Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- Seite 107 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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107 rfus einem Zyklus „Qoethe" von ERNST LISSAUER. DaGoeihe nachts in seiner Schlafstube schlief, Wacht* er auf von Stimme, die ihn rief, Doch vernahm er nicht Schall —. War ein Hauch, war ein Schrei durch die Scheibe des Fensters geflogen? Von Kraft ward er aus den Kissen gezogen, Es war, als wollte die Bettstatt erschweren, Die Mauer sich lösen, die Diele sich heben. Es lief durch den Lauf seines Blutes rundum ein Bersten und Beben. Er rief es dem Diener. Der lauschte, von Furcht überschauert, Denn ihm ruhten die Böden gefügt, die Wände gemauert. Goethe aber sass hin ans geöffnete Fenster und bol das Gesicht Dem vollscheinenden Mond und horchte hinaus in das Licht Und hörte die lagernde Sülle von weither erschüttern. Und hörte die mondhellen flochichten Wölkchen gewittern. Er sprach: Ich spüre tief unterm Boden Klaffen und Stürzen hiniönen; Die Erde bebt; ich spüre sie dröhnen. Am Morgen frag der Diener rundum in der Stadt nach dem Geschehen der Nacht, Aber niemand zu Weimar war von den Wettern der Erde erwacht. Doch aus fernen Bereichen kam nach Wochen die Kunde: Beben der Erde zerriss Gebreite und Hügel zu jener nächtlichen Stunde, Beben der Erde geschah, es verspürte Goethe, wie fern über Mellen und Meere die uralt gefreundete Erde sich rührte. Anspielungen auf das Alte Testament, Goethe offenbart hier eine geradezu verblüffende Kenntnis, wie sie nur eine intensive Beschäftigung mit dem Alten Testament verschaffen konnte. To zeigen denn auch die Eintragungen in Goethes spätere Tagebücher, wie er sich fortgesetzt mir dem Alten Testament und der alttestamentlichen Wissenschaft beschäftigt hat, und wie er ja auch in „Wahrheit und Dichtung" bei Schilderung seiner Jugendperiode auf die Vertreter der damaligen alttestamentlichen Wissenschaft zu sprechen kommt. Ja. mau mutz sagen, datz Goethe das Alte Testament kongenialer war als das Neue Testament. To bekennt er auch in seiner Selbftbiographie 1,1 in bezug auf seine jugendliche Entwicklung, datz ihm „das allzusanste und durch Predigten und Religionsunterricht trivial gewordene Nene Testament kein Interesse habe geben können", Und so ist ihm denn Ehrmus immer „ein höchst bedeutendes, oder problematisches Wesen" geblieben, wie er dies am 8. Juli 1830 gegenüber dem Kanzler von Müller bekannt hat. Charakteristischerweise widmet er in „Wahrheit und Dichtung" ein langes, ausführliches Kapitel (l, 4) den Patriarchen-Erzählungen der Bibel, aus dem seine innige Liebe für diese alttestamentlichen Gestalten der Urzeit hervorgeht. Ja, er, der ein wenig -Hebräisch kannte, trieb —vom Standpunkt der damaligen Wissenschaft aus'— alttestamentliche Studien, die er in seiner Jugendschrift „Was stand aus den Tafeln des Bundes?" und in seiner 'späteren Abhandlung „Israel in der Wüüe", die den Noten zum „Diwan" ein gesägt ist, niedergelegt hat. In dem ersten Aufsatz sucht er den Inhalt der von Moses zerbrochenen ersten Gesetzestafeln zu rekonstruieren (2. Moses 32,20), im zweiten will er Nachweisen, datz der Wüstcnzug der Kinder Israel nicht 40 Jahre, sondern nur zwei Jahre gewährt hat, und es lieg: ihm vor allem daran, die Gestalt des Moses in ihrer erhabenen Grotzartigkeit darzustellen. lieber den Verkauf der Entstehung dieses Werkchens gibt der Briefwechsel mit Schiller ausführliche Auskunft. Goethe dachte sogar daran, eine Karte dieser Wüstenwanderung an der Hand der im 2. Buch Mosts genannten Stationen Herstellen zu lasten. Die Sache zerschlug sich jedoch. Bekannt ist ja auch seine Vorliebe für das Hohelied, das er in seinen Jugendjahren übersetzte, und dem er zeit seines Lebens sein Interesse zuwandte, ebenso wie dem Buche Hiob, dessen Eingang ja der Prolog des Eoetheschen „Faust" nnchgcdichtet ist, wie denn dieses Lebenswerk Goethes auch sonst noch eine Fülle von Anspielungen auf den Hiob enthält. Goethe hatte indessen für das Alte Testament nicht nur ästhetisches und geschichtliches, sondern, u. a. auch pädagogisches Jntereste. Hierfür charakteristisch ist das Kapitel II, 2 der „Wanderjahre", das die Schilderung der „pädagogischen