Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 13 (25.3.1932)
- Date
- 1932-03-25
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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11$ FacMnger Yersandstelie, Berlin SW 11 Sciönefterger Strasse 16a. Telefon: Lützow: 6260,'61. der Neuzeit an die Stelle des mittelalterlichen Grundgedankens, der allbeherrschten religrcsen Idee, die alles beherrschende Idee der Wirtschaft getreten ist. Darum sind wir überzeugt, daß wir ebensowenig wie zum Mittelalter den Zugang zu der Lebenswelt des jüdischen Deutschen im Mittelalter finden können. Allenfalls wenn wir uns heute die gewaltige Stoßkraft der kommunistischen und neunationalistischen Idee, die beide überpersönlich und außerwirtschaftlich, dafür aber „romantisch-rückständig" sind, vergegenwärtigen, dann können wir vielleicht den Druck des religiösen mittelalterlichen Fanatismus, Der das Dasein unserer Altvordern ftrrchte, nachempfinden. Wunderbar aber bleibt es, wie innig der jüdische Deutsche des Mittelalters in dem Naumerlebnis des deutschen mittelalterlichen Menschen verhaftet ist. Wo finden wir die ersten deutlich nechiveisbaren jüdischen Niederlassungen auf deutschem Boden? Bezeichnenderweise in der sagenuucklungenen Rheinebene, dem ersten großen Konzentrationsbecken der deutschen Frühgeschichte. Dem Tummelplatz naiver Völkerjugend. Welches war die erste Wirtschaftsform der deutschen Frühzeit? Ter Land bau; folglich begegnen wir dem Juden der fränkischen und nach noch der sächsisch-salischen Zeit als dem Besiedler der Ackerscholle. Erst als mit den Kreuzzügen der deutsche Binnenhandel sich zum europäischen und zum Levantehandel erweiterte, ging der Jude zn jener zweiten Wirtschaftsform über. Mochten die Wunden, die man ihm schlug, noch fo sehr brennen, trotzdem durchzittert Liebe zur heimatlichen Landschaft die ergreifende Dichtung des jüdischen Minnesängers Süßkind von Tri mb erg. Welches war, so fragen wir weiter, die mächtigste deutsche Volkerbewegung des Mittelalters? Der Zug nach dem Osten, Erwerb und Besiedlung des deutschen Kolonialbodens, die Ausweitung des Volks ohne Raum in einen neuen Lebensraum. Bei jener Auseinandersetzung zwischen Deutschtum und Slawentum, dir zwischen Kamps und Ausgleich hin und lzcr pendelte, hat der jüdische Deutsche als Mittampfer und Mittler eine gewaltige Rolle gespielt. Im Gefolge jener westdeutschen Pioniere, die nach Ostland ritten, fand im späteren Mittelalter Die große deutsch-jüdische Einwanderung in Polen statt. Nach Osten wies der geopolitische Pfeil. Wie unlöslich aber die jüdischen Einwanderer sich dem alten deutschen Mutterboden verwachsen fühlten, beweist der Umstand, daß sie die Sprache der Heimat, das Mittelhochdeutsch, bis aus den heutigen Tag als lebendige Sprache erhielten. Ihr Kleidungsstück, der Kaftan, ist' nichts anderes als der deutsche Bürgerrock im Zeitalter Kaiser Karls IV. Bis ins ferne Ruß* land vermittelte der Jude deutsches Kulturgut. Darum sollte der judenfeindlich frevelnde Mund bedenken. Daß er auch deutsche Art und Sitte schmäht, wenn er vstjüdifch-pvlnische Lebensart verunglimpft. Folgt das Zeitalter der Reformation. Hat man hier wohl beachtet, daß Gerhart Hau Pt manns Meisterhand in seinem Nationaldrama „Florian Geyer" für den jüdischen Deutschen jenes Zeitabschnitt? Zeugnis abgelegt hat? Gewiß, der alte Jude Jvslern ist nur eine Neberrsigur, die sich überdies nicht durchweg