Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- Seite 108 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Qoetheschen ...in der Literatur■» geschichte . Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." * Goethe. Zu Beginn seiner Vorlesung über Goethe, als Gustav Noethe aus dem Füllhorn seiner umfassenden Belesenheit die Masse der Goethe- Literatur ausschüttete, ließ eine Bemerkung Len Hörer aushorchen. Goethes Leben, so erklärte der bekannte nationalistische Germanist, sei vorwiegend von jüdischen Autoren beschrieben worden. Ties bedeute, so fuhr er fort, für die irischen" (!) keineswegs ein Ruhmesblatt. In der Tat hat eine große Anzahl jüdischer Gelchrter sich um die Sache Goethes lzochverdient gemacht. Sie gehören somit in jene Reihe deutscher Männer jüdischen Glcwlbens, die seit den Tagen Moses Mendelssohns als Kritiker mrd Literarhistoriker sowie als Kunstfreunde die deutsche Literatur betreut und gefördert haben. Wenn wir im folgenden diejenigen jüdischen Deutschen, deren Namen mit der Geschichte der Goethe-Forschung eng verknüpft ist, kennzeichnen, so erstreben wir keine vollständige Uebersicht, sondern nur eine Hervorhebung der wesentlichen Persönlichkeiten und eine Andeutung ihrer wissenschaftlichen Richtung. Sie haben an den reichen Ergebnissen der Goethe-Kunde einen gleichmäßigen Anteil: an der Herausgabe und der Erklärung der Werke sowie an. der Einzelsorschung und nicht zuletzt an der Lebensbeschreibung. Ter unermüdliche Organisator aller Goethe gewidmetem Bestrebungen ist Ludwig Geiger gervcsen. Er, der Sohn des berühmten jüdischen Theologen Abraham Geiger, beoami mit Renaisiancestudren, die ihn zu Goethe führten, während der bedeutendste Gernrcrnist (Schluss des Aufmfzes von Seite 107.) Stoffe in unserem Jugendunterricht erhoben - worden seien. „Ter Lehrer ist durchaus nicht gebunden, Jakobs Betrügereien und lieber- Vorteilungen als Tugenden erscheinen lassen zu müssen. Er kann sie -durchaus bezeichnen als das, was sie jint),jucnn er nur gleichzeitig schildert, was ja die Erziehung selbst auch als das Wesentliche betrachtet, daß er durch Schuld und Leid geläutert wird. Ein wirtlicher Religionsunterricht kann in der Anerkennung der Schwächen seiner Helden sehr viel ehrlicher sein als ein blasser „Moralunterrrcht", der nur blutleere Tugendvorbilder kennt. . . . Achtung vor der Bibel rurd klaren Erkenntnis des Unangenehmen im jüdischen Volkstum können nebeneinander nicht nur bestehen, sondern auch int Jugcndunterricht vertreten werden." Doch sicherlich hatte das Alte Testament für Goethe auch religiöses Jnteresie, er, der Schüler Spinozas, der sich seiner ganzen Naturanlage nach mehr an den Gott des ersten Artikels gehalten hat, wie er ihm ja schon als Kind in seiner Tumpheit einen Altar errichtet hat, Es war jener Gott, der, wie es Luther übersetzt, von sich bekennt: ,J;ch werde sein, der ich sein werde" (2. Mosis 3,14), er, der Ewige, unserer Tage, Konrad Burdach, aus umgekehrtem Wege von Goethe zu der Renaisiauce kam. Ter Reichtum der Gesamtanschauung, die Geiger von Goethe gewonnen hatte, war so groß, daß er den Untersuchungen über einzelne Gegenstände einen bedeutsamen Hintergrund verlieh. Namentlich die Umwelt des Dichters hat er erforscht. In seiner Spätzeit süßte er seine Studien in einem volkstümlich gehaltenen Lebensbilde zusammen, das.jedoch nicht in weitere Kreise drang. Seine glänzende Leistung war die Herausgabe des Goethe-Jahrbuchs, das er in den Jahren 18L0 bis 1913 leitete und zu einer Sammelstätte der gelehrten Erforschung des Tichters machte. Geiger war ein zünftiger Gelehrter, dagegen wirkte M a x Morris als „Außenseiter" der Goethe-Philologie. Ties hinderte chn nicht, einer der tiefsten und feinsten Goethe-Kenner zu sein. Unbestritten ist das Verdienst, das er durch die kritische Gesamtausgabe der Jugendfchriften Goethes erwarb. Erst durch jene Veröffentlichung wurde der junge Eoeche lebendig. Ungewöhnlich ergebnisreich waren seine Einzeluntersuchungen. Er klärte rms über den Frankfurter Journalisten Goethe auf; er lichtete das Dunkel, das über Goeches erster Schweizer Reise lag; er entdeckte ebenso die Schönheit der Nausikaa-Dichtung wie den Einfluß Swedenborgs auf das „Faust"-Drama. Um der letzten Entdeckung willen hat ihn Strindberg in den „Gotischen Zinunern" gerühmt. Seine gesammelten „Goethe-Studien" stehen ebenbürtig neben den Estay-Sammlungen eines Herman Grimm, Wilhelm Scherer und Viktor Hehn. Die Schassung einer befriedigenden