Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 11 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir uunen wohl, daß es von Goethe aus kein Recht "hat (denn selbstgefälliges Spezialistentum ist kein Recht) über Goethe und das Judentum zu sprechen; denn das Jüdische war kein Problem, das zum Zentrum dieses großen Lebens unmittelbar in Beziehung stand, daß sein Selbstbewußtsein und Weltbewußtsein entscheidend formen konnte. Aber für uns Juden im heutigen Deutschland besteht die Notwendigkeit, nach Goethes Verhältnis zum Judentum zu fragen. Tenn da er der große und gültige Zeuge deutschen Wesens ist, so ist hier mehr als in Volksversammlungen oder angeblich wissenschaftlichen Diskussionen zu erfahren über die wirklichen und gültigen Beziehungen d-eutscher Art Zum jüdischen Menschentum. Nur wollen wir doch auch diesen peripheren Punkt des Eoetheschen Lebens nicht in einer verfälschenden Isolierung zu erkennen suchen, sondern ihn wenigstens aus die Mitte seines Wesens beziehen. Tenn da dieses großartigste Menschenwesen wirklich rund war wie eine Kugel, so ist es von jedem Punkt der Oberfläche gleichweit ins Zentrum, und sehr deutlich ist jede Erscheinung dieses Lebens von den gleichen Bildlrästen des Innern beherrscht. Und da gilt es denn zu allererst zu erkennen, daß Goethe in ganz dem gleichen Maße und aus ganz dem gleichen Grunde nicht „Philosemit" und nicht „Antisemit" sein konnte. Denn, wenn irgendetwas in den 60 Jahren seines bewußten, persönlich geführten Lebens ihm höchstes Gesetz, unverrückbarer Leitstern gewesen ist, so war es der Wille, auch innerlich keiner Partei anzugehören, das Leben keinem Dogma zu unterwerfen, sondern stch ünmer der reinen Erkenntnis jeder Einzelheit offen zu halten: „Das Auge licht sein zu lasten!" Es ist nicht im mindesten ein Spiel, sondern höchster Ernst, wenn der alte Goethe schreibt: Was willst du, daß von deiner Gesinnung Man dir nach ins Ewige sende? Er gehörte zu keiner Innung, Blieb Liebhaber bis ans Ende. In der Tat erblickt Goethe mit vollem Recht hierin den eigentlichen Kern seines Wesens. Nicht als ein Fachmann, der Wirklichkeiten durch Begriffe einordnet und tötet, als ein Liebhaber, der alles Lebendige zu bewahren, zu genießen, zu gestalten und zu verarbeiten sucht, steht er den Erscheinungen der Welt gegenüber. Liebhaber darf man hier freilich absolut nicht mit Dilettant übersetzen. Dagegen ist es beinahe gleichbedeutend mit Künstler. Ja, eigentlich nur in diesem Sinne darf man behaupten, daß Goethe zuerst ein Künstler gewesen ist und sein ganzes Leben vom Künstlertum beherrscht sei. Denn die eigentliche Arbeit des Sichlers hat in seinem Leben bestimmt nicht mehr Raum eingenommen als etwa die des Naturforschers und bildet vom Ganzen dieser rmgehenren Lebensleistung doch nur einen keineswegs überwältigenden Bruchteil. Aber freilich alles, auch die Naturwissenschast und jede andere Tätigkeit hat er mit den Ästigen des HJon Julius fido Künstlers angesehen — und das heißt eben als Liebhaber, nicht als begrissglüubiger Beherrscher des Lebendigen. So ist auch Goethes Verhältnis zum Judentum nirgends von einem Dogma bestimmt. Das heißt natürlich nicht, daß die noch ganz mittelalterlichen Anschauungen, unter denen er in unmittelbarer Nähe des düsteren Frankfurter Ghettos auswuchs, zunächst ohne Einfluß aus ihn geblieben wären. Er hat sie mit dem bloßen Sprachgebrauch vielfach übernommen — kritiklos, so wie etwa der Minister Goethe im „Wilhelm Meister" von einem Schauspieler sagt: Sein Fach wäre, „Juden, Minister und überhaupt Bösewichter" darzustellen. Llber wenn der Knabe Goethe das Ghetto nur mit Schauer betritt und die alten Märchen von den Verbrechen der. Juden nicht gerade glaubt, aber doch mit leichtem Gruseln hört, so ist der junge Mensch, wenn im Ghetto ein Brand ausbricht, doch schon mit der Energie und der Furchtlosigkeit (die Goethe übrigens in allen praktisch gefährlichen SituatioiiinnüfinumiiiiniiiiiiHnHtiiniiiiiiiiiuuüinnii'üiiinniniHiunniinHüiüü'i!!!!!!!!!!! Qoethe Erhabenes Licht, im grossen Kreis gedrehtt vom Rot des Morgens bis im Abendgoldl Du hast die Stunden alle ganz gewollt und jeder Tagzeit innerstes Gebet. In Morgennebeln brannten andere dumpf und bleichten dann im fahlen Mitlellag — Du fuhrst empor in zügelndem Triumph, heiss überm Land, das feucht und trabend lag. Und sicher rollte auf erhöhter Flucht Dein Rad zu alles Reinen Wiederkehr, und fiel, zu süssem Tod gereifte Frucht, aus tief erschöpftem Tag ins grosse Meer. Julias *Bcb nen gezeigt hat) dabei, Hilfe zu organisieren, und die