vorteilhaft ausmmmt. Jedoch wesentlich bleibt, daß der Dichter in die enge, gedrückte Seele Des i; ml) er geworfenen Mannes die Sehnsucht nach der bürgerlichen 6 I e i chstellung des Le u tsche n Iüben r;:rc:r> gestaltet hat. Ter Zeitglaube an die seelische und namentlich soziale Reformation Hilst ihm über die Nöte des Tages hinweg. Florian weher, der Dorkämpser des geheimen, besseren, weil volkhast freien Deutschlands, begrüßt ihn als Heiser. Mit dieser Figur gab die geniale Einfühlung des Dichters der Forschung einen Fingerzeig. Denn hätte wohl der herrliche R e u ch l i n seine Existenz für die Sache der Juden in die Schanze geschlagen, wenn er nicht wußte, daß es ein Lebenswertes zu verteidigen galt? *Jn dem flackernden Helldrmkel des Barockzeitalters gewinnt der jüdische Deutsche dank neuerer Bemühungen festumrissene Kontur. Seit Spenglers kühnem Vorgang hat sich unter den Geisteshistorikern immer mehr die Meinung befestigt, daß wir in jenem Zeitalter die Gipftlung der abendländischen Kultur zu erblicken haben. Als das besondere Kennzeichen des Barocks gilt die mit Machtstreben und Energie geladene Einzelpersönlichkeit, die der Mitwelt ihren Stempel aufdrückt. Wallenstein auf der einen, August der Starke oder Ludwig XIV. auf der anderen Seite liefern das Beispiel. Es wird nun nicht überraschen, daß der jüdische Deutsche des Barock, den die Woge der Geschichte emporriß, sich als ein Mann des gleichen Formats erweist. Inmitten der Reihe gleichgearteter Hoffaktoren erhebt sich die imponierende Gestalt des Jüd Süß. Jeder Zoll eine echte Figur des Deutschen Barock: herrschsüchtig, aber nicht aus Eigennutz, Prachtliebend, aber keineswegs ein Protz, g.igamnch planend, aber im Dienste eines Staatsganzen, rücksichtslos, aber nicht ohne “iilidje Größe. Das hellere und heitere Süddrnsiechand, die Einbruchs'orte der französischem Rokokokultur, bestimmte seine Lerenswesie. In der Dochezeit verkörpere De rürzerlich öescheidene Gestalt Moses Mendelssohns den nüchternen Wirklichkeitssinn der preußischsriderizicmischen Aufklärung. Die romantische Erneuerung msi preußisch-deutschem Loden sinder in Rahe! Varn.ha gen die Seelenkünderin. Tie Geheimnisse der romantisch-mütterlichen Landschcht enträtseln Heine und Felix Wende l s s o h n. Börne beginnt das Werk der deutsch-französischen Verständigung, von Frankfurt a. M. ausgehend; während Meyerbeer und späterhin M a r L i e b e r m a n n den künstlerischen Austausch einleiten. Von Ostpreußen und von Schlesien her erwecken Johann I a c o b y und Ferdinand L a s s a l l e die beiden folgenreichsten Bewegungen jenes deutschen Jahrhunderts: die bürgerlich-demokratische und die nationale Arbeiterbewegung. Aus der Völkerebene des Rheins stammt der Ahnherr des modernen Weltgeschehens: Karl Marx, während der Frankfurter Friedrich Julius Stahl die Grundlagen der Konservativen Partei schuf. Wir hoffen gezeigt zu haben, wie sehr der jüdische Deutsche mit den Schicksalsfragen und Problemen der deutschen Landschaft und ihrer Geschichte verwachsen ist. Eine solche raumhastgeopolitische Betrachtung, deren bruchstückartigen Charakters wir uns nur zu gut bewußt sind, liefert das wirksamste Gegengift gegen die seelische Ansteckung des Judenhasses. Mag daher die Haßftut des Judenhasies noch so hohe Wellen treiben, an dem Felsen unseres deutschjüdischen Bewußtseins wird sie zerschellen. ÄrskMZ Seit die Nationalsozialistische Deutsck/e Arbeiterpartei, trunken gemacht durch ihre Wahlersolge, ihren Ehrgeiz darein setzt, die heiß ersehnte Zeit der politischen Führung durch eine ihr günstige Stimmungsmache im Ausland vorzubereiten, wird es in der Presse nicht still von Berichten über die Anbiederung der N.