Lebensbeschreibung des Tichters war die große und geradezu nationale Aufgabe, die der Goethe- Philologie gestellt war. Tie bisherigen Versuche, ohnehin eines ausreichenden Mrterüüs entbehrend, blieben unzulänglich. Ein deutscher der da war, der da ist und der da sein wird. Ihm hat er sich allzeit in Ehrfurcht und Vertrauen gebeugt. Und so ist ihm auf seinem Lebensweg bis ins höchste Alter hinein das Alte Testament ein freundlicher, ja innerlich ausrichtender und wegweisender Begleiter gewesen. Gewiß hat Goethe hin und wieder über das Alte Testament oder doch einige Teile desselben (insbesondere das zweite bis fünfte Buch Mosts) einmal seine Glossen gemacht, aber die goldenen Aepfel in silbernen Schalen, die ihm hier, namentlich im ersten Buch Mosis, in den Psalmen, den Propheten, dem Hiob und dein hohen Liede erreicht wurden, hat er stets geliebt, bewundert und verehrt, wie ich dies in einem demnächst erscheinenden größeren Werke „Goethe und das Alte Testament" ausführlich nachgewiesen habe. Und so mag Goeche uns Heutigen denn — und zwar Christen und Juden — die wir vielfach den Zugang zum Alten Testament verloren haben, ein Wegweiser zur Neuentdeckuug des Alten Testaments sein, das znscnnmen mit dem Neuen Testament, wie Goethe an Zelter schrieb, ein „Weltspiegel" ist, in dem wir uns, unsere Zeit und unser Schicksal deuten können. eisies Gelehrter jüdischen Glaubens, Albert Bielschowsky, war es, der der wutschen Nation: die volkstümlichste und beliebteste Goethe- Biographie bescherte. Einst viel bewundert, wird das Buch heutzutage ebenso viel gescholten. Beides zu Unrecht. Gewiß würde sein Gewicht als federleicht befunden werden, wenn man es an den biographischen Meisterlei'tungen der deutschen gelehrten Literatur, den Werten eines D i l t h e y, I u st i, H a y m und Herman Grimm, mosten wollte. Einen seichen Vergleich hält das Buch in keiner Weise aus. Aber man schmälere anderseits sein Verdienst nicht! In unzählige deutsche Bürgerhäuser ist das Buch als Bote des Goetheschen Genius cingekehrt. Tie höhere Schute konnte seiner nicht entbchren. Darum hat es sich auch aus dem Markte erhalten; zuletzt durch Walther Linden zeitgemäß erneuert. Tiente Bielschowskys Buch dem Bedürfnis weiter Leserkreise, so schrieb Richard M. Meyer, der erstaunlich gelehrte und einflußreiche Schüler Scherer s, die erste moderne Goethe-Biographie, die den Amorderunaen der gelehrten Kritik derart entsprach, daß das Werk mit vollem Rechte preisgekrönt wurde. Die weithin beachtete Darstellung vereinigt alle Vorzüge, die den Geist ihrers Verfassers auszeichneten; sie ist ein Zeugnis sowohl seiner umfassenden Gelehrsamkeit, als auch seiner stilistischen Formkraft. Ihr Fortschritt gegenüber den bisherigen biographischen Bemühungen bestund darin, daß Goethes Leben als ein Kunstwerk angesehen und dcnnit zum erstenmal die Einheitlichkeit in der Entwicklung des Menschen und Dichters nachgcwiesen wurde. Ter ungeheuren Schwierigkeit, Goethes Leben zu schildern, war sich Richard M. Meyer wohl bewußt. Nur sein allzu früher Tod hinderte ihn, seine Arbeit neu zu formen. 'Solche Skrupel haben Eduard Engel niemals geplagt. Ter bärbeißige Fremdwörterfrester, der noch unter uns lebt und schafft, war von jeher ein Widersacher der zünftigen Philologie. Ihr wissenschaftliches Verfahren hat er scharf getadelt. Recht sorglos und unbedacht sind daher nrnndjc ästhetischen Werturteile seiner umsänglichen Lebensbeschreibung „Goethe, der Mann und das Werk". Immerhin hat das mit reichen Zitaten gezierte Buch ebenso wie Engels Volksausgabe von Goethes Werken in werten deutschen Volkskreisen Verständnis für den wenig volkstümlichen Trchter erweckt. Tie wissenschaftliche Goethe-Biographie hatte Richard All Meper zu einem gnvissen Abschluß gebracht. Was noch zu tun übrig blieb, das war eine philosophische Teurung des gesamten Goetheschen Taseins. Es war ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß zu derselben Zeit, wo der judenfeindliche H. S t. Chamberla in seine umstrittene Goethe-Darstellung veröffentlichte, der jüdische Denker Georg Simrn e l sein epochemachendes Buch über Goethe erscheinen ließ. Simmel wollte weder Goethes Leben schildern noch seine Dichtung erklären und zergliedern, sondern er stellte die Frage nach denn geistigen Sinn der Goetheschen Existenz. Er stellte das Dasein Goethes als einen Kamps zwischen dem widerspenstigen Leben und dein menschlichen Formwillen dar und lehrte den harnronischcn Ausgleich zwischen Leben und