Provinz" enthält. Hier will Wilhelm Meister seinen Sohn Felix im Internat unterbringen und erziehen lasten. Nun führt dar „Aelteste" der Anstalt Wilhelm Meister in eine Galerie, deren Wände mit Fresken bedeckt sind, und zwar hatten „die heiligen Bücher der Israeliten den Stofs zn diesen Bildern geliefert". Doch sind in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgeführt, in dem — wie Goethe sortsährt — „unter allen Völkern gleichbedeutende und Gleiches bedeutende Nachrichten vorkonlmen". So wird etwa im Hanptbilde dargestellt, wie „Abraham von seinen Göttern in der Gestalt schöner Jünglinge besuch: wird", während oben im Friese „Apoll unter den Hirten Admets" dargestellt wird. Wilhelm antwortet hierauf mit der Frage, warum man drö israelitische Geschichte vor allen anderen gewählt, und der Aelteste antwortet: „Unter allen heidnischen Religionen (denn eine, solche ist die israelitische gleichfalls) hat diese große Vorzüge, wovon ich nur einige erwähnen will. Bor dem ethnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker, wird nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur. ob sie dauere, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk har niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben, es besitzt wenig Tilgenden und die meisten Fehler anderer Völler; aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, au Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, cs war, es wird sein, um den Namen Jehova nun,-y£iii,-ir? Dann Dr.Fromms guhe Nährmittel.Preisbuch frei! Niederlagen werden gern unverbindlich nachgewiesen Dr.fromni L S©«jK5iZsc'ienbr©da-C« durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild ausgestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur zum Rahmen dienen." Und nun versetzt Wilhelm, der nicht nach dem Aeltesten rechten will, jener möge ihm noch die „übrigen Vorteile dieses Volks oder vielmehr seiner Geschichte, seiner Religion eröffnen". Der Aelteste antwortet: „Ein Hauptvorteil ist die treffliche Sammlung ihrer (— der Israeliten —) heiligen' Bücher. Die stehen so glücklich beisammen, datz aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganzes entgegentrit:. <cke sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen, hinlänglich barbarisch, um auszufordern, hinlänglich zart, um zu besänirigeu. Und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Büchern, an'diesem Buche zu rühmen." Als Wilhelm darauf in stumme und Liefnachdenkliche Betrachtung der Bilder versinkt, fährt der Aelteste fort: „Noch einen Vorteil der israelitischen Religion mutz ich hier erwähnen, datz sie ihren Gott in keiner Gestalt verkörpert, und uns also die Freiheit läßt, ihm eine würdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die schlechte "Abgötterei durch Tier und Untiergest alten zu bezeichnen," Wilhelm durchwandelt dann die Galerie, die zur Bildung der Schüler der pädagogischen Provinz dienen soll und die die Geschichte desjüdischen Volkes bis „zu den traurigen, verworrenen Zeiten und endlich zu dem Untergange der Stadt und des Tempels, zum Morde, zur Verbannung, zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation fortführt". . Und nun freut Wilhelm sich im Hinblick auf seinen Sohn Felix, der hier ansgebildet werden soll, daß „diestr durch eine so würdige, sinnliche Darstellung sich jene großen, bedeutenden, musterhaften Ereignisse für sein ganzes Leben als wirklich und als wenn sie neben ihn: lebendig gewesen wären, zueignen sollte. Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des Kindes, und in diesem Sinne war er vollkommen damit zufrieden". Wie man sieht, erkennt Goethe hier den pädagogischen Wert des Alten Testaments ausdrücklich an, und hier offenbart sich, das; auch Goethe selbst einen unendlichen Teil seiner Bildung cfcu dem Alten Testament verdankte. Zu meiner besonderen Genugtuung erkennt auch der Antisemit M a u r e n b reche r („Goethe und die Juden") den pädagogischen Wert des Auen Testaments ausdrücklich au. Er sagt im Hinblick auf das 4. Buch von „Wahrheit und Dichtung", die .Worte Goethes über das unbedingte Gotwertrauen der Erzväter schlage alle die Bedenken nieder, die gegen die Verwendung alttestamentlrcher S C H 0 M 0 LAO E PRAHMEN