevölkerung, und über Terrorakte. Der wge Besuch einer in Allenstein veranstalteten Gemeindeversammlung bewies stärkstes Interests für den Centralverein; die Allensteiner Ortsgruppe des C. B. ist sehr gut geleitet; sie stellt unter verdienst" voller Führung von Fräulein Johanna Ladendorff. Einer der stärksten Herde des Nationalozialismus und Ausgangspunkt der Bewegung ür ganz Ostpreußen ist Reidenburg. Hier itzt nämlich Apothekenbesitzer Keydel, ein Rann, der sich bereits unmittelbar nach dem Kriege durch Propagierung stärksten Judenhasses hervorgetan hat. sdeidenburg ist stets das Sorgenkind des Landesverbandes Ostpreußen des C. B. gewesen und ist es leider bis auf den heutigen Tag geblieben. Schon wenn man vom Bahnhof in die kleine Stadt kommt, bietet sich vor allem ein Bild, das man in anderen Kleinstädten in diesem Ausmaße nicht siebt. In unmittelbarer Nähe des Marktes liegt das „braune Haus", geschmückt mit Hakenkreuzflaggen und Transparenten. Auf dem Dache, das abends illuminiert ist, trägt es ein großes Hakenkreuz. Die ebenfalls am Markt befindliche Keydelsche Apotheke gleicht einer Geschäftsstelle der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung oder einer Ludendorsfschen Buchunt> Zeitungs-Handlung. Im Schaufenster der Apotheke sind die Lndendorffschen Schriften und Zeitungen ausgestellt. Medikamente tragen Etiketts mit Hakeukreuzaufdrucken. Der Centralverein hat bei der Apothekerkammer und dem Regierungspräsidenten gegen diese Verbindung von Geschäft und politischer Propaganda protestiert, aber leider erfolglos, da der Dienstauffichtsbehorde und der Berufsvertretung die Möglichkeit zum Eingreifen fehlen. Ter von der Apothekerkammer ausgesprochene Wunsch auf Abänderung wurde mit einem groben Brief beantwortet! Kein Wunder, daß in dieser Atmosphäre die Lage unserer Freunde eine recht mißliche ist! So wurde in Lokalen der Stadt das Gerücht verbreitet, die Juden hätten einige Kommunisten, die verhaftet worden seien, bestochen, Landesverrat zugunsten Polens zu üben. Als objektiv Tankende die Frage aufwarfen, welche Veranlassung denn die deutschen Juden haben sollten, sich gerade mit Polen zu verbünden, erklärten diese Kreise: ,.Da in Deutschland die Hitler-Negierung bevorstche. so sind eben die Juden für Polen und wünschen, daß Ostpreußen an Polen fällt." Kein Wort der Verachtung ist zu scharf, um eine derartige Lüge zu kennzeichnen! Selbst der Synagogengsmeinde in N e i - denburg ist es nicht einmal möglich, abendliche Sitzungen der Cemeindokörperschaften abzuhalten, ohne daß über sie die en'tstcllendsten Nachrichten am Ort verbreitet und in der Königsberger nat i onalsoziali sti schon ,,P re u ß ischon Zeitung" abgedruckt waren. So wurde behauptet, in einer kürzlich abgehaltenen Gemeindesitzung sei zunächst einmal scharfe Kritik am Reichsbanner, dopen Angehörige von den Juden je 10 Reichemark bekommen hätten, geübt und ein Beschluß gefaßt worden, zürn Boykott christlicher Geschäfte aufzufordern, um diese tot zu machen. KeinJSoti hiervon i st w a l) r. Die Eemeindekörperschaften haben entsprechend ihren satzung-gemäßen Ausgaben lediglich über G e m e i n d e a n g e l e g e n - Heiken beraten, und gerade die Angehörigen der Gemeinde, die unter wirtschaftlichem Boykott von nationalsozialistischer Seite schwer zu leiden haben, lehnen es auf das allcrentschiedenste ab. über ihre christlichen Mitbürger einen derartigen Boykott zu verhangen. In der Dunkelheit wagen die Gemeindeangehöriaen jetzt schon gar nicht mehr auszugehen, dch verschiedentlich Ueberfälle borgekommen sind. _ Auch Lokale wagen sie aus Furcht vor Zusammenstöße:: nicht zu betreten. JM’PWNf East DU schon zrnn KÄMPFFONDS des €. V. :; .] GEZEICHNET? Aehnliche Terrorakte wie gegen die Juden sind auch gegen nichtjüdische republikanisch Kreise vorgekommen. Bedauerlicherweise ist die staatliche Aufsichtsbehörde des Kreises nicht in genügender Weise eingeschritten. In Neidenbürg hat die Polizei gänzlich^ versagt. Die Staatsregierung hat nun zum Teil dieses Versagens wegen vor einigen Tagen den Landrat des Kreises, Tr. De ich mann, abberufen und in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Hoffentlich wird jetzt eine Persönlichkeit an die Spitze des Kreises gesetzt, die den verfassungsmäßigen Schutz aller Kreisangehörigen gewährleistet. Auch in Ortelsburg liegen die