Ä.D.A.P. an das Ausland. Wir greifen nur einige heraus: Als wichtigster schritt aus diesem Wege muß der Verzicht der st. S. D. A. P. aus S ü d - trrol bezeichnet werden. Er wurde so geskillentlieh und mit so großem Aufwand ms Land hinausgerusen, daß er gar nicht anders als im Sinne engster Beziehungen Hitlers zu Italien gedeutet 'werden kann. Es kann aber auch kein Zweifel darüber bestehen, daß der bei einer nationalistischen Partei geradezu grotesk wirkende Verzicht auf deutsches Land nicht nur erfolgt ist, um dem italienischen Staatsches einen Gefallen zu tun. Die Kuriere, die zwischen Italien und München wechseln, haben andere Ausgaben als nur wortreiche ^ympaihieerklärungen zu übermitteln. Es soll auch schon öfters vorgekommen sein, daß man sich in Zürich getroffen hat. Es wäre sehr wünschenswert, daß die Partei der „nationalen Autarkie" dem deutschen Volk iuUteilten, was ihre Sendboten kürzlich in Zürich bei der Besprechung mir italienischen Emissären erreicht haben, lieber die A u s 1 andsreis e u des Herrn Rosenberg ist man durch die Presse eingehend orientiert. Daß man mit E n g l a n d.nber de:: Kopf der Reichsregrerung hinweg Verhandlungen an geknüpft hat, entspricht Durchaus der Taktik jener Partei, die ihre Kundgebungen in erster Linie vor den Vertretern der a u s l ä n d ische n Presse erläßt und die deutsche Presse zu bemühen für überflüssig hält. In diesem Zusammenhang sei besonders an das Interview erinnert, das Hitler im November des vorigen Jahres an ausländische Journalisten gab, und deffen ungünstige Auswirkung aus die wirtschaftliche Lage Deutschlands bekannt ist. Auch in Rumänien und in Bulgarien haben sich Vertreter der Hitler-Partei am 13. Dezember 1931 und am 14. Januar 1932 um die Gunst dieser nach nationalsozialistischer Lesart sonst als „niederrassig" betrachteten Völler bemühte Aber selbst ßegen den „Erbfeind" ist man nicht so feindlich, wie es nach den Versammlungsreden den Anschein hat. Hitler hat sich gleich nach den «Leptembcrrvahlcn mit dem französischen Nationalisten Herde sehr eingehend unterhalten, und gerade in den letzten Tagen sollen im nationalsozialistischen Parteilager bei der Diskussion über die Gründe des' Wahlmißerfolgcs die mehrfachen schritte sehr kritisch erörtert worden sein, die zur Besserung der französischen Stimmung eingeleiiet worden sind. Das alles geschieht täglich und stündlich über die Köpfe des den sichen Volkes hinweg, des gleichen deutschen Volles, dessen nicht unerheblicher Teil den nationalsozialistischen Erwählten seine Stimmen in denn Glauben gegeben hat, es würde damit zur nationalen Ehre, Unabhängigkeit und ^eloständiakeit beitragen. Nun, Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die von dieser Seite so überlaut versprochen wurden, hatten wir uns bisher anders vorgestellt als in Urnemusischer Bettelei um -a-chöru Werter, um Verständnis und Gewährenlaven. Aber unsere guten deutscheu Worte haben schon oft einen andern Sinn gewinnen-müssen, wenn diese sich als ihre treuesten Hüter gebärdenden Herren sie in den Mund nahmen. Und so haben denn die gut gläubigen Wähler sich in dieser und jener Hin- ( Sch lass des Auf s^.izes Seite 120.)