Mutwilligen, die auch jetzt noch den unglücklichen Juden „Verachtung und Unart" bezeigen, Zurechtzuweisen. Das selbstverständliche Gefühl menschlicher Solidarität unterliegt bei ihm in keinem Augenblick einer Hemmung durch irgendwelche Vorurteile gegen die Juden. Goethe hat den antisemitischen Dogmatismus, der „beweist", daß die Juden an jeglichem Unglück Schuld sind, gut gekannt und ausdrücklich verspottet in dem parodistischen Esther-Drama, das in seinem ^Jahrmarkt zu Plundersweiler" eingebaut ist. (Und es bleibt ein erstaunliches Dokument für den Grad von Empfindungslosigkeit, den schlechter Wille verleihen kann, daß Antisemiten aus diesen derb-satirischen Versen ein Bekenntnis Goethes zu diesem dogmatischen Unsinn herauslesen!) Aber ungefähr aus dein gleichen Grunde stand Goethe tum den Bestrebungen der Judcnemauzipation, die in der zweiten Halste seines Lebens so lebhaft einsctzten, begeisterungslos und zweifelnd gegenüber. Freilich, der von allen Judenfeinden so viel zitierte Ausbruch vom 23. September 1523, wo Goethe gegen den Kanzler M aller über das neue Ge'letz tobt, das die Ehe irischen Christen und Juden gestattet, ist zum mindesten in seiner Tonart durchaus charakteristisch: es sind die kritischsten Wochen des Goethescnen Lebens, in denen sich diese Szene zutrag:, die Wochen nach der Marienbader Krise: Goethe Hai zum letzten Male aus eine äußere Glücksnwstzstchkeit verzichtet und ist jetzt über alle Masten gereizt, äußert sich mit gleich sinnloser Heftigkeit über vieles, über alles in seiner Umgebung. Richtig und wesentlich aber bleibt, daß das tiefe Mißtrauen Goethes gegen jede Art von theoretischer Begründung, von verallgemeinerndem Zwang auch nicht dort Halt machte, wo aus den Mervchenrechten die Emanzipation der Juden aewlgert wurde. Seine Erlebnismögl ickkc i t war begrenzt; aber in dieser Begrenzung von vollkommen schrankenloser Krasr, dorr wo ihm statt der Idee das lebendige Wesen gegenüber trat! So wenig, wie er sich für die Juden an sich einsetzen konnte und wollte, so wenig konnte und wollte er sich irgendeine wertvolle menschliche Beziehung verbieten oder auch nur erschweren lasten durch die Tatsache, daß der Betreffende Jude sei. So hat er mit dem Philosophen Herz, dem Musiker M e h e r b e e r, dem Berliner Sammler Friedländer, dem Prager Bankier Lemmel die freundlichsten Beziehungen unterhalten, er hat mit der schönen Marianne Meyer, verehelichten von Ebben berg. und ihrer Schwester Sarah erotisch ge'ärbte Freundschaft gepflegt und die tiefe Leidenschaft, mit der Rahel L e w i n , verehelichten Dörnhagen, an ihm und seinem Werke hing, aufs dankbarste empfunden und anerkannt. Er hat im Alter, wie Riemer bezeugt, unter den Reisenden jeder Art „auch Juden und Judengenesten häufig zur Tafel gezogen". Eduard S i m s o n, Bl u n ck, Eduard Gans sind bei ihm gewesen: den Maler Oppenheimer, den Dichter Michael Baer hat er gefördert, ohne daß ihr Judentum jemals auch nur mit dem Schatten eines Bedenkens sein Bewußtsein gestreift hätte. Und er hat im letzten Jahrzehnt seines Lebens ein Verhältnis von tiefer, bewundernder Zärtlichkeit zu dem Enkel Moses M e n d e l s s o h n s gehabt, dein genialen Knaben Felix Bl endelssohn- B a r t h o l d y. der viele Wochen in seinem Weimarer Haus nxn. Dieselbe Vorurteilslosigkeit aber, mit der Goethe wertvolles Leben emgegennahm, wenn es ihm von einzelnen Juden gebracht wurde, bewährte er auch dem Ganzen des jüdischen Volkes gegenüber, wo die Werte seiner Geschichte und seiner Tradition ihm begegneten. Wie sehr Goethes ganzes Denken und Sprechen von einer ungewöhnlich tief wurzelnden Kenntnis des Alten Testaments bedingt war, das hat gerade ein so wenig judenckrenndlicher Autor wie Victor Hehn umfassend dargestellt. Und daß die größte nachbiblische Erscheinung des Judentums, der Philosoph Spinoza, einen tiefen, bestätigenden und wegweisenden Eindruck auf derTALMUD fürjedermann j Mgemeinverständsichs Auswahl in deutscher lleberkragung von Fromer. - Ein begeisterter Freund unserer Talmud-Ausgabe hat einen Fonds gestiftet, p durch den es möglich ist, das vielfarbig gedruckte, gwßanaelea.tc, herrliche MonumenLalwer? in reichvergoldetem (stanststlnenband bis auf weiteres fj statt 36 Mark franko zu Liefern^(auch in zwei Monatsraten L 5,26 Mart). — benutzen eie diese einmalige Gelegenheit. U für.. MvUzi SK müssen den Talmud kennener gehört neben der Sibel in jedes jüdische Haus. SesteUungen nur an bs Edmund Meyer, Buchhandlung. Berlin Wso, Bamberger Straße 61, Postscheck 81509, gegen Dewns-ndung oder Asch-iahme- [I