Dinge schlimm. Hier herrscht vor allem erheblicher Boykott. Eine Zeitlang war der Schulantijemitismus besonders stark fühlbar; er wurde aber durch das schärfste Eingreifen des Provinzialschulkollegiums, das vor Relegierungen nicht zurückschreckte, eingedämmt. In Johannrsburg wurde innerhalb eines Vierteljahres die Synagoge nicht weniger als zweimal geschändet. Einmal warf man während des Gottesdienstes einen Stein in die Synagoge; jetzt wurde in der Osternacht das Tor der Synagoge ausgehoben und zusammen mit zwei Lastwagen jüdischer Fischhändler in den Piflekfluß.geworfen. Tie Juden in dem in unmittelbarer Nähe der Grenze liegenden Städtchen B i a l l a, denen Bürgermeister Tr. R o h r m o {c x Nationalsozialist ist. haben ebenfalls unter den Nationalsozialisten stark zu leiden. In besonders starkem Maße aber leidet L y ck unter ihrem Terror. Auch hier starker Boykott, unterstützt besonders durch einen erheblichen Teil der nichtjüdischen Kaufleute, die sich die Konkurrenz vom Halse schaffen wollen. Sehr stark wird diese Hetze durch die am Ort erscheinende deutschnationale „Lycker Zeitung" gefördert, die mit dem Nationalsozialismus liebäugelt. In dem Stadtbild von Sensüurg fällt einem besonders das mit Hitler-Bildern und Hakenkreuzemblemen geschmückte Schaufenster eines Geschäftsmannes, der gleichzeitig für die „Preußische Zeitung" wirbt, auf. Hier treibt die Verhetzung besondere Blüten: Nachdem vor etwa zwei Jahren die Synagoge geschändet wurde — rief kürzlich ein Nationalsozialist während des Gottesdienstes in die katholische Kirche hinein: „Deutschland erwachs!" In starkem Maße wird über Boykott in Goldap geklagt. Dort leiden nicht allein die Geschäftsleute, sondern ebenso die Angehörigen der freien akademischen Berufe. , In allen diesen Städten sucht der C. B. die Stellung seiner Freunde zu stützen. lieberall fanden erst gehende Beratungen mit un chützen und zu etzt wieder eineren Freunden tatst wie örtlich am zweckmäßigsten die Atmophäre zu entgiften ist. Diese Besuche weckten überall treue Gefolgschaft der in Masuren wohnenden Juden für den C. D. So schloß sich bei der eingcleitcten Sammlung für den Kawpfsonds 1902 auch nicht einer cnrs; selbst der kleinste Händler wollte sein Scherflein dazu beitragen, den Abwehrkampf des E. V. zu unter stützen, und überall wurde dem G. V. der besondere Lank für die schon geleistete Hilfe ausgesprochen. Der Landesverband Ostpreußen des Centralvereins betrachtet es als seine Ehrenpflicht. dem seit 1914 so schwer heimgesuchwn Masuren und seiner jüdischen Bevölkerung stets beizustehen und seinen Freunden Treue mit Treue zu vergelten. Kurt Sabatzky. S'kj iters» ©a örn Die vergangenen Wochen brachten eine stattliche Zahl von Schriften, die ganz oder teilweise dem Nationalsozialismus gewidmet sind. Neben einer Flut von Wahlbroschüren aus allen Lagern findet sich darunter einiges, besten Bedewung über den Wahltag hinausreicht. Das gilt vor allein von den Untersuchungen der Soüalistin Oda Olberg, die in einem Büchlein ,.N a t i o n a l f o z i a l i s m u s", Verlag Heß Sc Co., Leipzig, Wien, 1932, mit großer Gründlichkeit die soziologischen, namentlich aber die sozialpsychologischen Vorarwsttzurrgen der Hitler-Bewegung untersucht. Tie Psyche des Nachkriegsmenscheu erfährt in ihrer Schrift eine ebenso sorgfältige Analyse, wie die Grundtendenzen, die in der Ideologie der Nationalsozialisten zum Ausdruck kamen. So ist cs nur natürlich, daß das Buch auch dem Antisemitismus ein eigenes .Kapitel widmet. Es wird allerdings dem Problem insofern nicht völlig gereiht, als der Judenhaß ausschließlich und unvermittelt auf wirtschaftliche Motive zurückgesührt wird. Davon abgesehen, ist Oda Olbergs Schrift ohne Zweifel für anspruchsvolle Leser eine der befriedigendsten Auseinandersetzungen über den Nationalsozialismus. Volkstümlicher, doch nicht minder gut fundiert, ist die Broschüre „Hitler ohne Maske" von Andreas Au de rach, Verlag Der Antifaschist. München. 1932. Ter Verfasser . wendet sich mit begeisternder Leidenschaftlichkeit gegen die Unaufrichtigkeit und Großsprecherei der NSDAP. Andernach erweist sich dabei nicht ' nur als guter Kenner der natioualsozialurischeu Parteigeschichte, sondern benutzt auch das Schrifttum der Bewegung reichlich, um Theorie und Praxis der Nutwnabsozialisten einander wirkungsvoll gegenüber-